Arbeit am schönen Schein

Warum Goebbels die Kunstkritik verbot Dossier von Walter van Rossum

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Manuskript

DEUTSCHLANDFUNK
Redaktion Hintergrund Kultur / Hörspiel
Redaktion: Ulrike Bajohr

Dossier
Arbeit am schönen Schein.
Warum Goebbels die Kunstkritik verbot
Von Walter van Rossum

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Sendung: Freitag, 18. November 2011, 19.15 Uhr

1. Zit.: Ein Maler – so geht eine chinesische Legende - ein Maler war alt und einsam geworden über der Arbeit an einem einzigen Bilde. Schließlich wurde es doch fertig. Der Maler lud die verbliebenen Freunde ein. Sie umstanden das Bild; ein Park war darauf zu sehen, ein schmaler Weg zwischen Wiesen führte zu einem Haus auf der Anhöhe. Als die Freunde, fertig mit ihrem Urteil, sich dem Maler zuwenden wollen, ist der nicht mehr da.

Geräusch: trippelnde Schritte

1. Zit.: Sie blicken ins Bild: Dort geht er auf dem Weg die sanfte Anhöhe hinauf, öffnet die Tür des Hauses, steht einen Augenblick still, dreht sich um, lächelt, winkt noch einmal und verschwindet, sorgfältig die gemalte Tür hinter sich verschließend.

Geräusch: Tür fällt sanft ins Schloss

Autor: Das ist der radikalste Traum von der Kunst: Dass sie aufhört.

Spr.-in: Dass sie die Sünde des Wirklichen tilgt.

Autor: Dass der Künstler in seinem Werk verschwindet.

Musik: Wagner

Autor: Die Nationalsozialisten haben diesen Traum nicht erfunden.

Geräusch: Marschtritte leise dann lauter

Autor: Doch sie haben ihn konsequent verfolgt. Sie haben ihn wie nie jemand zuvor radikal ins Werk gesetzt. Martin Heidegger:

2. Zit.: Die Künste sollen nicht mehr nebeneinander verwirklicht werden, sondern in einem Werk zusammengeschlossen werden. Aber über diese mehr zahlen- und mengenmäßige Vereinigung hinaus soll das Kunstwerk eine Feier der Religionsgemeinschaft sein: die Religion.


Ansage:
Arbeit am schönen Schein.
Warum Goebbels die Kunstkritik verbot
Von Walter van Rossum


Autor: Am 30. Oktober 1935 feierte der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda seinen 38. Geburtstag. Es kam hoher Besuch:

3. Zit.: Mittags kommt der Führer. Er schenkt mir einen wunderbaren Spitzweg. Ich bin tief beglückt. Er ist so gut zu mir. Goebbels TB 30. Okt. 35

Autor: Schön, wenn der Führer persönlich einem einen echten Spitzweg zum Geburtstag vorbeibringt. Noch schöner, wenn man wusste, dass Carl Spitzweg ein Lieblingsmaler des Reichskanzlers ist. Doch Goebbels dürfte verstanden haben, dass das Gemälde auch als Zeichen verstanden werden wollte. Denn Adolf Hitler war keineswegs zufrieden mit dem Gang der deutschen Kunstpolitik, die im Wesentlichen in den Händen seines Propagandaministers lag. Noch kurz zuvor, im Juli 1935, hatte Hitler auf dem Reichsparteitag in Nürnberg seine Linie klar gemacht:

Zitator 5: (Hitler 35) Und ebenso fest stand der Entschluss, die dadaistisch-kubistischen und futuristischen Erlebnis- und Sachlichkeitsschwätzer unter keinen Umständen an dieser kulturellen Neugeburt teilnehmen zu lassen.

Autor: Das Problem war nur: Die Avantgarde, das modernistische Gesocks, war noch keineswegs ganz ausgerottet.


O-Ton: 1 Bücherverbrennung

Autor: Dr. Joseph Goebbels war promovierter Germanist, hatte gar selbst einen Roman geschrieben und leider auch veröffentlicht. Bei den Drucksachen konnte ihm keiner was vormachen. Da wusste er, was ins neue Deutschland gehört und was nicht. Und so brannten bereits vier Monate nach Dienstantritt die bösen Bücher:

O-Ton: 2 Bücherverbrennung

Autor: Doch in Sachen Bildender Kunst war sich Goebbels keineswegs ganz sicher. So schickte er im Dezember 1933 dem norwegischen Expressionisten Edward Munch zum 70. Geburtstag ein Telegramm voll glühender Verehrung:

3. Zit.: Munchs Werke, nordisch germanischer Erde entsprossen, reden zu mir vom tiefen Ernst des Lebens. (...) Als kraftvoller, eigenwilliger Geist-Erbe nordischer Natur macht er sich von jedem Naturalismus frei und greift zurück auf die ewigen Grundlagen völkischen Kunstschaffens.

Autor: Wenige Jahre später, 1937, wird Edward Munchs Werk als Musterbeispiel „entarteter Kunst“ erst ausgestellt, dann verbannt und schließlich verbrannt.

O-Ton: 3 (Machtergreifung)


Autor: Hitlers sogenannte Machtergreifung war eigentlich gar keine. In Wahrheit hatte das Parlament mit großer bürgerlicher Mehrheit ihm die Macht auf dem Silbertablett überreicht. Insofern galt es, wenigstens zu Anfang ein wenig Rücksicht zu nehmen auf die bürgerlichen Sympathisanten. Das Verbrennen von Büchern mag den Bildungsbürgern nicht wirklich gefallen haben, andererseits hat kein Bildungsbürger auch nur leise protestiert als die Schriften von Marx, Freud, Remarque oder Heinrich Mann dem Feuer übergeben wurden. Eine gewisse erbauliche Begeisterung für moderne Kunst reichte hingegen tief in jenes Bürgertum hinein. Und es schien vielleicht geboten, es nicht unnötig vor den Kopf zu stoßen, wenn man die Werke der modernen Kunst gleich mit Stumpf und Stiel ausrottete.

