Bazon Brock, Schaudenker hinter Glas

WDR 5
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ein Feature von Manuel Gogos

Sprecher: Leopold von Verschuer und Holger Kunkel
Technische Realisation: Ilse Sieweke
Regie: Hans-Jürgen Schunk
Redaktion: Adrian Winkler
Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks Köln 2012

Wiederholung: 19.02.2012, 18:50 Uhr

Bazon Brock, Schaudenker hinter Glas

Alle haben sie dem Wuppertaler Ästhetik-Professor gelauscht, die Heroen unseres Kunst- und Theoriebetriebs von Diedrich Diederichsen bis Neo Rauch. Lange vor Harald Schmidt hat Jürgen Johannes Hermann Brock, 1936 in Stolp, Pommern geboren, die entscheidenden Momente der Weltgeschichte mit Playmobil-Männchen nachgespielt. Bazon - d.h. "der Schwätzer" - Brock versteht sich als Alltagsinszenator. Seine Auftritte mit Joseph Beuys und Wolf Vostell sind Legende.

O-Ton 1 Bazon Brock, Die Revolution mit der Heizdecke
Kommen Sie zu uns rein, heute Nachmittag denkt zwischen 14 und 18 Uhr der zeitgenössische Denker X für Sie, schaun Sie ihm beim Denken zu.

Autor
Wir schlendern durch die Düsseldorfer Altstadt des Jahres 1961. In der Kunstgalerie Zwirner steht ein Mann im Schaufenster. Wie die Prostituierten in Amsterdam. Wir gehen näher heran. Der Mann steht auf dem Kopf. Er scheint einen Vortrag zu halten. Fast, als würde er singen.

O-Ton 2 Bazon Brock, Autoren als Discjockey (Autoren als Discjockey, 29.06.1969)
Lalalalala ...

Autor
Wie ist alles, was wir sehen, mit uns verwandt? Sehen wir alles nur wie durch eine Scheibe, gibt’s eine Verbindung, gibt’s eine Verwandtschaft?

O-Ton 3 Bazon Brock, Autoren als Discjockey
Letzte Möglichkeiten, heute Handlungszusammenhänge zu erfahren, bietet das Theater. Eigenen Sie sich die Mittel des Theaters an. […] Übertragen Sie die Demonstration in ihr reales Leben. Bestellen Sie mich. Ich komme gern. Und alles wird anders. 

Autor
Wer das ist, diese Stimme, die eine ganze Welt trägt? Dieses Hörbild, das sich so tolldreist ins Leben der Anderen mischt? Jede Frage des Publikums wie eine Probe auf seine Allwissenheit.

Sprecher (=Zitator)
Wissen Sie, junger Mann, das Einzige, was ich mir in meinem ganzen Leben immer gewünscht habe, ist, einmal eine Darstellung meiner Persönlichkeit zu erleben, wie sie wirklich ist.

Autor
Bazon Brock nennt er sich, der Schaudenker aus Bernsteintagen. Eine Kunstfigur, die sich aus einer Normalsterblichen Existenz nährt wie ein Bauchredner. Wie ein Vampir. Unmöglich, ihn zu sehen, wie er sich selbst sieht! Unmöglich?

O-Ton 4 Bazon Brock IV
Öfter fragt man mich, ob ich nicht langsam an die Grenze eines Spaltungsbewußtseins gerate, weil ich ständig zwischen diesen beiden Polen einer bürgerlichen Existenz als Jürgen Johannes Brock oder als Bazon Brock mich darstelle. Aber das ist für mich immer so gewesen, wie das Verhältnis von Theaterzuschauern zu Theatermachern auf der Bühne. Ich sitze mal unten, und mal sitze ich oben.

Autor
Wir stehen auf dem Wilsterer Jahrmarkt in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Noch findet alljährlich die atemberaubende Vorstellung eines Entfesselungskünstlers statt. Der Schüler...

O-Ton 5 Bazon Brock II
Jürgen Johannes Hermann Brock, geboren in Stolp 1936...

Autor
steht im Publikum. Von der Vorführung tief beeindruckt.

