Maskulin - Feminin, Die Sexualtität ist das Unnatürlichste von der Welt

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

1 Zum Prinzip Individuation (ein Verweis auf Eingeschlechtlichkeit, Ageschlechtlichkeit, Gemeingeschlechtlichkeit)

Die nachfolgenden thesenhaft gefaßten Überlegungen gelten einem allgemein beobachteten sozialpsychologischen Phänomen, das in seinen einzelnen Erscheinungsweisen kurz herbeizitiert werden muß.

Eine wachsende Anzahl von Mitgliedern unserer Gesellschaft - Männer wie Frauen - geht dazu über, in Habitus und Erscheinungsbild die Merkmale der Geschlechtszugehörigkeit zu verwischen bzw. vollständig auszuschalten durch Vorgabe einer neuen Einheit der Geschlechter. Eine andere Gruppe wechselt die Geschlechterrollen; vornehmlich wechseln Männer in die Geschlechterrollen von Frauen über. Solche Ununterscheidbarkeit oder der Wechsel der Geschlechter muß zumindest für die oberflächliche soziale Konfrontation nutzbringend sein, sonst würde sie nicht versucht.

Die Frage ist, worin dieser Nutzen besteht.

Die Frage ist zweifach zu beantworten; einmal im Hinblick auf die in Anspruch genommenen Erklärungen, die für das Aufgeben der Geschlechterrollen herangezogen werden; zum zweiten im Hinblick auf die Funktion der Geschlechterdifferenzierung zur Steuerung sozialer Prozesse.

1.1 Ideologische Begründung der Unisexualität

UNISEXUALITÄT ist ein irreführender Begriffsname, der aus dem Amerikanischen übernommen wurde und nicht mehr ohne weiteres ersetzbar ist. Es muß darauf hingewiesen werden, daß UNISEXUALITÄT nichts mit Sexualität zu tun hat, sondern als EINGESCHLECHTLICHKEIT zu verstehen ist.
Unisexuelle behaupten, mit der Aufgabe der Geschlechterrollen mehr oder weniger automatisch auch andere soziale Rollen aufgeben zu können, die sie als unerträglich empfinden. Solche nicht mehr akzeptierten sozialen Rollen sind offensichtlich an das Merkmal der Geschlechtlichkeit gebunden.
Die Unerträglichkeit resultiert aus der nachdrücklichen Entfaltung ihrer Persönlichkeit - vermuten die Unisexuellen; sie seien zu weit ausgeprägte Individualitäten, als daß sie sich in die vorgegebene Beschränkung des sozialen Verhaltens durch die Geschlechterbarriere fügen könnten.
Mit dieser vermuteten Relation zwischen individueller Entfaltung und der Fähigkeit zum Überschreiten tradierter Abgrenzungen von sozialem Verhalten beschäftigen wir uns nachfolgend ausführlich.
Funktional gesehen ist Geschlechterdifferenzierung ein Mechanismus sozialer Steuerung. Unisexuelle haben offensichtlich das Bestreben, sich dieser Steuerungsmechanik zu entziehen. Das scheint auch teilweise zu gelingen, soweit sich diese soziale Kontrolle informell äußert, also auf der Ebene der Verhaltenserwartungen, der Normenreproduktionen im sozialen Raum. Der Steuerungsmechanismus 'Geschlechtlichkeit' soll durch Unisexualität in Frage gestellt werden.
Anders verhält es sich mit den Wechslern des Geschlechtsbekenntnisses, den Sozialtransvestiten. Ihre Verhaltensbegründungen gehen davon aus, daß unerträgliche Geschlechtsrollenpflichten nur auf seiten ihres natürlichen Geschlechts herrschen. Deshalb versuchen Männer in den Genuß der Geschlechterrollen von Frauen zu gelangen; für sie bieten die Geschlechterrollen der Frauen Vorteile, die sie sich zu verschaffen suchen, und vice versa. Der Wechsel der Geschlechterrollen gerät mit dem Steuerungsmechanismus selber nicht in Widerspruch.