Spr.-in: Selbst Spitzen der NSDAP zeigten Interesse an moderner Kunst. Einige der führenden Köpfe der Bewegung konnten etwa dem Expressionismus so einiges abgewinnen. Von Goebbels Schwärmerei für Edward Munch war bereits die Rede. Anfangs schmückten auch Gemälde von Emil Nolde die Wände seiner Residenz. Bis Hitler der Kragen platzte. Auch für Käthe Kollwitz konnte sich der Minister erwärmen. Der preußische Ministerpräsident und spätere Reichsfeldmarshall Hermann Göring rühmte sich der größten Privatsammlung in Europa, darunter fanden sich neben Rembrandt und Dürer auch Werke von Franz Marc, den er sehr geschätzt haben soll. Der Reichsjugendführer und spätere Reichsstatthalter in Wien, Baldur von Schirach, machte kaum einen Hehl aus seiner Verachtung für die offizielle Kunst des Dritten Reiches und pflegte – wenigstens im Privaten – seine Liebe zu den Modernen.

Autor: Und so konnte es zu geradezu grotesken Bewertungen kommen, wie der Kunsthistoriker Jörg Grabowski erläutert:

O-Ton: 4 Ein markantes Beispiel: Die Inn-Tal-Landschaft von Lovis Corinth wurde dahingehend beurteilt, dass das Bild im Prinzip geteilt war. Der Himmel wurde als entartet betrachtet und die Landschaft als genial.

Musik:

2. Zit.: Der Krieg ist schön, weil er dank der Gasmasken, der schrecken- erregenden Megaphone, der Flammenwerfer und der kleinen Tanks die Herrschaft des Menschen über die Maschine begründet. Der Krieg ist schön, weil er die erträumte Metallisierung des menschlichen Körpers inauguriert. ( Marinetti, Manifest des Futurismus 1909)

Autor: So feierte der italienische Futurist Filippo Tommaso Marinetti den Krieg als eine Art avantgardistisches Todesfest. So gerne die Nationalsozialisten den Krieg besangen, ihre Hymnen hatten nichts gemein mit dieser kakophonen Party. Für Marinetti war ...

2. Zit. ….. ein brüllendes Automobil schöner als die Nike von Samothrake.

Autor: Marinetti war Kulturminister unter Mussolini, sein Futurismus genoss den Rang einer Staatskunst und verstand sich als Ausdruck modernistischer Erneuerung durch den Faschismus.

Spr.-in: 1934 fand in Berlin eine Ausstellung namens „Aeropittura – Italienische futuristische Flugmalerei“ - statt, eine Ausstellung ganz im Zeichen futuristischer Perspektiven. Zu den Schirmherren gehören neben Marinetti Joseph Goebbels und Hermann Göring. Bei dieser Gelegenheit wird Filippo Tommaso Marinetti von dem international gefeierten expressionistischen Dichter Gottfried Benn begrüßt:

4. Zit.: Exzellenz Marinetti,
Form-: in ihrem Namen wurde alles erkämpft, was Sie im neuen Deutschland um sich sehen; Form und Zucht: die beiden Symbole der neuen Reiche; Zucht und Stil im Staat und in der Kunst: die Grundlagen des imperativen Weltbildes, das ich kommen sehe. Die ganze Zukunft, die wir haben, ist dies: der Staat und die Kunst. (Rede auf Marinetti. Ges. Werke 4 S. 1045)

Autor: Lauscht man der Rede Gottfried Benns, bedenkt man die Neigung manch führender Nationalsozialisten zur Moderne, erinnert man daran, dass in Italien Faschismus und Futurismus miteinander gehen konnten, dann scheint es fast, als stünden Drittes Reich und moderne Kunst nicht von vorneherein im reinen Widerspruch zueinander.

O-Ton: 5 (Brock) Die später als entartet, ab 1937 aussortierten Maler wie z. B. Nolde, wurden noch von der ganzen Staatsjugend, von der Studentenschaft als die deutsch-nationalen Künstler angesehen.

Spr.-in: Bazon Brock, Künstler und Kunstwissenschaftler

O-Ton: 6 (Forts.) Auch in Deutschland dachten die Nachwuchsorganisationen, vor allem die Studenten, die Revolutionen der Avantgarden seien auch im Politischen unmittelbar repräsentiert, also würde mit dem Umbruch im Politischen die moderne Auffassung sich auch in Wissenschaft und Kunst durchsetzen.

Autor: Vor allem aber konnte dieser Eindruck entstehen, weil führende Vertreter dieser Moderne sich begeistert in den Dienst des Nationalsozialismus stellten. Von Gottfried Benn haben wir gehört; dass der Schriftsteller Ernst Jünger für den Faschismus leicht entflammbar war, überraschte nicht so sehr, wie die völkischen Bekenntnisse des Freiburger Philosophen Martin Heidegger. Der Schauspieler und Theaterregisseur Gustav Gründgens wurde ein Vorzeigegenie der Faschisten, und der Komponist Richard Strauss, gewissen atonalen Experimenten nicht abhold, war bis 1935 Präsident der Reichsmusikkammer.