O-Ton 6 Bazon Brock II
In Friedenszeiten wurde das ja als eine Art Heroismus gefeiert. Denn es gab damals noch auf jedem Jahrmarkt und bei uns dann nachdem wir aus den Lagern gekommen waren, ab 49, die höchste Attraktion stets als die Selbstentfesselung eines Menschen, der sich vom Publikum in Ketten legen ließ, und dann sprang der in ein großes Bassin, ging mit den schweren Ketten unter und wäre natürlich ersoffen, wenn er sich nicht selber von den Fesseln befreit hätte.

Autor
Geboren in Stolp 1936. Ein Kriegs- und Flüchtlingskind. Die absehbare Biographie eines Entfesslungskünstlers, wie es scheint. Aber in seiner Schulzeitung „Zeterum Zensor“ stellt er eine Verbindung zwischen der Entfesslung und dem Nationalsozialismus dar. Um der heroischen Selbstentfesselung die Selbstfesselung als Zivilisationsprogramm entgegenzustellen.

Sprecher
Wir fordern Sie auf, alles in Ihrer Macht Stehende zu unterlassen.

O-Ton 7 Bazon Brock II
... man darf eben nicht die freie Wildbahn zulassen, man darf das Austoben der Gemeinheit, der Niedertracht, der Lust die Regeln zu brechen nicht gestatten.

Ausschnitt, Vostell

Autor
Damals mag Jürgen Johannes Hermann Brock nicht geahnt haben, daß jene heroische Selbstentfesselung später einmal als Kippfigur sein Selbstverständnis als Schaudenker prägen würde. „Bazon“, das ist der Spitznahme, den ihm sein Lateinlehrer angehängt hat. Bazon, das heißt einfach: der Schwätzer.

O-Ton 8 Bazon Brock II
Es war dann aber die Lehrerschaft des Gymnasiums, die mir die Chance bot, mich auf eine andere Ebene zu bringen. Ich bekam dann eben vom Studiendirektor Max Thissen, entsprechend einer Kieler Tradition, ein Kognomen, einen Beinahmen, ich bekam von ihm die Offerte, mich als Sophist darzustellen. Also der mehr oder weniger allen auf den Geist geht, weil er zu allem was zu sagen hat.

Einspielung 1 Notrufsäule BB (auf Mozart, Don Giovanni, Auftakt)
Wir schreien vor Verzweiflung oder Angst oder Freude etc., und erwarten das Echo, das Echo ist es, was uns in der Welt orientiert, und das ist Metaphysik.

Autor
Wir befinden uns in der Anfahrt auf Brocks Haus. Als dann unser Auspuff zu röhren beginnt, als wollte er uns gleich abfallen, sehen wir am Straßenrand eine jener altvorderen Notrufsäulen, an denen die Schiffbrüchigen Autofahrer des letzten Jahrhunderts noch ihre Hilferufe absetzen konnten. Wir halten an, setzen den Warnblinker, treten heran und drücken den Knopf.

O-Ton 9 Bazon Brock I (er telefoniert)
Eine Sekunde bitte…wissen Sie wie Ihr Chef zum minimalinvasiven Verfahren à la Leipzig steht?

Autor
Einen Wimpernschlag später sind wir im Brock-Haus angekommen. Er hat selbst die Tür geöffnet und den Hund ins Schlafzimmer gesperrt. Brock ist groß, er trägt ein kleinkariertes, lachsfarbenes Jackett, seine grauen Haare sind zu einer schönen Welle gebürstet. Eine Spielart des stärksten Mannes der Welt.

Sprecher
Er fühlte sich fast zu groß für sich selbst. Das ist ein Chef, dachte er.

Autor
Wir schauen aus dem Fenster. Das Haus liegt über den Wipfeln Wuppertals. Wie die Häuser Venedigs auf Baumkronen. Das hat er uns anlässlich seines 75sten Geburtstags in Venedig selbst erzählt.

O-Ton 10 Bazon Brock II
Die Geburt ist eine aus dem Lebensprozess nachträglich sich ergebende Schlussfolgerung. Und daraus konstruiert man natürlich dann auch das Faktum, dass man eines Tages nicht mehr in der irdischen Gestalt vorhanden sein wird, und dass sich dann der vorgeburtliche Raum als der Nachtodesraum zusammenschließt. So ungefähr wie im Theater, da sieht man sich selber auf der Bühne agieren, und dann ist nach gewisser Zeit das Theater zu Ende und man geht durch ne Tür wieder raus und ist in dem Raum aus dem man reinkam.

