Format

Zeitschrift für verbale und visuelle Kommunikation

Format Nr. 36 | Zeitschrift für verbale und visuelle Kommunikation. 8. Jg./Heft 2-März 1972. Gestaltung: Atelier Noth + Hauer.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 49

Umwelt und Sozio-Design

Seit einiger Zeit erscheint in auffälliger Weise in legitimierten und nichtlegitimierten, d.h. in wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Aussagen die Kategorie Umwelt. Für nicht legitimierte Sprechweisen läßt sich dazu eine einfache Erklärung heranziehen.

Umwelt ist beim Sprechenden und beim Adressaten ein Auslöser sozialer Affekte. Solche Affekte ermöglichen Kommunikation gerade auch dann, wenn die Kommunizierenden die Kommunikationsstruktur nicht durchschauen.

Soziale Existenz ist von Kommunikation abhängig, ja, beinahe mit ihr gleichzusetzen, weshalb auch dann Kommunikation aufgebaut werden muß, wenn sich die Partner über die Bedingungen eines solchen Aufbaus nicht vorher verständigen können, sei es

a) weil ihnen dazu die situativen Voraussetzungen fehlen oder
b) diese Bedingungen nicht hinreichend bekannt und damit gezielt einsetzbar sind.

Über solche Latenzen, über solche Unbestimmtheiten hilft ein Sprachgebrauch hinweg, der die Partner auf der Ebene affektiver Reaktion bindet und damit die Voraussetzung für unkündbare, nichtbeliebige Beziehungen zwischen ihnen herstellt.

Also: der Gebrauch von Worten wie Umwelt ermöglicht den sprachlichen Aufbau notwendiger sozialer Beziehungen dort, wo Sprache nur unzureichend zur Verfügung steht; wo also nicht legitimiert gesprochen wird.

Die Umgangssprache besteht in hohem Maße aus solchen nicht legimierten Zusammenhängen des Sprechens.

Wo legitinmiert, also wissenschaftlich gesprochen wird, ist der Zusammenhang des Sprechens das Ziel der Kommunikation, oder Kommunikation besteht in dem Aufbau eines Sprachzusammenhangs.

Für solche legitimierte Sprechweise ist die Kategorie Umwelt solange leer oder formal, als sie nicht in einem durchgängigen Sprachzusammenhang auftaucht; solange also, als die Kategorie Umwelt nicht theoretisch verstanden wird: als Bestandteil einer durchgängigen Theorie. Die Durchgängigkeit des Sprechens – die Theorie – ist selbstverständlich nicht ohne weiteres erreichbar – auch dort, wo sich etwa Wissenschaftler miteinander verständigen, die per se auf Legitimation des Sprechens angewiesen sind. Das soll heißen, daß wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Sprechweisen nicht voneinander zu trennen sind; daß auch innerhalb des legitimierten Sprechens zusätzliche Ebenen der Kommunikation auftreten, die vornehmlich durch soziale Affekte ermöglicht werden.

Auffallend ist in diesem Zusammenhang, daß die Kommunikation am dichtesten ist, je intensiver solche sozialen Affekte auftreten, was sich unter anderem darin immer wieder äußert, daß Partner sich zu Gegnern bestimmen, um über den sozialen Affekt Haß oder Wut oder Unkontrolliertheit besonders intensiv miteinander zu kommunizieren. Wer meint, daß affektive Reaktion der Kommunikation abträglich sei, wird durch Podiumsdiskussionen, familiäre Auseinandersetzungen, Zeitungsschreibereien etc. eines besseren belehrt.

Die affektive Seite des Gebrauchs der Kategorie Umwelt in den Handlungsfeldern Architektur, Politik, Soziologie, Biologie, Ökologie wäre etwa folgendermaßen anzudeuten:

Umwelt ist die jeweilige Totalität aller Faktoren, die ein Problem in den entsprechenden Handlungsfeldern bestimmen, wobei im einzelnen diese Faktoren nicht erkannt sein müssen und nicht erkannt werden konnten.

In der Kommunikation vermag der jeweilige Partner auf die Anwürfe oder Einwendungen oder Beteuerungen dadurch zu reagieren, daß er darauf hinweist, alle diese Einwendungen, Beteuerungen seinerseits schon berücksichtigt zu haben durch den Gebrauch der Kategorie Umwelt; womit er sich jedenfalls augenblicksweise vom Sprachdruck entlasten kann, möglicherweise um kurz nachzudenken. So reißt Kommunikation nicht ab, was das erste Ziel der Partner sein muß.

