Imaging Sciences

Zweitägiges Symposium im Anschluss an die Ausstellungseröffnung von Kata Legrady "Bombs and Candies. dulce et decorum"

Rastertunnelmikroskopische Aufnahme von Verunreinigungen einer Eisenkristalloberfläche mit Chromatomen (kleine Spitzen) | "Atomic-scale Observations of Alloying at the Cr-Fe(001) Interface" by A. Davies, J.A. Stroscio, D.T. Pierce, and R.J. Celotta, Phys. Rev. Lett. 76, 4175 (1996).
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

26. Januar 2012, 16-20 Uhr
Bildgebungsverfahren in der molekularen und biomedizinischen Wissenschaft

Bildgebungsverfahren sind zentraler Bestandteil aller molekularen und biomedizinischen Wissenschaften geworden. Dabei werden zeitliche und räumliche Dimensionen über neun Größenordnungen abgedeckt, von Nanosekunden und Nanometern zur Beschreibung von Dynamiken in molekularen Dimensionen bis hin zu Metern und Sekunden, um funktionelle Prozesse des menschlichen Körpers abzubilden.

Der größte Teil der relevanten Skalen in wissenschaftlichen Bildgebungsverfahren entzieht sich dabei unserer direkten Erfahrung. Während jedoch konventionelle Mikroskope Abbildungen kleiner Objekte liefern, die über sehr direkte Abbildungsfunktionen mit den untersuchten Objekt in Beziehung stehen, entsprechend einer Vergrößerung wie sie mit einer Lupe erreicht werden kann, fehlt dieser Bezug bei anderen Abbildungstechniken vollständig. Dies gilt z. B. für die Abbildungen von Molekülstrukturen, die in Größenbereichen unterhalb der Wellenlänge des für uns sichtbaren Lichtes liegen, oder für Bildgebungsverfahren, die auf der Wahrnehmung von Signalen beruhen, die für unsere Sinnesorgane nicht zugänglich sind, wie z. B. die Magnetresonanzspektroskopie in der medizinischen Bildgebung.

In diesen Fällen findet eine unseren Wahrnehmungsgewohnheiten und den analytischen Fragen konforme Umsetzung von primären Messsignalen in Bilder statt. Die Kenntnis der Abbildungsfunktion ist dabei eine unabdingbare Voraussetzung für eine Nutzung des Bildes als Erkenntnisobjekt.

Hierbei stellen sich sehr relevante Fragen für den Laien als Rezipienten wissenschaftlicher Bilder im Alltag: Inwiefern wird Glaubwürdigkeit durch Abbildungstechniken gewonnen, die auf glänzende Oberflächen und Farbe setzen, wo diese den Daten doch nicht inhärent sind? Ist das glänzendere Medizinmolekül also die bessere Medizin? Sind Abbildungen von Stoffwechselvorgängen im Gehirn tatsächlich Bilder des Denkens? Wie prägen Bilder der medizinischen Forschung unsere Vorstellung von Krankheit und Heilung?

Eine Führung durch neun Größenordnungen in Raum und Zeit
Roland Brock wird im ersten Teil der Veranstaltung die Besucher durch Größenordnungen wissenschaftlicher Bildgebungsverfahren in Raum und Zeit führen. Dabei wird vor allem die Frage nach der Direktheit des Bezuges zwischen Objekt und Bild gestellt werden, die für die Nutzung des Bildes als Erkenntnisobjekt essentiell ist.

Bilder von Gesundheit und Krankheit: Vorstellung von Realität
Peter Friedl wird den Einsatz bildgebender Technologien als externe, hoch auflösende, vieldimensionale „Sinnesorgane“ zur Darstellung von lebenden Zellen und Geweben für gesunde und krankhafte Lebensprozesse diskutieren. Anhand von Bildern, Filmen, Rekonstruktionen und Daten wird er am Beispiel von Krebs die Abhängigkeit der Krankheit vom Gesunden und Funktionen der Körperabwehr zur Abtötung von Tumorzellen visualisieren – und abstrahieren.

