Im Gehen Preußen verstehen / Ein Kulturlehrpfad der historischen Imagination

Karte der Stationen  | zur Aktion "Im Gehen Preußen verstehen", IDZ Berlin 1981. Bazon Brock, Ulrich Giersch, François Burkhardt | ca. 1981, anlässlich der Vorbereitung von „Im Gehen Preußen verstehen“, vermutlich aufgenommen in der Nähe von Potsdam (Glienicke oder auf der Pfaueninsel)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

[im Rahmen d. Ausstellung Preussen, Versuch e. Bilanz] / Internat. Design-Zentrum Berlin e.V. [Zusammenstellung: Ulrich Giersch]

1. Station Grenzgebiet/Leipziger Str. 3 und 4

Der historische Lehrpfad ist eine Grenzbegehung und lehrt Grenzüberschreitung. Wir befinden uns am Rande der südlichen Friedrichstadt, wenige Schritte von der ehemaligen Stadtmauer entfernt, die bis 1866 die heutige Stresemannstraße zweiteilte. Vor uns die Mauer, welche hier nun auch wieder auf der Stresemannstraße (dem nördlichen Teil) verläuft und dann in die Niederkirchnerstraße, früher Prinz-Albrecht-Straße, abbiegt. Hinter uns, etwa da, wo der Martin-Gropius-Bau endet, verlief früher einmal ein Graben, der zwei bedeutende Gartengrundstücke voneinander trennte.

Wir stehen inmitten einer Insel, eingegrenzt von den verschiedensten Grenziehungen, die dieses Gebiet im Laufe der Geschichte erlebt hat, auf einem Niemandsland, das jedermann betreten darf. Unser Wahrnehmungsfeld wird von leeren Stellen gesäumt, weniger unser Sehen, vielmehr unser Wissen sagt uns, daß hier überall etwas gestanden haben muß, wenn wir die Zeit um einige Jahrzehnte zurückdrehen und anhalten: Häuser, Bäume, Menschen, Fahrzeuge... Von all dem sind wenige Spuren geblieben, die sandigen und wüsten Parzellen geben keine nähere Auskunft. Vor rund 250 Jahren kursierte in diesem Gebiet auch schon einmal der Ausdruck "wüste Stellen", und man listete solche Grundstücke auf, um sie bestimmten Personen zur Zwangsbesiedlung zuweisen zu können.

Nun gibt es hier vom Augenschein her wieder ein verwüstetes vorgeschichtliches Terrain, und im Grunde genommen stehen wir in der vorgeschichtlichen Abteilung des Berliner Museums für Völkerkunde. Es wurde 1886 eingeweiht, im 2.Weltkrieg leicht zerstört und nahm danach noch für kurze Zeit die Sammlungen des Vor- und Frühgeschichtlichen Museums auf, bevor es abgerissen wurde. In diesem Gebäude befand sich der trojanische Schatz, den Heinrich Schliemann der Stadt Berlin geschenkt hatte und wofür ihm die Ehrenbürgerschaft zuteil wurde. Bevor wir nun mit unserem Randgang beginnen, ist eine erste Orientierung in diesem imaginären Museum für Völkerkunde und Prähistorie sowie in seiner näheren Umgebung notwendig.

Durch Krieg und Nachkriegszerstörungen ist Geschichte hier nicht nur verschüttet, sondern ab- und fortgetragen worden. Auf dem historischen Boden ruht kein historisches Material mehr, sondern lastet eine fragwürdige Leere. Ungefähre Anhaltspunkte, um sie wieder zu füllen, bietet das Straßennetz, dessen spezifische Bebauung damals für eine historische Achsenbildung gesorgt hat, an der man sich orientieren konnte. Diese historischen Achsen der Stadt sind gebrochen. Das Rad der Geschichte lief aber trotzdem irgendwie weiter und brachte Örtlichkeiten durcheinander, vertauschte deren Bedeutungen und Funktionen oder machte einfach unsichtbar.

Diesen unsichtbaren Stadtteil werden wir ansatzweise rekonstruleren, was aber heißt: Wir werden neue imaginäre Achsen durch das Gebiet legen, auf denen Zeit- und Ortswechsel statffinden.

Denn der Begriff der historischen Achse bedeutet nicht, daß Geschichte ein für alle mal auf eine Linie festgelegt werden soll, also nur als in der Zeit stillstehende Topographie ansichtig wird, sondern die historische Achse ist auch eine Zeitachse, auf der sich Imagination bewegen soll. Auf ihr soll Geschichte als ein zeitlicher Vorgang so spürbar werden, daß er unser Raumgefühl verunsichert.

