Geldkulturen

Ein transdisziplinäres Symposium von Ökonomen, Philosophen sowie Kultur- und Designtheoretikern

Geldkulturen - Symposium | ZHdK - Zürcher Hochschule der Künste, 24.-25.02.2012
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ort:
Zürcher Hochschule der Künste, Großer Vortragssaal
Dauer:
Freitag, 24.02.2012 & Samstag, 25.02.2012
Initiatoren:
Prof. Dr. Gerhard M. Buurman, Zürcher Hochschule der Künste
Dr. Stephan Trüby, Zürcher Hochschule der Künste
Veranstalter:
Institut für Designforschung & Swiss Design Institute for Finance and Banking (beide ZHdK)
Moderatoren:
Prof. Dr. Gerhard M. Buurman, ZHdK
Dr. Stephan Trüby, ZHdK
Sprache: Deutsch

GELDKULTUREN / Konzept:
Unter den ca. 150 Definitionen, die die verschiedensten kulturtheoretischen Schulen für den Begriff „Kultur“ bereit halten, gehören zu den brauchbarsten jene, die Kultur nicht mit den künstlerischen, musikalischen, literarischen, architektonischen Höchstleistungen identifizieren, sondern als eine Transmissionsdynamik begreifen: als einen Prozess der bewussten oder unbewussten Übertragung menschlicher Erzeugnisse jeder Art: Benimmregeln, Kochrezepte, Gesetze; auch Konventionen in der
Architektur, Musik, Kunst etc.

Unter den zahllosen Erzeugnissen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten einer Übertragungsanalyse unterzogen wurden, blieb bemerkenswerterweise die Transmissionsmaschine schlechthin recht unbeachtet: das Geld. Wir wissen viel über die Geschichte des Geldes, die Geschichte der Wirtschaft und der Spekulation; wir sind bestens informiert über Globalisierungsgrade, Wirtschaftszyklen und einzelne Bilanzen. Doch betrachtet man die jüngeren Diskussionen um das Verhältnis der Schweiz zur umgebenden Euro-Ökonomie, betrachtet man die Konflikte innerhalb der Eurozone oder der Eurozone zum Rest der Welt, so scheint es, als wüssten wir noch zu wenig über den kulturellen Aspekt des Geldes. Welche nationalen bzw. territorialen Unterschiede im Umgang mit Geld, Kredit und Verschuldung gibt es? Zu welchen Potentialen, aber auch Konflikten führen diese?

Wirken sich geldkulturelle Unterschiede auf kulturelle Erzeugnisse im engeren Sinne aus: auf Designprodukte, auf Architekturen, auf die Gestaltung von Interaktionsprozessen etc.? Diesen Fragen versucht das transdisziplinäre Symposium Geldkulturen / Cultures of Money auf den Grund zu gehen. Renommierte Ökonomen, Philosophen sowie Kultur- und Designtheoretikern begeben sich auf die Suche nach den Komplexitäten der Geldkulturen, und zwar im Rahmen von vier Themenblöcken, die vier Dimensionen der Kulturanalytik gewidmet sind: Zeit, Ort, Staat und Welt.

Programm:
09.30 – 10.00 Uhr: Prof. Dr. Gerhard Buurman: „Einleitung“

I. „GELD UND ZEIT“ (Freitag, 24.02.2012)
(Host: Prof. Dr. Gerhard Buurman, ZHdK)

Dass ein Zusammenhang zwischen Zeit und Geld existiert, weiß man nicht zuletzt aus Benjamin Franklins Satz „Zeit ist Geld“. Doch auch die umgekehrte Wendung „Geld ist Zeit“ verfügt über Plausibilität: Geld strukturiert die Zeit und zwingt ihr bestimmte Ordnungen auf.
Doch trotz der engen Verwobenheit von Geld und Zeit gilt die Ökonomie als eine amnesische Disziplin. So wusste bereits John Kenneth Galbraith: „Es gibt nur wenige Bereiche menschlichen Handelns, in denen die Geschichte so wenig zählt wie in der Welt des Geldes.“
Vor diesem Hintergrund geht das Panel dem Verhältnis von „Geld und Zeit“ anhand von Themen wie Zinspolitik, Kreditwirtschaft, Krisen-Historiographie und zukunftsgerichteten politischen Steuerungsinstrumenten nach.

10.00 – 10.30 Uhr: Prof. Dr. Hans Christoph Binswanger (Ökonom, Emeritus Universität St. Gallen): „Zeit, Geld und Ewigkeit“
10.30 – 11.00 Uhr: Prof. Dr. Christina von Braun (Kulturtheoretikerin, Humboldt-Universität, Berlin): „Geld, Buchdruck, Räderwerkuhr“
11.00 – 11.30 Uhr: Kaffeepause
11.30 – 12.00 Uhr: Piroschka Dossi (Autorin, München): „Speed – Geld und der globale Kunstmarkt“
12.00 – 12.30 Uhr: Prof. Dr. Bertram Schefold (Ökonom, Goethe-Universität Frankfurt am Main): „Geld, Wirtschaftsstile und der Euro“
12.30 – 13.00 Uhr: Diskussion
13.00 – 14.00 Uhr: Mittagspause

II. „GELD UND ORT“ (Freitag, 24.02.2012)
(Host: Dr. Stephan Trüby, Zürcher Hochschule der Künste)

Die Globalisierung der Weltwirtschaft hat zu einer engen Verknüpfung der Finanzmärkte und zu einer Liberalisierung der internationalen Finanzströme geführt. Dabei veränderten die weit reichenden Möglichkeiten der neuen Informationstechnologien das Design der Kundeninteraktion und die Rolle der Bankarchitektur fundamental. Mit Themen wie Corporate Governance, Regiogeld, Bank der Zukunft, Corporate Collecting und Virtualisierung des Finanzmarktes geht das Panel der Frage nach, ob „Ort“ mehr sein kann als die Sentimentalität des Geldes.

