Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie

Anzeigen der Ohnmacht von Macht: Mantia als Furie

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Die Orden sind natürlich heute bewußt angelegt worden, der angesprochene hier, der andere ist der größte österreichische Verdienstorden, weil wir damit ins Thema steigen können. Keiner von Ihnen würde meinen, daß das, was ich sage, in irgendeiner Weise autorisiert oder mit größerer Autorität versehen wäre dadurch, daß ich Träger einer solchen oder irgendeiner Auszeichnung bin oder daß ich behaupten kann, selbst der Bundeskanzler habe schon meine Werkzeuge in Dienst genommen, von Werken gar nicht zu reden, daß ich eine sehr hohe Abverkaufsquote und hohe Einschaltquoten für unser Metier habe – das würde Sie alles überhaupt nicht interessieren; im Hinblick auf das, was ich sage, würden Sie fragen: Was hat das damit zu tun?

Womit wir im Thema sind. Es wird ja gefragt: Haben die Insignien der Macht oder der Auszeichnung oder der Position in irgendeiner Hinsicht einen Bezug auf das, was gesagt wird, und vor allen darauf, auf welche Weise es von anderen akzeptiert wird, aufgenommen wird, verarbeitet wird? Das Phänomen, das hier eigentlich untersucht wird, und das ist für mich der aufklärerische Gewinn dieser Ausstellung, ist ja, in affirmativ-subversiver Weise gezeigt, die ganze Kläglichkeit der Machtpräsentation oder, noch viel schlimmer, die Ohnmacht der Macht. Mit einer durchsetzungsfähigen Kraft als Macht, die anderen ihren Willen aufzuzwingen vermag, kann man fertig werden. Man weiß, worum es geht, man kann sich dagegen wehren, man kann – offiziell oder inoffiziell, erklärterweise oder in informeller Weise – Opposition aufbauen. Man kann sogar im Stillen sich als Repräsentant eines allgemein menschheitlichen Anspruchs auf Humanität gegen diese Macht stellen, wenn sie denn da ist.

Das Desaster, in dem wir uns heute befinden und in dem sich eigentlich als Resultat dieser Inszenierung das Bemühen von Wolfgang Ullrich als bedeutsam erweist, ist die Tatsache, daß wir nicht nur mit dem Häme-Effekt dastehen, der Kaiser ist ja nackt!, sondern daß nicht einmal insinuiert wird, er hätte etwas zu bieten; niemand glaubt mehr daran, daß irgendein Kontext der Position eines Sprechenden mit der Aura des Gebäudes oder der Institution, in der er spricht, irgendwie zusammenkäme. Man erlaubt sich heute, aufgeklärt wie man ist, nicht nur über den Papst privatistisch begründete, insofern vollkommen gerechtfertigte Anmerkungen zu machen, zu schweigen von anderen für unsere Alltagswelten wichtigen Autoritäten. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie gibt es überhaupt keinen Menschen mehr, der die Kanzlerin noch ernst nimmt, buchstäblich niemand, und das ist die Katastrophe. Nicht daß sie Macht hätte und durchsetzte, uns ihren Willen aufzwänge; nicht daß Herr Ackermann den großen Maxen markieren kann, weil er einer ist. Er ist leider keiner. Das ist die schon seit langem beobachtbare intrinsische Bedeutung.

So hat das einmal Panofsky als Kunsthistoriker genannt, die Bedeutung solcher Darstellung. Das heißt, man nimmt in einer Kulturlandschaft, in einer Kulturepoche, sagen wir zwischen 1500 und 1560 in Oberitalien, – die Differenzen zwischen den einzelnen Städten, Venedig, Florenz, Siena, Rom wollen wir einmal hintanstellen und einen geschlossenen Kulturraum annehmen – die möglichen Äußerungsformen und Strategeme der Durchsetzung von Ansprüchen, sieht sich an, in welchem Spektrum es menschenmöglich ist in diesem Zeitraum, etwas Bestimmtes zu sagen oder zu behaupten. Das ist die intrinsische Bedeutung, die dem kollektiven Vermögen, sich zu äußern, zukommt. Diese setzt man in Relation zum Beispiel zu Peruginos oder zu Raffaels oder zu Michelangelos Arbeiten in dieser Zeit, um damit eine verläßliche Möglichkeit zu haben, nicht nur nach subjektivem Belieben die Künstler als großartig oder weniger großartig, bedeutend oder unbedeutend einzuschätzen, sondern sie tatsächlich mit einem Maßstab des Menschenmöglichen zu messen.

Die intrinsische Bedeutung aller Demonstrationen von Macht, allen Kalküls und, das kann man heute sagen, allen Getues von nachgeahmten Verleihungsritualen von Oscars für unsere kleine Bambirei bis zu Staatsempfängen, – der absurden Bedeutungslosigkeit und Banalität des Ausrollens eines roten Teppichs, ein paar Hanseln stehen da, man macht sieben Schritte links, sieben Schritte rechts, man neigt den Kopf und das ist es –, die intrinsische Bedeutung dieser Demonstration von Macht in jeder Zeitschrift, in jedem Fernsehstudio ist eigentlich die zu beklagende Ohnmacht oder Haltlosigkeit jeder Art von behaupteter oder auch nur angemaßter Autorität, was dazu führt, daß das Volk selbst auf der Ebene der Eliten – und Sie wissen, der Fisch stinkt vom Kopfe her – so etwas für möglich hält, wie sie es als postmoderne Weisheit gesagt bekamen: alles ist möglich. Und dann zitieren sie den großen Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend. Feyerabend war aber Wissenschaftler und kein Idiot und er hat nicht gesagt, alles ist möglich, Punkt, sondern er hat gesagt: Alles ist möglich, wenn es möglich ist, und wenn es nicht möglich ist, ist es nicht möglich. Das ist die große Schlußfolgerung. Alles ist möglich, wenn es geht. Wenn es nicht geht, geht es eben nicht. Das bedeutet das Gegenteil von dem, was man daraus gemacht hat, sozusagen die Machtgeste des kleinen Mannes, der nach Belieben tun und lassen kann, was er will. Das heißt also, in der Willkürgeste von jedermann äußert sich heute als einziges die objektiv tatsächlich ausübbare Macht eines Individuums. In welcher Rolle auch immer.

Ich habe das heute selbst erlebt. Ich saß drüben in der Cafeteria und wollte zwischen einem Film und diesem Vortrag hier einen Flammkuchen essen. Es war mir nicht möglich zu schlucken, weil im Lokal Beatmusik lief und zwar wirklich in einem Rhythmus, der, neurophysiologisch gesehen, den Versuch eines Anschlages auf meine Gesundheit darstellt. Es ist gerichtlich festgestellt worden, neurophysiologisch, daß niemand bei Beat schlucken kann. Ein Gastwirt, der seine Gäste zwingt, bei Beatmusik zu schlucken, begeht versuchten Totschlag. Das ist inzwischen eindeutige Meinung. Ich konnte sehen, wie genußreich die Kellnerinnen und der Barmann mir ihre Macht, mir das aufzwingen zu müssen, obwohl ich dafür bezahle, zumuten. Wie üblich und wie immer habe ich gefragt und stellte fest, daß selbst das keine Machtgeste mehr ist, denn die beiden antworteten auf meine Frage, warum sie das machten: Weil die Gäste es wünschen. – Wir sind die Gäste, wir wünschen es nicht, bitte machen Sie die Musik aus. – Nein, das können wir nicht. – Warum nicht? – Das gehört zum Konzept. – Wer ist verantwortlich für das Konzept? – Der Geschäftsführer. Der Geschäftsführer hat gesagt, es darf nicht abgestellt werden, denn wissenschaftlich gesichert ist, daß die Menschen bei Musik mehr essen und damit mehr konsumieren, also mehr Geld da lassen und das müssen Sie uns zugestehen, wir müssen ja schließlich verdienen, das heißt, wir sind abhängig davon, daß die Gäste zahlen. Und so geht das reihum. Der Chef sagt Ihnen, die Düsseldorfer Gruppe der neurophysiologischen Studien für Gastronomiebetriebe habe einwandfrei nachgewiesen, daß man eine Hintergrundmusik brauche, damit der horror vacui, also die Angst des einzeln sitzenden Menschen vor der Leere in einem so riesigen Restaurant aufgehoben und eine mediale Verbindung mit allen anderen hergestellt werde; deswegen muß es die Musik geben, es ist ein Zeichen humanitärer Besorgtheit um diesen Gast, und nicht das, wie Sie es empfinden.