Ruinenreisende sprachen früher von einem "Zeitschwindel". Der historische Lehrpfad geht nur wenige Stunden, der imaginäre Lehrpfad schreitet über diese Zeit hinaus, er bewegt sich zwischen Prähistorie und Präkognition (Vorausschau). Er tastet sich an die Ränder des Unsichtbaren vor. Über das unsichtbare Berlin schrieb Alfred Döblin 1928: "Sollten vielleicht sämtliche modernen Städte eigentlich unsichtbar sein -, und was sichtbar an ihnen ist, ist bloß die Nachlaßgarderobe? Das wäre eine tolle Sache. Aber es wäre ein gutes Symbol für alles Geistige von heute. Denn mit unseren Vorstellungen und Gedanken steht es nicht anders, sie sind größtenteils von gestern und vorgestern, und unendlich langsam sickert das Heute in unsere Gedanken. Und so langsam bauen sich auch die Städte um, vielleicht in 50 bis 100 Jahren wird man Berlin sehen können, natürlich - das von heute. (. . .) Demnach, Du hast Deinen Autobus zu verlassen, verehrter Fremder, stecke Deine Hände in die Taschen, laß den Blick von den Bauten, es ist daran nichts zu sehen. Aber, halt still, horch auf, sieh Dich um, atme, bewege Dich, hier geht etwas vor, es ist eine moderne, junge, zukunftsreiche Riesensiedlung! Plötzlich wird auch Dich die Monotonie ihrer Häuser erschüttern, und Du wirst die Energie, Lebendigkeit und Tapferkeit dieses Menschenschlages hier erkennen, die Vielgestaltigkeit seiner Typen, Du siehst, hier wohnen sie, hier arbeiten und bauen sie, hier lagert es, ganz ohne Unruhe, auf dem Sandboden, das große, ernste Massenwesen Berlin." (1)

Wir stehen immer noch in dem schon lange zerstörten Museum für Archäologie und Ethnologie, beides Wissenschaften, in denen der Begriff Feldforschung eine wichtige Rolle spielt. Feldforschung heißt, das Museum, das Lehrgebäude verlassen, um am Ort selbst etwas über diesen, aber auch über die eigene Person zu erfahren. Begehung als Beschwörung: Man verspricht ungeteilte Aufmerksamkeit: Erlebnisströme sollen über die gewohnten Grenzen fließen. Vielleicht ist es der Archäologe mit der Wünschelrute, solange er die Vergangenheit nicht an sich reißt, denn dann hört sie auf zu leben, das heißt, sie entvölkert sich und wird museal.

Der Grundriß des Museums ähnelt dem oberen Teil einer zugekniffenen Zange, die ihre Kolonien umklammert und vielleicht auch ihre Wunschkolonien: Asien, Afrika, Amerika und die Südsee.

"Die vorgeschichtliche Sammlung gilt Kennern als die beste in Deutschland, die allgemeine ethnologische Abteilung gilt als die beste überhaupt. Im Museum an der Königgrätzer Straße aber beglückt dieses Resultat nicht, es wird nicht anschaulich, es verbreitet vielmehr Staubgeruch. Im größten Spielzeugwarenlager, im buntesten Antiquitätengewölbe, im dichtgestellten Naturalienkabinett kann es nicht unübersichtlicher, magazinartiger und muffiger sein. (...) Eine Wunderwelt tut sich auf, die zur Fundgrube werden könnte. Doch ist es eine fast tote Sammlung, von der das Volk kaum etwas weiß. (...) Es sind da Spinn-Wirteln in langen Reihen angeordnet: mit zwei Strichen, mit drei Strichen, mit vier Strichen, mit fünf- oder sechsteiliger Dekoration, mit Schriftzeichen, Naturmotiven, Hakenkreuzen usw." (2)

Im Schliemann-Saale befand sich der 1873 gefundene Schatz von Troja: "Große goldene Kopf- und Ohrgehänge und Armbänder, schwere goldene Becher von Silber vier große Mischkrüge und dicke Barren, von Kupfer Kessel und Schalen und Beile." (3)

Dieser Goldschatz des Priamos wanderte während des Krieges in den Zoobunker und ist seit 1945 zum größten Teil verschollen. Bei Schliemanns Ausgrabungen kamen Tausende von Spinn-Wirteln (kugelartige, durchbohrte Gegenstände aus Ton) zum Vorschein. "Als er (...) darauf das namentlich in aslatischen Denkmälern und Kulten viel verwendete Zeichen der ,svastica' sah, erklärte er in Anlehnung an namhafte Indologen die runde Durchbohrung des Wirtels für das Zeichen der Zentralsonne unserer arischen Urväter und die darauf angebrachte Verzierung als das Symbol des heiligen Feuers." (4)

Ähnliche Hakenkreuze fanden sich auch in der Bepflasterung der Zufahrt vom Preußischen Abgeordnetenhaus, schräg gegenüber in der damaligen Prinz-Albrecht-Straße, noch vor der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus.

Das nördliche Berlin, das als ,Spree-Athen' den Süden und die antike Kultur in sich nachgebären wollte bekam vielleicht auch durch die Forschungen Heinrich Schliemanns dazu eine heriditäre Legitimation geliefert: "Er dachte in Troja und Mykene eine Kultur zu finden, die der klassisch-griechischen nahestände, und derweil hat er gefunden, die erste monumentale Mischung nordischen Wesens mit der alt-mittelländisch-pelastischen Kultur, den ersten festen Beweis für die Indogermanisierung Griechenlands von unseren Ländern und nicht von Zentralasien her." (5)

Legen wir eine weitere imaginäre Achse durch das Gebiet. Wenn wir von Schliemanns Sammlung aus eine Schatzroute in nördlicher Richtung verfolgen, so werden wir schnell fündig. Auf der dem Museum gegenüberliegenden Straßenecke verzeichnet ein Stadtplan von 1888 die Generalmilitärkasse, und am Leipziger Platz Nr. 13 befand sich ab 1920 ein Reichsschatzamt.