Musik: Strauss

Spr.-in: Auch unter den modernen Bildenden Künstlern zeigten sich viele dem Nationalsozialismus gewogen. So glaubte der gefeierte Expressionist Ernst Ludwig Kirchner noch lange Zeit, die Ungnade, die seinen Bildern widerfuhr, sei ein bloßes Missverständnis. Prominente Maler wie Max Pechstein und Erich Heckel warben in Schreiben an führende Nationalsozialisten um ihre Anerkennung. Emil Nolde trat 1934 voller Überzeugung in die NSDAP ein. Er sah sich als Vertreter germanischer Kunst, der Impressionismus, Kubismus oder Surrealismus zutiefst verachtete und aus dem deutschen Kunsthandel verbannt wissen wollte. In der ungekürzten Ausgabe seiner Autobiographie macht er kein Geheimnis aus seiner Eignung für wahre deutsche Gesinnung:

2. Zit.: Juden haben viel Intelligenz und Geistigkeit, aber wenig Seele und Schöpferkraft. Ein junger forscher Jude, als ich nach Berlin gekommen war, sagte mir das: „Jedes junge Mädchen mit dem ich zum dritten Male allein zusammen bin, muss fallen.“ Das machte mir jungem Menschen einen ungeheuerlichen Eindruck, der mich nie verlassen konnte. Mir waren wund alle zarten edlen Innigkeiten.
Juden sind andere Menschen, als wir es sind. Oder sollte ein deutscher Mädchenjäger auch gleiches tun oder wollen?

Musik:

Spr.-in: Warum haben sich eigentlich so viele renommierte Vertreter der Avantgarde in den Dienst Hitlers gestellt?

Autor: Zum einen verstand sich die künstlerische Avantgarde der Weimarer Republik durchweg als Aufstand und Protest gegen die bürgerliche Gesellschaft. Aus ihr hervorgegangen, wollte sie den Geist des Bürgertums überwinden, sprengte sie seine dumpfen sinnlichen und sittlichen Routinen auf. In gewisser Weise sahen auch die Nationalsozialisten sich ähnlich:

1. Zit.: Der Nationalsozialismus ist zugleich Ergebnis und Ausdruck einer umfassenden Modernisierungskrise. Er ist Produkt der bürgerlichen Gesellschaft und organisierter Massenprotest gegen sie. Er trägt traditionalistische und modernistische Züge, bürgerliche und antibürgerliche. Dieses Doppelgesicht muss man im Auge behalten, wenn man nach seinen Ursachen, Erscheinungen und Wirkungen fragt.

Spr.-in: Schreibt der Politikwissenschaftler Peter Reichel in seiner Studie „Der schöne Schein des Dritten Reiches“.

Autor: Jene Modernisierungskrise bestand – pauschal gesagt – darin, dass die Menschen sich immer mehr als Teil einer Gesellschaft begriffen, die über sie verfügte, die sie aber weder liebten nochverstanden. Und am Schluss – nach dem 1. Weltkrieg, in den ein reaktionäres Kaisertum Deutschland geführt hatte – funktionierte diese Gesellschaft nicht mal mehr zum Schein - weder ökonomisch, noch als Demokratie, noch als Nation. Die künstlerische Avantgarde hat diese Zerrüttung des Einzelnen in einer zerrütteten Gesellschaft zu ihrem Dauerthema gemacht und neue Formen angekündigt, sie auszudrücken.

2. Zit.: Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken (…)! Leitet den Lauf der Kanäle um, um die Museen zu überschwemmen! (…) Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die Hämmer und reißt nieder, reißt ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder! (Marinetti, Manifest)

Spr.-in: Die Nationalsozialisten verstanden es, sich als Ausweg aus dieser Modernisierungskrise darzustellen. Sie waren radikal, sowohl was das Nationale betraf als auch das Soziale – und vor allem: Sie versprachen, den neuen Gang der Dinge mit Sinn zu segnen. Sie marschierten als Großoffensive der Gesinnung:

O-Ton 7 und Zitator 3: (Goebbels) Der Aufmarsch, den wir begonnen haben, ist ein Aufmarsch der Gesinnung. Diese Gesinnung hat nichts gemein mit dem gleichlautenden Begriff, den wir aus der Vergangenheit nur noch in verächtlicher Erinnerung haben. Es ist eine Gesinnung der Tat, die eine Umwertung der Werte eingeleitet hat, um ihre Neuwertung zu vollziehen. Der Durchbruch dieser Gesinnung ist überall im öffentlichen wie im privaten Leben spürbar. Sie hat die Menschen umgeformt und mit neuem Lebensmut und mit stärkerer Daseinskraft erfüllt. Was uns an materiellem Glück in dieser Zeit versagt blieb, das haben wir durch die Beglückung neuer Ideen doppelt und dreifach aufgeholt.

Spr.-in: Joseph Goebbels bei der Eröffnung der Reichskulturkammer am 15. September 1933.

O-Ton 8 und Zitator 3: (Goebbels, Forts.) An die Stelle einer zermürbenden Schlappheit, die vor dem Ernst des Lebens kapitulierte, die nicht wahr haben wollte oder vor ihm flüchtete, trat jene heroische Lebenssauffassung, die heute durch die Marschtritte brauner Kolonen klingt, die den Bauern begleitet, wenn er die Pflugschar durch die Ackerschollen zieht, die dem Arbeiter Sinn und höheren Zweck seines schweren Daseinskampfes zurückgegeben hat, die den Arbeitslosen nicht verzweifeln lässt, die das grandiose Werk des deutschen Wiederaufbaus mit einem fast soldatischen anmutenden Rhythmus erfüllt. Es ist eine Art von stählerner Romantik, die das deutsche Leben wieder lebenswert gemacht hat.