So geht es weiter, auf der Straße vor dem Lokal, schauen Sie mal links über die Brücke, nach rechts Richtung Unter den Linden und geradeaus, was sehen Sie? Lauter Ihnen aufgezwungene Machtdemonstrationen visueller Strategien, also Verstellung des Blickes mit Bildern, die aber in sich alle nichts sagen. Niemand von uns würde irgendeinem dieser Bilder, ob sie nun aus werblich-finanziellen oder werblich-kulturellen Gründen aufgestellt worden sind, irgendeine Art von Verbindlichkeit im Einfluß auf unser Verhalten einräumen, nicht einmal ein: Kauf das, oder: Komm her, sieh mich an, zugestehen. Im Gegenteil, es wirkt eher abstoßend: da gehe ich gerade nicht hin, das kaufe ich nicht, die haben es nötig oder wie auch immer.

Wenn man nachfragt, wer denn nun der Souverän ist, der uns mit dieser Willkürgeste – ihr habt zu hören, was ich euch sage, von morgens bis abends, in jedem Lokal, selbst beim Zahnarzt – beherrscht, wenn also niemand das tatsächlich noch erleben kann als Machtausübung einer kleinbürgerlichen Geste – ich bin der Kapo und ihr habt zu tun, was ich will, so werden wir oft behandelt, wir sind ja alle Lagerinsassen und das Lager heißt world wide web, das ist der GULag von heute und in dem existieren wir genau so gefährdet, im Hinblick auf die konkreten Gefährdungsformen wird uns das ja gesagt– , wer hat nun ein Interesse, wer ist derjenige, der davon profitiert, die Macht auszuüben?, dann kommt man am Ende dazu, daß es so etwas wie einen Schleier des Geheimnisses gibt um die Urheberlosigkeit der Phänomene, mit denen wir es zu tun haben. ob es nun das universal wide web ist, ob es der globale Kapitalismus ist, oder ob es die Politik ist: urheberlos. Das ist die wirkliche Erfahrung von Gottlosigkeit. Denn so lange Gott der Urheber war, in anderen Kulturmodellen ist es natürlich anders, gab es jemanden, den man adressieren konnte. Man konnte sagen, Gott, was hast du hier angerichtet, was mutest du uns zu, was denkst du dir eigentlich dabei? Stellen Sie sich die Geste eines Bürgers vor, der Gott anklagt: Was hast du dir dabei gedacht? Das ist alles abgeschafft. Nietzsches „Gott ist tot“ heißt eigentlich, die Welt, wie sie ist, ist wieder zurückverwandelt in einen Zustand allgemeiner Wirkungsmechanismen, depersonalisiert, entpersonalisiert, das heißt, sie hat sich ganz gegen das zentrale Prinzip der europäischen Selbstverständigung entwickelt, das seit dem 14. Jahrhundert heißt: Wir anerkennen nur eine, aber damit verbindliche Autorität und das ist die des Autors. Weder die des Papstes noch die des Kaisers, weder die des Bürgermeisters noch die des Regimechefs. Das sind Funktionseliten, wir wissen sie einzuschätzen, aber Autorität ist für uns nur der Autor. Und das ist ein Individuum, das in der Lage ist, aus sich heraus und nicht mit Hinweis auf eine Partei – ich als Parteisprecher, ich als Regierungsvertreter, ich als Glaubenssachverständiger sondern ich als Individuum, das hier steht, sage das und das – die Fähigkeit gewinnt, als Autor hervorzutreten.

Auf dieser Ebene kommt jetzt in diese Ausstellung, obwohl faktisch das Resultat längst feststeht, die Ohnmacht der Macht, das Thema Kunst wieder herein, das Wolfgang Ullrich auf Ihren Vorschlag, Herr Ottomeyer, bearbeitet hat. Die Künstler und Wissenschaftler waren ja in unserer zivilisatorischen Entwicklung die ersten, die das Prinzip der Autorität durch Autorschaft für sich reklamiert haben. Sie konnten als Künstler nicht sagen, ich bin ein großer Künstler, ich habe einen Orden und noch einen Orden, meine Preise sind so und so hoch, der Kaiser hat mich zum Mittagessen eingeladen, denn was hat das mit Kunst zu tun? Wenn einer auf den Markt geht und sagt, ich habe ein Zeugnis der Akademie von Josef Beuys, ich bin ein guter Künstler, also kauft mich, was soll das? Da gilt nur Autorität durch Autorschaft und das war das Synonym für Künstlerschaft oder für diejenigen, die sich auf die Arbeitsformen des Generierens von Kunst als Erkenntniswerkzeug ausrichteten. Da gab es damals Leute, die sich als Linsenschleifer auf Erkenntnismedien der Naturwissenschaften bezogen, es gab solche, die auf optische Wahrnehmungen spezialisiert waren, die zum Beispiel das Phänomen der optischen Täuschung bis zur höchsten Vollendung brachten. Die Niederländer des 17. Jahrhunderts konnten den Bürgern zum Genuß ihrer Selbsterkenntnis die trompe-l’œil-Malerei vorhalten. Denn das Tolle am trompe-l’œil, am Täuschungsbild, dem Bild als Täuschungsanlaß, war ja, daß derjenige, der es sieht, im gleichen Augenblick sein Getäuschtwerden erfährt und die Souveränität hat, das Getäuschtwerden selber zu durchschauen. Das ist die bürgerliche Tugend schlechthin. Nicht mehr irgendeinem Imperativ, einer Leidenschaft verfallen, sondern im selben Augenblick, in dem man das Phänomen erlebt, Passion, Liebe, Eifersucht, vernichtungskapitalistische Grundgesten – dich mache ich zu Mus, wie das einer der letzten masters of the universe, Herr Fuld von Lehman Brothers, per Video in die Welt gesetzt hat – das zwar so zu äußern, aber im gleichen Augenblick sich selbst zu durchschauen innerhalb dieser Geste. Das war Aufklärung vom Besten, Aufklärung durch Enttäuschung. Denn wenn ich meine Täuschbarkeit erfahre, bin ich ja enttäuscht. Also ist alle Aufklärung auf Enttäuschung ausgerichtet. Insofern ist diese Ausstellung wieder ein kapitales Stück Aufklärung, weil das Resultat Ihres Besuches sein wird, daß wir enttäuscht sind von jeder Art von Behauptung von Aura der Macht, von Größe der Macht, von Zuspitzung von Konzepten der Selbstdarstellung im Hinblick auf universale Trägerschaft des Fortschritts oder was auch immer. Wir sind vollständig enttäuscht, also aufgeklärt. Und insofern erfüllt diese Ausstellung beispielhaft das, was Ausstellungen im Kontext erfüllen sollen.