Wir treten nun in den Drehpunkt jener Kneifzange, in das damals von einer länglich-runden Flachkuppel abgedeckte Vestibül des Museums, und drehen uns langsam im Uhrzeigersinn, damit unsere Imagination fliehkraftartig zu kurzen Flügen in die nähere Umgebung aufbrechen kann. Der Gegenpol, die Schwerkraft unseres Gegenwartsbewußtseins, wird uns hier standhaft zentrieren, so daß die unsichtbare Vergangenheit langsam wieder in das Heute sickern kann. Im folgenden entspricht der Uhrzeigersinn nicht immer dem wirklichen Lauf der Geschichte.

Vor uns die Mauer, nicht weit dahinter der Potsdamer Platz, der Leipziger Platz und die Leipziger Straße. "Für die technische Entwicklung Berlins haben später Potsdamer Platz und Leipziger Straße als Hauptgeschäftsgegend dadurch große Bedeutung erlangt, daß hier die erste elektrische Beleuchtung ausgeführt wurde. Werner von Siemens konnte am 16. September 1882 melden: ,Heute Nacht hat die Leipziger Straße zum ersten Male in elektrischem Glanze gestrahlt. Unsere Lichter haben 800 Kerzen Helligkeit und jede ersetzt zweieinhalb Gaslaternen."' (6)

Weiter östlich wird die Leipziger Straße von der Wilhelmstraße gekreuzt, auf der sich die wichtigsten Regierungsgebäude des Reiches befanden. An das Regierungsviertel schloß sich das Bankenviertel an, mit den Schwerpunkten Behrenstraße und Jägerstraße. Die Verlängerung der Niederkirchnerstraße ist die Zimmerstraße. Zwischen Zimmer- und Kochstraße über die Friedrichstraße hinaus bis zur Jerusalemer Straße war das Zeitungsviertel Berlins angesiedelt.

Gekreuzt wurde es von der Friedrichstraße, in der sich das Leben eines der berühmtesten Berliner Vergnügungsviertel konzentrierte. Die südliche Friedrichstraße war nach dem 1.Weltkrieg kurzeitig Filmquartier. Wir haben uns nun um 180° gedreht: zwischen Tag und Nacht angesiedelt taucht an der Anhalter Straße das Hotel- und Bahnhofsviertel auf.

Zwischen den beiden Fernverkehrszentren des Anhalter und Potsdamer Bahnhofs und nunmehr uns vis a vis lag das sogenannte Geheimratsviertel: "Die Gegend zwischen Landwehrkanal und der damaligen Königgrätzer Straße führt den bezeichnenden Namen ,Geheimratsviertel', da ihre ruhigen Straßen Mitte des vorigen Jahrhunderts viele höhere Beamte, Gelehrte und Künstler zum Wohnen einluden, von denen manche später Weltruf erlangt haben." (7)

In der Linkstraße an der Potsdamer Bahn wohnte damals auch Hofmann v. Fallersleben, der Dichter des Deutschlandliedes und Schöpfer von mehr als tausend, heute noch von vielen gesungenen Liedern. Schräg gegenüber, im Hotel Sanssouci, pflegte Hitler bei seiner Anwesenheit in Berlin in dem Jahrzehnt der Nachkriegszeit bis Februar 1931 (seitdem im Kaiserhof) zu wohnen.

Von der Bernburger Straße aus war damals die in einem Häuserblock gelegene Philharmonie zugänglich, zuvor Vergnügungsstätte und Rollschuhbahn, die Schwechten 1880 zum Musiksaal umgebaut hatte. "Begünstigt durch die Nähe des Bahnhofes gruppierten sich die Philharmonie als Musikzentrum eine Reihe anderer Konzertsäle, Beethoven- und Meistersaal, und so ist hier in Berlin im Verein mit den beiden Museen für Völkerkunde und der Staatlichen Kunstbibliothek in der Prinz-Albrecht-Straße ein wichtiges Kunstzentrum, ein Gegenstück zu dem Universitätsviertel mit den Museen auf der Museumsinsel und Unter den Linden, entstanden." (8)

Nach dieser Drehung um die eigene Achse stehen wir wieder am Anfang - jenem Stück Niemandsland an der Mauer. Von diesem Niemandsland an der Kommunikation, wie damals die Stresemannstraße hieß, in deren Mitte die alte Stadtmauer verlief, berichtet Sebastian Hensel, der Neffe von Felix Mendelssohn-Bartholdy, der auf dem Grundstück Leipziger Straße 3 aufgewachsen ist:

"Das Grundstück hatte seitwärts einen Küchengarten mit einem Ausgang nach der Kommunikation hinter der damaligen Stadtmauer. Diese Kommunikation war für alle daran angrenzenden Grundstücke, die sämtlich Thüren auf dieselbe hatten, Ablagerungsplatz für alles Gerümpel, zerbrochene Töpfe, Müll, tote Katzen und andere Raritäten. Für uns Jungen war dieser Verbindungsgang aber unschätzbar. Es war eine erwünschte Erweiterung des Gartens, wegen der Wildheit und Liederlichkeit, die dort herrschte, mit einem Anstrich von Romantik." (9)

Die Kommunikation war weiter nördlich auch das Niemandsland der Freien Liebe:

