Arbeit an unlösbaren Problemen

Gott und Müll - Ewigkeitsstiftung durch Endlagerungsverpflichtung

"Kathedrale für den Müll" (Entwurf: Winfried Baumann) | Lustmarsch, II.8, S. 249 © QART, Stefanie Hierholzer und Ulrich Klaus
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Auftaktveranstaltung zur Arbeit an unlösbaren Problemen

Ablauf:

Brigitte Burgmer (Künstlerin, Köln): Heroischer Versuch einer Künstlerin, sich den Zumutungen der Zeitgemäßheit zu stellen

Christian Trautsch (TU Berlin): Atomsemiotik – semiotische Probleme von Atommüll und Zeichen als Warnungen an die ferne Zukunft

Bazon Brock (Denkerei Berlin): Video "Gott und Müll" nebst Modell für die Kathedrale für den strahlenden Müll von Winfried Baumann

Walter Darge (Celle): Für ein permanentes Atommülllager

Ort:

Denkerei/Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand
Oranienplatz 2,10999 Berlin

Kontakt:

bazonbrock@bazonbrock.de

Brigitte Burgmer: ENDLICHKEIT UND HALBWERTZEIT

Rede gehalten in der „DENKEREI“ in Berlin am 12. 4. 2012

Das künstlerische Konzept, einen plastischen Kopf mit angehängter Bildtafel zu vereinen, gibt es nur in der Schwarzen Serie seit 2009. In jedem Werk gehe ich bildlich auf eine der Technologien ein, die gravierende Fragen zum Verhältnis Mensch-Natur-Technik aufwerfen, und ich setze diese Experimente zu den ältesten Naturphänomenen in Beziehung.

Die Uridee der Tafeln war ´Gedenktafel´, ich dachte aber auch an Pressebilder von Geiseln, denen für das Foto ein Schild um den Hals gehängt worden war.

Die realistischen Köpfe sind frei erfunden, während die Bildprogramme in der Fayencetechnik auf verschiedene Weise nach Vorlagen gemalt sind, in der Regel waren das Fotografien oder Mikroskop- und Rasterelektronen-Aufnahmen. Ich werde die bisherige Serie kurz vorstellen und mich auf sachdienliche Hinweise zu den Inhalten beschränken, bevor ich dann auf die beiden Werke zur atomaren Technik genauer eingehe.

„CLAYTRONICS“, 2009; Fayencerelief und –bildplatte; 45,5 x 17,0 x 7,5 cm
Bei „Claytronics“ von 2009 geht es um die Forschung mit reprogrammierbaren Robotern, die kleiner als Sandkörner sind. Es gibt vorerst nur in der Computersimulation eine solche Trompete aus „Catoms“; diese „claytronic atoms“ sind ein Haufen von winzigen Robotern, die sich – formbar wie Ton - durch Selbstorganisation die vorbestimmte Form geben sollen. Seth Goldstein von der Carnegie Mellon University träumt schon von Sitzmöbeln, Autos oder gar menschlichen Stellvertretern aus catoms. - Die Bildfolge wird eingerahmt von Augen verschiedener Tiere und Entwicklungsstadien der Fruchtfliege und in der Simulation verteilt sieht man Phasen der Metamorphose von Schmetterlingen.

„LÄCHELNDE VIREN“, 2010; Fayencerelief und –bildplatte; 46,5 x 18 x 6,5 cm
Der Titel „Lächelnden Viren“ verweist auf Nanomaschinen für Technik und Medizin. Das Virus M13 in Form eines Smiley ist für seinen Schöpfer Rothemund vom Caltech in Kalifornien ein „silly artwork“. Darunter liest ein natürliches Ribosom - in der wissenschaftlichenen Terminologie ebenfalls eine „Nanomaschine“ – gerade einen RNA-Strang aus, und im Bild unten ist in den Labors der Columbia University ein designter Nanoroboter dabei, DNA-Stränge wie ein Rasenmäher abzurasieren.

„FREMD & EIGEN“, 2010; Fayencerelief und –bildplatte; 47,5 x 18 x 7 cm
Um „Fremd & eigen“ geht es beim Experiment von. Harvard-Professor Joseph Vacanti: Er pflanzte das gezüchtete Ohr zur Erforschung von Abwehrmechanismen einer immunschwachen Nacktmaus auf den Rücken. Die Maus steht hier in einem ausgedienten Blutkörperchen, das von Makrophagen „recycelt“ wird. Die winzigen Männchen der Anglerfische bleiben ein Leben lang am Weibchen angedockt, problematisch kann die Einnistung eines menschlichen Eis in die Gebärmutter sein. Eine der erfolgreichsten Kooperationen ist auf den Kopf gemalt: die Symbiose von Flechten aus Alge und Pilz.