Autor: Mit anderen Worten, das Dritte Reich verstand sich auch als Reich einer neuen, einer tief in die Lebensgründe reichenden, vitalen Spiritualität. Und in diesem Reich würden Künstler eine zentrale Rolle spielen. Der Führer machte Ernst mit den Ideen.

Spr.-in: Vielleicht würde man die Künste noch in Museen oder Theatern bewundern können, vor allem aber würden sie in den Seelen der Menschen stattfinden. So gesehen schien der Nationalsozialismus den Künsten und Künstlern den Rang von Wirklichkeitsverhexern anzubieten, von Priestern. Ein verführerischer Auftrag.

2. Zit. oder 4. Zit.: Sie hatten, Herr Marinetti, das ungeheure Glück, das vielleicht seit den hellenischen Architekten keinem Künstler mehr zuteil ward, zu erleben, wie die Gesetze Ihres inneren Gesichts in Ihrem Volk das Ideal der Geschichte wurden. Wir haben von hier aus verfolgt, wie Ihr Futurismus den Faschismus miterschuf, wie (,,,) Ihre Stoßtrupps für die Erneuerung Ihres Vaterlandes kämpften, kämpften und fielen und wir haben mit äußerster Spannung wahrgenommen, wie aus ihrem futuristischen Gedankenkreis, seinem Willen, seinen Kampfstaffeln (...) grundlegende Werte des Faschismus aufstiegen.

Autor: So besang der Dichter Gottfried Benn 1934 die neue Titanenrolle
der Künstler: Ihre „inneren Gesichte“ würden sich realisieren als Physiognomie des Realen. Er mag sich im Herzen der Bewegung gefühlt haben. Doch es war ein Missverständnis - wie der Künstler und Kunstwissenschaftler Bazon Brock erläutert:

O-Ton: 9 (Brock) 16.35 Ja, weil sie eben dachten, jetzt würde endlich ihren avantgardistischen Auffassungen und Konzepten eine Chance zur Verwirklichung in der Architektur, in der politischen Erscheinung, im Design gegeben. Noch Mies van der Rohe und andere Bauhaus-Modernisten haben ja bis 36 ihrerseits auch Beiträge für die Organisation von Messen und Ausstellungen geliefert, sie, die die absolute Avantgarde des 20. Jahrhunderts gewesen sind und heute z. T. noch sind und hervorragende Leistungen gebracht haben, wie ja auch die Russen allesamt 1915 oder 17 seit der Revolution bis 1927 fantastische Leistungen erbracht haben, die bis heute Standards der Moderne sind. Also die betreffenden Künstler sagten, jetzt hat unsere Auffassung von der Avantgarde von der Entfaltung der Modernität eine Chance auch wirtschaftlich und politisch und gesellschaftlich durchzukommen. Und deswegen hatte sie nichts dagegen sondern sie haben sich sogar bemüht um Aufträge - wie das Beispiel von Mies van der Rohe zeigt.

Spr.-in: Joseph Goebbels war Propagandaminister. Er war aber auch der Chef der Reichskulturkammer, die er 1933 gegründet hatte. Eine Mischung aus Kunstministerium und Selbstverwaltung der einzelnen Künste. Es gab aber durchaus noch andere mächtige Nationalsozialisten, die sich als die wahren Gralshüter der reinen Ideologie verstanden.

Autor: Etwa Alfred Rosenberg. Ein Mann der ersten Stunde. Er hatte Architektur studiert und wurde 1923 Chefredakteur der nationalsozialistischen Zeitung Der Völkische Beobachter. 1928 beauftragte Hitler ihn mit der Gründung des Kampfbundes für deutsche Kultur. Eine radikale und schlagkräftige Organisation, die für die Reinheit völkischer Kunst und Kultur stritt, allerorten eine jüdisch-bolschewistische Verschwörung witterte und entsprechend antisemitisch wütete. 1930 schließlich veröffentlichte Rosenberg sein Meisterwerk Der Mythus des 20. Jahrhunderts, mit dem er seinen Anspruch als Chefideologe der deutschen Kultur bekräftigte.

2. Zit.: Die Werte der Rassenseele, die als treibende Mächte hinter dem neuen Weltbild stehen, sind noch nicht lebendiges Bewusstsein geworden. Seele aber bedeutet Rasse von innen gesehen. (Alfred Rosenberg, Mythus des 20. Jahrhunderts)

Autor: Gegen die Blut-und-Boden-Metaphysik eines Alfred Rosenberg nimmt sich Joseph Goebbels zumindest anfangs als Mann subtiler Empfindsamkeit und gediegener ästhetischer Bildung aus.

Spr.-in: Die beiden agierten durchaus als scharfe Konkurrenten, und die Lage verschärfte sich, als Hitler Rosenberg Anfang 1934 zum Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung der NSDAP machte.

Autor: Und es waren noch andere Hüter der rechten Gesinnung im Spiel: etwa Bernhard Rust, Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Und nicht zu vergessen: Robert Ley, Chef der Deutschen Arbeitsfront – eine Organisation, wie es sie an Größe und Umfang in der westlichen Welt noch nicht gegeben hatte. Dazu gehörte das „Freizeitwerk Kraft durch Freude“, mit dem gedachte Ley – in seinen Worten - „die Arbeiter der Faust und der Stirn“ zusammenzuführen.