In einigen legitimierten Sprechweisen bestimmt sich die Kategorie Umwelt beispielsweise folgendermaßen: Jedes wissenschaftliche Angehen von Realität ist auf die Ausgrenzung und Isolierung einzelner Momente dieser Realität angewiesen. Einzelne Bestimmungsmomente – gleich Faktoren – werden methodisch herauspräpariert. Dabei können niemals alle Faktoren als einzelne berücksichtigt werden, und darüber hinaus ist es außerordentlich schwierig, die Beziehung einzelner Faktoren aufeinander anzugeben.

Umwelt bezeichnet den notwendigen Rückgriff auf die Totalität der Situationsfaktoren, ohne daß sie jedoch jemals tatsächlich erkannt werden können. Mit der Kategorie Umwelt wird die erwartbare Kritik an der Isolierung einzelner Faktoren, von der allerdings wissenschaftliche Arbeit abhängt, aufgefangen.

Wird Umwelt so als Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit bezeichnet, dann spricht man von Umwelt als einem Feld, in dem die Untersuchung stattfindet. Dem wurde gegenübergestellt das Laborexperiment, welches Umwelt erst dadurch konstruiert, daß die analysierten Einzelfaktoren miteinander wieder in Beziehung gesetzt werden. Diese Konstituierung von Umwelt durch Verknüpfung einzelner Faktoren bildet die Situation.

Es scheint sich inzwischen herausgestellt zu haben, daß theoretische Aussagen über Umwelt nur als legitimierte Aussagen über Situationen möglich sind, wobei stets verwiesen werden muß auf den Vergleich von Totalität bestimmenden Faktoren (Umwelt) mit der konstruierten oder synthetisierten Einheit einer größeren Zahl von Faktoren (Situation). Für die synthetisierte oder entworfene oder konstruierte Situation wird dabei im wesentlichen auf die Einheit von Sprachfeld, Handlungsbereich und Beziehungsgefüge eingegangen. Diese Einheit von Sprache, Interaktion und Struktur der natürlichen und sozialen Realität soll eindeutigkeitshalber als Soziotop eingeführt werden.

Demnach erscheint Umwelt als jeweils anderer Sozialtopos.

Der Sozialtopos ist ein Segment der Lebenswirklichkeit. Das Segment wird begrenzt durch die Wirkungsweite einer Daseinsäußerung, als welche die erfahrbare Veränderung vielfältig miteinander in Beziehung stehender Lebewesen und physikalisch-kultureller Objekte verstanden wird.

Umwelt existiert demnach nur als eine Konstruktion, als Soziotop. Eine dieser Konstruktionsformen wollen wir als Sozio-Design etwas näher angehen.

Sozio-Design ist die Inszenierung nicht nur der physikalisch-kulturellen Objekte in einem bestimmten Segment der Lebenswirklichkeit, sondern auch die Inszenierung des Umgangs mit und Gebrauchs dieser Objekte sowie der Handlungsweisen, Beziehungsformen und Sprache der in diesem Segment vorhandenen sozialen Wesen.

In einem konkreten Hinweis würde das bedeuten, daß etwa Architekten oder Ökologen oder Erzieher nicht jeweils isoliert nur die materiale Gestalt einer sozialen Umgebung vorgeben dürfen, indem sie Räume, Möbel, Kleidungsstücke, klimatische Bedingungen, Spielzeug, Lehrmittel, Landschaft konstruieren und vorgeben. Sie sind in gleichem Maße auf Entwurf und Vorgabe von Verhaltensweisen, von Beziehungsformen, von Sprachformen, Vorstellungsformen verwiesen.

Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, daß konstruierte Umwelt ohne Sozio-Design nicht zu wie immer gewünschten Resultaten führt.

So mußten Architekten enttäuscht feststellen, daß ihre Konstruktionen von Wohn- und Arbeitsplätzen bei deren Benutzern keineswegs erwartete Resultate zeitigten; desgleichen Pädagogen, die sich ausschließlich auf die Konstruktion neuer Spiel- und Lehrmittel ausrichteten. Sie alle hatten übersehen, daß die nicht in Gegenständen objektivierte Umwelt ebenfalls materiell ist, ja, daß es auf die materialen Umweltkonstituentien Sprache, Formen der Interaktion und Beziehungsstrukturen in einem entschiedeneren Maße ankommt als auf die Materialität der Umweltkonstituentien Kleider, Möbel, Räume, Spielzeug, Klima etc. Sie hatten übersehen, daß Umwelt nur als konstruierter Soziotop erfahrbar ist.

