Maskulin - Feminin, Die Sexualtität ist das Unnatürlichste von der Welt

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

3 Resümée

3.1 Autonomie und Konkurrenz – die Entstehung des bürgerlichen Subjekts

Die im Familienverband vorgegebene Einheit von Daseinsfürsorge des Einzelnen und der Gruppe, in der er lebt, brach auseinander, als die Zahl der Mitglieder solcher Sozialverbände rapide zunahm, sich immer mehr solcher Verbände etablierten, kurz als die soziale Dichte zunahm. Das Beziehungsgefüge der Menschen wurde dadurch zertrennt in zwei wesentliche Komponenten: erstens Partikularität wirtschaftlichen Handelns, zweitens Institutionalisierung abstrakter, nicht auf Verwandtschaftlichkeit gegründeter Bestimmung sozialer Existenz.
Die latente Problematik solcher bürgerlichen Existenz lag darin, daß Autonomie nicht tatsächlich ausbildbar wurde. Es blieb bei der bloßen Verselbständigung von Individuen; andererseits konnte das Prinzip der Konkurrenz, des Widerspruchs sich nicht durchsetzen - die soziale Kennzeichnung der Bürger ging doch mit Ausbildung des Besitzes als Form der möglichen Zukunft zurück auf feudale Muster der Beziehung von Mächtigen und Schwachen; auf die von Mitgliedern des Verbandes, die eine Zukunft und solchen, die keine Zukunft besaßen. Letztere wurden in kürzester Zeit die überwältigende Mehrheit. Hier treffen sich die durch die Sozialisationsbedingungen hervorgebrachte Abhängigkeit von Identität und Unterwerfung und die objektive Entwicklungstendenz der bürgerlichen Gesellschaft als historische Unmöglichkeit zur Verwirklichung des Gleichheitsanspruchs. In dieser Fatalität befinden wir uns gegenwärtig.
Die Beschwörung von Entwicklungstendenzen als Übergang vom histoire zum posthistoire, als Übergang von der bürgerlichen zur post-industriellen Gesellschaft vermag daran nichts zu ändern. Deshalb ist es um so dringlicher, sich mit den Versuchen der Problemlösung zu beschäftigen, die gegenwärtig bei voller Erkenntnis der gegebenen Bedingungen unternommen werden.