14.00 – 14.30 Uhr: Prof. Dr. Michael Hutter (Ökonom/Kunsttheoretiker, Wissenschaftszentrum Berlin): „Wie prägen Geldstromkulturen Orte?“
14.30 – 15.00 Uhr: PD Dr. Tina Hartmann (Literaturwissenschaftlerin/Librettologin, Universität Jena): „Singen über Geld. Die Opernbühne, (k)ein Ort klingender Münze?“
15.00 – 15.30 Uhr: Kaffeepause
15.30 – 16.00 Uhr: Prof. Philipp Oswalt (Architekturtheoretiker, Stiftung Bauhaus Dessau): „Finanzarchitekturen“
16.00 – 16.30 Uhr: Dr. Claudia Mareis (Designtheoretikerin, ZHdK)
16.30 – 17.00 Uhr: Diskussion

19 Uhr: Keynote Lecture / Abendvortrag:
Prof. Dr. Bazon Brock (Kunst- und Medientheoretiker; Emeritus Universität Wuppertal):
"Geld als Schuld. Kraft durch Frevel und Scholems Erlösung durch Sünde"

III. „GELD UND STAAT“ (Samstag, 25.02.2012)
(Host: Dr. Stephan Trüby, Zürcher Hochschule der Künste)

Das Konzept der modernen staatlichen Souveränität wurde in Europa geboren. Es geht auf den Westfälischen Frieden zurück, der den Kontinent nach dem Dreißigjährigen Krieg politisch neu regelte. Mit der Europäischen Union wurde neues Konzept erfunden: Gemeinsam hat sich eine Gruppe unabhängiger Länder dafür entschieden, einen Teil ihrer Souveränität auf der Ebene der Europäischen Union auszuüben. Das Panel untersucht das Verhältnis von Geld und Staat anhand folgender Themen: Steuergesetzgebungsmodelle, Gerechtigkeitskonzepte, Ordoökonomie vs. Neoliberalismus, nationale/transnationale Kreativwirtschaft.

10.00 – 10.30 Uhr: Prof. Dr. Meinhard Miegel (Vorstand Denkwerk Zukunft - Stiftung kulturelle Erneuerung, Bonn): „Vertrauen als gemeinsames Fundament von Geld und Staat“
10.30 – 11.00 Uhr: Prof. Dr. Gunnar Heinsohn (Kulturtheoretiker, Emeritus Universität Bremen): „Die Hyperkrise von 2008 als Verschlimmbesserung der Standardkrise von 2000“
11.00 – 11.30 Uhr: Kaffeepause
11.30 – 12.00 Uhr: Prof. Dr. Jochen Hörisch (Literaturwissenschaftler, Universität Mannheim): „Die öffentliche und die unsichtbare Hand“
12.00 – 12.30 Uhr: Georg Zoche (Autor, München): „Ein anderes Geld ist möglich: Keynes' Vision einer zinsfreien Welt im Gleichgewicht“
12.30 – 13.00 Uhr: Diskussion
13.00 – 14.00 Uhr: Mittagspause

IV. „GELD UND WELT“ (Samstag, 25.02.2012)
(Host: Prof. Dr. Gerhard Buurman, ZHdK)

Globalisierungsprozesse sind wohl in kaum einem anderen Bereich so weit fortgeschritten wie im Finanzsektor. Politische Deregulierung, Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnik und neue Geschäftsstrategien der Marktteilnehmer haben die internationalen Finanzbeziehungen zunehmend anonymer, kurzfristiger und risikoanfälliger gemacht. Galt die Globalisierung von Finanzmärkten Anfang der 1990er Jahre aus neoliberaler Sicht noch als Weg zur erwünschten „Disziplinierung“ der Politik durch die Ökonomie, so wurde der Glaube an die Rationalität der Sanktionsgewalt von Finanzmärkten durch immer wiederkehrende Finanzkrisen nachhaltig erschüttert. Das Panel widmet sich dem Verhältnis von „Geld und Welt“ und diskutiert die Möglichkeiten und Grenzen politischer Re-Regulierung des Marktgeschehens auf nationaler und transnationaler Ebene.

14.00 – 14.30 Uhr: Prof. Dr. Dr. h. c. Jürgen G. Backhaus (Ökonom, Universität Erfurt): „Geld und Ehre“
14.30 – 15.00 Uhr: Prof. Dr. Elena Esposito (Systemtheoretikerin, Universität Modena e Reggio Emilia): „Rätsel und Gelegenheiten der Risikorationalität“
15.00 – 15.30 Uhr: Kaffeepause
15.30 – 16.00 Uhr: Prof. Dr. Wolfgang Pircher (Kulturtheoretiker, Universität Wien): „Der gekerbte Raum des Geldes“
16.00 – 16.30 Uhr: Prof. Dr. Peter Koslowski (Philosoph, Freie Universität Amsterdam): „Big Bang Deregulation – Big Bailout, oder: Wie der Deregulierungsurknall im größten Staatseingriff der Finanzgeschichte endete“
16.30 – 17.30 Uhr: Diskussion
17.30-18.00 Uhr: Dr. Stephan Trüby: „Postskriptum zu Geldkulturen“
18.00 Uhr: Farewell

Geld als Schuld

Kraft durch Frevel und Scholems Erlösung durch Sünde