"Anzeige des Torkontrolleurs Rüthling am Hamburger Tor vom 13. 6.1839: Das überhandnehmende Unfugtreiben an der Communication vom Hamburger bis Oranienburger Tor der jungen sittenlosen Leute beiderlei Geschlechts aus den Familienhäusern betreffend: Der in rubro genannte Weg, innerhalb der Mauer vom Hamburger bis Oranienburger Tor, ist durch Aufhebung der Wache eine freie Passage für jedermann zu Fuß, Wagen und zu Pferde geworden, der Nähe der Familienhäuser wegen, von den Bewohnern derselben, vorzüglich deren Kinder und erwachsenen Jugend, beiderlei Geschlechts, bei deren sittenloser Erziehung, leider!, ein Ort für zügellose Unzucht, in ausgelassener Wildheit ausartende, Unfug treibende Niederlage geworden. (...) Nach diesen vandalischen Ergötzlichkeiten beschließen sie endlich den Ort mit frecher Unzucht in den dort befindlichen Gräben." (10)

Wer bestimmte über die Mauer? Mitte des vorigen Jahrhunderts bat der Stadtrat Sommer den König, "die häßliche, seine Häuser vom Tiergarten trennende Stadtmauer fallen zu lassen. Diesem Wunsch konnte der König nicht willfahren. 'Die Stadtmauer verteidigt der Fiskus, gegen den wir beide mit unseren vereinten Kräften nichts ausrichten würden'." (11)

Die ehemalige Stadtmauer entlang der Stresemannstraße diente also vorrangig als Einnahmequelle der Steuer- und Zollbehörde. Darüber hinaus sollte sie die Fahnenflucht der Soldaten verhindern. Von einer Mauer unbelastet verlief die Stresemannstraße also nur in einem Zeitraum von 95 Jahren. Den Grenzziehungen im kleinen entsprechen die Namensnennungen im großen. Namenszüge fahren ab auf Nimmerwiedersehen, einige kehren nach langem Rangieren wieder zurück. Seit 1734 verlief in der Mitte die Stadtmauer; außen hieß die Straße Hirschelstraße, innen Potsdamer Communikation und ab dem Anhalter Tor Anhaltische Communikation.

"Als 1866 die Stadtmauer fiel, wurden die beiden an der Mauer liegenden Straßen zu einer Straße zusammengelegt. Beide Straßen hatten aber ungleiche Höhen; denn die Hirschelstraße lag etwa drei Fuß höher als die Communikation." (12)

Schon im Jahre 1867 wurde der Straße in ihrer ganzen Ausdehnung zur Erinnerung an die siegreiche Schlacht zu Königgrätz 1866 der Name Königgrätzer Straße verliehen. Ende der 20er Jahre wurde die Straße in Stresemannstraße umbenannt (nach dem Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann), dann Saarlandstraße (nach der Wiedereingliederung des Saarlandes ins Reich), nach dem Krieg Rückbenennung in Stresemannstraße.

"Noch im Jahre 1871 zogen sich durch die Straße die Gleise des sogenannten 'Verbinders' einer für den Güterverkehr zwischen den verschiedenen Bahnhöfen bestimmten, in Resten noch bis vor kurzem an der Gasanstalt in der Gitschiner Straße sowie in der Eisenbahn- und der jetzigen Brommystraße erkennbaren Verbindungsbahn. Manch alter Berliner wird sich daran erinnern, daß dort einstmals die Züge unter Begleitung von Bahnbeamten, die eine Fahne schwenkten und mit einer Glocke läuteten, langsam entlangfuhren. Besonderes Interesse erweckten aber im Jahre 1870 die nicht seltenen Gefangenenzüge, in denen die französischen Kriegsgefangenen nach den östlichen Landesteilen befördert wurden, auch sie wurden auf dem ,Verbinder' nach dem Ost- und Schlesischen Bahnhof geleitet." (13)

Die heutige Mauer an der Niederkirchnerstraße ist noch nicht sehr alt, genau wie diese Straße, welche erst mit dem Martin-Gropius-Bau zusammen angelegt wurde und eine Sackgasse war, die hinter der Seiten front des Gropius-Baus damals durch die Gartenmauer des Kriegsministeriums begrenzt wurde, bevor sie später bis zur Zimmerstraße verlängert wurde (1882). Wir stehen, wenn wir einmal historisch rekonstruleren, in den Gärten, die zu den Grundstücken an der Leipziger Straße gehörten.

Von heute aus gesehen stehen wir im "Unterbaugebiet", wie das Mauervorfeld im Polizeijargon heißt. Hinter uns, etwa entlang der Rückfront des Gropius-Baus verlief damals die Grenze zwischen den eben genannten Grundstücken und dem Prinz-Albrecht-Garten. Diese Grenze war zum Teil in einem viel direkteren Sinne Unterbaugebiet, mehr noch, sie war ein "Aha-Erlebnis":

"1822 wurde zwischen den beiden Gärten ein sogenanntes ,Aha' angelegt. Ein ,Aha' stellt eine Vertiefung des Geländes im Bereich einer Blickschneise dar, um einen den Blick störenden Zaun oder eine Gartenmauer so verschwinden zu lassen, daß der Blick aus dem Garten oder Park ungehindert in die Umgebung schweifen kann und der Gartenraum größere Tiefe erhält. Die Täuschung muß so gut ausgeführt sein, daß der fremde Parkbesucher beim näheren Herankommen in ein erstauntes ,Aha' ausbricht." (14)

Wir bewegen uns auf der Grenze zwischen den Gärten der Häuser, die zur Leipziger Straße gehörten und dem Prinz-Albrecht-Garten. Im folgenden geben wir einige Daten zur Geschichte dieses Geländes zwischen Prinz-Albrecht-Garten und Leipziger Straße 3 und 4.

Beide Grundstücke befanden sich damals auf dem Tiergartengelände, das erst ab 1723 für die Bebauung erschlossen wurde.