Autor
Als Kinder wurden sie Sonntags immer ins Lauenburger Kino am Schwanenteich gebracht, um die Wochenschau zu sehen – Russlandfeldzug als Bühnenspektaktel.

Autor
Das hat ihm dann auch die Augen geöffnet, wenn auf Liszts berühmten Fanfarenstoß die Panzer losgingen. Für das, was im Bild nicht sichtbar sein sollte. Für den Verblendungszusammenhang.

O-Ton 12 Bazon Brock II
Die Russen winkten fröhlich, weil die Kinder liefen, zogen aber auf dem Boden die Panzerfäuste auf die linke Seite des Theaters, um damit dann Panzer abzuschießen, die einem gerade noch freundlich zugewinkt hatten.

Autor
Es ist wie in jener anderen Szene. Jürgen Johannes Hermann spielt im Büro seines Vaters. Der gehörte zur Gruppe Strasser, dem Kampf der 34, der Sozialisten im Nationalsozialismus. Der Vater lehrt ihn Bildkritik. Jetzt soll er beschreiben, was er sieht. Jetzt sieht er das Fräulein Gerhards, die Chefsekretärin. Sonst sieht er nichts. Dass jedes Enthüllen zugleich ein Verhüllen ist, wird ihm später für die Besucherschulen der documenta eine Lehre sein.

O-Ton 13 Bazon Brock IV
Er muss also erkennen, dass die entscheidende Zumutung für den Besucher darin liegt, das was gezeigt wird ins Verhältnis zu dem zu setzen, was nicht gezeigt wird.

Autor
In den Bücherregalen Bildbände über Architektur. An den Wänden Kunstwerke der jungen Wilden. Die vergleichsweise unbedeutend sind, das Kunstwerk ist er.

O-Ton 14 Bazon Brock IV
Und das muß ich wissen, sonst kann ich einer Ausstellung nur als Gläubiger Proselyt folgen, nur einer Propaganda unterliegen und das entweder hinnehmen oder nicht hinnehmen.

Sprecher
Selbstverwirklichung ist ein Ideal der Vollidioten.

Autor
Brock ist der Marathonmann des Schaudenkens. Ein Pythagoras hinter dem Vorhang. Ein Steinerner Gast. Eine Stimme, die eine ganze Welt trägt. Mal spricht sie Lateinisch, mal Aramäisch, mal Griechisch.

O-Ton 15 Bazon Brock IV
Im Griechischen heißt es ja, der „Polemos“ – nicht der Krieg, der Polemos, also die Polemik, ist der Vater aller Dinge.

Autor
An die 50 Jahre vollführte er seinen Lustmarsch durchs Theoriegelände. Zündelte dabei ständig an der Geistesgeschichte herum. Stellte Kurzschlüsse her zwischen Tarzan und dem Heiligen Franziskus, Curry und Wurst, Gott und Müll.

Einspielung 3 Notrufsäule BB
Wir sind nur Verfall im Abruf. Wir sind nur Tote auf Widerruf. Wir sind nur Gewesene. Ich kann Ihnen hier mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass alle hier anwesenden in hundert Jahren tot sind. Wenn sie dieses Bewusstsein nicht haben, können Sie den Augenblick gar nicht nutzen.

Autor
So haben sie alle Bazon Brock gelauscht, die Heroen unseres Kunst- und des Theoriebetriebs, die Neuen Wilden der Malerei, Gerhard Merz und Neo Rauch. Diedrich Diederichsen wäre ohne Brock nie zu jenem einzigen, unsterblichen Satz fähig gewesen: "Wolf Wondratschek ist Uschi Glas." Lange vor Harald Schmidt hat Brock die entscheidenden Momente der Weltgeschichte mit Playmobil-Männchen nachgespielt. Zum Beispiel den Krieg.

Einspielung 4 Notrufsäule BB
... Sie kennen die große soziale Strategie des Kriegführens als einer allgemein akzeptierten Form des Vernichtens dessen, was vorher aufgebaut worden ist, dem in die Welt bringen von Artefakten muss ein aus der Welt bringen entsprechen, denn sonst ist die Balance zwischen Schöpfung und Vernichten nicht mehr gewährleistet und die Welt wird verstopft wie wir das eben allenthalben erleben.

