Ausstellung EVOEVO, anlässlich der 150 Jahre Evolutionstheorie von Charles Darwin

Evolution des Geistes? Fortschritt der Erkenntnis?

Manuskript

Jawohl, soweit auch Erkenntnis wie bisher schon Eigentum zum Gemeinnutzen verpflichtet; denn wir wissen durch Erkenntnis sehr wohl, was wir tun, wenn wir geläufig und erfolgreich tun, was wir nicht wissen!

Oder
Wissen ist Ohnmacht für alle,

die nur tun wollen, was sie wissen und unterlassen zu tun, was sie nicht wissen. Unwissen ist Macht! Herr, vergib’ Ihnen, denn sie tun gerade, was sie wissen und wollen!

Motto:
Alles, was entsteht, ist wert, weil es zugrunde geht!
Auch das „streng wissenschaftliche Treiben“, von dem Ernst Peter Fischer in dem „Großen Buch der Evolution“ (Köln 2008, S. 361) spricht.


Fischer echauffierte und belustigte sich in nachvollziehbarer Weise über den Bildungskanon von Dietrich Schwanitz, weil der in seine Bildungsreligion kaum naturwissenschaftliche Erkenntnisleistungen aufgenommen habe. Ein Kanon wird durch das gebildet, was immer wieder gelesen werden soll: re-legere (auf Lateinisch) definiert neben dem Verweis auf religio als Letztbegründung immerhin unser Verständnis von Religion. Mit seiner Kritik am geisteswissenschaftlichen Bildungsanspruch war Fischer inzwischen so erfolgreich wie Schwanitz selbst. Zum Darwin-Jahr veröffentlichte Fischer auch ein überaus großzügig gestaltetes Sachbuch im Format der Coffee table books mit dem Titel „Das große Buch der Evolution“. Gerade wenn man annehmen muss, dass besagte Veröffentlichung auf Massenwirksamkeit angelegt sei, sollten die darin verbreiteten Fortschritte der Erkenntnis durch die Naturwissenschaften, insbesondere die Biologie der Erkenntnis, Hand und Fuß haben, also den kritischen Einwendungen gegen die bisherige geisteswissenschaftliche Deutungshoheit gerecht werden. Unverantwortlich gerade gegenüber dem Anspruch auf Breitenwirkung wäre es zu behaupten, dass es bei derartigen Veröffentlichungen nicht auf Klarheit und Bestimmtheit ankäme, als könnten Autoren der Laienleserschaft mit weniger als dem höchsten Anspruch auf Unterweisung und Unterhaltung dienen.
Fragen wir uns also, wenn auch nur unter eingeschränkten Bedingungen, wie Fischer die Konsequenzen Darwinscher Grundannahmen zur Evolution des Lebens darstellt, um zu belegen, dass die Schwanitzsche Insistenz auf herkömmliche spekulative Philosophien des Geistes durch den Erkenntnisfortschritt ihren Geltungsanspruch eingebüßt hätte.
Zur größten Überraschung des Lesers ist aber mit Blick auf besagtes „Großes Buch der Evolution“ gerade diese Frage nicht zu stellen, denn Fischer konstatiert auf Seite 342 „wissenschaftliche Erkenntnisse – zum Beispiel die Relativitätstheorie oder die Idee der natürlichen Auslese – können nicht im Rahmen einer evolutionären Erkenntnislehre erläutert werden, und die Frage, wie die Menschen nach ihrem natürlichen Start im Mesokosmos diesen mittleren Teil der wirklichen Welt in die beiden Richtungen, die ins Große und ins Kleine, verlassen können, bildet ein spannendes Thema der Wissenschaftstheorie, bei dessen Bearbeitung man vielleicht lernt, wie der Schritt aussieht, der in der Natur beginnt und in der Kultur endet.“

Daraus folgt zum einen, dass Erkenntnislehre und Wissenschaftstheorie unterschieden werden müssten. Wieso gehört aber die Biologie der Erkenntnis zur Geschichte der Evolution, während der Wissenschaftstheoretiker über die evolutionäre Erkenntnislehre zumindest einen Schritt hinausführt? Wohin denn?