Spr.-in: Joseph Goebbels wollte in jenen Anfangsjahren die Freiheit der Künste - in ziemlich engen Grenzen natürlich – erhalten. Und er erklärte das in aller Öffentlichkeit. Doch Rosenberg und seine Blut-und-Boden-Genossen nutzten jede Gelegenheit, Goebbels mangelnder Linientreue zu bezichtigen. Die Ausstellung über die futuristische Luftmalerei, die, wie gesagt, höchste Protektion durch Goebbels und Göring genoss, kommentierte der Völkische Beobachter mit einer wüsten Polemik, und gleichzeitig denunzierte Rosenberg Goebbels in einer Reihe von Briefen an verschiedene NS-Größen.

Autor: Die Auseinandersetzungen häuften sich, und Goebbels wurde es allmählich mulmig. Wenige Wochen nach dem Wink mit dem Spitzweg-Gemälde zu seinem Geburtstag 1935 heißt es in seinem Tagebuch:

3. Zit.: Beim Führer zu Mittag. Große Gesellschaft. Auch Göring da. Baufragen. Fragen der Malerei. Kronprinzenpalais muss vom Mist gesäubert werden. (Tagebuch 15. Dez. 35)

Spr.-in: Goebbels ist in der Defensive und gibt schließlich noch den schmalen Rest des modernen Terrains preis. Am 26. November 1936 macht der Reichsminister reinen Tisch:

3. Zit.: "Die Kunstkritik ist im Rahmen der Neuformung des deutschen Kulturlebens eine der Fragen, deren Lösung am dringlichsten, aber auch am schwierigsten ist. Ich habe seit der Machtergreifung der deutschen Kunstkritik vier Jahre Zeit gelassen, sich nach nationalsozialistischen Grundsätzen auszurichten. (...)

Autor: So beginnt sein Erlass über die Neugestaltung der Kunstkritik.

3. Zit.: Da auch das Jahr 1936 keine befriedigende Besserung der Kunstkritik gebracht hat, untersage ich mit dem heutigen Tage endgültig die Weiterführung der Kunstkritik in der bisherigen Form.
An die Stelle der bisherigen Kunstkritik, die in völliger Verdrehung des Begriffes "Kritik" in der Zeit jüdischer Kunstüberfremdung zum Kunstrichtertum gemacht worden war, wird ab heute der Kunstbericht gestellt ; an die Stelle des Kritikers tritt der Kunstschriftleiter. Der Kunstbericht soll weniger Wertung, als vielmehr Darstellung und damit Würdigung sein.
O-Ton: 10 (Brock) Der wollte natürlich sagen, wir müssen jetzt den jüdischen Kritizismus loswerden. Wir dürfen uns nicht immer auf die negativen Erscheinungen einlassen. Wir fördern die Entwicklung nicht dadurch, dass wir das weniger Beachtenswerte durch Kritik im Zaun halten und vielleicht korrigierend eingreifen, sondern wir fördern sie ausschließlich durch affirmative Zustimmung, durch die außerordentliche Bejahung eines Anspruchs, der von der nationalsozialistischen Regierung erhoben wurde.

Autor: Und hatte der Führer persönlich nicht immer wieder namhaft gemacht, wer schuld sei an der Infamie der modernen Kunst?

O-Ton: 11
(Hitler) Nichtsdestoweniger ist es einer geschickten, ja gerissenen jüdischen Kulturpropaganda gelungen, diese erbärmlichsten Machwerke - wenn auch nicht den gesunden Einzelmenschen, so aber doch zumindest seinen so genannten berufenen künstlerischen Sachwaltern aufzuschwätzen, in unsere Galerien hineinzuschmuggeln und damit letzten Endes dem deutschen Volk doch aufzuoktroieren.

Autor: Man möchte fast lächeln über diesen Heiligen Eifer, mit dem da eine winzige Branche in die Schranken gewiesen wird. Man könnte aber auch sagen: Das war ein schlauer Coup von Goebbels, er schafft Ruhe auf dem schwer umkämpften Feld der „wahren“ nationalsozialistischen Kunst. Er verbietet einfach das unautorisierte Reden darüber. Und verdeckt so wenigstens fürs Erste das viel größere Problem, das die ganze Unsicherheit erst verursacht hat. Bazon Brock:

O-Ton: 12 (Brock) Das ist der wunde Punkt für Goebbels, der ja kein Dummi war, dass die Nationalsozialisten eigentlich gar nichts zu bieten haben. Weder im neuen Medium des Films, noch in den herkömmlichen Gattungen, selbst ihre zentralen Begriffe wie entartete Kunst hatten sie noch dem bürgerlichem Publikum entrissen. Der Begriff „entartete Kunst“ ist 1892 durch Max Südau, der wegen seiner germanophilen Leidenschaften sich in Nordau umtaufte, in die Welt gesetzt worden. Also ein zentraler Begriff wie entartete Kunst war damals schon 50 Jahre in der Debatte. So ging das auch mit allen anderen Aspekten des angeblich nationalsozialistischen Kunstwollens. Es gab aber gar nichts und weil es nicht gab, und das natürlich allen Beteiligten aufgefallen ist, haben sich viele Menschen wie z. B. Ernst Jünger oder Mies van der Rohe oder Gottfried Benn oder ein entscheidender Münsteraner Historiker namens Ritter entschlossen, dort mitzuarbeiten. Sie fühlten sich berufen, weil die Nationalsozialisten gar nichts in der Hand hatten. Nichts – keinen Begriff, nicht einmal Schlagworte, geschweige denn eine durchgearbeitete Politik. Sie fühlten sich berufen, diesem inhaltslosen Gewabere endlich mal Substanz zu geben.