Wobei wir jetzt einen kleinen Umweg machen müssen, denn die Ausstellung heißt ja „Macht zeigen“ und nur im Untertitel geht es um Kunst. Was ich eben als Beispiel erwähnt habe, ist schon ein Hinweis darauf, daß nicht nur per künstlerischer Entwicklung von Zeigewerkzeug, dem Bild oder der bildlichen Darstellung, gezeigt werden kann, worum es geht, sondern daß wir alle ja phantastische Beherrscher der Zeigekünste sind, Das nennt man mit dem alten griechischen Begriff deixis und unsere Alltagskommunikation ist voll davon. Wenn ich sage „ich“, „Sie“, „hier“, „dort“, „jetzt“, „später“, dann sind das sprachliche Ausdrucksformen, die auf das begleitende Zeigen angewiesen sind. Wenn einer „ich“ sagt, muß man wissen, wer da spricht, also der, auf den das Ich zutrifft, und wen spricht er an? Sie. Wo? Hier. oder dort usw. Mit anderen Worten, das Verständnis von sinnhafter Zuordnung von Elementen zu einem Zusammenhang, den wir Verstehen oder Verständigung nennen, ist auf unsere Fähigkeit angewiesen, etwas zu bezeugen. Das heißt, zu bezeigen oder zu bezeichnen und mit dem Zeigen oder Bezeichnen ein Zeichen zu setzen, das eben diese Zeugenschaft abliefert, das bezeugt. Sie müssen sich das so vorstellen: Wieso braucht man für die Kreuzigung Christi die Bezeugung durch ein Zeichen? Wenn es doch ein göttlicher, heilsgeschichtlicher Akt gewesen ist, dem nichts gewachsen ist, und ob er von uns bezeugt wird oder nicht, wäre ja eigentlich egal; angesichts der fundamentalen Bedeutung, die ihm zukommt, ist unser individuelles Zeigen völlig unerheblich. Aber, das besagt die Lehre von der deixis, man kann nichts als gegeben in der Vermittlung einer Bedeutung, eines Sinnzusammenhangs erfassen, wenn man es nicht bezeugt. Höhepunkt ist die Augenzeugenschaft: Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, wählt dafür den Begriff, der bis heute gang und gäbe ist: Autopsie. Autopsie ist das mit eigenem Augenschein Wahrgenommene an dem problematischen Sachverhalt, um den es dabei geht. So wie man eine Leiche aufschneidet, um nachzugucken, worum es sich bei den Effekten handelt, die schließlich zum Zustand des Tode geführt haben. Das heißt, wenn Sie in eine Ausstellung gehen oder ein Buch lesen, wenn Sie Bahnhofsschilder oder Einkaufsschilder oder Angebotsschilder oder Display sehen, ist alles nur in dem Maße bedeutsam, wie Sie selbst darauf durch ein Zeigen oder Bezeigen und Bezeugen reagieren, in der phantastischen Erfahrung, die die Zeugenschaft, die Augenzeugenschaft, die Autopsie selbst geboten hat, daß nämlich zu jedem Ereignis, je mehr Leute daran teilnehmen, desto mehr Versionen des realen Ablaufs vorliegen.

Die ersten, die das in den 530er Jahren schriftlich von sich gaben, in der Justinianischen Justizreform, die heute noch für uns als Römisches Recht grundlegend ist, waren die Richter, die die merkwürdige Erfahrung machten, daß, obwohl alle das gleiche Ereignis gesehen hatten, zum Beispiel eine Kohorte von Soldaten, die im gestreckten Galopp – das ist ein historischer Fall – durch die Straßen von Neapel geritten ist und dabei Bürger beiseite fegten und verletzten etc., als das vor Gericht verhandelt wurde, es diverse Meinungen über den Hergang gab, vor allem über die consecutio temporum, das was vorher war, dann folgte und was daraus angenommen werden konnte, in welche Richtung sie die Intention hatten zu reiten usf., so daß die Richter überlegen mußten: Die Wahrheit ist nur aus der Differenz der vielen unterschiedlichen Bezeugnisse zu ersehen. Das heißt, man muß geradezu darauf abheben, daß alles, was man sieht, jedes Bild, jedes Zeichen, bei verschiedenen Menschen die verschiedensten Assoziationen, Bedeutungen, Kontexte hervorruft. Je mehr man davon weiß, desto verbindlicher ist die Aussage, was den natürlichen Auffassungen des Alltags entgegensteht.

Im Alltag sagt man, ich habe diese Meinung, Sie haben das gesehen, Sie das, Sie haben alle keine Ahnung, Mißtrauensausspruch, es gibt gar keine objektive Wahrheit, das ist ja das reine Chaos. In Wahrheit ist das die Basis der Begründung von Objektivität als das Dazwischen der vielen. Das ist wieder, wie bei der intrinsischen Bedeutung, ein Konstrukt zur Begründung der Tatsache, daß man mit der Relativität, mit der Beliebigkeit der Einzelmeinungen also mit der doxa, tatsächlich auf die aleta, auf die Wahrheit verweisen kann, also mit den einzelnen, sehr unterschiedlich erfahrbaren Auffassungen von etwas Gegebenem, als Zeichen oder Realpräsenz, gerade durch die Unterschiedlichkeit der Meinungen dazu kommt. Weswegen dann auch, wenn im Katalog Kuratoren zu ihren Ausstellungsstücken schreiben, es nicht ein Zeichen ihrer Unsicherheit, Unbedarftheit, ist, wenn sie zehn oder fünfzehn verschiedene Auffassungen zu einem Sachverhalt repräsentieren, sondern, je mehr unterschiedliche Auffassungen sie im Kopfe haben, ihre Glaubwürdigkeit um so höher ist. Also ganz das Gegenteil dessen, was man im Alltag annimmt: Ja, nun entscheiden Sie sich doch, was ist denn nun das Eigentliche, das Sie uns zu sagen haben? Sie erzählen uns zehn verschiedene Versionen der Auffassungen über diesen bildlichen oder künstlerischen Sachverhalt, welche ist denn nun der richtige?