Zum anderen folgt aus dem Apodiktum, dass die Biologie der Erkenntnis gerade nicht in der Lage sei, spekulative geisteswissenschaftliche Gedankengebäude durch Neubauten der Evolutionstheoretiker zu ersetzen. Was da aufgebaut wird, sind ganz offensichtlich zeitübliche Display-Fassaden von sofort wieder „einstürzenden Neubauten“.
Fischer zufolge läge der Unterschied zwischen evolutionärer Erkenntnislehre und Wissenschaftstheorie in der Reichweite der Theorien: Wissenschaftstheorie erfasst demnach auch den Mikrokosmos und den Makrokosmos, die der evolutionären Erkenntnislehre verschlossen bleiben, weil das Rechnen mit dem unsichtbar Kleinen wie mit dem unvorstellbar Großen in der Evolution unserer Spezies nicht zu den überlebenswichtigen Befähigungen gehört hätte. Das ist eine kaum nachvollziehbare Behauptung, wie jede anthropologische Untersuchung über die Evolution der Kulturen zu belegen vermag, denn gerade die Konfrontation mit dem unsichtbar Kleinen und dem unvorstellbar Großen führte zur Entwicklung kultischer Orientierungen auf die religiöse Spiritualität der Menschen.
Was bringt die Biologie der Erkenntnis denn ein, wenn durch sie die entscheidenden Aspekte der Evolutionsgeschichte nicht erläutert werden können – nämlich die mit der Evolutionsannahme gesetzte Tatsache, dass alles Dasein durch sein Gewordensein bestimmt wird und damit auch durch die unabdingbare Frage nach der zukünftigen Weiterentwicklung des Gewordenen, was mit anderen Wort heißt, ob aus der bisherigen Richtung und Dynamik der Evolution zukünftige Entwicklungstendenzen abgeschätzt werden können. Anders gesagt, ob sich Geltungsansprüche aus der Genese ableiten lassen jenseits der aristokratischen Stammbaumschnitzerei, jenseits von Konservierung angeblicher zeitfester Traditionen oder jenseits vom Ancienitätsprinzip zur Begründung von Führungsansprüchen? Häufig hat man den Eindruck, der Führungsanspruch von Naturwissenschaften werde nach dem Muster europäischer Herrscherdynastien begründet, die sich als archétypisch, also immerdar ausgaben durch ihre Abkunft von den Trojanern. Sogar Gottesgnadentum scheint sich gegenwärtig als Evolutionsgnadentum wieder zu inthronisieren.
Fischer spricht (siehe obiges Zitat) von einem Entwicklungsschritt aus der Natur hinüber zur Kultur, bzw. vom Beginn des evolutionären Schritts in der Natur und von dessen Ende in der Kultur. Wie könnte das verstanden werden, ohne sogleich wieder geisteswissenschaftliche Muster, wie sie zum Beispiel Hegel entfaltete, nachvollziehen zu müssen?
Der Begriff Evolution bezeichnet ja prinzipiell Entwicklungen zwischen Beginnlosigkeit und Endlosigkeit, weil Evolution nur dann eine bedeutende Tatsache darstellt, wenn sie nicht als endlich und damit auch nicht als uranfänglich aufgefasst wird; anderenfalls wäre mit dem Begriff Evolution nur ein Wirkungszusammenhang der Bewegung von A nach B gemeint – aber es wäre ja ziemlich manieriert in einem solchen Sinne von der Evolution eines Tisches vom gefällten Baum bis zum Möbelstück zu sprechen. Ebenso harmlos oder sinnwidrig ist es, von der Evolution der Natur zur Kultur zu sprechen, wie in obigem Zitat, wenn doch gleichzeitig die evolutionäre Erkenntnistheorie gerade dazu führt, die Kulturen der Lebewesen (die der Menschen allemal) als ihre Natur zu erkennen – also anzuerkennen, dass Menschen von Natur aus kulturpflichtig sind.
Selbst der Rekurs auf Rechtwinkeligkeit, stets zum spezifischen Leistungsmerkmal der Kultur ausgerufen, verdankt sich der Natur unseres Gleichgewichtsorgans und dessen schwerkraftbedingter Orientierung auf Horizontalität und Vertikalität.