„ERFINDUNGEN“, 2011; Fayencerelief und –bildplatte; 46,5 x 18,0 x 7,0 cm
„Erfindungen“: Vom Pentagon für militärische Zwecke finanziert, konstruierte der Ingenieur Steve Jacobsen diesen ersten Roboteranzug namens „Xos“; er verstärkt die Kräfte eines Mannes um ein Vielfaches. Daneben sind Porträts von einer Assel und verschiedenen Insekten mit ihren vor Millionen Jahren erfundenen Exoskeletten. Vom Militär unterstützt ist auch das Experiment mit der ferngesteuerten Maus unten auf den Gleisschienen; passend dazu ist auf dem Gesicht ein Chip mit einem angewachsenem und kommunizierendem Neuron gemalt, - ein Forschungsfeld von Martin Fromherz im Max-Planck-Institut in Martinsried.

„LEBENDE MASCHINEN“, 2011; Fayencerelief und –bildplatte; 49,5 x 18,5 x 8 cm
Auf die Synthetische Biologie, eine Erweiterung der Gentechnik, bezieht sich die Fayence „Lebende Maschinen“. Das im Internet publizierte Bild des angeblich ersten synthetischen Bakteriums von Craig Venter ist dort - wie hier im Zentrum - als undefinierbarer, grünlicher Zellhaufen dargestellt. Die Wissenschaftler entkernten die Zelle soweit, dass man sie als sog. Chassis weltweit für beliebige Zwecke füllen kann. Seitlich sind extremophile Archaen gemalt, die Schwefel oder Erdöl, extreme Hitze oder Kälte bevorzugen. Darunter sieht man in der gemalten Rasterelektronenaufnahme – wie überall in der Natur - zwischen Mineralien die weißen Fäden von hüllenlosen DNA-Strängen. die sich natürlich auch mit dem Erbgut gentechnisch veränderter Organismen mischen, trotz gesetzlich vorgeschriebener Zäune!

Ich komme nun zum eigentlichen Thema: atomare Technik.

„Deep Time, How Humanity Communicates Across Milennia“ nannte Gregory Benford 1999 sein denkwürdiges Buch. Darauf aufmerksam wurde ich durch die ausführliche Besprechung von Frank Schirrmacher in der FAZ vom 8.9.2000. Benford berichtet von der Arbeit einer Kommission aus Physikern, Anthropologen, Linguisten, Gehirnforschern, Kosmologen und Molekularbiologen, die 1989 vom amerikanischen Energieministerium auf Anfrage des Kongresses gebildet wurde. Der Auftrag des mit 1,8 Milliarden Dollar ausgestatteten Pilotprojektes war es, für das atomare Endlager Carlsbad in Neumexico ein Zeichen- und Warnsystems zu entwickeln.

Das Buch versetzte mich in Aufruhr und in ohnmächtige Verzweiflung. Erst nach acht Jahren, als das Kommunikationsproblem in der Radiosendung „Countdown für die Ewigkeit“ von Reinhard Schneider wieder aufgegriffen wurde, entstand Monate später dieser Kopf mit angehängter Bildtafel. Künstlerisch gesehen, war das kleine Objekt ein formales Experiment, Plastik und Malerei anders zu vereinen als bisher.

„10.000 Jahre Einsamkeit“, 2008; Fayencerelief und –bildplatte; 36 x 18 x 7cm
Am Kopf sieht man gestikulierende Nackte auf dem Helm und auf dem angedeuteten Wams. Das Ornament ist offen für Deutungen im Gegensatz zum unteren Bildprogramm. Auf der Bildtafel habe ich drei der Vorschläge aus dem Bericht an den Kongress zitiert: Das vertraute schwarze Quadrat wird hier zum bedrohlichen „Black Hole“. Das ist eine Art Plateau aus schwarzem Zement oder Granit mit unglaublicher Sonnenhitze bei Tag und Infrarotstrahlung bei Nacht. Die zerklüftete Umgebung soll weder für Landwirtschaft noch Bohrungen, etwa nach Öl, geeignet sein. Eine andere Konzeptzeichnung von Michael Brill zeigt riesige Spikes aus Basalt von annähernd 30 Meter Höhe; verstörender als diese senkrechte Anordnung wären kreuz und quer stehende schräge Dornen. Als Informations-Bunker soll der „Buried Room“ dienen; er wird durch zwei in das Gebäude gleitende, immens große und schwere Steinblöcke verschlossen. Wie in den frühen Hochkulturen sind die Botschaften im Innenraum in Stein gehauen, vor allem die Periodentafel der Elemente, astronomische Daten und andere wichtige Botschaften.