Dieses Vermitteln über die Objektivität, über das, was nicht da ist, über die Zwischenräume, über den chorismos, über die Lücken, nennt man mantia, – den Begriff kennen Sie zum Beispiel aus der Semantik – übrigens repräsentiert durch eine Frau, ungefähr so, wie Sie heute noch Attribute zeigen, vielleicht sind Sie sich dessen gar nicht bewußt, aber es ist so. Die schönste mantia-Darstellung ist auf einem Bischofsschal in Quedlinburg zu sehen, wir werden ihn demnächst hier präsentieren in unserer Aktion „Prophetie“. Mantia ist also die Fähigkeit der Wahr- und Weissagung, objektiv gesehen, nämlich im Hinweis, daß Wahrheit niemals bezeugt, sondern nur gewußt werden kann. Und zwar als die Weisheit, daß alles nicht nur zwei Seiten hat, sondern unendlich viele Perspektiven eröffnet, und nur die Vielheit der unterschiedlichen Perspektiven überhaupt ein verläßliches Bild liefert. Das ist Weissagung.
Wahrsagung wäre dann die Zumutung – und das ist einem heutigen Publikum fast vollständig verloren gegangen –, tatsächlich aus dem, was nicht gesagt wird, verbindliche Rückschlüsse zu ziehen, oder, wie Luhmann sagen würde, aus dem, was im Bild nicht gezeigt wird, oder was die Neurophysiologen oder Phänologen zum Beispiel über den blinden Fleck und seine Bedeutung für die Wahrnehmbarkeit des jeweiligen Aufgabenaspekts darstellen.
Deixis, das Bekunden – worauf kann sich das denn berufen? Doch nicht darauf, daß ich gesehen habe. Was habe ich denn gesehen? Ich habe die unterschiedlichsten Wahrnehmungen, die unterschiedlichsten Darstellungsformen, die unterschiedlichsten Thematisierungen und Problematisierungen gesehen. Was habe ich jetzt davon, sagt der noch etwas unbedarfte Schüler im „Faust“, daß ich nur die Vielfalt der Meinungen kennengelernt habe? Aber genau das ist der Sachverhalt, um den es geht. Wahrsagung wäre dann die verbindliche Vermittlung einer Wahrheit aus der Vielfalt der Auffassungen, die man von den Sachverhalten, um deren wahrheitsgemäße Erfassung es geht, haben kann. Das ist dann gleichsam wistum, wie die mittelalterliche Form heißt, also Weisheit in dem Sinne, daß weise nur ist, wer gegebene Sachverhalte auf ihre Verschiedenheit hin wertschätzt und nicht auf ihre Einheitlichkeit. Wer es auf die Einheitlichkeit abgesehen hat, ist Fundamentalist, ist Dogmatiker, ist Ideologe. Wenn alle das gleiche blöken – das bedeutet das und nicht jenes, das ist die verbindliche Auffassung, das ist die Wahrheit –, dann ist das Gegenteil dessen erreicht, was Weisheit bekennt, das ist Indoktrination, ideologische Verblödung, fundamentalistischer Terror der Vereinheitlichung. Das muß man sich klar machen gerade im Hinblick auf ein Thema wie „Macht zeigen“.

Wir müssen uns also klar machen, daß es hier nicht um eine objektive Feststellung darüber gehen kann, wie heute jemand, der Machtprätentionen hat, sich vorzeigt, wahrnehmbar werden läßt. Sondern daß das gerade dadurch seine Bedeutung hat, daß es in einer hinreichenden Vielfalt von Positionen und Medien möglich ist und vor allem unter verschiedensten strategischen Gesichtspunkten. Heraus kommt dann, wie gesagt, die Aufklärung über das Phänomen der Repräsentation von Macht, des Anspruchs von Macht, als Erfahrung der Enttäuschung. Zum Beispiel im Hinblick auf das Phänomen der Ohnmacht der Macht. Wir sind nämlich in Wahrheit alle enttäuscht, daß es den lieben Gott in seiner letzten Autorität nicht gibt. Warum hat er es nicht so eingerichtet, daß das gilt, was er sagt, nicht nur mosaisch vermittelt, sondern prinzipiell als Ordnung der Welt? Dann wäre doch alles viel leichter zu ertragen. Wir sind enttäuscht darüber, daß der Kaiser nackt ist, daß die Macht hohl ist, daß das Ganze ein Getue und Geblase ist, keinerlei Objektivität auf der Ebene der Bewältigung von Wirklichkeit, das heißt von dem, worauf wir keinen Einfluß haben, darstellt, sondern Wirklichkeitsflucht. Erklärte Ohnmacht angesichts der psychischen Instabilität, die daraus entsteht, daß man nicht mehr weiß, wo das Zentrum der Macht ist. Wer hat hier das Sagen? Auf einem Schiff oder in einer Kompanie ist der größte Moment der Gefahr dann gegeben, wenn niemand mehr weiß, wer das Kommando hat, wer der Kapitän ist.

In der Zivilgesellschaft ist es genau umgekehrt und das gilt es zu lernen. In unterschiedlichster Weise ist das entwickelt worden, denken Sie daran, wie etwa die Karikatur mit den Mitteln der bildlichen Repräsentation die Widerlegung ihres eigenen Anspruchs darstellt, also tatsächlich auf Wahrheit ausgerichtet ist. >Denn Sie alle wissen, das erwiesene Gegenteil einer Wahrheit ist nicht eine Falschheit, sondern eine andere Wahrheit. Das ist der grundgesetzliche Ausdruck der naturwissenschaftlichen Elite des 20. Jahrhunderts von Max Planck über Max Born bis in unsere Zeit. Bis in die 60er Jahre jedenfalls waren sich alle noch dessen bewußt. Weswegen man die Kritik der Wahrheit nicht einfach delegieren kann, weil die Kritik der Wahrheit eben nicht dahin führt zu sagen, jetzt sind wir sicher, das vorher war falsch, aber jetzt kommt die Wahrheit, um sich dann bequem darauf einzulassen. Denn das ist es, was uns jetzt in der Politik demonstriert wird. Der Euro ist in Gefahr, es gab also falsche Handlungen, jetzt machen wir es richtig, jetzt retten wir ihn. Man muß bloß „Rettung“ sagen, dann ist die Sache erledigt. Pustekuchen, wie Sie alle bald wissen werden und es die nordrhein-westfälischen Bürger doch hoffentlich am 9. Mai zu erkennen geben werden. Die Frage ist nur: was dann, wer kommt danach, wer weiß es denn besser? Niemand weiß es besser, das aber ist die Einsicht des zivilen Menschen, des Demokraten. Der nicht darauf hofft, daß einer kommt, der alles weiß und alles besser und richtig macht, im Unterschied zu den Leuten, die hier die Unwahrheit sagen, sondern der sagt, wie man es macht aus der absoluten Erfahrung der Ohnmacht – das weiche Wasser bezwingt den harten Stein, das ist die Brechtsche Maxime für das Lagerleben 1938ff gewesen und ist in ganz Europa in Windeseile verbreitet worden –, wie etwa der Vietcong es gemacht hat, der die Ohnmacht als Strategem entwickelt hat.