In der Tat übernimmt Fischer auch die Formulierung „Kultur als Natur des Menschen“ von anderen Autoren, aber er scheint in der Formulierung des Schritts von der Natur zur Kultur der übernommenen Einsicht nicht Rechnung tragen zu wollen. Oder meint Fischer, dass es zwei verschiedene Evolutionen gäbe, die der Natur und die der Kulturen? Was nützte dann die Rekonstruktion der ersteren für die Erkenntnis der letzteren? Oder liegt beiden Evolutionen eine gleiche Funktionslogik zugrunde – wieso werden sie dann von einander unterschieden und gar als eine Entwicklungsfolge von der Natur zu der Kultur dargestellt? Ist mit Kultur vielleicht nur ein höheres Niveau, gar ein Ziel der allgemeinen Naturevolution gemeint? Also so etwas wie Großvaters triumphale Einsicht, alles entwickele sich vom Einfachen, gar Primitiven zum Komplexen, gar Fortschrittlichen (ein Schritt von … zu …). Abgesehen davon, dass die allgegenwärtigen Behauptungen, alle Sachverhalte der Evolution seien so komplex, zumeist nur genützt werden, um sich vor Konsequenzen aus den Behauptungen zu drücken – heute tarnt sich generell jeder Simplicius Simplicissimus als Herr Complexius Complexissimus – liegt in der Annahme eines Entwicklungsschrittes von der Natur zur Kultur (gar als Ende aller Schritte) die implizite Annahme eines Entwicklungszieles, eines teleologischen Sinns der Evolution. Diesen Sinn spricht Fischer mit seiner Leitorientierung an: „wahrscheinlich macht überhaupt nichts einen Sinn, wenn man es nicht im Lichte der Evolution betrachtet, zumindest dann nicht, wenn es um unser Leben geht“ (S. 339). Den Sinn stiftet also die Evolution als Übergang von der Natur zur Kultur!
Derartige Kuriosa lassen die gesamte evolutionäre Erkenntnislehre als Versuch erscheinen, sich für den behaupteten „Sinn der Evolution“ die Autorität von Evidenzerleben zu sichern, weil die Evidenzbeweise für das Leben Gottes nur noch wenig Anklang finden. Die Gotteswissenschaft Theologie wird in die Naturwissenschaft Biologie der Erkenntnis überführt, weil letztere mehr allgemeine Anerkennung zu finden scheint durch die Behauptung, es sei sinnfällig gleich evident, dass ein Sinn nur durch das Komplexitätspostulat glaubwürdig erscheine. So ist man schon vorgegangen, als man im Wilhelminischen Berlin postulierte: Alle Gegebenheiten müssten im Lichte ihrer Historizität gesehen werden, weil nur die Geschichte resp. Geschichtswissenschaft Sinn stifte. Heute bedienen sich Sinnstifter vor allem der Illuminationseffekte öffentlicher Anerkennung für ihre Behauptung, sie hätten endgültig das haltlose metaphysische Konstrukt eines cartesianischen Ichs überwunden durch das neurophysiologische Konstrukt „Gehirn“.
Da ist jedenfalls die Frage am Platze, ob „es so etwas wie eine Evolution des Erkennens gegeben“ (S.339) hat. Grundlegend für eine Antwort sei „die Feststellung, daß unser Erkenntnisapparat als Ergebnis der biologischen Evolution, als Anpassung an die reelle Welt entstanden ist, um so zu unserem Überleben beizutragen“ (Ebenda). Was trägt denn sonst noch bei zum Überleben? Ist das auch Ergebnis der Evolution? Wieso ist es dann nur ein Beitrag und nicht das Ereignis „Überleben“ selbst? Jedoch wiederum: was wäre eine Antwort wert, wenn „wissenschaftliche Erklärungen und die Möglichkeit einer mathematischen Theoriebildung zur Beschreibung der atomaren Bewegungen und Wandlungen nicht gemeint sind, wenn es um die Verbindung der Begriffe Evolution und Erkenntnis geht“ (S. 341). Also nochmals – die Verbindung evolutionäre Erkenntnislehre taugt nicht zur „Erklärung, gar wissenschaftlichen Erklärung“ der Wissenschaften wie etwa der Mathematik!