Leipziger Straße 3
"Wie einsam (um 1830) z.B. die Leipziger Straße war, sehen wir daraus, daß Felix Mendelssohn mit einigen Freunden die Wette einging, er wolle mit einem Rosenkranz auf dem bloßen Kopfe von Leipziger Straße 3, dem Wohnhause seiner Eltern, bis zum Dönhoffplatz gehen. Er gewann die Wette - es begegnete ihm eben kein Mensch." (15)

"Ununterbrochen sagt die Stadt: Arbeite! Wer durch die Leipziger Straße wandert, in welcher nicht ein Quadratzentimeter ist an den Häuserwänden, der nicht von Schaufenstern eingenommen würde, atmet einen Hauch dieser Arbeit. In diesem engen, schon etwas altertümlichen Steinschlauch, in welchem sich die Menschen und die Fahrzeuge eng aneinanderdrängen, atmet die Stadt etwas von ihrem Tempo. Das ist der Kern der City." (16)

1735 - Leutnant J. H. von der Groeben baut hier ein Haus. Da er keine Mieter findet, wird das Haus als Hauptgewinn einer Lotterie ausgeschrieben.
"... im Jahre darauf erhielt der Lieutenant des kronprinzlichen Regiments, von der Groeben, eine freie Baustelle nebst Gartenplatz (Leipziger Straße No.3), nebst freiem Baumaterial. Allen diesen Grundstücken ward Befreiung von den bürgerlichen Lasten, wie den übrigen Freihäusern in der Residenz, zugesagt." (17)

1746 - J. E. Gotzkowsky erwirbt das Haus und unterhält hier unter anderem eine Seidenmanufaktur.
1778 - Baron C. F. von der Recke kauft das Grundstück
Ca. 1780 - Er pflanzt hier zwei Eibenbäume an.
(Etwa hundert Jahre später überschätzt Fontane das Alter der Bäume gewaltig, wodurch er sie aber vor einer Verpflanzung rettet, als das neue Herrenhaus gebaut werden soll.)
"Im Spessart meint man, daß ein Stück Eibenholz, am Körper getragen, allen Zauber vertreibe. Das Volk sagt dort: 'Vor der Euwe, ka Zauber bleibe."'
Im Altertume wurde die Eibe ihres elastischen und festen Holzes wegen vorzüglich zu Bogen verwendet. Ebenso machte man Pfeile aus deren zähem Kernholz. Während des ganzen Mittelalters gab so der Eibenbaum den Stoff für die vorzüglichsten Kriegswaffen ab, besonders in England und Schweden. In modernem Englisch heißt die Eibe yew, der Efeu ivy; dieses deutsch, jenes keltisch. Beide Wörter (vgl. oben) bedeuten 'immergrün'. (18)
1814 - Die aus den Befreiungskriegen heimkehrenden Soldaten werden hier bewirtschaftet.
1825 - Die Familie Mendelssohn erwirbt das Grundstück; der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy verbringt hier einen Teil seiner Jugend.
1828 - Alexander v. Humboldt läßt im Garten das erste vollkommen eisenfreie Beobachtungshäuschen für erdmagnetische Erscheinungen errichten.
"Das Schönste an der Gartenwohnung war der große, in der Mitte gelegene Saal. Derselbe fasste mehrere hundert Menschen und bestand nach dem Garten zu aus lauter zurückschiebbaren Glaswänden mit Säulen dazwischen, sodass er in eine ganz offene Säulenhalle zu verwandeln war... Hier war das eigentliche Lokal, wo die Sonntagsmusiken ihre volle Ausdehnung gewinnen sollten. Man genoss aus ihm den Ueberblick über den 7 Morgen grossen, parkartigen Garten, der bis an die Gärten des Prinzen Albrecht reichte und, ein Ueberrest des Thiergartens, der sich noch zu Friedrichs des Grossen Zeiten bis hierher erstreckt hatte, einen grossen Reichthum der schönsten alten Bäumebesass." (19)

"Alexander von Humboldt, der sich im Garten ein magnetisches Observatorium einrichten durtte, G.W. F. Hegel und Heinrich Heine, der Rechtsphilosoph, Eduard Gans und der Altphilologe August Böckh gingen hier aus und ein. E.T.A.Hoffmann, die Hofrätin Henriette Herz, Schleiermacher, Varnhagen von Ense und dessen Frau Rahel gehörten zu den illustren Gästen. Unter den Freunden der Kinder Mendelssohn aber fanden sich der spätere Historiker Johann Gustav Droysen, der Geiger Ferdinand David, der Sänger Eduard Devrient und Karl Klingemann, der sich nicht nehmen ließ, für eine übermütige kleine Gesellschaft von Felix vertonte Schwimmlieder zu reimen." (20)