Zwischen die Spikes habe ich das Lava-Monument von „Trinity Site“ gesetzt. Die Pyramide wurde am Ort der ersten Atomexplosion auf dem Alamogordo-Testgelände in der Wüste Jornada del Muerto aufgestellt.
Als dramatisch angespannt beschrieb General Farrel die Spannung im Beobachtungsbunker am 16. Juli 1945: „Man kann wohl sagen, dass fast jeder betete. Oppenheimer wurde mit jeder Sekunde nervöser. Er atmete kaum noch und klammerte sich an einen Pfeiler.“ Die Explosion dieser Bombe mit dem Namen „Fat Man“ hatte eine Sprengkraft von 21 Kilotonnen TNT-Äquivalent und war begleitet von einem Donner, „der uns vor dem Jüngsten Gericht zu warnen schien und uns daran erinnerte, dass wir mit Kräften gespielt hatten, über die bis dahin nur der Allmächtige verfügte“. Die Bombe hinterließ einen drei Meter tiefen und 330 Meter breiten Krater. Die Druckwelle war 160 km weit zu spüren und der Atompilz erreichte 12 Kilometer Höhe. Der Sand schmolz zu grünlichem Glas. Noch heute ist „Trinity Site“ radioaktiv verstrahlt, wenn auch nur leicht, wie die Militärs beteuern.

Die vier gezeichneten Männer sitzen auf dem - oft abgedruckten - Foto ursprünglich in einer größeren Gruppe. Wahrscheinlich handelt es sich um hohe Militärs, die 1951 auf Deck eines Schiffes im Pazifik aus 20 km Entfernung den Atomtest „Greenhouse“ beobachten, als würden sie in einer VIP-Loge kostenlos der Apokalypse zuschauen. Die Faszination dieser höllischen Explosionen war so groß, dass zu den nächsten Tests 40.000 Menschen kamen.

„Endlichkeit und Halbwertzeit“, 2012; Fayencerelief und –bildplatte; 47 x 17,6 x 6,5 cm
Mein jüngstes Werk steht in inhaltlicher Beziehung zur Fayence „10.000 Jahre Einsamkeit“, dem Vorläufer der schwarzen Serie.

Das gelblich geäderte Schwarz auf dem Gesicht stellt Pechblende dar, eine der Formen von Uran. Eine zweite Art Autunit ist auf dem Hemd gemalt. Die beiden strahlenresistenten Bakterien Deinococcus radiodurans sitzen wie eine rosa Brille auf den Augen. Nur sie halten ohne Probleme 5.000 bis 30.000 Gray ionisierender Strahlung aus, weil sie ihre zerfallenen Chromosomen innerhalb von 12 bis 24 Stunden reparieren können; vermutlich ist die Ringform ihrer DNA dabei wichtig. Bakterien der Art Desulfovibrio „fressen“ Uran – vielleicht können sie uns beim Rückbau von AKWs hilfreich sein!

Der auf der Bildtafel dargestellte Raum befindet sich in einem der havarierten AKWs in Fukushima. Links ist ein Arbeiter in weißem Schutzanzug wie eine Geistererscheinung bei der Arbeit, hinten sind schemenhaft zwei weitere Personen, undefinierbare Maschinen und verbogenes Gestänge zu sehen. Die großen Pixel unten stammen von einer Gammastrahlenkamera und kodieren farbig den Grad der Gefährlichkeit radioaktiver Strahlung. Das waren die Hauptmotive in einem Pressefoto.

2008 wollte Bundeskanzlerin Merkel noch eine Million Jahre Sicherheit für die Endlager, mittlerweile wurden daraus 10.000 Jahre - wie in Amerika vor 22 Jahren. Das sind Dimensionen auf einem Zeitpfeil, der unser Denken seit mehr als 2.000 Jahren prägt: Im Christentum ging es in einem Leben mit Blick auf das Jüngste Gericht letztendlich um Erlösung, seit der Neuzeit wurden technologischer Fortschritt mit inhärentem Innovationszwang und immer währendes Wirtschaftswachstum (mit eingebautem Verschleiß) die Alles beherrschenden Leitgedanken. Beide sind irreal und Wahngebilde unserer Zeit.