Musik:
3. Zit.: Führer spricht über Kunst und Massenstruktur des Staates. Wie immer ganz groß und grundsätzlich. Immer auf die Zukunft gerichtet. Aufträge geben, dann wird auch bald die Kunst blühen. (Goebbels TB 25. Nov. 35)

Autor: Notiert Goebbels im November 1935 in seinem Tagebuch - und gibt das Staatsgeheimnis der nationalsozialistischen Kunstpolitik preis:

1. Zit.: Niemals vorher hatten vergleichbare Macht- und Geldmittel zum Zwecke der „Ästhetik“ zur Verfügung gestanden wie unter dem Faschismus,

Spr.-in: konstatiert der Kunsthistoriker Berthold Hinz.

Autor: Goebbels & Co haben in den ersten Jahren das, was sie für die schlimmsten Auswüchse der Moderne hielten, verboten und aus den Musen entfernt, und dann haben sie außerordentlich viel Geld ausgegeben, um so etwas wie eine eigene Kunst zu züchten. Auch wenn sie nie genau sagen konnten, wie die denn zu sein habe.

2. Zit.: (Speer) Auf allen Kunstgebieten hielt Hitler das späte 19. Jahrhundert für eine der größten Kulturepochen der Menschheit, aber diese Wertschätzung hörte beim Impressionismus auf, während der Naturalismus eines Leibl oder eines Thoma seiner betulichen Kunstneigung entsprach. Makart rangierte am höchsten, auch Spitzweg schätzte er sehr. A. Speer, Erinnerungen

Autor: Schreibt Hitlers Lieblingsarchitekt, der spätere Rüstungsminister Albert Speer, in seinen Erinnerungen. Und da die Nationalsozialisten in Wahrheit keinerlei künstlerisches Programm hatten, pumpten sie riesige Summen in die Kunstförderungen. Ein Erlass aus dem Jahre 1934 verfügte, dass 2 Prozent der Bausumme eines Neubaus für künstlerische Verschönerung verwendet werden mussten. 1938 wurde der Erlass zurückgezogen, weil es einfach nicht genug geeignete Künstler gab.

1. Zit.: Das Jahr 1936 bezeichnet den Wendepunkt der NS-Kulturpolitik, da die Regierung nun beschloss, eine eindeutige antimoderne Politik zu betreiben,

Spr.-in: so der Historiker Jonathan Petropoulos.

Autor: Die Zensur der Kunstkritik bildete den Auftakt, aber es blieb noch alles zu tun: Es musste endlich völkische Kunst im großen Stil in Erscheinung treten. Und der große Auftritt sollte stattfinden bei der Eröffnung des Hauses der deutschen Kunst in München – am 18. Juli 1937.

O-Ton: 13 Wochenschau Fahnen, Fahnen, Fahnen

Spr.-in: Und der Führer gibt endlich die Rezeptur für wahre deutsche Kunst bekannt:

Zitator 5: (Hitler) Das nationalsozialistische Deutschland aber will wieder eine "deutsche Kunst", und diese soll und wird wie alle schöpferischen Werte eines Volkes eine ewige sein. Entbehrt sie aber eines solchen Ewigkeitswertes für unser Volk, dann ist sie auch heute ohne höheren Wert.
Wir Nationalsozialisten kennen aber nur eine Vergänglichkeit, das ist die Vergänglichkeit des Volkes selbst.

Autor: Doch diesem Großaufgebot an Wallungsworten entsprechen mit Sicherheit nicht die Werke dieser Ausstellung. Und das ist Adolph Hitler kaum entgangen.

Spr.-in: Wenige Tage vor der Aufstellungseröffnung besichtigte er die Werke, die die Jury aus 8000 Vorschlägen ausgewählt hatte, und was dann geschah, hat ein Jurymitglied dem Maler Günther Grassmann berichtet:

O-Ton: 14 (Grassmann) Er hat mir erzählt, dass, nachdem die Ausstellung gehängt war, Hitler kam und sofort gesehen hat, dass das seinen Vorstellungen nun überhaupt nicht entsprochen hat. Dann hätte er einen seiner berühmten Wutanfälle bekommen, und wäre durch die Säle gegangen und geschrien. Raus! (Archiv WDR/DRA)

Spr.-in: Und kurzfristig mussten noch hundert Bilder abgehängt werden.

Autor: Was Hitler bei der Großen Ausstellung über die neue deutsche Kunst zu sagen hat, verschwimmt in übergroßen Beschwörungen. Richtig Kontur gewinnt seine Rede erst, wenn er über die Modernen herzieht.

O-Ton: 15 (Brock) Man versuchte etwas als gegeben darzustellen, damit man sich dagegen wenden konnte. Entartete Kunst war also ein typisches Gespenst, das man brauchte, um sich gegen es absetzen zu können.

Autor: Mit anderen Worten: Die wahre völkische Kunst versteht man am besten, wenn man die kranke, die moderne Kunst danebenstellt. Und das erklärt vielleicht, warum binnen weniger Wochen eine riesige Parallelausstellung aus dem Boden gestampft wurde, die nur ein Thema hatte: Entartete Kunst.

O-Ton: 16 (Hitler) Von diesen Werken nun den nationalen Kulturbesitz zu säubern ist eine heilige Pflicht einer politischen Leitung, die sich selbst als im stärksten Gegensatz stehend ansieht zu jenen dekadenten Kräften, die diese Machwerke dem deutschen Volk aufgenötigt haben. (…) Wie tief die Abneigung des Volkes gegenüber einer durch solche Produkte zugemutete Bereicherung seiner Kunst ist, mögen alle ersehen aus den Eindrücken, die die Besichtigung der Ausstellung "Entartete Kunst" in München bei den Beschauern hinterlässt." (Hitler Reichsparteitag 1937)

O-Ton: 17 (Wochenschaukommentar) Für die Reinheit und Sauberkeit des deutschen Kunstempfindens hat der wurzellose Jude kein Organ. Was er Kunst nennt, muss seine entarteten Nerven kitzeln. Ein Geruch von Krankheit und Fäulnis muss es umwittern."