Prof. Dr. rer. nat. Roland Brock hat an der Universität Tübingen und an der University of North Carolina in Chapel Hill Biochemie studiert und 1999 seine Promotion am Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen abgeschlossen. Anschließend war er in Tübingen Leiter einer unabhängigen Nachwuchsgruppe. Seit 2006 hat er den Lehrstuhl für Biochemie an der Universitätsklinik der Radboud Universität Nijmegen in den Niederlanden inne.
Forschungsschwerpunkte sind molekulare Mechanismen, mit denen Peptide in Zellen aufgenommen werden sowie Mechanismen der Signalverarbeitung in Zellen; hierbei sind Mikroskopietechniken von zentraler Bedeutung.
Zur Problematik der Bildgebungsverfahren ist Brock, R., (1995). Realität durch Visualisierung oder visualisierte Realität - Die Darstellung von Molekülstrukturen. In: Platons Höhle - Das Museum und die elektronischen Medien, M. Fehr, C. Krümmel, M. Müller, eds., Wienand Verlag Köln erschienen.

Prof. Dr. med. Ph.D. (CDN) Peter Friedl hat an den Universitäten Regensburg, Würzburg und Bochum zunächst Humanmedizin studiert, gefolgt von einer naturwissenschaftlichen Dissertation in Immunologie und Tumorbiologie an der McGill Universität, Montréal, Kanada. Nach einer Phase der experimentellen Forschung an der Universität Witten/Herdecke arbeitete er von 1996 bis 2007 als Facharzt für Dermatologie und Allergologie an der Universitätshautklinik Würzburg, zuletzt als Oberarzt. Seit 2007 leitet er das Zentrum for Mikroskopische Bildgebung an der Radboud Universität Nijmegen und seit 2011 ein Labor für Tumorbildgebung am MD Anderson Cancer Center, Houston, USA.
Seine Arbeiten konzentrieren sich auf dynamische Bildgebung von Immunabwehr und Krebs, insbesondere die Bewegung von Immunzellen, Krebsmetastasierung, Abtötung von Tumorzellen durch das Immunsystem und daraus abgeleitet Therapieverfahren zur Behandlung von Tumorerkrankungen.
Er hat eine Vielzahl internationaler Arbeiten zum Thema der Visualisierung von Zellfunktionen veröffentlicht und sich konzeptionell mit Formen und Grenzbereichen wissenschaftlicher Wahrnehmung beschäftigt (u.a. in Friedl, P. 1994. Das physikalische Weltbild der naturwissenschaftlichen Medizin. Erfahrungsheilkunde 43:660-664). Für seine Arbeiten zur Bildgebung von Immun- und Tumorzellen erhielt er mehrere Preise, unter anderem den Felix-Wankel-Tierschutzpreis (1994), den Deutschen Hautkrebspreis (2005) und den Deutschen Krebspreis (2008).

27. Januar 2012, 16-20 Uhr
Vom kriminalistischen zum erkenntnistheoretischen Verständnis von Fälschungen

Bazon Brock
Ent-Täuschung als Aufklärung
Wer weiß, dass er lügt, ehrt die Wahrheit.