Strategem deswegen, weil es tatsächlich aus dem militärischen Bereich stammt und in Berlin erfunden worden ist. Im Jahr 1806 gab es hier militärische Strategen, die aus der Erfahrung der absoluten Ohnmacht gegenüber Napoleon die Schlußfolgerung zogen, daß es keines militärischen Genies bedarf durchzusetzen, was den eigenen Willen bestimmt. Denn wenn man die Macht hat, setzt man sich durch, wo liegt dann das Problem? Sondern es erweist sich dann, wenn man diese Macht gerade nicht hat. Das heißt, ein Feldherr zieht in die Schlacht nicht im naiven Bewußtsein: ich bin der Stärkere und ich siege, sondern im Bewußtsein, daß auf der anderen Seite genau so intelligente Menschen stehen, genau so raffiniert und so strategisch gebildet wie ich, und ich muß, wenn ich vernünftig bin, damit rechnen, daß ich verliere. Wer führt einen Krieg, wenn er von vornherein weiß, daß er der Schwächere ist? Nur derjenige, der eine Strategie hat, nämlich – und das wurde von preußischen Generälen entwickelt –, der, abgeleitet von der antiken Erfahrung der Pyrrhus-Siege, von vornherein damit rechnet, daß er verliert und überlegen ist, weil er nicht mit dem Siegen, sondern mit dem Verlieren rechnet. Und deswegen die Verlustsituation in einen endgültigen Sieg verwandeln kann. Das nennt man Strategie: das Rechnen mit dem Verlust der eigenen Machtposition und den sich dann ergebenden notwendigen Reaktion darauf.
In solcher Hinsicht haben Medien wie etwa die Karikatur Unglaubliches geleistet als Erkenntnismedien, nämlich: glaubt nicht, daß ihr mit der Bekämpfung einer fälschlich mit Macht bewehrten Wahrheit nun auf der sicheren Seite seid. Denn wenn ihr sie bekämpft habt, seid ihr im Banne einer anderen. Es geht also nicht um das Austauschen einer Wahrheit gegen eine andere, denn dann säße man immer im selben Dilemma, egal welcher Gott, ob jüdisch, christlich oder islamisch, nun gerade dran ist. sondern es geht um die Fähigkeit, mit dieser grundsätzlichen Gegebenheit fertig zu werden. Nicht lösen, aber fertig werden, aushaltbar werden lassen, muddling through, durchwurschteln als höchste Form der Erfahrung, etwa von Völkern der südeuropäischen, lateinischen Sphäre, die uns deswegen heute als Griechen oder als Römer oder als Südfranzosen so wackelige Kandidaten zu sein scheinen, weil sie eben wissen, daß mit unserer Staatsmacht nichts getan ist und wir uns auf eine ganz andere Ebene besinnen müssen.
Wenn wir das zu Grunde legen und uns jetzt in die Ausstellung begeben, falls Sie das wünschen, Herr Ottomeyer hat uns erlaubt, heute ganz gegen den Dienstplan die Ausstellung noch zu besuchen, dann würde ich sie entgegen der Vorgabe von Ullrich angehen, um gerade diesen Weg der Argumentation nachzuvollziehen, Bekundung im Hinblick auf die Erfahrung, also deixische Qualität, im Hinblick auf die Tatsache: Das ist ja umso brauchbarer, je mehr es uns die Vielfalt der Aspekte zeigt, und nicht sagt: Wir haben durch soziologische, psychologische, sozialpsychologische Erkenntnismethoden nun festgestellt, was die Repräsentation der Macht bedeutet. Oder auf welche Weise man sich inszenieren muß, um als mächtig zu gelten. Das ist sozusagen das Programm, das Werbegesellschaften Wackelkandidaten anbieten: Kommen Sie zu uns und Sie lernen, sich als Machtrepräsentant so zu präsentieren, daß Ihnen alle zuhören. Das ist das falsch verstandene Konzept der Sophisten, gegen die ja schon Platon gedonnert hat. Aber die Sophisten lehrten vor allem eines, nämlich daß es nicht auf die bloße Beziehung auf ewige Wahrheiten aller platonischen Ideen ankommt, sondern gerade auf diese wacklige Situation des sozialen Zusammenhalts in jedem Augenblick. Man kann doch nicht die Wahrheit anrufen, um die Bürger von Athen im Hinblick auf Straßenbau oder Kanalisation zu überzeugen. >Da muß man andere Argumente wählen, nämlich die Vielfalt der Stimmen den Leuten vorführen und sagen: Das ist das Spektrum, was lernen wir daraus? Nicht: was ist der kleinste gemeinsame Nenner, sondern: auf welche Weise wirkt das, was hier allseits ausgespart wird, als verbindliche Folie für unser gemeinsames Verständnis. Denn das, was nicht gesagt wird, gehört allen. Was nicht gesagt wird, tragen alle. Oder, modern ausgedrückt, wir sind als Demokraten nicht legitimiert, wenn wir an die Gleichheit der Menschen glauben, weil jeder sagen könne, worin die Menschen gleich sind. Genetisch sind sie nicht gleich, von der Herkunft sind sie nicht gleich, von der Erziehung sind sie nicht gleich, von den sozialen Kontexten sind sie nicht gleich. Da würde jeder Sophist sagen, ihr seid ja nicht gescheit, wenn ihr die Gleichheit behaupten wollt. Nur in einer Hinsicht sind wirklich alle gleich, und das ist es, was man erfährt, wenn man die Vielfalt der Meinungen hört, das Wichtigste ist das, was nicht gesagt werden kann, weil jeder nur etwas Bestimmtes sagen kann und damit etwas anderes ausblenden muß. Nämlich das allgemeine Nichtwissen. Jahrelang galt für die Machtideologiekritiker, zum Beispiel Wolfgang Fritz Haug, und das war deren Grundfehler, daß sie annahmen, da säßen ganz raffinierte Strategen der Macht, die sich so inszenieren, die Zeitungen oder Fernsehprogramme so gestalten, daß sie uns zwangsweise unter den Diktat ihres Willens bringen könnten im Sinne von: so übermächtig ist das und wir werden manipuliert. Das ist eine verständliche Entlastungsstrategie, sie entspricht aber weder historisch noch systematisch dem Zugang, der ja heißt: Wir alle sind verpflichtet, einander etwas zu bieten, das uns für die anderen wichtig macht. Wir können etwas, was andere nicht ohne weiteres selber können oder nur zu ungeheuren Kosten, also eigentlich nicht. Das nennt man dann in der gesellschaftlichen Entwicklung Ausdifferenzierung der Berufsrollen, mit anderen Worten Spezialisierung. Wenn ich es ernst nehme, Ihnen wirklich etwas zu bieten, dann werde ich den ganzen Tag, an dem ich bei Bewußtsein arbeiten kann, 16 Stunden, die restlichen Stunden werde ich hoffentlich schlafen, mich mit meinem Spezialgebiet „Semipermeabilität von Zellwänden in der Niere“ beschäftigen. Wenn ich das mache, mindestens fünfzehn Jahre lang, um überhaupt mitreden zu können, dann werde ich in allen anderen Fällen des Straßenbaus und der Kindeserziehung, der kuratorischen Betreuung einer Ausstellung, der Führung eines Hauses, der Finanzbuchhaltung und allem Sonstigen ein absoluter Nichtwisser sein, und da das allen so geht, die es ernst nehmen mit ihrer Verpflichtung auf die Gesellschaft, müssen sie alle in dem Maße, wie sie ernsthaft durch ihre Fähigkeit für das Gesamte sorgen, zu universalen Dilettanten werden. Selbst der größte Kopf ist bei 99.99… % aller anderen Phänomene des Alltagslebens, in Politik, Erziehung, Medizin etc., ein Dilettant. Das heißt mit anderen Worten, die Menschen sind tatsächlich gleich im Hinblick auf das, was sie nicht wissen, damit nicht können und nicht haben.