3.2 Dreimal Unisex

Nimmt man die zitierten Erscheinungen der Geschlechtsentdifferenzierung auch nur als Beispiel für solche Problemlösungsversuche, so lassen sich aus ihnen doch generelle Tendenzen ablesen.
Das auffallendste Konzept wird von den Neuformulierern sowohl der bürgerlichen wie auch der marxistischen Positionen vertreten. Seine Ausprägung findet es als Institutionenlehre dergestalt, daß gesagt wird, Gesellschaft habe einen höchsten Zweck für alle ihre Mitglieder verbindlich zu machen. Alles, was im jeweiligen Augenblick realiter ablaufe, sei nur im Hinblick auf diesen verbindlichen höchsten Zweck zu beurteilen, wobei gleichgültig ist, ob sich dieser Zweck als Setzung oder als immanente Notwendigkeit darstellt. Die objektive Entwicklung der Gesellschaft, die in Geschichte aufbewahrt wird, würde demnach nur der Versuch sein, die Gesellschaftsmitglieder immer nachdrücklicher auf die Erreichung dieses Zwecks auszurichten und einen immer größeren und umfangreicheren Aspekt ihres sozialen und personalen Daseins durch den Zweck bestimmen zu lassen; wobei verbindlich vorausgesetzt wird, daß dieser Zweck selber nicht mit dem sozialen oder personalen Dasein der Einzelnen identisch wird. Dieser Zweck kann nicht in der Konstruktion von Existenzformen der Menschen gesehen werden.
Die Optimalisierung der Zweckausrichtung hängt ab von dem Ausbau der sozialen Institutionen.
Innerhalb unseres zitierten Beispielsbereiches entspricht dem die Notwendigkeit zur Aufgabe der Geschlechterdifferenz, um auch Frauen für die Erreichung des angestrebten Zieles einsetzen zu können. Es erhöht sich die potentielle Kraft zur Erreichung des Zwecks, wenn jedes Gesellschaftsmitglied einsetzbar ist.
Die vorgeführte Entdifferenzierung der Geschlechter ist in diesem Fall durchaus keine Lüge des Systems und keine ideologische Verklammerung des Unvereinbaren. Das gilt sowohl für maoistische wie für westliche Unisexualität. Es sei nur noch einmal darauf hingewiesen, daß es bereits im Westen in den zwanziger und dreißiger Jahren unisexuelle Tendenzen gegeben hat, für die - im Gegensatz zu heute - die Angleichung der Geschlechter an den vom Mann vorgegebenen Erscheinungstyp galt. Bubikopf und Krawatte, Hose und Hut, wie sie in den zwanziger Jahren als auffallendste modische Ausrichtung des fraulichen Erscheinungsbildes auftraten, sind in den dreißiger Jahren bereits nahtlos in ihre soziale Funktion überführt worden, wenn auch die Flakhelferuniform und das Kampfhabit weiblicher Militärangehöriger doch eine gewisse Einschränkung der Ausgangsform darstellen.
Immerhin war die unisexuelle Tendenz auch damals schon funktionell begründet. Auch damals schon wirkte sie in einem bestimmten Maße zweckorientiert, indem sie eingeschliffene Rollen der Frau radikal veränderte und die über Jahrhunderte bestehenden Prägungen des Sozialcharakters Frau in kürzester Zeit zerbrechen konnte.
Gesellschaftsmitglieder, die im Augenblick bei uns Ausbildung von Unisexualität betreiben, sind mit größter Wahrscheinlichkeit Menschen, deren gesellschaftspolitische Vorstellungen auf die Durchsetzung eines allgemein verbindlichen Zwecks ausgerichtet sind.
Daß unsere Unisexuellen in überwiegender Zahl Jugendliche und junge Menschen sind, darf nicht ohne weiteres als Unverbindlichkeitshinweis abgewertet werden. In diesem Sinn wurde bereits einmal behauptet, daß nur Jugendliche und junge Menschen sich unisexuell präparieren könnten, da nur die Physiologie ihrer Körper das zulasse. Wer je in einem FKK-Gelände ältere Männer und Frauen sah, dürfte überzeugt sein, daß es viel leichter wäre, 60jährige Männer und Frauen in ihrem Erscheinungsbild gleichzumachen.
Eine zweite Erscheinungsform von Unisexualität tritt als Asexualität innerhalb unseres skizzierten Problemlösungsversuches auf. Für sie gibt es ebenfalls historische Analogien, etwa die religiösen Zusammenschlüsse von Mönchen und Nonnen, von weltlichen und geistlichen Orden. Auch für sie war der durch Kleidung und Verhalten ausgebildete Habitus mehr oder weniger einheitlich. Die zwischenmenschlichen Beziehungen blieben weitestgehend von der Geschlechterpolarität frei; sie wurden umgestellt auf Bruder/Schwester-Beziehungen. Unisexualität als Asexualität wird in der gegenwärtigen Phase der Freigabe der Sexualität für die Vermarktung in einem hohen Maße attraktiv, auch wenn bisher keine bedeutenden sozialen Gruppen auszumachen sind, die sich aus der Bestimmtheit durch Geschlechterbeziehung auf die ageschlechtliche Bruderbeziehung umgestellt hätten.
Erinnert sei aber an eine große Zahl radikaler politischer Äußerungen, die sich ausdrücklich auf Ageschlechtlichkeit als eine Voraussetzung für selbstaufopfernde, altruistische Haltung beziehen. Die seltsamste dieser Begründungen besteht darin, daß Ageschlechtlichkeit handlungsmotivierend werden kann, wenn ohne die geringste Einschränkung nach dem Muster der Sublimierung verfahren wird.
In einer dritten Gestalt tritt Unisexualität als Gemeingeschlechtlichkeit auf. Gemeint sind die Männerbünde und matriarchal organisierten Gesellschaften vom Typ der Amazonen.
Unisexualität als Gemeingeschlechtlichkeit zielt auf seit mythischen Zeiten tradierte Vorstellungen, in einer Person die Einheit der polaren Geschlechter zu erreichen, wobei der After des Mannes das an ihm auffindbare primäre Geschlechtsmerkmal der Frau darstellt, und die große Mutter als permanente Weltschöpferin nach dem Prinzip der eingeschlechtlichen Vermehrung wirkt. Es ist keineswegs zufällig, daß die Armeen als Männerbünde stets in erheblichem Maße Homosexualität produzierten. Die Isolation und das Auf-sich-selbst-angewiesen-Sein des Soldaten erzwingt geradezu Vorstellungen der geschlechtlichen Autonomie. Der in Todesgefahr und beständig in außerordentlichen Situationen agierende Soldat oder mythische Held ist versucht, sich tatsächlich unabhängig von notwendigen Bindungen an andere zu machen, die ihm gleichsam stets vergegenwärtigen, unvollständig zu sein und damit sich nur als Mittel zum Zweck begreifen zu müssen. Nicht unerheblich ist, daß die für unsere Kultur entscheidenden Schöpfungsmythen von einem Modell solcher Gemeingeschlechtlichkeit des Menschen als der noch ungeteilten Kraft des Lebensprinzips ausgehen.
Diese wenigen Andeutungen dürften insoweit argumentative Kraft haben, als das bürgerliche Prinzip der Entfaltung persönlicher Autonomie sowohl individualpsychologisch wie gesellschaftsgeschichtlich auf Interdependenz von Unterwerfung und Macht angewiesen ist, ohne sie indes tatsächlich als allgemeines Prinzip unter dem Gesichtspunkt der Verfügbarkeit durch alle gewähren zu können.