Nun ist ja wohl nach Fischers „streng wissenschaftlicher“ Aussage gerade die evolutionäre Erkenntnislehre eine Wissenschaft, die aber seiner Meinung nach nicht im Lichte der Evolution der Natur, des Bios sinnhaft erklärt werden kann! So beißt sich die Schlange am Baum der Erkenntnis nicht nur in den eigenen Schwanz, sondern verschlingt sich gleich selber – im besten Fall eine gekonnte Umstülpung der Funktionslogik „fressen heißt gefressen werden“ (Ethik der Finanzhaie).
Wie sollte die Frage beantwortbar werden, ob es eine Evolution der Erkenntnis gegeben habe, wenn laut Fischer die Evolution der Erkenntnislehre und die Entwicklung von Wissenschaften und Künsten, von Nationalökonomie und Medizin, von Rechtsformen und Weltbildern gerade nicht denselben oder den gleichen Funktionslogiken verdankt sein können!
Fischer: „Die erste Vorstellung, daß die kognitiven Strukturen des Menschen eine evolutionäre Erklärung bedingen, findet sich bereits bei Darwin (…). Konrad Lorenz stellte die Theorie auf, daß das Leben selbst im Laufe der Evolution Erkenntnisse gewinnen kann, weshalb die Denkformen, die uns ohne Erfahrung zur Verfügung stehen, mit den Erkenntnisstrukturen übereinstimmen, die sich im Laufe der Stammesgeschichte an der Erfahrung bewährt haben“ (S. 339).
Heißt wohl, dass die Evolution unserem kognitiven Apparat gerade jene Erkenntnisse zu gewinnen erlaubt, die zum Überleben nützlich sind und von denen wir deshalb annehmen, dass sie den Strukturen der Wirklichkeit unserer Welt entsprechen. Nur „jene Erkenntnisse“, und was ist mit den anderen, für unser Überleben in der biologischen Evolution nicht so wichtigen, aber für anderes Leben unabdingbaren? Erkennt man diese anderen Erkenntnisse durch die evolutionäre Erkenntnislehre an: Wenn ja, fällt das gesamte Argument über die Evolution der Leistung unseres kognitiven Apparates in sich zusammen.
Obiger Hinweis auf Lorenz’ Theorie hat nur einen Sinn mit Blick auf die Frage, die noch Kant umtrieb, nämlich wie wir überhaupt Synthesis, also angemessene Zuordnung von Natur und Erkenntnis erreichen können, wenn doch Geist (Mathematik) und Natur (Materie) zweierlei seien!
Erkenntnis wurde verstanden als angemessene Beziehung der menschlichen Verstandestätigkeit auf das Prozedieren der lebendigen Natur – auch und gerade der des Menschen, der über Verstandesfähigkeiten verfügt. Eine solche Beziehung, die adaequatio intellectus ad rem zustande zu bringen, begründete Vernünftigkeit in der Bereitschaft und Fähigkeit, als wirklich nur anzuerkennen, was sich unserem Belieben im Glauben und Meinen entzieht und nur mit Wahrscheinlichkeit, Billigkeit und Angemessenheit erfasst werden kann.
Wo steckt die Vernunft, also die Wirklichkeitserfahrung in der Behauptung, keine Aussage mache Sinn, wenn man sie nicht im Lichte der Evolution der Natur betrachte? Heißt das, Vernunft hätten nur die Vertreter der reinen evolutionären Erkenntnislehre? Dann wären die heutigen „Hirnforscher“, „Genetiker“ und „Molekularbiologen“ kaum mehr als zeitgemäße Erscheinungen jener Autoritäten, die meinten, nichts mache einen Sinn, wenn man es nicht im Lichte des Gotteswillens (oder der Geschichte oder der Hirnforschung oder…) betrachte. Ob „Gott“, „Geschichte“, „Hirn“ oder „Evolution“ macht für die Logik der Sinnstiftung dann keinen Unterschied!