Autor: Doch in Wahrheit waren bloß sechs jüdische Künstler unter den Dutzenden „Entarteten“ vertreten. Und die Ironie der Geschichte will, dass ausgerechnet die Ausstellung „Entartete Kunst“, die nach ihrem Auftakt in München noch in einigen anderen deutschen Städten zu sehen war, mit über 2 Millionen Besuchern zur mit Abstand erfolgreichsten Ausstellung im Dritten Reich geriet. Und so dürften viele Deutsche gewusst haben, was am 20. März 1939 in der Berliner Hauptfeuerwache unwiederbringlich von den Flammen vernichtet wurde.

Geräusch: (Feuer)

O-Ton: 18 (Goebbels) Man brauchte nur die Asche zu entfernen, dann brannte das Feuer wieder. Und nun bläst der Sturm der Zeit in die Glut hinein und beginnt sie zu hellen Flammen zu entfachen. Der nationale Ehrgeiz hat auch das deutsche Kunstschaffen erfasst.

Spr.-in: Bei dieser Aktion wurden über 1000 Gemälde und 3800 Zeichnungen, Aquarelle und Graphiken meist bedeutender Künstler verbrannt.

Musik:

O-Ton: 19 (Goebbels) "Der Führer liebt die Künstler, weil er selbst ein Künstler ist. Unter seiner gesegneten Hand ist nun über Deutschland eine Art von neuem Renaissance-Zeitalter angebrochen.

Autor: Und so sah Hitler sich wohl auch selbst. Der englische Kunsthistoriker Andrew Graham-Dixon schreibt:

1. Zit.: Hitler war auch nicht irgendein unwichtiger Verdreher der Idee der deutschen Romantik. Er war in vieler Hinsicht ihr extremster Interpret: der allergrößte, weil der verrückteste unter allen deutschen Romantikern. Man sagt von ihm – weil er die Aufnahmeprüfung zur Akademie nicht bestand -, dass er ein verkrachter Künstler war, der Politiker werden wollte; Hitler war aber ein Monster, eben deswegen, weil er im Grunde eher Künstler als Politiker war.

Autor: Doch wenn man die Kunst des Nationalsozialismus beschreiben will, wird man sie kaum in seinen Skulpturen, Filmen, Gemälden finden, sondern eher in den Realitäten, die er in diesen Jahren erschuf. In jenen Realitäten, auf die am besten wahrscheinlich der Begriff zutrifft, den der Philosoph Martin Heidegger auf die Groß- und Dauerveranstaltung anwandte: Gesamtkunstwerk.

2. Zit.: Die Künste sollen nicht mehr nebeneinander verwirklicht werden, sondern in einem Werk zusammengeschlossen werden. Aber über diese mehr zahlen- und mengenmäßige Vereinigung hinaus soll das Kunstwerk eine Feier der Religionsgemeinschaft sein: die Religion.

1. Zit.: … und es waren wirkliche Höhepunkte der von ihm erstmals planvoll entwickelten künstlerischen Demagogie, wenn [Hitler] auf dem Königsplatz in München oder auf dem Nürnberger Parteitagsgelände bei düsterer Hintergrundmusik durch die breite Gasse zwischen Hunderttausenden zur Totenehrung schritt. In solchen Szenerien eines politisierten Karfreitagszaubers, in denen, ganz wie man von der Musik Richard Wagners gesagt hat, „der Glanz für den Tod Reklame“ machte, kam Hitlers Vorstellung ästhetisierter Politik zur Deckung mit dem Begriff.

Spr.-in: schrieb Joachim Fest über die spezifische Ästhetisierung des Politischen durch den Nationalsozialismus.

Autor: Walter Benjamin hatte die Ästhetisierung des Politischen zum Kennzeichen des Faschismus schlechthin erklärt hat. Doch was heißt Ästhetisierung konkret? Es geht um mehr als Design, um mehr als ein paar blendende Lichtdome, um mehr als ein paar Injektionen der Erhabenheit oder der Erregung. Es geht um etwas, was Joseph Goebbels dunkel so beschwört:

O-Ton: 20 (Goebbels) Nur geweihte Hände haben das Recht am Altar der Kunst zu dienen. Was wir wollen ist mehr als dramatisiertes Parteiprogramm. Uns schwebt als Ideal vor eine tiefe Vermählung des Geistes der heroischen Lebensauffassung mit den ewigen Gesetzen der Kunst.

Musik:

Spr.-in: Was meinte Joseph Goebbels, wenn er von der tiefen Vermählung der heroischen Lebensauffassung mit den ewigen Gesetzen der Kunst sprach?

O-Ton: 21 (Goebbels) (4.50) Wir wussten von vorneherein, dass es hier nicht mit einer wirtschaftlichen Reform getan wäre, sondern dass die Krankheit unseres Volkes viel tiefer lag und deshalb an den Wurzeln angefasst werden musste. Obschon die Aufgaben ökonomischer Art dringend und unabweisbar waren, haben wir uns doch unter ihrem Druck an die Arbeit der geistigen, seelischen und kulturellen Neugestaltung gemacht und konnten auf diesem Gebiet, wahre Wunder des Erfolgs verzeichnen. (...) Und also es lediglich die Aufgabe einer neuen Staatsführung zu sein brauchte, diese Verschüttungen zu beseitigen, um die deutsche Seele wieder in ihren Urströmen zum Fluten zu bringen.

