Im Gehen Preußen verstehen / Ein Kulturlehrpfad der historischen Imagination

Karte der Stationen  | zur Aktion "Im Gehen Preußen verstehen", IDZ Berlin 1981. Bazon Brock, Ulrich Giersch, François Burkhardt | ca. 1981, anlässlich der Vorbereitung von „Im Gehen Preußen verstehen“, vermutlich aufgenommen in der Nähe von Potsdam (Glienicke oder auf der Pfaueninsel)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

[im Rahmen d. Ausstellung Preussen, Versuch e. Bilanz] / Internat. Design-Zentrum Berlin e.V. [Zusammenstellung: Ulrich Giersch]

3. Station Anhalter Straße

Anhalter Straße, Stuttgarter Hof, Europa-Haus


Anhalter Straße

In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die Straße als Verbindungsweg von der Stadt zum Anhalter Bahnhof angelegt. Die Stadtmauer wurde zu diesem Zweck durchbrochen, und zwei Torhäuschen flankierten das neu entstandene Anhalter Tor. Die Straße verläuft auf dem ehemaligen Treibhausgarten von Putzke, Wilhelmstr. 108, eine Sehenswürdigkeit im alten Berlin.
Entlang der nördlichen Straßenseite verlief die Mauer des Prinz-Albrecht-Gartens. Auf der südlichen Seite befanden sich bzw. befinden sich folgende Bauten: Anhalter Str. 11 (Bez. Kreuzberg) Restaurant "Alter Askanier"
"1930: 1. September: Hitler, der im Flugzeug nach Berlin gekommen ist, besuchte hier in Begleitung des Reichsführers SS Himmler nach dem mißlungenen ersten Stennes-Putsch die Berliner SS und sprach zu ihr." (51)


Stuttgarter Hof Anhalter Straße 9:

1907 ließ die Allianz-Versicherung das Wohn- und Verlagshaus des bekannten Buchhändlers "Reimer" (seit 1840) zu einem Hotel umbauen. Das Hauptgebäude der Gesellschaft befand sich in der City. In dem Hotel konnten die Versicherungsleute aus Stuttgart nächtigen, aber auch arbeiten, denn ein Drittel des Hotels bestand aus Büroräumen. Zur Olympiade wurden dann auch diese Räume als Übernachtungsmöglichkeiten hergerichtet. In einem der Hotelzimmer stehen Möbel von Max Reinhardt, die der Vater des heutigen Pächters auf einer Versteigerung erworben hat. Im 4. Stock wohnte manchmal der Dichter Gerhard Hauptmann. Die wechselvolle Besuchergeschichte des Hotels gibt Aufschluß über die Geschichte dieses Viertels: Zu Beginn Versicherungsleute, in den zwanziger Jahren Reisende, die ein mondänes Hotel suchten, ab 1933 Beschäftigte aus dem RSHA in den Gebäudekomplexen gegenüber des Hotels, etwa ab 1946 ausländische Studenten, ebenso wohnungslose junge Ehepaare, Piloten vom Flughafen Tempelhof, Leute aus den benachbarten Ministerien im Ost-Teil, Westbesucher, die im Osten zu tun hatten, Geschäftsleute und Vertreter (wegen der zahlreichen kleinen Betriebe in Kreuzberg), Tagungsgäste, die von politischen Organisationen geschickt wurden, Reisegruppen. Das Hotel diente als Kulisse für mehrere Filme wie zum Beispiel "Tatort" und "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo".

Während der letzten Kriegkämpfe brannte die SS den oberen Teil des Gebäudes nieder, um zu verhindern, daß die heranrückenden sowjetischen Soldaten das gegenüberliegende Reichssicherheitshauptamt von hier aus beschießen konnten.

Anhalter Straße 6:
Eingang zum Thomasbräukeller des Hotelkomplexes Excelsior (Haupteingang Königgrätzerstr.)
1932/33: "Da meldet sich das Hotel Exzelsior am Anhalter Bahnhof, das größte des europäischen Kontinents.
Es hat eigene Kraft, eigenes Licht, eigenes Wasser und hatte - leider ist das Vergangenheit seit einigen Monaten - das schönste Bad Europas in seinem Kellergeschoß. Aber wer kann den Luxus dieser Mosaikhallen heute noch bezahlen? Da machte der Besitzer, Elschner, kurzen Prozeß und baute das Bad zu einem Bierkeller um. Der erste richtig Münchnerische Bierkeller in Berlin, nicht so kahl wie das Löwenbräu dort, sondern schön und modern, mit immer guter Luft, billigen Preisen und - Massenbesuch. Die ganze Anhalter Straße steht abends voll von Privatautos." (52)