Autor
Wer Bazon Brock verstehen will, muss Jürgen Johannes Herrmann kennen, den eigentlichen Selbstfesselungskünstler, den Grundguten, der für seine Mitarbeiter Schokoriegel besorgt, der aus Reinlichkeitsbedürfnis auf den Knien herumrutscht, um die Kaffeeflecken wegzumachen.

Sprecher
In seiner Jugend war er labil gewesen, nun gut, was heißt das schon. Eines Tages, im Frühherbst, wenn die Bauern mit dreischarigen Pflügen die Erde brechen, war er mit einer drei Meter langen Nadel und mit tausenden Metern Garn hinter einem Traktor hergegangen, um die Erdfurchen wieder zuzunähen. Der Bauer holte die Polizei, die Polizei einen Psychiater; der Vorfall scheint für ihn bestimmend geworden zu sein. Denn der Psychiater hatte gesagt, man könne sein Verhalten durchaus einsichtsvoll nennen.

O-Ton 16 Bazon Brock IV
Das waren Erfahrungen, die mir dann sehr geholfen haben. ... Und das ist mir auch bis heute als Überlebensstrategie zu eigen geblieben: Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich überall überleben kann.

Autor
Inmitten der menschlichen Tragödie plötzlich das Intermezzo einer göttlichen Komödie.

Es klingelt an der Tür.

Autor
Auftritt der Wünschelrutengänger

O-Ton 17 Bazon Brock III
Harry Kaiser.

Autor
Der Resonanzexperte kommt viel rum. Über Neo Rauchs Bild „Die Kanone“ sagt er, es hätte eine „herzliche“ Ausstrahlung. Heute ist er auf der Durchreise nach Gelsenkirchen.

O-Ton 18 Bazon Brock III
HK: Die wollen mich möglicherweise für ihren Verein, Schalke 04. Der hat da einen Termin freigeräumt, da kann ich nicht zu spät sein. BB: Dann müssen sie jetzt fahren. HK: Na, jetzt noch nicht. BB: Doch 12 Uhr 12 ist es schon. HK: 12 vor. BB: Monika, 12 Uhr 12?! Monika (ruft aus dem Hintergrund): 10 vor 12.
BB: Gut, dann haben Sie noch eine Viertelstunde Zeit.

Autor
Früher hallte der Fanfarenstoß der Panzer in seinen Ohren. Heute wütet der Feind im Inneren.

O-Ton 20 Bazon Brock III
HK: So, jetzt bitte mal an das Endes des Zollstocks. Es geht um die Vitalitätsabstrahlung. Meine These ist, das man damit ein sehr genaues Bild des gesundheitlichen Status hat. Und das ist jetzt hier der positive gesunde Anteil. Der ist überdurchschnittlich hoch. 1,80 m. Jetzt kommt der inkoherente, chaotische Anteil. Also, wenn ich das so sagen darf: das sind absolut keine Krebswerte. BB: Aha, sehen se. HK: Ja, das beruhigt mich. BB: Ja, mich auch (lacht sardonisch).

Autor
Herr Kaiser hat in den letzten 14 Tagen 100 Schlafstellen untersucht. Geisterhafte Fernwirkungen, auch Sloterdijks Schlafzimmer hat er schon ausgependelt.

O-Ton 21 Bazon Brock III
Jetzt gucken Sie mal, wir haben doch aufgrund ihrer Empfehlungen die Betten geerdet. ... Ich schlafe von dort nach da rüber.

Autor
Und wir werden ihm wohl doch beitreten, dem 1988 in Bonn eingetragenen Verein „Helfen sie mit, Bazon Brock zu lieben“ e.V.

O-Ton 22 Bazon Brock III
Monika, ist der Hund hier drin? M: Ja! Komm mal her, Paxo. Das ist der Herr Kaiser. Den hast du zwar schon mal kennen gelernt, aber man weiß nicht, ob du dich noch erinnerst. Feiner Mensch, sehr feiner Mensch, jajaja.

Ausschnitt, Vostell

Autor
Die Wuppertaler sind eine sehr selbstbewusste historische Gesellschaft. Barmen, Elberfeld, Cronenberg – das waren Jahrhunderte lang Zentren der Entwicklung, von Textil beispielsweise.