"Im Herbst hatte er im Garten seines Freundes Abraham Mendelssohn-Bartholdy, dem ältesten Sohn von Moses Mendelssohn und Vater des berühmten Komponisten, Felix, eine magnetische Hütte errichten lassen, die außer Kupfer kein Metall enthielt und vollkommen anziehungsfrei war. Felix war damals 20 Jahre alt und bereits gut bekannt. Humboldts magnetische Hütte lag nicht weit von dem Sommerhaus entfernt, in dem Felix und seine ebenfalls hochtalentierte Schwester Bachs wiederentdeckte Matthäus-Passion für ein künftiges Konzert übten.
Während die Klänge der Musik zu ihm herüberdrangen, beobachteten Humbold und seine Assistententen durch ein Mikroskop aufmerksam die schwarze Linie einer Elfenbeinskala, die von Kerzenlicht beleuchtet war. Jede Stunde, bei Tag und Nacht, notierten sie die Schwankungen der magnetischen Deklination. Humboldt war speziell daran interessiert, gleichzeitig Beobachtungen an verschiedenen Orten zu machen, um festzustellen, ob die Unterschiede terrestrischen Ursprungs waren oder von der Stellung der Sonne abhingen. Zu diesem Zweck wurden gleichzeitig Ablesungen in Paris sowie in einer Freiberger Grube, 216 Meter unter der Erde vorgenommen. Später wurden sie auf Humboldts Betreiben rings um die ganze Welt ausgedehnt." (21)

1851 - Die preußische Regierung richtet hier in kurzer Zeit das Preußische Herrenhaus ein, weil die Versammlungsräume in der Oberwallstraße von einem Feuer zerstört worden sind.

Herrenhaus: seit 1848 erste Kammer des preußischen Landtags. Die Mitglieder stammten aus dem preußischen Adel oder wurden vom König als Vertreter ernannt. Abgeordnetenhaus: zweite Kammer. Die Mitglieder wurden nach dem Dreiklassenwahlrecht gewählt.

1867 - Die 297 Mitglieder des norddeutschen Reichstages tagen hier bis 1870.
9.12.1870 - "Nicht in Versailles und auch nicht lediglich von den dort im Spiegelsaal anwesenden Fürsten, Prinzen und Kriegern wurde das Deutsche Reich gegründet: hier in Berlin, im dunkel getäfelten Saale haben die Abgeordneten von einundzwanzig deutschen Ländern am 9. Dezember 1870 die Verträge genehmigt, die den Norddeutschen Bund zum Deutschen Reiche erweiterten. Und von diesem Berliner Hause fuhr, mit dem Präsidenten Eduard Simson an der Spitze, im Dezember 1870 die Deputation der Vertreter des Volkes nach Versallles und bat, vereint mit den Fürsten, König Wilhelm durch Annahme der Kaiserkrone das Einigungswerk zu weihen." (28)
1899 - Das Herrenhaus wird abgerissen (die Mitglieder tagen nun in den alten Räumen des Abgeordnetenhauses am Dönhoffplatz, dessen Mitglieder mittlerweile in den Neubau an der Prinz-Albrecht-Straße gezogen sind).


Leipziger Straße 4

1759 - Der Kaufmann J. E. Gotzkowsky errichtet hier eine Porzellanfabrik.

"Die große Universalität Friedrichs II. bekundete sich nicht nur in seinem persönlichen Wirken als Feldherr, größter Staatsmann seiner Zeit, Philosoph und Dichter, sondern auch in seiner Tätigkeit als Fabrikherr. Es ist erstaunlich, wieviel Interesse und Muße er für die Spezialitäten seiner Porzellanfabrik übrig hatte, und vor allem, wie auch die für eine Unternehmernatur charakteristischen Eigenschaften in seiner Betätigung hervortraten." (22)

1763 - Der König übernimmt diese Fabrik. Im Vorderhaus waren die Warenlager untergebracht. Im Hinterund Seitengebäude wurde das Porzellan geformt, bemalt und gebrannt. Hinter der Fabrik lag einige Zeit lang das ,Exercierhaus für Infanterieregimenter'.

1871 - Die Porzellanmanufaktur wird in den Bezirk Tiergarten verlegt. Umbau der alten Fabrikgebäude zum provisorischen Deutschen Reichstag (innerhalb von 70 Tagen).
"In der Leipziger Straße 4, neben dem Herrenhaus, fand man einen geeigneten Bauplatz: das bisherige Gelände der Königlichen Porzellanmanufaktur, die eigentlich erst 1872 in ihre neuen, in Charlottenburg errichteten Fabrikationsräume umziehen sollte. Bismarck selbst, so berichtet der national-liberale Abgeordnete von Unruh, griff energisch ein, um die Arbeiten zu beschleunigen. Als der Kanzler nach Fertigstellung der Pläne 'die Baustelle besuchte, hörte er von dem die Aufsicht führenden Baumeister, daß die Räumung sehr langsam erfolge, daß man das Porzellan höchst sorgfältig verpacke und daß dadurch die neuen baulichen Einrichtungen sehr aufgehalten würden. Der Reichskanzler gab sofort dem Baumeister den Befehl, im Falle die Räumung innerhalb 3 Tagen nicht beendet sei, das dann noch im Gebäude befindliche Porzellan auf die Straße zu werfen und daß dies geschehen werde, der Direktion der Porzellanfabrik sogleich anzuzeigen. Diese mietete nun eine Anzahl Möbelwagen und Körbe, und die Räumung erfolgte innerhalb der bestimmten Frist.'
Binnen 4 1/2 Monaten, von denen nach Abzug der Sonntage und der durch einen Streik eingetretenen Pause nur 71 Arbeitstage übrig blieben, war der Bau vollendet - in Tag- und Nachtschichten, bei denen man sich, wie es in einer Beschreibung aus dem Jahre 1877 heißt, ,mit gutem Erfolg des elektrischen Lichts bediente'." (23)
1871-94 - Der Deutsche Reichstag versammelt sich hier.
1876-81 - In den hinteren Gebäudeteilen werden Sammlungen des Kunstgewerbemuseums ausgestellt.
1894-99 - Bau des Abgeordnetenhauses in dem Teil der Gärten an der Prinz-Albrecht-Straße.