Autor: Der Marmor des deutschen Volkes lag da – verkratzt, verschüttet, vergessen. Dann kamen Hitler und seine Künstlerpriester und hauchten dem Stein Leben ein: Sinn.

O-Ton: 22 (Hitler) Durch sie wurde das allgemeine Selbstbewusstsein gehoben und damit aber auch die Leistungsfähigkeit der einzelnen erhöht. Allerdings hat dies eine Voraussetzung: Die Kunst muss, um ein solches Ziel zu erreichen, auch wirklich Verkündung des Erhabenen und Schönen und damit Trägerin des Natürlichen und Gesunden sein.
Musik:

Autor: Wenn Rembrandt einen Kaufmann oder Picasso die „Desmoiselles d‘ Avignon“ malten, dann ging es nicht um Abbilder, sondern um die Erzeugung von Informationen, die über die feststellbaren Tatsachen hinausweisen. Kunst produziert unableitbaren Sinn. Und nicht umsonst sehen sich die Künste in der Nachfolge der Religionen: als Sinnstifter.


Spr.-in: Der Soziologe Georg Simmel hat gesagt, die moderne Zivilisation sei gekennzeichnet von einem Überhang der Mittel über die Zwecke. D. h., wir können Menschen auf den Mond schießen, doch wir wissen längst nicht so genau, was wir da sollen. Wir verfügen über komplexe Techniken, haben aber kaum tiefgründige Ziele. Max Weber hat in diesem Zusammenhang von „der Entzauberung der Welt“ gesprochen – gewissermaßen die Berufskrankheit der Moderne.

Autor: Der Nationalsozialismus war angetreten im Zeichen eines kollektiven metaphysischen Heilsversprechens. Er würde nicht bloß die Wunden aus dem Ersten Weltkrieg, die soziale Not und nationale Verletzung heilen, sondern auch aus der kollektiven Orientierungslosigkeit führen.

O-Ton: 23 (Goebbels) Die Masse ist an sich Rohstoff. Sie zu gestalten und aus ihr jene Kräfte herauszuholen, die Systeme stürzen und neue Welten aufbauen, wird die erste und vornehmste Aufgabe jeder staatsmännischen Begabung sein. Auch der wahre Politiker ist im letzten Sinne ein Künstler. So wie ein Bildhauer den rohen Marmor abzirkelt, behaut und meißelt, so formt der Staatsmann aus dem rohen Stoff Masse ein Volk, gibt ihm ein inneres Gerippe und ein haltendes Gefüge, bläst ihm dann jenen schöpferischen Odem ein, der das Volk zur Kulturnation emporwachsen lässt. Wir Nationalsozialisten sind keine Handwerker der Politik, wir sehen in den Tagesfragen und den Tagesnöten zwar einen Teil der Politik, aber darüber steht doch ein Wuille und darunter liegt doch eine Idee, die Tagesfragen und Tagesnöte erst den echten Sinn und die einzige Lösungsmöglichkeit geben. (...) Wesentlich ist, dass man die geheimen schöpferischen Triebkräfte erkennt, die im Volk selbst lebendig sind. Eine Politik ohne Volk ist dumm und sinnlos, eine Politik gegen das Volk ein Verbrechen.

Autor: Niemand hat Gott je gesehen. Doch wer sich ins Gebet vertieft, spürt seine Nähe. Bei den nationalsozialistischen Religionsfeiern erschien nicht Gott, sondern jene Gesinnung, die Goebbels unaufhörlich in seinen Reden beschwor. Eine Gesinnung, die sich nicht in ein paar Überzeugungen oder Meinungen erschöpfte, sondern alles konfigurierenden Sinn hervorbrachte.

Spr.-in: Deshalb waren das Erhabene, die heroische Lebensauffassung, der Adel deutscher Urströme mehr als leere Worte, denn das deutsche Volk stellte sich jeden Tag aufs Neue als jenes Kunstwerk auf, das das Erhabene, Heroische, Deutsche als Sinn manifestierte. Die Deutschen formierten sich zu jenem vielteiligen Kunstwerk „als Feier der Religionsgemeinschaft“, das Sigfried Krakauer so beschrieben hat:

1. Zit.: Man zwingt die Massen dazu, sich überall selbst zu erblicken (Massenversammlungen, Massenaufzüge usw.). Die Masse ist sich so immer gegenwärtig und oft in der ästhetisch verführerischen Form eines Ornaments oder eines effektvollen Bildes (...) Man schlägt, in der Absicht, die Bedeutung der Masse als einer Masse zu unterstreichen, alle mythischen Kräfte aus der Masse heraus, die zu entwickeln sie fähig ist. So kann es vielen erscheinen, als ob sie in der Masse über sich hinausgehoben würden.

Autor: Und ein anderer Zeitgenosse, nämlich Walter Benjamin, hat bereits 1936 exakt die Richtung gewiesen, die das Heil durch die Kunst nehmen musste:

1. Zit.: Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg. Der Krieg, und nur der Krieg, macht es möglich, Massenbewegungen größten Ausmaßes unter Wahrung der überkommenen Eigentumsverhältnisse ein Ziel zu geben. (W. Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Nachwort. Ed. Suhrkamp 28. S. 42)

Musik:
Absage:
Arbeit am schönen Schein.
Warum Goebbels die Kunstkritik verbot
Sie hörten ein Feature von Walter van Rossum
Es sprachen: ......... und der Autor.
Ton und Technik: Gunter Riose und Angelika Brochhaus
Regie: Walter van Rossum
Redaktion: Ulrike Bajohr

Eine Produktion des Deutschlandfunks 2011