Europa-Haus

In dem hinteren Teil des Prinz-Albrecht-Gartens (Ecke Anhalter Straße/Stresemannstraße) wurde zwischen 1931 und 1936 der Gebäudekomplex des Europa-Hochhauses errichtet (Architekten: Bielenberg-Moser, spätere Anbauten von Otto Firle). Dafür mußten einige Gartengebäude weichen. Schinkels Reithalle hatte man so zerlegt, daß sie später an anderer Stelle wieder hätte aufgebaut werden können. Dazu kam es jedoch nie. Man nannte diesen Bau später "Kreuzbergs ewige Ruine". Damals sollte es zunächst das "schönste und größte Hotel Europas" werden. Nach großen Finanz- und Genehmigungsschwierigkeiten wurde es dann aber ein riesiges Geschäfts- und Bürohochhaus, mit einer gigantischen Lichtreklame: Lichtturm mit Allianz-Werbung, die Krönung war eine Odol-Reklame: "Morgens, mittags, abends Odol". [M 9] Für einige Jahre war der Komplex ein beliebtes Vergnügungszentrum, zu dem unter anderem die folgenden Etablissements [M 10] gehörten: Europa-Palmenhaus, Cafe-Europa-Pavillon, Phöbus-Kino, Europa-Tanz-Cafe, Münchner-Hofbräu-Trinkstube, Cafe Schottenhaml. Zwischen 1933 und 1935 wurden die Flachtrakte im Rahmen des nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffungsprogramms noch einmal aufgestockt. Als hier später das Reichsarbeitsministertum untergebracht wurde (u. a. "Hauptamt für Handwerk und Handel") baute man viele der Lichtreklamen wieder ab (nach 1937).

Der sich an der Anhalter Straße stark verbreiternde Gehsteig war schon vorgesehener Raum für eine zukünftige Verbindungsstraße zur Kochstraße. Im Kriege wurde das Gebäude teilweise zerstört; danach wurde es in groben Zügen wieder aufgebaut mit Ausnahme des Nord-West-Flügels, welcher kurz vor dem Völkerkundemuseum mit einem Reisebüro (im Parterre) und einem Tanzpavillon (im ersten Stockwerk) abschloß.

Heute nennt sich der reduzierte Komplex Deutschlandhaus: Es befinden sich darin unter anderem einige Dienststellen der Berliner Post, die Bundesanstalt für gesamtdeutsche Fragen und die Stiftung Deutschlandhaus (früher: Haus der Ostdeutschen Heimat), die zahlreiche Vertriebenenorganisationen umfaßt. Diese Institution sorgt für die "Pflege und Erhaltung des ostdeutschen Kulturgutes". Im Jahre 1976 hatte dieses Institut 143000 Besucher.

Materialien

[M9]

Es wurde gegenüber dem Habsburger Hof ein über 50m hoher, oben von einem 28 m langen Bronzelichtbalken bekrönter Lichtreklameturm errichtet. Derselbe wird von weitem gesehen und dem massigen Hochhausblock ein besonderes Gesicht geben; seine aus bestem Stahl bestehende graziöse Konstruktion wird mit einem System von blauleuchtenden Neonröhren überzogen, die insgesamt ei ne Länge von 700 m aufweisen. Eine in die Straße vorragende 40 m hohe und 2 m breite Bronzeflosse und die darüberliegende 28m lange Bronzebekrönung dienen zur Aufnahme einer besonders wirksamen Lichtreklame eines Großkonzerns. Nur die Citroen-Lichtreklame am Eiffelturm in Paris übertrifft in ihrer Wirkung diesen Leuchtpylonen. (65)

[M10]

Oder - auf den Europa-Dachgarten; das ist etwas ganz neues. Auf das flache Dach des einzigen "Wolkenkratzers" von Berlin, des elfstöckigen Europahauses am Anhalter Bahnhof. Dort ist man in 63 Metern Höhe, hat Liegestühle zum Sonnen, kann seinen Nachmittagskaffee dabei trinken und bei klarer Sicht das ganze ungeheure Berlin überschauen.

Auf der einen Seite schweift der Blick bis zu den Müggelbergen, auf der anderen grüßen die Türme von Potsdam über Wasser und Wald. Direkt zu Füßen hat man den Prinz-Albrecht-Park weiterhin recken sich an allen vier Seiten ungezählte Kirchen grün patinierte Kuppeln, auch mächtige Fabrikschlote, dazwischen aber immer wieder erquickender Baumwuchs. Da: nach Südsüdwest, in Richtung auf die Heiligkreuzkirche, die hellblau gekachelte Giebelwand meines Arbeitszimmers. Da: nach der entgegengesetzten Richtung das grüne Meer des Tiergartens, die Siegessäule, der Reichstag. Da: Kaiser-Wilhelm-Kirche und Funkturm. Da: altes Rathaus, neues Stadthaus, Märkisches Museum. Bei gutem, klarem Wetter wird das bald zur Lieblingsstätte der Berliner und der Fremden werden, wird der Eilfahrstuhl unablässig die elf Stockwerke hinauf und hinuntersausen. Es steckt Mut in dieser Schöpfung. Während ihrer Entstehung hatten die Erbauer hier ein Riesenplakat ausgespannt: "Wir glauben an Berlin!" Ja, wir glauben an Berlin, auch wenn mancherlei schon im Entstehen "etwas schwach auf der Brust" ist. In einem neuen Kabarett des Westens, das erst vor wenigen Wochen seine Pforten geöffnet hat, kleben die Adlermarken des Gerichtsvollziehers unter den Tischen und Stühlen. Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle ...
3. September 1931 (54)

(51) J. K. Engelbrechten, a. a. O.

(52) J. K Engelbrechten, a. a. O.

(53) Rumpelstilzchen, 1932/33 (alias Rittmeister a. D. Fritz Stein)

(54) A. Heilmann, Das Europa-Haus, Berlin 1931, S. 15

(65) Reiseführer Berlin 1933, zit. nach: Die Welt am Sonntag 29.3.1964