Autor
Die Galerie Parnass und das Industriellen- und Kunstsammlerehepaar Stella und Gustav Baum waren Teil des selbstbewussten Wuppertaler Bürgertums, das Bazon Brock Ende der 50er Jahre nach Wuppertal lockte.

O-Ton 23 Bazon Brock II
Und wir haben dann da die Aktionstypiken entwickelt, also für mich das Aktionteaching, was ja nichts anderes heißt als eine sophistische Auftrittstrategie, für die Wirkungsabsicht mit Mitteln des Theaters zu verbinden und die unter Kunstwissenschaftlichen Gesichtspunkten – das Wissen um Szenographie und theatralische Effekte, angereichert einzusetzen.

Autor
Es ist, als hätte „Bazon“-der Schwätzer-Brock seinen Schmähnamen in einen Ehrentitel verwandeln wollen. Und als wäre ihm das auch gelungen. Er wird Dramaturg. Und dehnt, von Fluxus und Happening umbrandet, seine Bühne auf das Leben aus. Bazon ist einer, der das Geschick hat, auf dem Markt den Hausfrauen etwas zu verkaufen. Wie den reflexiven Mehrwert der Zweitbürste.

O-Ton 24 Bazon Brock IV
Im Alltag weiß jede Hausfrau, was Reflexivität ist, wie bedeutend das ist, sie benutzt nämlich ihre eigene Bürste, um das verpegte Original ihres Gatten freizumachen. Denn wenn man das Prinzip des Bürstens auf die Bürste selbst anwendet, merkt man dass beide Bürsten sauber sind. Das ist das Geheimnis der Reflexivität.

Autor
So definierte Brock immer seine öffentlichen Denksportübungen: als Philosophie als Kritik an der Wahrheit. Und sich selbst als einen modernen Sophisten und Wegelagerer, der Vorübergehende ins Gespräch zieht – und ins Vertrauen.

O-Ton 25 Bazon Brock II
Mit anderen Worten: Sie nehmen es ja nicht einfach hin, die Wahrheit gesagt zu bekommen, sie haben Krebs, sondern dann beginnt erst das ganze Programm. Die Wahrheit „Sie haben Krebs“ bedeutet, und jetzt müssen Sie sich entscheiden, wie Sie damit umgehen.

Autor
Damals bildete er mit Beuys und Vostell die Troika der Happeningkultur. Zogen sie als Stammbesetzung einer „Gesellschaft des Spektakels“ pausenlos durchs Land.

O-Ton 26 Bazon Brock IV
Es gab einen ständigen Konflikt über diese Frage: alle simultan oder nacheinander? Kann man überhaupt auf der Bühne fünf Aktionszentren nebeneinander so zeigen, dass die Leute das auch gleichermaßen fünffach sehen?

Autor
1961 gibt es in Wiesbaden einen Fluxus-Auftritt. Brocks Blick auf die Szene ist einmal mehr geprägt von Doppelbelichtungen, vom Zwiespalt.

O-Ton 27 Bazon Brock
Also da gab’s dann die entscheidende Frage, was da auf der Bühne abläuft, ist das geprägt durch den Wirkungseffekt theatralischer Mittel, also durch den Klamaukeffekt, geht die Faszination von den Mitteln – also nackte Brust, nackter Hintern – also natürlichen Attraktoren aus, oder geht es von Inhalten aus ... wenn man ein Klavier zertrümmert auf der Bühne, kann man sagen soviel man will, es bleibt dabei, dieser destruktive Akt ist das eigentlich Interessante, wenn man eine nackte Frau auf die Bühne schickt können sie sagen was sie wollen, alle sehen die nackte Frau und sonst gar nichts.

Autor
Das Fräulein Gerhards manifestiert sich vor unserem geistigen Auge, des Vaters Chefsekretärin. Sie sehen wir von Kopf bis Fuß. Und sonst gar nichts.

O-Ton 29/Atmo Brock Venedig „Besucherschule“ 3
So, nun kommt doch endlich etwas schneller, ihr Trottel. ... Also ihr guckt in die Richtung, ich spreche in die. Was ist der Kerngedanke...?!

Sprecher
Akzeptiere keine Aussagen, von welchem Status auch immer, unter die der Aussagende nicht selber sich zu subsumieren bereit ist.

