OTON

Magazin & Jahresvorschau Saison 2012/13 [Tonhalle Düsseldorf]

OTON | Magazin & Jahresvorschau Saison 2012/13, Tonhalle Düsseldorf
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 6

"Kein Urmeter der Schönheit"

Interview: Udo Flaskamp; Fotos: Susanne Diesner

Was ist das Schöne? – darüber lässt sich vortrefflich streiten.
Was liegt näher als einen zu fragen, der sich mit solchen
Fragen auskennt: den Wuppertaler Ästhetik-Professor Bazon
Brock. Wer sich mit diesem „Denker im Dienst“ auf sein
Theoriegelände begibt, sollte festes Schuhwerk einpacken.
Es geht hoch hinaus, dort aber ist die Aussicht atemberaubend.
Versprochen.

‚Einfach fühlen’ ist das Motto der Tonhalle.
Wie treffend ist das?

‚Einfach‘ ist natürlich falsch. Denn es ist ja alles andere als einfach und man kann es auch nicht unvermittelt. Musik als Kraftwerk der Gefühle – das ist es, was Sie ja eigentlich meinen. ‚Bedingungslos‘ wäre viel besser, aber ist natürlich nicht so umgangssprachlich.

Es ist eine sensationelle Erfindung gewesen, die Menschen zu veranlassen, zwei Stunden still zu sitzen und sich gemeinsam auf etwas zu konzentrieren, was auf der Bühne, auf dem Podium, am Katheder geschieht. Und sie mit der Zeit dazu zu bringen, selber ein Echo zu geben und sei es auch nur den Applaus.

Brock sitzt in sich ruhend in seinen Hoffmann-Möbeln aus dem Palais Stoclet. Eine Bindehautreizung macht ihm zu schaffen, weshalb er seine Augen geschlossen hält. Trotzdem plaudert er munter drauf los: Brocks Gehirn hat die Wanderstiefel an.

1957 hielt Marcel Duchamp eine grundsätzliche Rede, die für alle, die im kulturellen Bereich tätig sind, eine bis heute bündige Antwort gibt. Er ist ja der erste Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts, der programmatisch die Kunstpraxis als Kommunikation fasste. Und dieser Duchamp verweist ganz eindrücklich auf die Lücke zwischen der Absicht und der Verwirklichung dieser Absicht. Das ist in der Musik die Lücke zwischen dem, was der Musiker beabsichtigt aber nicht ausdrückt, und dem, was unbeabsichtigt ausgedrückt wurde und vom Publikum erst aufgearbeitet werden muss. Das heißt, es gibt mehr als die materiell-physische Redundanz des Werkes – das ist in der Musik ja ganz eindeutig, sie ist ja nur gegeben als Noten, bestenfalls in jüngerer Zeit als Notationssystem. Das Werk ist also die Summe, das Verhältnis zwischen Gemeintem aber nicht Ausgedrücktem, wie andererseits Ausgedrücktem aber nicht Aufgenommenem. So kommt man zu einer produktiven Vorstellung über die Aufgabe des Publikums. Deswegen habe ich ja nicht zuletzt die Besucherschulen entwickelt.

Mit Duchamp müssen wir also sagen:
Kunst als Kommunikation?

Sie verwenden das zu schnell. Sie müssen erst fragen: „Was meinen Sie denn mit Kommunikation?“ Das versteht sich nämlich nicht von selbst. Warum hat sich in allen Bereichen das Prinzip Kommunikation derartig rasant durchgesetzt? Je moderner die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden, desto bedeutsamer. Warum? Weil mit dem Fortschreiten der Technologien im Alltagsleben – Auto fahren, Computer bedienen, zum Mond fliegen usw. – in einem immer höheren Maße, die Beteiligten nicht fähig sind, über Verstehen ihren Zugang zu den Erscheinungen zu regulieren. Es gibt niemanden, der alles studiert hat. Wir müssen kommunizieren, weil wir nicht verstehen können. Wir können prinzipiell in einer hoch leistungsfähigen Differentialgesellschaft, wo jeder nur in seinem Spezialgebiet operiert, nicht über Verstehen operieren. Je spezialisierter wir sind, desto größere Universaldilettanten sind wir in allen Bereichen. In dieser Situation ist das Grundvertrauen nur herstellbar über eine prinzipielle Klärung: Wie kann ich in einer Welt überleben, ohne sie zu verstehen?

