Im Gehen Preußen verstehen / Ein Kulturlehrpfad der historischen Imagination

Karte der Stationen  | zur Aktion "Im Gehen Preußen verstehen", IDZ Berlin 1981. Bazon Brock, Ulrich Giersch, François Burkhardt | ca. 1981, anlässlich der Vorbereitung von „Im Gehen Preußen verstehen“, vermutlich aufgenommen in der Nähe von Potsdam (Glienicke oder auf der Pfaueninsel)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

[im Rahmen d. Ausstellung Preussen, Versuch e. Bilanz] / Internat. Design-Zentrum Berlin e.V. [Zusammenstellung: Ulrich Giersch]

4. Station Anhalter Bahnhof, Hotel Exelsoir, Schöneberger Straße

Anhalter Bahnhof

Von 1874 bis 1880 wurde anstelle eines alten Bahnhofsgebäudes ein Neubau, der drittgrößte Kopfbahnhof Europas, errichtet. (Architekt: Franz Schwechten, der auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und die alte Philharmonie, Bernburger Str. gebaut hat). Der Ingenieur und Dichter Heinrich Seidel konstruierte die Hallenüberdachung, damals eine technische Sensation. (Breite der Halle 61 m, Höhe 34 m, Länge 168 m). Die Beleuchtungseinrichtung erfolgte 1880 durch die Firma Siemens. In den Ferienzeiten verließen etwa 100 Züge mit rd. 10000 Reisenden täglich die Halle. Die Bahnsteige lagen in der 2. Etage, da die Geleise kurz vor der Bahnhofshalle über den Landwehrkanal und mehrere Straßen geführt werden mußten. Die Fassade des mit einem flachbogigen Dach abschließenden Hallenbaus wurde von einer Statuengruppe "der Weltverkehr" (von Emil Hundertrieser, der auch die Berolina geschaffen hat) bekrönt. Die Statuen symbolisierten Eisenbahn und Telegraphie. An den beiden Ecktürmen war je ein kreisrundes Relief (von Zitke), eines den Merkur, das andere den Cäres darstellend, angebracht. Den Vestibülbau krönte eine mächtige Uhr, zu deren beiden Seiten sich zwei Skulpturen, Tag und Nacht darstellend, (von Brunow) befanden. Die Fragmente sind heute noch zu erkennen. Daneben zwei Sandsteinreliefs (Ingenieurwissenschaft und Architektur darstellend) von Otto Geier. Für die Außenseite des Bahnhofes hatte man Terracotta aus Greppin verwendet.

"Man hatte nicht gespart. Es gab ein "Fürstenportal" für gekrönte Häupter und blaublütige Fahrgäste. Auch ein "Kaiserzimmer", wo allerhöchste Gäste begrüßt und verabschiedet wurden." (55)

In und um den Bahnhof herum wurden Weichen aller Art gestellt: auch der Anhalter war heimlicher Liebesmarkt und illegales Stellenvermittlungswerk. Nach dem Kriege fuhren von hier aus die sogenannten Hamsterzüge oder "Kartoffel-Expresse" ab. 1952 wurde der Bahnhofsbetrieb eingestellt. In einigen Räumen hatte sich eine Kartoffelhandlung etabliert. Zwischen 1959 und 1961 wurde das teilzerstörte Bahnhofsgebäude Zug um Zug gesprengt und abgetragen. Wegen der unterirdisch verlaufenden S-Bahn konnten die Sprengungsarbeiten nur mit größter Vorsicht abgewickelt werden. Der Bahnhofsbau läßt sich mit dem "Entwurf zu einer Basilica nach Phillbert de Lorme" vergleichen. Schinkels Zeichnung (1798) ist die Kopie eines Entwurfs von F. Gilly, der bei der Anfertigung sicherlich von der französischen Revolutionsarchitektur beeinflußt wurde.

Am Anhalter Bahnhof erinnert die Fensterstruktur des Bogengiebels von nahem an einen Sakralbau, von ferne aber an ein Eisenbahnviadukt, das wie ein Torbogen zwischen zwei kleine Türme gespannt ist. Brücke und Tor als Symbole des Durch- und Überganges prägen die Bahnhofsfront.