Autor
Wahr ist: seine Klugheit wirkt gnadenlos. Aber unwahr, dass Gegenfragen nicht zugelassen werden. Dass er des Dialogs überhaupt nicht fähig sei.

O-Ton, Brock: Könnt ihr das mal regeln…hast du noch Geld?

Autor
Vor einigen Monaten hat Bazon Brock seinen 75sten Geburtstag in Venedig ausgerichtet. Auch wir waren eingeladen, auch wir wie Statisten in einem Fellini-Film.

O-Ton 34 Bazon Brock V
Die Aufforderung, sich zu musealisieren, ist die Aufforderung, seine aktuellen Willensäußerungen, Vorstellungen, in einer historischen Perspektive zu  sehen. Denn das Leben kennt ja keine Experimente. Realzeit des Experiments im Leben ist Realzeit des Lebens selbst.

Autor
Zum Buhmann der Medien wurde er durch seine Kritik an der Geschichtsvergessenheit der Multikulturalisten. Als er einen neuen Bilderstreit prophezeite, und die Rückkehr der Gottsucherbanden. Und dann durch seinen skandalisierenden Plan, den Atatürk-Tag zu feiern. War die Hagia Sophia nicht Jahrhunderte lang ein Zankapfel zwischen Orthodoxen und Muslimen gewesen? Und hatte die Musealisierung nicht den Hahnenkampf beendet?

O-Ton 35 Bazon Brock V
Das Museum ist die Zivilisationsagentur, die der Westen der ganzen Welt in einmaliger Weise vorgegeben hat, das ist wirklich ein Weltkulturerbe, das zentrale Motiv. Da das europäische Leistungen sind, kann Europa in der zukünftigen Weltzivilisation oder meinetwegen auch der Weltkultur die Rolle des Museums insgesamt spielen. ... Das heißt, Europa wird insgesamt ein Museum.

Autor
Wir sehen die Bilder der Jungen Wilden. Die Bildbände Venezianischer Architektur. Den Hund Paxo. Und den wichtigsten Ausstellungsgegenstand von allen: Bazon Barock mit seiner Jürgen Johannes Hermann-Brille, im Bernsteinlicht. Und plötzlich sind wir gewiss: Er wird seinen eigenen Tod überleben.

O-Ton 37 Bazon Brock V
Die Körper der Toten sind eigene Realitäten. Das bedeutet, dass ich mich selbst als zukünftigen Toten sehen muss. .. Und das ist dann eben bei so Verfahren, wie Dr. Tod es mit seiner Plastinationsverfahren entwickelt hat, sehr gut trainierbar.

Sprecher
Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss aufhören. Und nun alle!

O-Ton 38 Bazon Brock IV
In wem lebt man fort. Es gibt Aussagen: wir brauchen dich heute gar nicht mehr zu zitieren, denn das meiste dessen, was du vertreten hast, ist Allgemeinwissen geworden.

Autor
Die Rückenfigur des „Wanderers über dem Nebelmeer“ hat sich endlich umgedreht: Man kann ihm ins Gesicht sehen.

Einspielung Notrufsäule BB 39
Aufforderung heißt Echo auslösen und Echo geben. Das heißt: setze eine Äußerung in die Welt, und höre auf das, was zurückkommt. Das ist der Schauspieler auf der Bühne, der hört, was zurückkommt. Der Hilfeschreier, der erwartet, dass Hilfe kommt. Es ist immer der Echoeffekt, um den es geht. Und das wunderbare für mich ist der englische Begriff für Echowand: Rockface. Das Gesicht eines Felsens...

Autor
Jetzt zieht er nach Berlin um. Um sich noch mal zu zeigen in den letzten Jahren: Auf den Straßen Kreuzbergs in seiner „Denkerei“. Wie der Tanzbär der Zigeuner. Oder wie Nietzsche, wenn seine Schwester den Vorhang lüftete, der wüste Friederich mit Lorbeer im Haar.


Bazon Brock, Schaudenker hinter Glas
Ein Feature von Manuel Gogos
Es sprachen: Leopold von Verschuer und Holger Kunkel
Technische Realisation: Ilse Sieweke
Regie: Hans-Jürgen Schunk
Redaktion: Adrian Winkler
Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks Köln 2012