Im Kontrast zu diesem linearen Denkkonzept habe ich in der Halle durch Versetzung der kodierten Gammastrahlen Platz geschaffen für die Mitwirkenden im Kreislauf der Natur. Im Mittelteil der Tafel ist links eine Rollassel dabei, ihre abgestreifte Haut aufzufressen – eine Form des „Recycling“ auch bei anderen Tieren, die sich häuten. Die Natur kennt keinen Abfall. In den kleinsten Wasseräderchen der Erde leben Horn- oder Moosmilben, die sich von Algen oder pflanzlichen Abfällen ernähren; diese Art trägt quasi einen Hut aus Erdpartikeln auf dem Rücken. Das tonnenförmige Bärtierchen rechts daneben ist ein Überlebenskünstler, der sowohl Eis als auch extreme Trockenheit im Ruhestadium als sog. Zyste überlebt. Der Nashornkäfer macht sich gerade an energiehaltigem Kuhmist zu schaffen, einem Bestandteil seines Speisezettels, wobei er den Naturhaushalt aufräumt. Die Vier sind, wie der Rat der Weisen, um den Roboter mit Kettenantrieb versammelt, der zurzeit in den AKW-Ruinen von Fukushima herumfährt zur Messung von radioaktiver Strahlung und Temperatur.

Im Hintergrund liegt keine Mumie - obwohl auch das passen würde, denn in Tschernobyl wollte man immerhin einen sog. Sarkophag um die strahlende Kraftwerksruine bauen - sondern da liegt die Schmetterlings-Puppe von einem Bärenspinner, dem Alpen-Wollafter, der durch die Folgen von Tschernobyl vom Aussterben bedroht sein soll. Rechts daneben kriecht eine Schalenamöbe heran, ein Einzeller, der mit mineralischen Partikeln seine organische Hülle schützt, und links sieht man einen Springschwanz, der vor allem in verrottenden Pflanzen und Humusschichten Nahrung findet. Alle diese Tiere und viele andere in und auf dem Boden sind essentiell für fruchtbare Erde.

Hier geht es nicht um stetiges Wachstum wie in der Wirtschaft, sondern um den Kreislauf von Werden und Vergehen durch Verwittern und Verrotten, Vermodern und Zersetzen, Fressen und Verdauen von Abgestorbenem für neues Leben. Dieser zyklische Gedanke – und damit der Tod - wurde mehr und mehr verdrängt. Folglich werden diese Protagonisten des Naturkreislaufs von uns nicht nur nicht geachtet, sondern von immer schwereren Landmaschinen platt gemacht; sie werden vergiftet, vergast und verstrahlt durch den „Endverbraucher“, dem seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig das Mantra „Konsum“ vorgebetet wird. Tatsache ist, dass die Pflanzen die einzigen Produzenten auf dem Globus sind und die unscheinbarsten Lebewesen Hauptakteure im alchimistischen Werk des Stoffkreislaufs.

Diese harmlosen Wesen wirken auf den Unkundigen bizarr oder gruselig, erregen Ekel und Abscheu. Aber wirklich Grauenvolles zu kreieren, hat der Mensch sich selbst vorbehalten. Die potentielle Zerstörungskraft sämtlicher Atomkraftwerke und Atomwaffen insgesamt übersteigt unser menschliches Fassungsvermögen. Der Philosoph Günter Anders diagnostizierte 1956 ein „prometheisches Gefälle“ zwischen technischem Tun und menschlichem Fühlen und Vorstellen: „Wir können mehr herstellen als vorstellen.“ Endlichkeit muss jeder Einzelne erleben, jedoch bleibt die Erfahrung von Halbwertzeit uns allen verwehrt. Der wahre „worst case“ ist nicht der Super-GAU, sondern im Sinne von Anders das Ende aller Endlichkeit.

Der Astronom Carl Sagan und seine Frau Ann Druyan beschrieben 1992 in ihrem Buch „Shadows of Forgotten Ancestors“ nüchtern das dementsprechende Szenario: „Wir sind im Begriff, viele Arten zum Aussterben zu bringen; wir mögen sogar uns selbst erfolgreich zerstören. Aber das ist nichts Neues für die Erde. Menschen wären dann lediglich die letzte Art in einer langen Reihe von Emporkömmlingen, die auf die Bühne treten, einige Änderungen an der Kulisse vornehmen, einige der Darsteller umbringen und danach selbst für immer abtreten. Im nächsten Akt treten dann neue Schauspieler auf. Die Erde überdauert. Sie hat all dies schon öfter erlebt.“

Wir haben die Erde, seit Martin Behaim 1492 den ersten Erdglobus schuf, als Spielball betrachtet, wie es Charly Chaplin virtuos in seinem Film „Der große Diktator“ vormachte, wenn auch auf Hitler gemünzt. In Werbung und Fernsehen wurde von Grafikern seit Wirtschaftswunderzeiten in kindlichem Größenwahn mit der Erdkugel herumgespielt, was die Algorithmen hergaben. Heute verheißen die Werbebotschaften, dass man mit dem Handy die ganze Welt in die Tasche steckt.

