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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Elitendämmerung

Der Fisch stinkt vom Kopfe her

Pontresina, dem Himmel so nah und vom letzten Seufzer Segantinis bedacht, war bis vor kurzem von vielen jener Wahnhaftigkeiten verschont, die sich in den Zentren der High Society überall durchgesetzt haben. Wahnhaft wie Leutnantsdünkel einstmalen im Operettenkaiserland mit täglich fünffachem Kostümwechsel, weil man so den Eindruck gewinnen konnte, das Leben sei wie eine Lustbarkeit zu dirigieren. Wahnhaft wie bei Erbschaftsgenießern, die glauben, nur Verschwendung beweise die Unerschöpflichkeit der Verfügungsmacht.

Halbwegs zur Ordnung und Besinnung wurden diese Beglückten ohne Verdienst berufen, sobald sie mit ganz anderen Kalibern von Lebensleistung in Grand Hotels zusammentrafen. Dort galt es dem prüfenden Auge des Empfangschefs standzuhalten, Contenance bei Tisch zu wahren, die stets geltungsbedürftige Dummheit zu beherrschen und dem Impuls zu widerstehen, mit der goldbewehrten Faust auf den Tisch zu schlagen, um die geltenden Regeln nach eigenem Belieben zu ändern.

150 Jahre lang erzogen die Gand Hotels die neureiche Kaufmannschaft, die Glücksritter des Kapitals und ihre Gefolge zu einigermaßen zivilisiertem Verhalten. Ja doch, Menschen im Hotel waren das Musterbild geglückter Vergesellschaftung, das gemeinsame Speisen in Restaurants der Inbegriff sozialer Intelligenz. Die Planer der Infrastruktur solcher glückgewährenden Horte des Friedens konnten mit Fug als die Leistungsavantgarde des entfalteten Fortschritts gerühmt werden. Kurz, die Heimaten auf Widerruf, die Herbergen der Weltenwanderer und Wallfahrer der Geschäfte und der Lebenskunst boten das Beispiel dafür, daß Leben im Sozialverband gelingen könnte – in der Versöhnung von Gesellungspflicht und Persönlichkeitsausdruck, von Wahrheit und Utopie, von Terrassenglück und Seelenwanderung.

Solche Hotels waren die Zivilisationsagenturen für Kulturbarbaren, universelle Instanzen der Erziehung der Menschheit zum Frieden! Sie waren es – und vielleicht ist die Vermutung begründet, es gäbe dergleichen auch heute noch.

In Pontresina jedenfalls kann man leidvoll miterleben, daß die Besitzer solcher einstigen Heilsgebilde selber dringend der Erziehung bedürften, um ihren Mutwillen, ihre barbarische Schrankenlosigkeit zügeln zu lernen! Ein griechischer Großmogul, dessen Artgenossen sich ja zu Sonderdarstellern im jetzigen EU-Theater berechtigt fühlen, dekreditierte: In seinem Grand Hotel hat den Gast in jedem Raum Musik zu beglücken, auch wenn der Gast das als Kaschemmenterror auf Dorfabsteigeniveau abzuweisen versucht. Im sogenannten Wellnessbereich hört man zwangsbeglückt zugleich Beschallung aus zwei Geräuschquellen. In den Schwitzräumen, ja sogar beim Rückenschwimmen in der architektonisch meisterhaften Anlage ist man gezwungen, sich dem Diktat des Besitzers zu beugen. Alle Bitten um Aufhebung des Musikterrors, der unter Wasser mit Hochfrequenztönen sogar unmittelbar gesundheitsschädlich ist, muß das ansonsten freundlich bemühte Personal bis hinauf zur Direktion ablehnen. Es täte ihnen allen sehr leid, aber der Besitzer verlange: kein Raum ohne Musik.

Das ist kein Einzelfall in unseren Zeiten. Selbst wenn man 50 € extra zu zahlen bereit ist, um ohne Musikgeplärre in Restaurants essen zu dürfen, heißt es überall gnadenlos: „Tut mir leid, das ist unser Konzept.“ Die zynisch dummen Hinweise, man könne ja woanders hingehen, wenn man das Konzept der beständigen Musikdarbietung nicht gut fände, gehen ins Leere, denn inzwischen plärrt überall „das Geschäftskonzept“ aus arroganten Mitarbeitermündern.

Die fühlen sich nach dem verpflichtenden Beispiel ihrer Arbeitgeber berechtigt, das „Geschäftskonzept“ noch zu verstärken, da sie ihren eigenen Stil und Geschmack von den Herren bestätigt erhalten. Wie der Herr, so das Gescherr, was dem Herrn gefällt, darf gewiß dem Angestellten selbstverständlich sein. Seine Beschränktheit, Unerzogenheit, Machtallüren darf er als Ausgleich für die miese Arbeit betrachten, um so wenigstens sich selber als Herr der Lage zu fühlen und er darf selbstgewiß bekennen, daß es in unserer Gesellschaft inzwischen keine Unterschiede mehr zwischen oben und unten gäbe, alle sind gefordert, gleichermaßen egoistisch, rücksichtslos, unerzogen und dumm aus Überzeugung zu sein. Denn schließlich gaben ja dafür die Lenker der Welt allen das verpflichtende Beispiel vor. Da haben sie recht!