Besucherschule von Bazon Brock zur Ausstellung „60 Jahre. 60 Werke“

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

60 Jahre Garantie der Freiheit von Kunst und Wissenschaft
GG, Artikel 5, Absatz 3

Ausstellung im Martin-Gropius-Bau
vom 30. April bis zum 14. Juni

Die Besucherschule startet mit ihrem Programm am 01.05. Start ist täglich um 15 Uhr an der Führungssäule. Achtung: am 10.05. geht es schon um 11:00 Uhr los.

TEMRMNÄNDERUNGEN:
- am 19. Mai beginnt die Besucherschule erst um 18 Uhr
- am 06. Juni beginnt die Besucherschule schon um 11 Uhr

Eigens für die Ausstellung SECHZIG JAHRE. SECHZIG WERKE wird Bazon Brock, Professor für Kunst und Ästhetik an der Universität Wuppertal und „Künstler ohne Werk“, täglich eine Besucherschule durchführen. Brock hatte dieses kunstpädagogische Medium in den 60er Jahren entwickelt und verschiedentlich auf der Documenta und an anderen Orten erprobt. Neben einer Erläuterung der Werke werden die gemeinsamen Rundgänge ein besonderes Augenmerk auf zeit-, sozial- und gesellschaftliche Einflüsse legen.

Über sein Anliegen sagt Bazon Brock: „Wieso glaubt man, in wenigen Minuten Blickkontakt, in einer einzigen Theateraufführung und beim bemühtesten, aber nur stundenweisen Lesen vielschichtigster Texte den Anforderungen der Werke gewachsen sein zu können? Wo lernen wir als Publikum, dem Komponistenwerk, der Skulptur oder Malerei, dem Epos gerecht zu werden? Längst ist es an der Zeit, das Publikum genauso zu professionalisieren, wie wir das bisher an den Kunsthochschulen aller Sparten den Künstlern abverlangten! Wo Künstler Lehrjahre, Diplome und Staatsexamen ablegen, haben die Zuschauer, die Zuhörer, die Betrachter ihrer Werke wohl ähnliche Fähigkeiten auszubilden. Wo lernt man Diplom-Rezipient zu werden?“

Teilnahme: kostenlos, es muss lediglich der Eintrittspreis entrichtet werden.

Anmeldung für Führungen: MuseumsInformation Berlin
Tel. (030) 24749-888; Fax (030) 24749-883 museumsinformation@kulturprojekte-berlin.de
http://www.kulturprojekte-berlin.de – Eintritt bis 16 Jahre frei
SECHZIG JAHRE. SECHZIG WERKE. – Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland – 1. Mai bis 14. Juni 2009 – Martin Gropius Bau, Niederkirchnerstrasse 7, 10963 Berlin
Öffnungszeiten: Täglich 10 – 20 Uhr geöffnet, auch an Feiertagen

I. Professionalisierung der Betrachter

Wir bilden Künstler aus in ehrenwerten Akademien und Hochschulen. Sie lernen, studieren und arbeiten jahrelang, bevor sie an die Öffentlichkeit treten. James Joyce schrieb zehn Jahre lang an seinem Roman „Ulysses“, Michelangelo quälte sich Jahrzehnte mit dem Auftrag zur Grabgestaltung für Papst Julius II. ab, Richard Wagner realisierte sein staunenswertes Werkkonzept systematisch und nach Plan zwischen 1849 und 1882 – 33 Jahre konsequente Anstrengung!

Gegen manchen Anschein arbeiten auch die Künstler der Moderne mit den ausgeklügelsten Verfahren und nach raffinierten Konzepten jahrelang an ihren, wie man sagt, höchst anspruchsvollen Werken.
Wieso glaubt man in wenigen Minuten Blickkontakt, in einer einzigen Theateraufführung und beim bemütesten, aber nur stundenweisen Lesen vielschichtigster Texte den Anforderungen der Werke gewachsen sein zu können? Wo lernen wir als Publikum, dem Komponistenwerk, der Skulptur oder Malerei, dem Epos gerecht zu werden?