Die Beherrschbarkeit der Atomtechnik ist ein Mythos und der Begriff „Endlager“ ein Euphemismus, denn er suggeriert, man könne den Atommüll der AKWs entsorgen, was ja bedeuten soll, man werde die Sorge für alle Zeiten los. Abgesehen vom Rückbau der AKWs müssen sämtliche Atomwaffen irgendwann verschrottet werden und auf dem Meeresgrund verrotten nicht nur illegal verklappte Deponien von Atommüll, sondern in versunkenen U-Booten viele weitere Atomkraftwerke …

Mit der ersten Atomexplosion 1945 müsste eine neue Zeitrechnung beginnen, weil wir den Fluch des Plutoniums nicht mehr los werden. Einige Jahrzehnte Atomtechnologie haben uns Tausende Jahre weit in die Zukunft katapultiert. Das ist eine neue Dimension in der Geschichte der Menschheit, da es potentiell um das Überleben der Menschheit als ganzer geht. Denn leider werden wir den Atommüll nicht mit einer eleganten „Wisch & Weg - Bewegung“ auf dem Touchscreen beseitigen können. …

Die Endlagerung ist nicht nur ein technisches und semiotisches Problem, sondern auch ein ethisches Problem der Generationengerechtigkeit: Wie viel wiegt unser heutiger Nutzen in Relation zum Schaden von mehr als 400 Generationen nach uns? Seit der Explosion von „Fat Man“ haben alleine die Atomwaffenstaaten USA, UdSSR, Frankreich, Großbritannien und China 2045 Tests in der Atmosphäre und unter der Erde durchgeführt. Diese Tests haben zu einer andauernden Strahlenbelastung und einer Verseuchung von Himmel und Erde geführt, welche die Gesundheit der Menschen auch in Zukunft beeinträchtigen wird.

„Genealogien“, 2007; Fayencerelief; 43 x 30 x 8 cm
Bei dieser Fayence von 2007 mit dem Titel „Genealogien“ soll uns nur ein Motiv interessieren: Auf der Stirn sieht man ein sog. genealogisches Muster aus Neu-Guinea, ein ähnliches Muster von einer iranischen Keramik ist rechts am Rand und links unten eine abstraktere Variante aus Indonesien. Der Kunsthistoriker Carl Schuster sammelte, verglich und systematisierte seit 1930 „Patterns That Connect“ aus allen Kulturen bis hin zur Altsteinzeit. Die verbundenen Arme und Beine bedeuten in der waagerechten Lesart die überlebensnotwendigen Bezüge in Familie, Verwandtschaft und Stamm, in der Vertikalen ist die Kontinuität der aufeinanderfolgenden Generationen mit Abstammung und Nachkommenschaft symbolisiert. Dieses netzartige Muster in vielen Variationen war so fundamental, dass die Menschen damit ihre Haut, Kleider, Werkzeuge und ihren Hausrat schmückten. Das genealogische Muster war ein universell verständliches Symbol.

Seine Botschaft kann uns zu denken geben, denn die genetischen und sozialen Bande haben mittlerweile an Bedeutung verloren, die Individuen sind heute ungebundener und großräumiger vernetzt. Dieses Projekt Globalisierung hat uns aber auch gelehrt, dass die negativen Effekte unserer Technologien globalisiert werden und weltweit jeden betreffen. Das könnte unseren Nachfahren gleichgültig sein, hätten wir nicht längst die Schäden unserer Hochrisikotechnologien auf die zukünftigen Generationen umverteilt.

In der Schwarzen Serie sind die Köpfe realistisch geformt, um die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen zu stellen. – Zum Schluss ein Gedankenspiel: Der Roboter in der AKW-Halle von Fukushima ist ein „iRobot“. Deuten wir das kleine „i“ für „intelligent“ um in „I-Robot“, also “Ich-Roboter“, müsste dann nicht jedes Individuum ein „Ich-Mensch“ werden, um Verantwortung für die Zukunft zu tragen?

Köln, März-April 2012