Einstein hat das am Anfang des Jahrhunderts so zusammengefasst:
Es kommt nicht darauf an, die Welt zu verstehen, sondern es geht nur um Orientierung in der Welt. Und dieses Zurechtfinden ohne Verstehen, das ist Kommunikation. Und das Leitmedium des Zurechtfindens ohne Verstehen ist die Musik. Alle Leute glauben, das Leitmedium sei das Sehen, der Augensinn. Nein, das Leitmedium ist das Gehör. Alle Menschen, die es durchmachen mussten, sagen, wenn sie die Entscheidungsfreiheit hätten, würden sie lieber blind sein, als taub.

Was ist denn nun das Schöne?

Also jetzt kommt die berühmte Schönheitsfrage. Schönheit nennen wir die bestimmte Organisation eines Attraktors, der unsere Sinne anzieht. Das andere nennen wir abstoßend. Attraktoren gibt es viele, die auch zusammen kommen können. Z. B. kann ein Essen auf wunderbare Weise komponiert sein, für die visuelle, geruchliche und geschmackliche Wahrnehmung. Es kann also in verschiedensten Hinsichten als Attraktor ausgebildet sein.

Neurologische Untersuchungen haben gezeigt, dass Ratten, die die Möglichkeit hatten, ihr eigenes limbisches System im Belohnungszentrum dauernd zu stimulieren, tatsächlich den Trigger ununterbrochen bewegten und dann verdursteten, weil sie vergaßen zu trinken.

Es kommt also nicht nur auf die Organisation der höchsten Attraktivität an, sodass man wirklich daran gefesselt ist und sich gar nicht satt sehen, satt hören kann. Sondern das Entscheidende ist die Möglichkeit der Ablösung. Alle vergaßen bisher, dass der Attraktor in zweifacher Hinsicht wirken muss. Einerseits muss er die Hinwendung ermöglichen und andererseits muss er die Abwendung ermöglichen, denn sonst verhungert man vor lauter Schönheit. Der Schönheit weihte ich mein Leben, also gehe ich zu Grunde. Der Kern der Sache ist also das Verhältnis von Hinwendung und Abwendung.

Woran liegt es dann, dass viele Menschen kein Problem mit
der Hinwendung haben, aber eines mit der Abwendung und
sich oft genug zugrunde richten?

In den Zeiten, da man sich noch auf den natürlichen Ablösemechanismus, den Ekel bezogen hat, war das kein Problem, als der Zusammenhang zwischen Schönheit und Grausen, zwischen Hinwendung und Abwendung noch intakt war. Erst seit die Kulturen es fertig bringen, – wie durch die technischen Mittel in unseren Jahrzehnten, Einsatz von Bildmedien – die Hemmschwelle immer weiter zu erhöhen, vor der der Ekel einsetzt, ist dieses Verhältnis gestört. Bis ungefähr 1900 konnten Kinder einen Riegel Schokolade essen, dann war Schluss. Heute sehen sie eine Fettleibigkeitszunahme, dass viele Leute ganze Konfektschachteln ausräubern können, bevor überhaupt noch der Ekel einsetzt. Oder man reagiert auf einen entblößten Schenkel. Um 1900 war das Zeigen der Wade einer Dame schon von höchster erotischer Attraktivität und Schwärmerei. Dann rutschte der Rock immer weiter hoch. Heute ist selbst die Nacktheit kein Attraktor mehr.

Verlernen wir, Schönheit wahrzunehmen?

Ja, wenn es jederzeitigen Zugriff gibt, wenn es keine Ekelschwellen gibt, wenn es keine Zugangsschwellen gibt, wenn es keine Verzögerungstaktiken gibt. Der höchste Ausdruck dafür ist, dass der Papst im April 2007 das ausdrücklich mit der Streichung des Limbo, der Vorhölle, erreicht hat. Damit ist das Vorzimmer, die Vorfreude, die Vorlust, alles gestrichen. Es geht sofort zur Sache und das bringt nichts.

Hier sind wir wieder am Anfang bei der Lücke, die Duchamp aufgezeigt hat, zwischen der Sache selbst und ihrem Begriff oder ihrem Bild, das wir uns von ihm machen. Wenn das alles aufgehoben wird, geht ein hohes Maß an Erkenntnisträchtigkeit des Schönen verloren, weil es am Ende keinen Unterschied zwischen Hinwenden und Abwenden gibt.