Gegen diese Position gilt es den Einwand in Erinnerung zu rufen, der seit 1927 als „sozialpsychologisches Grundgesetz“ so lautet: „what people believe to be real is real in its consequences“ – „Was immer Menschen für die Wirklichkeit halten, erweist sich als wirksam durch die Konsequenzen ihres Dafürhaltens“. Die Vertreter der evolutionären Erkenntnislehre können auch als Hirnforscher für sich reklamieren, dass die Konsequenzen ihres Dafürhaltens geradezu unüberbietbar sind. Denn die Finanzausstattung ihrer Institute und ihr Einfluss auf die Öffentlichkeit wachsen exorbitant, sodass die Herren des forschungsermöglichenden Geldes neben sich und ihrer Kraft zur Spekulation, das heißt, dem Willen zur Wette als ultima ratio, nichts dulden, als die Herren der evolutionären Erkenntnislehre, die besagte Logik des Wettens eben als ultima ratio der Selektion beglaubigen. Ultima ratio hieße dagegen als tatsächliche Letztbegründung, die Erkenntnis der Grenzen, die willkürlichen Annahmen über Wirklichkeit gesetzt sind, durch die Konsequenzen, die daraus gezogen werden müssen, als verpflichtend zu verstehen. Die Grenzen der Erkenntnis auszumessen und ihnen Geltung zu verschaffen, war aller Zweck bisherigen Philosophierens als Kritik der menschlichen Urteilskraft oder als Entdeckung der Verführung des Denkens durch die Eigenlogik der Sprachen, mit deren Hilfe wir nur zu denken vermögen. Auch in dieser Hinsicht vollführen Vertreter der evolutionären Erkenntnislehre wahre Imponiertänze. So Fischer, wenn er ausführt, „die uns gesetzten Grenzen zu überwinden, das tun Menschen, seit es sie gibt. Wir bleiben nicht am Ufer von Meeren stehen, sondern bauen Segelschiffe.“ (S. 287). Wenn die Schiffe funktionstüchtig sein sollen, dürfen wir gerade nicht die gesetzten Grenzen der Naturgesetze überschreiten, sondern müssen sie einhalten und uns zu Nutze machen!
Das „Überwinden von Grenzen“ würde ja bedeuten, dass es die Grenzen gerade nicht gibt, jedenfalls nicht als Struktur der Wirklichkeit, also dessen, was sich unserer Willkür entzieht und damit tatsächlich Grenzen setzt. Die überwindbaren Grenzen sind banale Fatalitäten, wie etwa die Grenzen der Nationalstaaten, die mal offen und mal geschlossen sind – je nach politischer Opportunität und Machtpotential.
Die Redensart Fischers verweist auf solche banale Fatalitäten wie der politischen Korrektheit, wenn er meint beschwichtigen zu müssen, was gerade die Evolution an harten Ausdrücken von Wirklichkeitserfahrung zutage bringt: „Für Darwin kam es fortwährend auf einen heftigen Kampf an, und er übersah, daß es selbst im Reich der Tiere oft altruistisch zugeht und viele Lebewesen ihr Können und ihre Kraft zum Wohl anderer einsetzen – zum Beispiel ein Murmeltier, das durch einen Warnruf, der es selbst gefährdet, seine Artgenossen rettet, oder eine Antilope, die durch Hochspringen den gleichen Effekt erzielt.“ (S. 314).
Was für ein Bild der Evolution, vor dem leider kein Pfiff des wachsamen Verstandes warnt, weil sich der Autor sonst selbst darin gehindert hätte, diese Bilder zu malen. Hat Fischer die Verpflichtung auf populäre Darstellung allzu unbesorgt sein Schreibpensum absolvieren lassen? Wohl leider nicht, denn: „die eigentliche Grenzüberschreitung ist eine andere, die sich mehr innerlich vollzieht und sich in der Kreativität, in Kunst und Wissenschaft zeigt. Die schöpferische Tätigkeit des Menschen ist ganz und gar selbstbestimmt und stellt die Selbstbefreiung von den kausalen Gesetzen, von den Mechanismen der äußeren Welt dar, wie es der philosophische Historiker Isaiah Berlin ausgedrückt hat“ (S. 287). Wozu bemüht man sich um die evolutionäre Erkenntnislehre, die allein zur Sinnstiftung führen könne, wenn man derartige Sätze über die völlige Selbstbestimmung des kreativen Menschen als Erkenntnis darstellt? Denn zum einen zeigt ja gerade die Erkenntnis der evolutionären Entwicklung des Menschen, dass er nicht ganz und gar selbstbestimmt sein kann; und zum anderen hat man in der Geschichte der Meinungen derartige Kalamitäten wie die Selbstbefreiung von den kausalen Gesetzen immer wieder im Brustton des menschenfreundlichsten Pathos vorgetragen, ohne dabei auf die evolutionäre Erkenntnislehre angewiesen gewesen zu sein. Also ist besagte Lehre, was immer sie sei, vor allem überflüssig für die Begründung von allzu gutwilligen Annahmen als Erkenntnis, wie die von dem „Weg nach Innen“ oder der menschlichen „Kreativität als Selbstbefreiung von den kausalen Gesetzen“. Da sehnt man sich geradezu zurück zu den Harmlosigkeiten pastörlicher Knabenunterweisung.