Das ist die sophistische Lehre von der Basis des demokratischen Vermögens, nämlich die Wahrheit aus der Lüge zu schließen: nur der Lügner rettet die Wahrheit, niemand kennt die Wahrheit, aber wenn ich sage, ich habe gelogen, dann bin ich auf die Wahrheit bezogen, dann bin ich staatstragend. So wie Franz Josef Strauß der staatstragende Politiker schlechthin war, Herbert Wehner kam gleich danach, grandiose Lügner, von denen allen nicht nur durch das Zwinkern mit den Augen gesagt wird: ich lüge, aufpassen!, wo ist der Bezug auf die Wahrheit, wenn ich sage, ich lüge, und ihr merkt doch alle, daß ich lüge? Es gab niemanden, der gesagt hätte: Herr Strauß, Sie lügen! Was bedeutet das? Wenn unsere Gleichheit daraus resultiert, daß wir alle gleichermaßen in den überwältigenden Fällen der Alltagsanforderungen Dilettanten sind, Nichtwisser, Nichtkönner, Nichthaber, dann ist für die demokratische Verwaltung unseres Sozialwesens und unseres Weltverständnisses die gleichermaßen gegebene Orientierung auf Nichtkönnen, Nichtwissen und Nichthaben grundlegend. Und wenn Sie das verstanden haben, dann haben Sie tatsächlich die Wahrheit so weit erfaßt, daß Sie mit ihr operieren können, denn Sie fragen sich natürlich sofort: Wie kann man denn aus dem Nichtwissen ein Wissen machen? Ganz einfach. Sokrates hat es vorgemacht. Er hat zwischen Platon und den Sophisten vermittelt, indem er sagt: Ich weiß, daß ich nichts weiß. So war das Wissen über Ideale im absoluten Sinne von Platon gewahrt und die sophistische Einsicht, daß die Wahrheit nur aus der Vielfalt der doxa, also der Meinungen entsteht, ebenfalls. >Ich weiß, daß ich nichts weiß. In dem Augenblick, wo ich das sage, kann ich so einen Schwachsinn nicht reden wie: durch eine Finanztransaktionssteuer beheben wir das Problem der Währungen, oder: durch Griechenlandhilfe retten wir den Euro, oder irgendwelchen Blödsinn dieser Art. Das ist das Erschreckende, das ist die Ohnmacht der Macht, daß diejenigen, die entscheiden müssen, die einzige Voraussetzung dafür nicht erfüllen, nämlich die Einsicht, daß sie nichts wissen. Und daß noch so viel Militär und noch so viel Geld und noch so viele Beschlüsse des Bundestages daran nichts ändern können.

Und das ist die Wirklichkeitserfahrung. Denn wirklich ist nur, worauf wir keinen Einfluß haben, sonst wäre es ja Psychiatrie. Wirklich ist nur das, worauf wir mit aller Macht keinen Einfluß nehmen können. Also muß man wirklichkeitstauglich werden, indem man anerkennt, daß das Entscheidende, früher Gott genannt oder Schicksal oder ananke oder Weltenlauf oder wie immer, gerade das ist, was sich unserem Willen nicht beugt. Für uns kommt es also darauf an, wie wir Freiheit, Autonomie gewinnen können angesichts der Tatsache, daß wir die Grundfakten wie anthropologische Konstanten, Evolutionsgeschichte unseres Gehirns, Biomechanismen, Stoffwechselprozesse nicht ändern können. Wie soll ich die Freiheit meinem Darm gegenüber behaupten? Der macht doch, was er will in seiner naturevolutionären Bewährtheit. Er hat Abermillionen Jahre an Erfahrung hinter sich, was habe ich? Ein paar Jahre auf der Universität, ein paar vergeigte Lieben und sonst nichts. Wie soll es zu Autonomie und Freiheit kommen angesichts dieser Tatsachen? Das ist die entscheidende Frage. Und was Sie im Hinblick auf die Aufklärung als Enttäuschung über das, was Sie eigentlich glauben, gezeigt bekommen: so inszeniert sich Macht, so setzt man sich hin und schon ist man ein mächtiger Mann; diese Naiven aus der Geschäftswelt, die sagen, fotografieren Sie mich mal staatsmännisch, als ob irgendetwas daraus resultierte, kein Mensch würde irgendetwas daraus ableiten. Aber genau das ist das Problem. Wäre es doch bloß so, daß jemand durch die Attitüde, durch die Gestik, durch die Mimik, durch die Haltung tatsächlich Macht ausüben könnte, das wäre doch phantastisch. Fast wie im Tierreich, der Oberlöwe greift beim Fressen in einer bestimmten Position zu und schon ist die Ordnung hergestellt. Es ist aber leider nicht so in unseren menschlichen gesellschaftlichen Beziehungen. Nicht einmal unter zweien – Mann und Frau –, unter einigen – Eltern und Kindern –, geschweige denn unter Verwandtschaft. Mischpoche nennt man das in aufklärerischer Absicht. Ich hänge unmittelbar von dieser verwandtschaftlichen Beziehung ab, nenne sie aber die Mischpoche. Dazu muß man allerdings eine andere Kulturtradition haben, um das nicht inkriminierend zu finden.

Das Kuratieren einer Ausstellung ist eine deixis, ist ein Zeigen, ein Inzusammenhangbringen unter dem Gesichtspunkt der Deutung, Wahr- und Weissagung, also mantia, mit Verweis auf das, was Künstler machen, die nicht dazu von uns mißbraucht werden, ihnen persönlich Versagen oder Beliebigkeit vorzuhalten – es ist ja alles beliebig, was er da zeigt, es könnte auch alles ganz anders aussehen. Ja, selbstverständlich, das ist ja gerade das Thema, keine Durchsetzung irgendeiner definitiven Erkenntnis, die ein Herr Teunen oder wie diese Herren von der Werbebranche heißen, den Unternehmen vorhalten können.
Meine persönlichen Erfahrungen mit den Spitzen der Macht sind nicht durch den Zynismus eines Rudolf Augstein geprägt worden, obwohl ich das Glück hatte, in seiner Nähe vieles beurteilen zu lernen, nicht durch die Radikalität von wissenschaftlichen Positionshaltern der Mauthner-Schule –eine bestimmte Art der wissenschaftlichen Kritik durch die Kritik unserer Sprachlichkeit –, sondern meine Grunderfahrung ist geprägt durch die, mit Dokumenten besie

gelt, mir zugemutete Einsicht, daß die Spitzen der deutschen Wirtschaft, die Herren von VW, von BMW, von Daimler sich von windigen jungen Idioten, die sich Zukunftsforscher nennen, in Worpswede per Wochenendseminar in die Weisheit der Welt einweisen lassen und nach diesem Trainingsprogramm, ein Wochenende!, ihre Geschäftspolitik ausrichten. Weil ihnen ja gesagt wird, wenn Sie bei uns für zwei Tage 21.000 DM zahlen, dann wissen Sie, wie Sie es machen müssen, wie Sie das Publikum rumkriegen, wie Sie Produkte verkaufen können, was die Zukunft von Ihnen verlangt. Da wußte ich, das Ende dieses Nachkriegsexperiments erreicht ist, und so ist es ja auch gekommen, Sie sehen jetzt die Krise, die dadurch entsteht, daß die Herren der Welt die Würstchen der Welt sind. Masters of the universe heißen diese kläglichen Gestalten in einer Machtanmaßung sondergleichen, die als Anmaßung ja gerade dadurch auftritt, daß ihr nichts an Fähigkeit des Bewirkens gegenübersteht. Und wenn man ihnen noch die Ehre antut zu sagen, sie müßten ja ein Monstrum, eine Ausgeburt von Boshaftigkeit sein, wegen ihrer Gier, ihrer Geilheit auf Geld, dann entschuldigen sie sich damit, daß sie gar keine Macht haben: Glauben Sie, daß mir, wenn ich 780 Millionen privat besitze, 785 Millionen besonders wichtig sind?