In einer Stadt wie Berlin gibt es bis zu 2000 Veranstaltungen pro Tag. Da ist klar, dass eine Veranstaltung kein Attraktor mehr ist, dass das niemanden mehr anzieht, dass es keine Vorfreude mehr gibt. Wenn sie die Vorfreude eliminieren, wenn sie im Konzert die Kleiderordnung streichen, wenn sie die Vorbereitung durch rituelle Gewandung, ein schwarzes Kostüm für die Frau oder was auch immer, wenn sie das alles aufheben, minimieren sie schon zu einem großen Maß den Genuss.

War Brock gerade noch ein ruhig dozierender Buddha, verfällt er nun in einen Zustand innerer Aufwallung. Tatsächlich unterstreicht er jede seiner Äußerungen durch Schläge auf die Lehne seines Stuhls.

Was soll noch schön sein? Was kann als schön gelten?
Wer sagt heute, was schön ist?

Schon lange gibt es niemanden, der sagt, was schön ist. Aber alle müssen von Schönheit reden. Denn sie tun es ja. Und sie würden es nicht tun, wenn sie es nicht müssten. Also heißt es folgendermaßen:
Das nennt man seit 200 Jahren negative Ästhetik, negative Theologie. Das meint: alle reden von Gott, obwohl niemand sagen kann, ob es ihn gibt, auf welche Weise es ihn gibt. Haben Sie schon mal den Beweis dafür gehört? Dass eine höchste Autorität sagt, was Gott ist?

Das haben viele versucht.
Bis hin zu semantischen Gottesbeweisen.

Jedenfalls müssen wir im Alltag Unterscheidungen treffen. Wir müssen zum Beispiel sagen, dieses nehme ich und jenes nehme ich nicht. Man begründet das, was ich nicht nehme, mit dem Hinweis „Das ist hässlich“ oder „das ist in täuschender Absicht hergestellt.“ Wenn wir im Alltag ständig Unterscheidungen treffen müssen, bei denen wir unsere Unterscheidungen zwischen schön und hässlich, gut und täuschend, hinterlistig, kriminell, wahr und unwahr treffen müssen, dann ist die Orientierung auf die Schönheit, Gutheit und Wahrheit eine Denknotwendigkeit. Es ist keine Orientierung auf eine irgendwo gegebene Autorität, die durch Reichspräsidenten, Akademiepräsidenten oder irgendwelche oberste Semantikpolizeipräsidenten repräsentiert wird, sondern die Notwendigkeit der Bildung eines Urteils, das auf Unterscheidung besteht. Wir sind also auf die Unterscheidung als Denknotwendigkeit verwiesen. Und anstatt immer neu zu definieren und jedes mal neu zu rechtfertigen was Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gott, Wahrheit, Gutheit, Liebe ist, nennen wir es einfach Gott, Gutheit, Liebe, Freude! Das ist denkökonomisch sinnvoll, aber es bedeutet nicht, dass es eine verlässliche Autorität geben muss, die uns sagt, was denn wahr, gut und schön ist. Wir müssen unterscheiden. Jeder muss unterscheiden. Egal unter welchen Bedingungen. Er vollzieht das also und muss vor sich selbst aus der Denknotwendigkeit heraus eben bei der Unterscheidung schön und hässlich, gut und schlecht, wahr und unwahr, sich auf Schönheit, Gutheit und Wahrheit beziehen. Das ist das ganze Geheimnis. Seit wir als Theologen nicht mehr die Existenz Gottes und die Bestimmung seiner Eigenschaften und Qualitäten per Autorität, päpstliche oder sonst was, durchsetzen lassen können, sondern es eine Frage des Glaubens – der Notwendigkeit der Begründbarkeit des eigenen Glaubens – geworden ist, nimmt die Sicherheit im Hinblick auf den Umgang mit Gott und Schönheit, Wahrheit, Freiheit und so weiter in einem hohen Maße zu. Also kein Urmeter der Schönheit, kein Urmeter der Gutheit und Wahrheit, nirgends. Trotzdem ist die Autorität von Schönheit, Gutheit und Wahrheit für den Einzelnen als eine ihm abverlangte Denknotwendigkeit größer, als sie es je zu irgendwelchen historischen Zeiten war.