Warum der Rezensent so klug ist? Weil er nicht die Entgegensetzung der zwei Kulturen, der Geistes- und der Naturwissenschaften zu akzeptieren bereit sein kann. Denn als Ästhetiker gelten ihm wissenschaftstheoretische Begründungen als unabdingbare Voraussetzungen für jeden Geltungsanspruch von Wissenschaftlern wie Künstlern, von Theologen wie Ökonomen, von Politikern wie Medizinern. Und die Ästhetik ist nun einmal die Basis jeder Wissenschaftstheorie, seit unser nach-aristotelischer Stammvater Alexander Baumgarten schon Mitte des 18. Jahrhunderts explizit die Biologie der Erkenntnis begründete (siehe seine Analyse der cognitiones minores, der angeborenen Wahrnehmungspattern, seiner Untersuchung der Sprachlichkeit des Denkens, der Entkopplung von Denken und Sprechen, von Verstehen und Kommunizieren als Modi der Bewusstseinsbildung). Wissenschaft ist eben Wissenschaft als eine Leistung des menschlichen Geistes – gleichermaßen, ob sie sich den Erkenntnisgegenständen Natur, Kultur, Molekularbiologie oder Engelskunde widmet. Auch die üblichen Entgegensetzungen von Theorie und Praxis oder Kunst und Wissenschaft sind, so allgemein und bedingungslos sie auch für das Prozedere der sozialen Kommunikation ohne jedes Verstehen anerkannt werden, banale Fatalitäten, die wissenschaftstheoretisch unhaltbar sind und damit ohne jeden Wert für das Verständnis der Beziehung von Evolution zur Ontologie, der Lehre von immer währenden Prinzipien bzw. Gesetzen der Naturevolution. Insofern sind Theoretiker der Biologie von Erkenntnis notwendigerweise Ontologen, deren Arbeit explizit seit rund 2.500 Jahren belegt ist.
Wissenschaft betreibt, wer die Begründungspflicht für den Geltungsanspruch seiner Aussagen akzeptiert und den Anspruch aufgibt, soweit die Begründung kritischen Einwänden nicht standhält. Also ist Wissenschaft, welchen Gegenständen sie auch immer ihr Interesse widmet, im Kern ein Verfahren zur Begründung von Geltungsansprüchen wie auch immer entwickelter Aussagen. Im Sinne der Baumgartenschen Ästhetik wird eine Urteilsbegründung anerkannt, wenn der Urteilende seine eigenen Haltungen und Handlungen, seine eigene Bedingtheit im Wahrnehmen und Urteilen der Kritik an seinen Geltungsansprüchen unterwirft. Das ist der Weg, um das eigene Handeln und Verhalten aus den Zwängen bloßen mechanischen oder affektiven Reagierens zu befreien und durch die Anerkenntnis der eigenen Vorurteilsabhängigkeit, das heißt eigenen Täuschbarkeit, enttäuscht, also aufgeklärt zu werden.

Bazon Brock wird im Rahmen der Ausstellung „Evo! Evo! Biocult“ sein Konzept der Evolution des Geistes einer unabdingbaren Kritik unterziehen, deren Leistung jüngst Thomas Fuchs mit der Veröffentlichung „Das Gehirn – Ein Beziehungsorgan“ allgemein zugänglich präsentierte. Diese Arbeit – tolle lege et relege – ist jedenfalls in den Kanon der „Anderen Bildung“, den Fischer so breitenwirksam Geltung verschafft hat, als Basis zukünftiger Erörterung aufzunehmen