Die Wege solcher Erfahrungen sind vielfach. Der bekannteste heißt interdisziplinäres Arbeiten. Für diesen Weg bestehen die nicht aufhebbaren Schwierigkeiten, daß die Konstruierenden, Entwerfenden jeweils selber in ihrem Entwurf vorkommen müssen, ohne daß das allerdings durch die augenblicklich bestehenden Institutionen gesichert werden kann.

Ein zweiter vermeintlicher Königsweg versucht diese Sicherung zu geben, indem er nur eine bestimmte Gruppe von Menschen in die Konstruktion einbezieht, wodurch die Bedeutung des Entwurfs eingeschränkt wird. Parteilichkeit oder erzwungene Homogenität erledigen anstehende Probleme dadurch, daß sie sie als für die Mitglieder der homogenen Gruppe unwesentliche ausklammern; wenn auch nur vorübergehend ausklammern. Dabei ist leider nicht angebbar, wie diese zeitliche Begrenzung der Geltung eines Entwurfs festgesetzt werden kann, weshalb aus der vorübergehenden Einschränkung häufig allzuschnell ein Dauerzustand wird.

Am ehesten scheint mir ein Verfahren nutzbar, das ursprünglich im Bereich der Psychoanalyse entwickelt worden ist. Dieses Verfahren der Ausbildung eines Soziotops soll unter dem Stichwort Psychosynthese umrissen werden.

Wir gehen aus von der Übertragungssituation der Psychoanalyse. Sie umfaßt Patienten und Versuchsleiter, was im Entsprechungsbegriff "Gegenübertragung" besonders betont wird. In der herkömmlichen Analyse werden die unabhängigen Variablen, das sind die Äußerungen des Patienten, vom Versuchsleiter verändert durch Deutung. Abhängige Variable ist das Selbstverständnis des Patienten.

Der hier angedeutete Vorschlag ist eine Erweiterung dieser Ausgangslage. Übertragung meint die beispielhafte Hervorbringung bestimmter Erscheinungen, die den analysierten Fall ausmachen. Zumeist sind das Konflikte, die in der Beziehung des Patienten zu anderen Menschen auftreten, und zwar insofern diese Beziehungen über physikalisch-kulturelle Objekte oder Sprachformen oder Interaktionsmuster vermittelt sind.

Diese Konflikte oder Problemkonstellationen können vom Analytiker nur in ihrer jeweils aktuellen Bedeutung erfahren werden, wenn der Patient diese Problemkonstellationen in seinem Verhältnis zum Versuchsleiter herstellt. Diese Herstellung der Problemkonstellationen geschieht durch Übertragung in die Beziehung von Patient und Versuchsleiter. Der Versuchsleiter ist darauf angewiesen, daß diese Übertragung oder aktuelle Hervorbringung der Problemsituation identisch ist mit der aufzudeckenden. Deshalb bezeichnen wir diese Übertragungsform als identische Übertragung, in der die tatsächliche, originale Problemkonstellation rekonstruiert wird.

Die hier vorgeschlagene Erweiterung zielt auf die Möglichkeit, nichtidentische Übertragung zu erreichen. Prinzipiell heißt das, sich nicht auf die Rekonstruktion von primären Problemlagen auszurichten, sondern auf den Entwurf futurischer oder prospektiver Situationen.

Ein Verfahren, das sich auf die Hervorbringung solcher nichtidentischer Übertragung stützt, wird als Psychosynthese verstanden. In dem Entwurf einer zukünftigen Situation, in der Konstruktion eines Soziotops, in der Hervorbringung einer sozialen Umgebung für eine konkrete Lebenssituation wird eben jene Einheit des Sprachfelds, des Handlungsbereiches und des Beziehungsgefüges angestrebt, die als wesentliche Bestimmungsgrößen sozialer Existenz in einem Umweltraum angesehen werden.

Als Fazit sollte gelten, daß wissenschaftliche Erarbeitung der bestimmenden Faktoren einer Umwelt nicht anders vorstellbar ist, als daß solches wissenschaftliches Arbeiten sich selbst als Sozio-Design versteht. Getrennt von einem konkreten Soziotop ist Wissenschaft nicht möglich, worin zugleich die große Erfolgschance besteht, daß Erkenntnis zum Bestandteil des Erkannten werden kann.

So immerhin ist Veränderung der Umwelt begründbar.