Leipziger Straße 3/4
Zwischen 1893 und 1904 wird auf dem Grundstück zwischen der Leipziger Straße 3 und 4 und der Prinz-Albrecht-Straße für die beiden Häuser des Landtags Herrenhaus und Abgeordnetenhaus, ein Geschäftsgebäude errichtet (Architekt: F.Schulze).

"Die beiden großen Gebäude haben flache Dächer, die ein ganz ansehliches Areal bilden. Sie sind mit einer Kiesschicht bedeckt. Das hat den Hausinspektor der beiden Regierungsgebäude, einen ganz vortrefflichen Beamten besten alten Stils, auf einen originellen Gedanken gebracht. Mit unendlicher Mühe hat er eine genügende Menge guter Erde auf das Dach geschafft, auf dem er nun - mitten im rasenden Getriebe der Großstadt, wenn auch hoch darüber - eine friedliche und nutzbringende kleine Landwirtschaft angelegt hat. Von den zahllosen Großstadtmenschen, die tief unten in den wimmelnden StraBen vorüberhasten, ahnt keiner, daß hoch über ihm Hühner gackern, Kaninchen ihren Kohl fressen und geduldige Ziegen gemolken werden! Besonders ergötzlich ist der Stall der Ziegen - sieben sind es mit einem stattlichen Bock -: das Dach des Abgeordnetenhauses ist gekrönt von den früher so beliebten allegorischen Figuren, die auf hohen Sockeln thronen: "Recht" und "Gesetz': dazwischen "Landwirtschaft", "Industrie", "Wissenschaft" und "Kunst". In dem stattlichen Hohlraum eines dieser Sockel (leider vergaß ich nachzusehen, ob es, wie ja nur billig wäre, der der "Landwirtschaft" ist!) haben die Ziegen einen schönen Stall gefunden, und es ist ein erfreulicher Gedanke, daß dieses, vom künstlerischen Standpunkt wirklich ungenießbare Bildwerk das außerdem durch die Höhe seines Standortes auch von keinem Beschauer genossen werden könnte, nun noch einem so nützlichen Zwecke dienen darf: denn da der treffliche Hausinspektor, der seit 38 Jahren ganz mit dem ihm anvertrauten Hause verwachsen ist und seine tüchtige Frau von sehr warmherziger und gastfreier Art sind, so fließt die Milch ihrer Ziegen und kommen die Eier ihrer Hühner in die Kehlen und Mägen vieler stärkungsbedürftiger Volksgenossen, seien es nun Abgeordnete oder minder hervorragende Sterbliche so daß die brave ,Landwirtschaft' nun doch wenigstens weiß, weshalb sie auf dem Dache thront! " (24)

Diese Körperschaften tagten hier bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1918. Das Abgeordnetenhaus wurde dann Tagungsstätte der PreuBischen Landesversammlung, des späteren Preußischen Landtags, das Herrenhaus die des Preußischen Staatsrates. Im Jahre 1934 wurden beide aufgelöst und die Gebäude wurden in die Stiftung Preußenhaus eingebracht. Nutzungsrecht über das Herrenhaus bekam das preußische Staatsministerium, das darin bis zum Kriegsende blieb.
"Zur Pflege des Reichsgedankens auf der Grundlage der nationalsozialistischen Weltanschauung wird als sichtbares Zeichen der auf die Verwirklichung des einigen Deutschlands gerichteten geschichtlichen Sendung Preußens und als bleibendes Denkmal seiner großen Vergangenheit unter dem Namen "Preußenhaus" eine Stiftung mit dem Sitze in Berlin errichtet." (26)

Im Herrenhaus waren dann nach 1918 eine Vielzahl von Reichsämtern untergebracht: 1924 fand hier eine Kleinrentnermesse statt. Für einige Zeit beherbergte es das Ministerium für Volkswohlfahrt. Heute befindet sich darin die Akademie der Wissenschaften: das Zentralinstitut für alte Geschichte und Archäologie sowie die Objektverwaltung.

Auch das Abgeordnetenhaus erlebte noch eine sehr wechselvolle Geschichte:
1918 besetzten die Matrosen das Gebäude während ihres Aufstandes.
Am 30.12.1918 wurde im Abgeordnetenhaus unter Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die KPD gegründet.1921 machten die Anhänger von Kapp das Abgeordnetenhaus zu ihrem Hauptpuartier.
Am 11.12.1933 verpflichtete Hitler hier die nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten.1935 wurde das Gebäude dem Reichsluftfahrtministerium übergeben. Von da an hieß es "Haus der Flieger". In einem Saal der rechten Vorderfront tagte auch der berüchtigte Volksgerichtshof.