Da betritt man eine andere Ebene der Argumentation, die die Aufklärung als Enttäuschung bedeutet, die durch solche Ausstellungen ermöglicht wird, und damit den Anschluß an die Aufklärungskampagnen bietet, die etwa in der Karikaturgeschichte den unmittelbaren Zusammenhang mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts ermöglichen. Hier wird eine grandiose Karikatur gezeigt, da sieht man (Katalog, S. 92) in einem Vierfelderbild einen jüdischen Künstler – die bekannten schwarzen Haare, die schwere Brille des Architekten, die beim Athener CIAM-Kongreß 1933 als Logo eingeführt wurde –, der ein typisch modernistisches, also vielfältiges, nicht eindeutiges, nicht ideologisch dogmatisch verziertes Kunstwerk vorzeigt. Hitler schlägt mit der Faust zu, zermanscht das Ganze zu einem Haufen Material und gestaltet daraus eine Breker-Figur. Das ist tatsächlich hier passiert. Was man Ihnen bei solchen Rundgängen zeigen kann, worauf Sie nicht selbst kommen können, wenn Sie nicht zufällig die Erfahrung gemacht haben, daß beispielsweise in der Kunstgewerbeschule neben dem Martin-Gropius-Bau tatsächlich in den Bildhauer-Ateliers, die in den Kellern lagen, weil sie die Fundamentbelastung ertragen mußten, das, was in der Karikatur gezeigt wird, umgesetzt wurde, nämlich Gestaltung von künstlerischer Willkür am lebenden Material, in Fleisch und Blut. Das war eine Metapher, der Politiker als künstlerischer Gestalter, der im lebenden Körper des Volkes arbeitet wie der Künstler am toten Stein. Was hier als Karikatur-Einsicht bedeutsam war, man könnte auch sagen, als Spekulation, – so etwas gibt es ja gar nicht –, wurde dann tatsächlich in der Realität praktiziert.

So gibt es unzählige weitere Beispiele in der Ausstellung, aus denen man den wirklichen Bedeutungsgehalt im mantischen Sinne und auch im Bezeugungssinne, etwa durch Überlebende oder Zeitzeugen, erfahren kann, daß das Gespenstische im Sinne der mantia, also sozusagen das dunkel Wissenschaftliche, das Parapsychologische an der mantia tatsächlich darin liegt, daß niemand als willkürlicher Phantast wie als Künstler in der Lage war, sich das auszudenken, was in der Realität statthatte. Was soll dann die Redensart von der Macht der Phantasie, von der Macht der Inspiriertheit des Künstlers, wenn in den Kellern der banalen nächsten Polizeistation Sachverhalte produziert werden, auf die kein Romancier, kein Autor je gekommen wäre, die kein Maler und kein Bildhauer je dargestellt hätte? Was soll die Emphase in der phantastischen Antizipation der Kraft des Künstlers, der alles vorwegnimmt? Der Weg ist genau umgekehrt. Ein Autor der spanischen Buchmalerei des 11. und 12. Jahrhunderts war nicht deshalb in der Lage, Pferde schon so darzustellen, wie Picasso sie in seinem Guernica-Bild malte, weil er so genial war und als Künstler inspiriert in die Zukunft voraussah, in diesem Falle achthundert Jahre antizipiert hat, sondern umgekehrt: weil wir von Picassos Guernica gelernt haben, diese Pferdedarstellungen in den spanischen Buchmalereien mit anderen, neuen Augen zu sehen. Mit anderen Worten, es ist nicht die unglaubliche Befähigung der Künstler, kraft subjektiver Inspiriertheit etc. etwas ganz Neues in der Zukunft zu sehen, sondern umgekehrt. Das absolut Neue, Beliebige, Willkürliche, eben vielfältig Unbegründbare im Sinne von chaotisch, das die Künstler produzieren, in Neophilie, in der absoluten Ausrichtung darauf, daß er etwas Neues macht, ist der Effekt eben dessen, daß das Neue keine Bestimmung hat. Wenn ich es dann nicht kaputt machen kann, Ikonoklasmus ist eine bekannte menschliche Reaktion, oder leugnen kann – was mein Hund mit den meisten Menschen gemeinsam hat, wenn man ihm etwas in den Garten stellt, das er nicht kaputt machen kann, tut er so, als ob er es gar nicht gesehen hätte, er kümmert sich nicht darum, weil er weiß, er zöge den kürzeren –, wenn ich also weder leugnen noch kaputt machen kann, wenn ich das Neue als bestimmungslos erfahre, muß ich den einzigen nützlichen Gebrauch davon machen, nämlich von ihm so zu reden, daß ich das bespreche, was ich weiß und kann, nämlich das Alte. Das heißt, notwendigerweise ist die Rede vom Neuen nur möglich mit Bezug auf das Alte, das Bekannte, das Erwartbare, und ich mache die merkwürdige Erfahrung, daß unter dem Druck des Neuen das Alte völlig neue Gestalt annimmt, ich neue Sichtweisen entwickele, und das war die Moderne. Die Künstler der Dresdner Brücke erzwangen von ihrem Blick nach rückwärts her ein völlig neues Bild der Romanik: sie haben einen Mann wie El Greco, der 1614 das letzte Mal in der Öffentlichkeit gezeigt worden war, neu entdeckt; alle sahen plötzlich, wie Kanzler Schmidt es sah, El Greco als Zeitgenossen der Künstler von 1905. So ist es überall gegangen, die Künstler haben in ihrer Fähigkeit zur Willkür, und das ist ja die Konsequenz aus der Ohnmacht der Macht, zur Setzung des Beliebigen, des Hermetischen, des Undurchsichtigen, Undurchschaubaren als Wirklichkeitsanspruch, das was nicht mehr dem Belieben unterworfen werden kann, tatsächlich Dienst an der Wahrheit geleistet. Insofern hat etwa der Wiener Architekt Adolf Loos, der Mann mit der weißen Wand und der aufgeschnittenen Pupille, zwei Giganten der europäischen Architekturgeschichte, Palladio und Brunelleschi, allein geschaffen. nur er. Vor Loos wußte niemand, wer Palladio und Brunelleschi gewesen waren. Das Phänomen der nackten weißen Wand, die nicht mehr Träger eines semantischen Zeichensystems der Kunst war, hat niemand bemerkt. Marc-Antoine Laugier, ein Autor des 18. Jahrhunderts, hat einmal ganz kurz das „mur nu“ erwähnt, aber keine Kommentare dazu gegeben, erst Loos hat die grandiose Leistung von Palladio und Brunelleschi, eine Zumutung des absolut Neuen, damit Willkürlichen, Beliebigen, als von uns würdigbar erzwungen.

Wenn Sie bedenken, daß ein Giacometti im Alleingang mit seinen Skulpturen eine Brückenkultur wie die der Kykladen aus der Mitte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts entdeckt hat, das heißt, nur durch Giacometti haben wir gelernt, kykladische Artefakte als grandiose Ausdrucksformen überhaupt zu schätzen, dann wissen Sie, welche Macht gerade in dieser Abweichung der erfahrenen Ohnmacht in die Irreversibilität, in die Nichtverfügbarkeit, die Inkommensurabilität – Adornos Lieblingsbegriff für die Ästhetik – liegt, daß gerade daraus die Verbindlichkeit entsteht. Aus der Willkür, aus der Ohnmacht die Verbindlichkeit entsteht. Das ist das demokratische Prinzip, wie aus Nichtwissen, Nichtkönnen, Nichthaben Verbindlichkeit entsteht. Nicht aus der dogmatischen Behauptung einer Wahrheit, eines Gottes, eines Gesetzes, sondern aus der Erfahrung der Haltlosigkeit, der Beliebigkeit. Das ist das eigentliche Mysterium der europäischen Sonderentwicklung, die ab dem 14. Jahrhundert der phantastischen Aufstieg Europas vor allen Konkurrenten darstellt. China war technologisch Europa haushoch überlegen bis 1400 und konnte trotzdem die Entwicklung nicht mitmachen, weil das Prinzip Autorität durch Autorschaft nicht nachvollzogen werden konnte. Dort galt als Autorität nur das, was der geistliche Führer, der weltliche Führer, der Kaiser, die Hofbeamten legitimierten, alles andere wurde unterdrückt. Wenn ein Hofbeamter als Staatsprüfung, nachdem er 1400 Seiten des offiziellen Wissens rezitiert hat, einen einzigen Halbsatz hinzufügen darf, dann kann man von Autorität durch Autorschaft nicht reden, dann ist das nur die Autorität des reproduzierten, wiederholenden Nachplapperns.