3.3 Objektwelt als Lebenswelt

Wollte man die zitierten Tendenzen zur Unisexualität werten als objektive Prozesse eines Gesellschaftsumbaus, dann wäre nicht zu bestreiten, daß ihnen tatsächlich Modellcharakter zukommt.
Individualpsychologisch wäre die Phase ödipaler Sexualität geringer einzuschätzen, als das bisher für die Entwicklung der Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft mit Grund angenommen werden muß. Es wären dann solche Entwicklungsformen hervorzuheben, die Vergesellschaftung nicht mehr unter dem Gesichtspunkt verständlich machen, daß die Sozialisierten lernen, die Positionen der Sozialisierenden einzunehmen. Das hieße, daß Vergesellschaftung nicht mehr angewiesen wäre auf die Fähigkeit zum Machterwerb durch das einzelne Individuum. An die Stelle der Positionsübernahme tritt die Aneignung des allgemeinen gesellschaftlichen Handlungszwecks. Sie kann auf die Ebene von Weltaneignung beschränkt bleiben, die durch Objektbeziehungen leistbar ist. In der Tat scheint in der vaterlosen Gesellschaft bereits die Regulierung von Sozialbeziehungen über die Objektwelt sich anzudeuten, was das kritische Moment einschließt, daß soziale Beziehungen nur noch auf der Ebene von Objektbeziehungen ausgebildet werden. Zustände der objektiven Welt treten an die Stelle von Bezugspersonen. Das ist nur dann möglich, wenn die Objektivität der Welt nicht mehr in Frage gestellt ist durch Knappheit und Katastrophen und durch herrschaftsbedingten Widerruf.
Die Konstituierung der objektiven Welt war für das Bürgertum bereits Zweck, weil sie auf diese Weise Zukunft der einzelnen Persönlichkeiten sicherte. Innerhalb der hier zitierten Tendenzen ist das Produzieren der Objektivität nur Mittel. Die Zukunft der Gesellschaftsmitglieder ist aus dem gegebenen Lebenszusammenhang herausgenommen und als das Andere, die absolut neue Qualität gekennzeichnet.
Bürgerliche Zukunft ist nicht mehr erreichbar und braucht nicht mehr erreicht zu werden.
Die Wertung dieser gesellschaftsgeschichtlichen Entwicklungstendenz wird darauf verweisen müssen, daß sie sich in auffälliger Weise jenen Zuständen annähert, die für frühe historische Gesellschaften vermutbar sind.

Doch macht es einen gravierenden Unterschied, daß unsere Gesellschaft die alles verändernde Phase bürgerlicher Weltschöpfung durchlaufen hat. So ist das Gleiche nicht mehr das Gleiche - darf es nicht sein.