Längst ist es an der Zeit, das Publikum genauso zu professionalisieren, wie wir das bisher an den Kunsthochschulen aller Sparten den Künstlern abverlangten!

Wo Künstler Lehrjahre, Diplome und Staatsexamen ablegen, haben die Zuschauer, die Zuhörer, die Betrachter ihrer Werke wohl ähnliche Fähigkeiten auszubilden. Wo lernt man Diplom-Rezipient zu werden?
Bis auf weiteres leider nur ansatzweise in Besucherschulen, wie sie Bazon Brock in den 60er Jahren entwickelte und für diverse Institutionen, darunter die documenta 4, 5, 6, 7, 8 und 9, anbot. Eine solche Besucherschule eröffnet er jetzt auch in der Ausstellung zur künstlerischen Arbeit unter dem Schutzschirm der Grundgesetzgarantie der Freiheit von Kunst und Wissenschaft. Er widerspricht ausdrücklich der frivolen, leider heute weit verbreiteten Auffassung, Elend, Rechtlosigkeit, Chaos, Radikalismus beförderten die Kreativität, die existentielle Tiefendimension und die Gestaltungskraft aus Widerstand.

II. Beispielgeber im Beispiellosen

Wer eine Ausstellung besucht, kann die Leistung der Ausstellungsmacher nur beurteilen, wenn er weiß, welche Wahlmöglichkeiten die Kuratoren überhaupt hatten. Jede Ausstellung müsste dem zu Folge in zweierlei Gestalt geboten werden: Zum einen als Auswahl des zu Zeigenden, zum anderen als Bestand des nicht zu Zeigenden, aus dem aber ausgewählt wurde. Leider kann sich kein Veranstalter auf die logische Notwendigkeit, zu zeigen, was nicht gezeigt werden soll, einlassen. Auch bleibt vielen unverständlich, worin der Unterschied zwischen dem Zeigen des nicht zu Zeigenden und dem Zeigen des tatsächlich Gezeigten bestünde. Die Auflösung dieses Rätsels delegiert man kostengünstig an die Besucherschule.

In ihr gibt ein kundiger Zeitgenosse ein Beispiel dafür, wie man mit den angedeuteten Schwierigkeiten umgeht. Er ist kein Vorbild, sondern ein Beispielgeber. Wir lernen alle am Beispiel. Die Methode des Lernens ist das Üben. Zu Üben heißt nachzuahmen, bis man selber für andere zum Beispielgeber wird. Doch Beispiel wofür?

Beispielsweise für die Bearbeitung der Frage, wie Gesellschaften vom Künstler als Autorität durch Autorschaft profitieren? Was besagt das Prinzip der Individualisierung und Autonomiebehauptung der Künstler für die Nicht-Künstler, die sich aber nach deren Beispiel selbst zu verwirklichen wollen? Wie entwickelt man einen Biographieentwurf für Werkschaffen und Person? Wie befreit man sich aus der zerstörerischen, aber offensichtlich verführerischen Rolle, ein bloßes Opfer der Wirtschaft, der Politik, des Zeitgeistes zu sein? In welchem Verhältnis stehen die Künste zur Politik, Ökonomie und zum geltenden Recht?

Ein Gedanke umfasst alle Brock’schen Würdigungen des Geltungsanspruchs von Grundgesetz-Artikel 5, 3: Wo jeder Hanswurst mit ein paar Kilo Dynamit in jeder Großstadt beliebig den Ausnahmezustand durch Gewaltausübung herbeiführen kann, wo inzwischen weltweit der Ausnahmezustand zum Normalfall wurde, gilt es endlich anzuerkennen, dass heute nur noch derjenige als Souverän akzeptiert werden kann, der den Normalfall der Ereignislosigkeit, der Nicht-Gewalt und des durchschnittlichen Gangs der Dinge gewährleistet. Das eben war die großartige, weltgeschichtlich sehr seltene Leistung der Bundesrepublikaner unter dem Schutzschirm des Grundgesetzes.

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