Prinz-Albrecht-Straße (Bez. Kreuzberg)
Nr. 5: Preußischer Landtag (seit 14. November 1935: ,Haus der Flieger'. (Als Preußisches Abgeordnetenhaus 1893-99 erbaut, seit 1919 Sitz des Preußischen Landtages bis zu seiner Aufhebung am 30. Januar 1934.)
Die Nationalsozialisten sind im Preußischen Landtag seit 1924 vertreten. Landtagswahl vom 7. Dezember 1924: 1 unter 450 Abgeordneten, vom 20.Juni 1928: 6 unter 450, vom 24. April 1932: 162 unter 423, vom März 1933: 211 unter 474 (ohne Kommunisten 411) Abgeordneten.
1932: 25. Mai: Plenarsitzung des am 24. vom nationalsozialistischen Alterspräsidenten General Litzmann eröffneten Landtags, der nationalsozialistische Abgeordnete Hans Kerrl zum Landtagspräsidenten gewählt. Kommunisten, insbesondere deren Fraktionsführer, und Sozialdemokraten provozierten die Nationalsozialisten und beschimpften sie als, 'Mörderpartei'. In kurzer Saalschlacht von etwa 3 Minuten Dauer wurden sie hinausgeworfen, 8 Schwerverletzte.
Die nationalsozialistische Fraktion, die als Sieger den Sitzungssaal behauptete, stimmte hier erstmalig das Horst-Wessel-Lied an.
1933: 20. März: Hitler, der in der Kampfzeit das Landtagsgebäude niemals betreten hat, sprach hier zu den nationalsozialistischen Fraktionen des Reichstages und des Preußischen Landtages. 22. März: Wiederwahl Kerris zum Preußischen Landtagspräsidenten.
11. Dezember: Hitler verpflichtete hier die nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten (am 12. November neu gewählt)." (25)

Nach dem Kriege baute die Deutsche Wirtschaftskommisssion das Abgeordnetenhaus für ihre Zwecke aus.
"... ,und das ist der Spiegelsaal', erläuterte der Hausverwalter schmunzelnd einen rechteckigen, reichlich ramponierten Raum, von dessen komfortabler Einrichtung nichts mehr vorhanden ist. Durch die bis auf ein kleines Viereck vermauerten riesigen Bogenfenster fegt der Wind. Während wir durch ein Saalgewölbe, in dem einst mancher,Tropfen' floß, und über kalkbespritzte Treppen steigen, hören wir, daß in einem Saal der rechten Vorderfront einmal der berüchtigte ,Volksgerichtshof' tagte. Doch schon haben wir den in den ehemaligen Ministergärten gelegenen Flügel des Gebäudes erreicht. Auch hier wird fleißig aufgebaut. Dieser Gebäudeteil soll ein riesiges Heim für die Kinder der DWK-Angestellten werden. Das große Bassin im Garten, in dem einst Hermann Göring schwamm und das jetzt zugeschüttet ist, wird zum Teil in ein Planschbecken umgewandelt werden. An dem Ausbau des Landtagsgebäudes, mit dessen Enttrümmerung im August 1947 begonnen wurde, sind rund 300 Arbeitskräfte beschäftigt. Neben den 250 Büroräumen, von denen bereits 185 fertiggestellt und mit etwa 600 Angestellten belegt sind, wird das ehemalige Landtagsgebäude 8 Konferenzräume und einen Festsaal für Konferenzen, Kultur- und Filmveranstaltungen aufweisen. Man hofft, daß der Ausbau im nächsten Jahr beendet werden kann." (27)

(1) A. Döblin, in: M. v. Bucovich, Berlin, Berlin 1928

(2) K. Scheffler: Berliner Museumskrieg, Berlin 1921, S. 20 f

(3) C. Schuchard/H. Schliemann, in: Die großen Deutschen, Hrsg.: v. H. Heimpel, 3. Band, Berlin 1956, S. 546

(4) Heinrich Schliemann's Selbstbiographie, (Hrsg.: V. S. Schliemann) Leipzig 1982, S. 44

(5) C. Schuchard, a. a. O. S. 550

(6) Berlinische Blätter 1933/34, S. 95 f

(7) Berlinische Blätter, a. a. O., S. 93

(8) Berlinische Blätter, a.a.O.,S. 94

(9) S. Hensel, Ein Lebensbild, Berlin 1903, S. 11 f

(10) Rüthling 1839, Torkontrolleur, zit. nach: J. F. Geist, K Kürvers, Das Berliner Mietshaus, München 1980, S. 308

(11) Bogdan Krieger, Berlin im Wandel der Zeiten, Berlin 1923, S. 352

(12) O. Janke, Vom alten zum neuen Berlin, Berlin 1926/27, S.158

(13) Zeitungsausschnitt ohne Angaben, aus: Berlin-Archiv der Gedenkbibliothek

(14) F. Wendland, Berlins Gärten und Parke, Berlin 1979, S. 95

(15) S. Hensel, a. a. O.

(16) F. Hildenbrandt, Großes schönes Berlin, Berlin 1928, S. 11

(17) G. Fidicin, Geschichte Berlins, 5. Teil, Berlin 1842, S. 89

(18) Theodor Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg Bd. 3 (Havelland)

(19) S. Hensel, Die Familie Mendelssohn, 1. Band, 4. Aufl. Berlin 1884

(20) H. C. Worbs, F. Mendelssohn-Batholdy Hamburg 1974, S. 21

(21) D. Botting/A. v. Humboldt, München 1974, S. 288

(22) A. D. Bensch, Die Entwicklung der Berliner Porzellanindustrie unter Friedrich dem Großen, Berlin 1928, S.15

(23) J. Schmädeke, Der deutsche Reichstag, Berlin 1970, S. 25

(24) VAZ, vom 1.11.1925, Berlin-Archiv d. Gedenk-Bibliothek

(25) J. K. Engelbrechten, Wir wandern durch das nationalsozialistische Berlin, München 1937, S. 68 f

(26) Zeitungsausschnitt vom 28.11.1933, Berlin-Archiv der
Gedenk-Bibliothek

(27) Neue Zeit, 23.9.1949