Diese Vorgaben erfüllen uns mit so unglaublicher Neugier gegenüber den Machenschaften dieser Autoritäten als Autoren, den Literaten, den bildenden Künstlern, den Musikern, daß wir immer wieder dort hingehen, wo wir eigentlich enttäuscht werden. Und es gibt keinen, der nicht bei einer solchen Veranstaltung enttäuscht wäre. Wenn er ehrlich ist, wird er sagen, ich bin enttäuscht und genau das ist der Effekt, um den es geht. Seine Täuschbarkeit loszuwerden durch eine ideologische Erwartung, durch ein Bild, das er im Kopf hat, durch ein hoffnungsvolles, sehnendes sich Hinwenden auf eine Autorität, die aber nicht gegeben ist. Und die einzigen, die aus Dreck Gold machen können, aus der Beliebigkeit des Chaotischen, Unverbindlichen Verbindlichkeit schaffen können, sind tatsächlich die Künstler. Mit anderen Worten, künstlerisch-wissenschaftliches Arbeiten ist nichts anderes, als durch die Vielfalt der Aspekte, durch die immer weiter gehende Problematisierung einen objektiven Gewinn zu schaffen. Sie müssen sich mal vorstellen, was das bedeutet: Ich forsche, um immer tiefer in ein Problem hineinzukommen. Je mehr ich forsche, desto rätselhafter wird mir das Problem, man sagt, desto komplexer. Warum forscht man denn dann, wenn das absehbare Ziel des Forschens die immer weitergehende Problematisierung des Sachverhaltes ist, den ich da erforsche? Wenn Forschung gar nichts anderes ist als Problematisierung? Per Definition kann ich nie hoffen, forschend der Wahrheit auf die Schliche zu kommen. Sondern gerade aus der Durchsetzung dieses im Einstein'schen Sinne Relativen.

Die hauptsächliche Inanspruchnahme dieser Art von Gedanken durch den Alltagsmenschen, aber auch durch Fachpublikum besteht darin zu behaupten, alles sei relativ. Wir hatten es selbst eben gesagt, wo kommt die Objektivität, die Wahrheit, das Übereinstimmen denn her, wenn alles relativ ist? Einstein hat niemals behauptet, alles sei relativ. Sondern relatio, die Begründung für die Relativität heißt, alles ist nur mit Bezug auf anderes von Bedeutung. Alles ist nur in Relation, in Beziehung auf anderes von Bedeutung. Nichts ist aus sich selbst heraus bedeutsam. Es ist nur aus den Konstellationen, in denen es auftritt, bedeutsam. Dieser Strich und diese Fläche und diese Kante, dieser Schatten im Konstellationsgefüge ergibt dieses Gemälde, darin sind sie bedeutsam. Also ist alles prinzipiell relativ, weil alles Gegebene, real wie symbolisch, tatsächlich nur aus der Inbeziehungsetzung zu anderem, also Relationsbildung, bedeutsam werden kann, und die höchste Form der Bedeutsamkeit ist die Vielfalt der Möglichkeiten, die ich habe, ein Ding in verschiedene Beziehungen zu setzen, bis hin zu den surrealistischen Meisterdefinitionen der Begegnung eines Regenschirms mit einem Rembrandt als Bügelbrett. Das heißt nämlich, Sie müssen Ihre Fähigkeit trainieren, die einzelnen gegebenen Elemente – Anzug, Krawatte, Haarschnitt, Haltung – in Relation zu setzen, in ein Beziehungsgefüge einzubauen, um dann die ganze Relativität zu erkennen, nämlich: Wie viele unterschiedliche Möglichkeiten der Inbeziehungsetzung gibt es eigentlich? Und je mehr ich davon erfasse, desto wichtiger ist für mich der Zusammenhang, in dem ich das Ganze sehe. Man sollte also in einem viel höheren Maße demokratische Tugenden üben in der Konfrontation mit solchen Gelegenheiten, wie sie hier vornehmlich in Museen oder Ausstellungshäusern geboten werden, das heißt in immer höherem Maße gerade erkennen, wie kläglich, wie klein, wie gering unser Können, Wissen und Vermögen ist im Hinblick nicht nur auf das, was universaler kollektiver Geist oder auch der Weltgeist oder der Schöpfer oder was immer darstellt, das sind ja alles nur Konstrukte eines solchen Sinnzusammenhanges, sondern wie sich aus dieser Erfahrung die Verbindlichkeit ergibt.

Der höchste Ausdruck, wie die Psychologen sagen, Freud als Entdecker, ist die Wirklichkeitstauglichkeit. Und wenn Wirklichkeit nur das ist, worauf wir keinen Einfluß haben, wenn wir etwas anerkennen müssen, was unserem Mutwillen entzogen ist, dann ist das der Beleg für die Ohnmachtserfahrung. Aber als Aufklärungsakt und nicht als faktisch schamvoll kaschierte Versagung des Nichtkönnens, wie das gegenwärtig unsere Politik beherrscht.

Ich hoffe, daß ich mich in dieser einen Stunde Ihnen gegenüber so verbindlich habe erklären können, daß Sie weiterkommen, auch ohne in die Ausstellung mitzugehen. Diejenigen, die das doch noch verstärken wollen, bitte ich, sich unter Führung von Herrn Ottomeyer nach unten zu begeben, wir beginnen am Schluß der Ausstellung und gehen rückwärts, weil die entscheidenden Instrumente, unter denen das Ganze als Aufklärung, als Enttäuschung gezeigt wird, am Ende stehen. Denn der Künstler zeigt am Ende seine Instrumente vor, in Wahrheit ist das das Entscheidende. Werk ist abgelegtes Werkzeug, alles andere ist Spökenkiekerei, wir müssen also Werkzeuge zeigen. Zeigt eure Mittel, dann sagen wir euch etwas über eure Zwecke. Nur die Mittel rechtfertigen die Zwecke. Politik und andere Affereien sagen, der Zweck heilige die Mittel, das Große wollen. Nein, in Kunst und Wissenschaft gibt es nur eins: Die Mittel sind das Entscheidende, bleibt uns mit den Zwecken, den großen Zielen, der Ewigkeit der Erklärung des Weltgeistes oder des Paradieses vom Halse. Zeigt uns die Mittel, dann können wir darüber reden. Das geschieht in der Ausstellung erst am Ende, um das Publikum nicht gleich zu enttäuschen, denn das mußte ja eine Vorgabe erfüllen, erst einmal durchgehen, um dann zu sagen: das ist ja enttäuschend. Hätte man sie gleich am Anfang enttäuscht, wären sie wahrscheinlich gar nicht mehr weitergegangen. Es ist also eine kuratorische Finte, die da zum Erfolg führt.
Danke.