Roland Brock
Bildfälschung in den Naturwissenschaften

Erkenntnis durch wahre Falschheit

Es verwundert immer wieder, daß sich seit der Aufdeckung der Vermeer-Fälschungen Ende der 1920er Jahre die Diskussion achtzig Jahre lang in den gleichen Bahnen bewegt, also weiterhin unsinnig geführt wird. Nicht einmal Orson Welles‘ geniale filmische Bearbeitung des Themas in „F for Fake“ (1974) mit den besonders erhellenden Sequenzen über den Großfälscher Elmyr de Hory hat bei unseren Feuilletonisten, Staatsanwälten und Sammlungsdirektoren gefruchtet, obwohl mit der Verwendung des Begriffs Fake ja bereits die Qualität bezeichnet wird, durch Eingeständnis der Falschheit auf Wahrheit bezogen zu sein. Offenbar hat sich auch der Begriff der originären Fälschung trotz entsprechender Ausstellungen (zuletzt die lebensgroßen Terrakottafiguren aus der Armee des ersten chinesischen Kaisers im Hamburger Völkerkundemuseum) nicht durchgesetzt. Hängt dem Problem immer noch seine Entstehungsgeschichte in Antike und früher Neuzeit nach, als man nicht auf eigenes Urteil nach persönlichem Augenschein vertrauen konnte, sondern dem Hörensagen ausgeliefert war? Aber damals ging es im wesentlichen um Vortäuschung eines behaupteten Materialwerts wie dem von Gold oder Silber oder hochwertigen Stoffen, den man einem Käufer in betrügerischer Absicht vorenthalten wollte.

Die ewige Wiederholung der gleichen Einwände gegen die Anerkennung von Fälschungen als besonderen Leistungen ist umso unverständlicher, als sich inzwischen herumgesprochen haben dürfte, daß sich Expertenurteile über Zuschreibungen und Aberkennungen ohnehin im Laufe der kunstwissenschaftlichen Entwicklung ändern, zum Beispiel für das Œuvre von Rembrandt, ohne daß dabei irgendeine betrügerische Absicht oder ähnliches im Spiel wäre. Aber auch da gilt es, die Frage zu stellen, warum der jahrzehntelange Liebling der Rembrandt-Kenner wie der Rembrandt-Fans, der sogenannte „Mann mit dem Goldhelm“ plötzlich an Wert und Interesse verlieren soll, bloß weil eine Expertenkommission ihn nicht mehr in toto Rembrandt persönlich, sondern einem Maler aus seinem Umfeld zuschreibt.

Mit der Selbstanzeige fordern jahrzehntelang erfolgreiche Fälscher endlich die gebührende Anerkennung ein. Wieso werden solche grandiosen Figuren meisterlicher Größe immer noch wie Taschendiebe oder Kreditbetrüger behandelt? Haben sie irgend jemandem geschadet? Jedenfalls nicht dem Käufer der schließlich als Fälschung enthüllten Bilder. Denn wieso kann sich ein Bildersammler gerade auf seine außerordentlichen Kenntnisse berufen, wenn sie nicht ausreichen, ein echtes von einem gefälschten Bild zu unterscheiden?

Darüber hinaus aber bleibt die Frage unbeantwortet, warum ein Bildwerk, dessen Konzept, formale Gestaltung, Ikonographie und Wirkungskraft bisher geradezu gefeiert wurden, nur deshalb plötzlich wertlos sein soll, weil es nicht von dem namhaften Künstler selbst stammt, sondern von einem Namenlosen, der allerdings über die gleichen, ja prinzipiell über größere Fähigkeiten verfügen muß als die gefälschten Künstler.

Und wie soll durch die Fälschung die Wertschätzung von Kunstwerken um ihrer selbst willen beschädigt worden sein, wenn sogar Experten Fälschungen nicht von Originalen unterscheiden können – weder im Hinblick auf Authentizität der künstlerischen Haltung noch auf Stimmigkeit der nur sekundär intuitiv wahrnehmbaren Aura noch auf die Einpassung in Werk und Biographie des prätendierten Urhebers? Ein Ausweg aus den Dilemmata eröffnet sich mit der Erarbeitung des neuen Objektstatus‘ „Fake“ zwischen originalem Kunstwerk und Fälschung. Es wurden bereits an vielen Stellen der Welt Schausammlungen für echte Fälschungen eröffnet, in denen grandiose Kunstwerke im Rang von Braque, Chagall, Feininger, de Chirico, Malewitsch, Dalí oder Ernst mit dem Zertifikat „erstrangiges Fake“ ausgestellt werden.

Kontakt:
Denkerei
Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen
und Maßnahmen der hohen Hand
Oranienplatz 2
10999 Berlin

Anmeldung per Email an:
bazonbrock@bazonbrock.de