1.2 Funktionale Begründung der Geschlechterdifferenzierung

Das einigermaßen überraschende Resultat von Überlegungen zu diesem Sachverhalt besteht darin, daß Aufgabe der Geschlechterdifferenz und Wechsel der Geschlechterrollen eng miteinander verknüpft sind. Das wird verständlich, wenn man angibt, worin die Bedeutung dieses Steuerungsmechanismus der Geschlechterdifferenzierung liegt. Geschlechterdifferenzierung wird dann zu einem leistungsfähigen Steuerungsmechanismus, wenn in ihr ein fundamentales Prinzip der Natur- und der Gesellschaftsordnung gesehen werden kann. Fundamentales Prinzip der natürlichen Ordnung ist Geschlechterdifferenzierung als Dualismus von männlich/weiblich, hart/weich, oben/ unten, gut/böse, jung/alt, Hügel und Tal, Loch und Füllung; oder als momentane Einheit des Widerspruchs, d.h. als Modell der Versöhnung der entgegengesetzten Bestimmungen im Moment der sexuellen Vereinigung.
Als Prinzip der Gesellschaftsordnung ist Geschlechterdifferenzierung fundamental, wenn unter den Bedingungen des Tausches durch Geschlechterdifferenzierung das Tauschobjekt wertvoller gemacht werden kann. So hat die Ethnologie aufgedeckt, daß die berühmte Inzestschranke auf die Tauschbedingungen zurückzuführen ist, als ein Verfahren, das Tauschobjekt mit Wesensmerkmalen auszustatten, die den Preis des Tauschobjektes steigern. Geschlechterdifferenzierung als sozialer Steuerungsmechanismus in dieser Hinsicht war beispielsweise in höchstem Maße entwickelt, als die ritterlich-feudale Gesellschaft die Frauen zu anbetungswürdigen Heiligen stilisierte, die in dieser Stilisierung dem Zugriff profaner naturwüchsiger Triebäußerungen entzogen wurden; denn solche brutale Äußerung der Naturwüchsigkeit gehörte zum Lebensanspruch einer neuen sozialen Klasse: so glaubte sich das soziale System selbst vor drohenden Zerfallserscheinungen bewahren zu können. In etwa dieser Weise gilt auch heute noch Geschlechterdifferenzierung als sozialer Steuerungsmechanismus. Die Frau ist immer noch ein stilisierter Sozialcharakter, dessen Besonderheiten zugleich Einschränkungen sind; beispielsweise wird die allgemein vorgegebene Schutz- und Hilfebedürftigkeit der Frau als Einschränkung ihrer Verantwortlichkeit erlebt. Fürsorglichkeit ihr gegenüber versteht die Frau als Einschränkung des Selbständigkeitsanspruches. Auf der anderen Seite wird dem Mann Autonomie und Machtanspruch zugestanden mit der selbstverständlichen Annahme, daß er sich stets die Erfüllung seines Anspruchs erkämpfen kann. Geschlechterdifferenzierung gilt auch heute noch als fundamentales Ordnungsprinzip der Natur, insofern die Medizin, die Psychologie, die Verhaltensforschung usw. auf physiologische, psychologische, entwicklungsgeschichtliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen verweisen.

1.3 Natürliches Dualismusprinzip und gesellschaftliches Tauschprinzip

Der Zusammenhang von Einschleifen der Geschlechterrollen und Wechsel der Geschlechterrollen liegt darin, daß Geschlechtlichkeit wahlweise aus dem Prinzip fundamentaler Naturordnung wie aus dem Prinzip fundamentaler Gesellschaftsordnung begründet wird.
Diejenigen, welche Geschlechterrollen ganz aufgeben wollen, gehen von der gesellschaftlichen Begründung der Geschlechtlichkeit aus und versuchen, sie auf die Begründung durch Naturdualismus umzustellen, wobei sie das spezielle Modell der Versöhnung adaptieren. Leben dürfte aber unter dieser Voraussetzung eines Dauerkoitus äußerst problematisch sein; zumal das Versöhnungsmodell durch die Erkenntnis beschädigt wurde, daß die bloße Vereinheitlichung der Gegensätze durchaus noch nicht ihre Einheit darstellen muß.
Umgekehrt versuchen diejenigen, die Geschlechterrollen wechseln, aus der Begründung der Sexualität durch das Dualismusprinzip in die Begründung durch das Tauschprinzip überzugehen, da unter Tauschbedingungen Geschlechterpolarität klar kalkulierbare Vorteile gewährt. Begründet man Geschlechtlichkeit aus der Natur der Sache, so kommt jeder ohne Anstrengung in ihren Genuß. Die soziale Begründung der Geschlechterdifferenzierung ist hingegen nur durch Mühe und Anstrengung zu erreichen. Naturgeschlechtlichkeit ist gleichsam bedingungslos zu haben; Sozialgeschlechtlichkeit ist bedingt.