Auch das Anhalter-Bahnhofsgebäude besaß eine basilikale Struktur. Dieser Kopfbahnhof, das A und O des Reisens, nannte W. Benjamin "Mutterhöhle der Eisenbahnen". Hier wurde die Nähe der Ferne geopfert und die Begrenztheit des Alltags sollte in unbegrenzte Reiseträume überführt werden. Die Züge verließen die Bahnhofshalle, den Ort des Wandelns und Verwandelns, durch drei große Torbögen in die lichte Weite des Südens.

Materialien zum Anhalter Bahnhof

Askanischer Platz: "Im Jahre 1844 neu angelegt, empfing seinen Namen wegen des an ihm gelegenen Anhaltischen Bahnhofs nach Askanien dem Stammlande der Anhaltischen Fürsten. Der Name wurde durch das königliche Polizeipräsidium am 7. 2.1844 publiziert." (56)

Am 15. Juni 1880 um 5 Uhr 40 fuhr der erste Zug aus der Halle des neuen Anhalter Bahnhofs. Auf 48 Achsen fuhren 700 zahlende Fahrgäste, die sich vorher schon in Stimmung gebracht hatten. Tausende riefen "Hurra!" Kein anderer Bahnhof ist wohl je mit so viel Gefühl und Begeisterung eingeweiht worden wie der "Anhalter". (57)

Für die Berliner war der "Anhalter" nicht nur der belebteste sondern auch der beliebteste Bahnhof der Reichshauptstadt. Alle drei Minuten fuhr hier ein Zug ein und aus. Man nannte ihn "Das Tor zum Süden" und "Diewichtigste Drehscheibe Deutschlands". Von hier aus konnte man nach München, Dresden, Leipzig, Wien, Rom, Paris und Athen reisen. Es gab sogar einen Kurswagen nach Brindisi (Entfernung fast 2000 Kilometer!), wo man unmittelbar zur Weiterfahrt in den Fernen Osten umsteigen konnte. (58)

Der Bahnhof, das ist die Stätte der scheuen Abschiedsküsse, der Liebestränen und des holden Liebesleichtsinnes, der sich mit geschwellten Brieftaschen und in galanter Begleitung in sammetnen Wagenpolstern oder in verschwiegenen Schlafwagenkojen birgt, um hinter den blauen Vorhängen der Fenster Träume zu spinnen die sich in bürgerlicher Heimat nicht träumen lassen. (59)

Um 1880
Die Sucht nach der Galanterie würde damit nicht ausgerottet werden. Der Markt der öffentlichen Mädchen würde sich neue Wege suchen. Wurde doch vor 40 Jahren geklagt:

"Vor einigen Monaten fand hier in den Sitzungssälen des Anhalter Bahnhofs ein Wohltätigkeitsbasar stattt. In der Ankündigung des Basars hieß es wörtlich: 'Siebzig junge Damen, meist in Nationalkostümen, werden als Verkäuferinnen walten! Entree frei!'

Betritt man nun den Saal, so bietet sich allerdings ein recht buntes Bild; hier eine Griechin deren entblößter Hals und deren schöne Arme manch unpassende Bemerkung hervorrufen, dort wieder eine Afrikanerin oder andere exotisch gekleidete Dame, die selbstverständlich die 'wildesten' Witze mit anhören mußte, und diese alle sind Damen, denen im Salon niemand auch nur mit einer Bewegung zu nahe treten dürfte. Hier selbstverständlich lassen sie sich für '50 Pfennig' die Hand drücken oder den entblößten Arm streicheln, alles - ad majorem dei gloriam. -

Entweder müssen Eltern, die ihre Töchter zu solchen Veranstaltungen verleihen', nicht wissen, wie es auf solchen Basaren zugeht, oder sie wünschen, daß ihre Töchter bloßgestellt werden.

Dieses Schaustellen ist ein Sichpreisgeben, eine gesellschaftliche Prostitution, die durch nichts entschuidigt werden kann.

Hierzu gehört auch das Mitwirken der Damen an öffentlichen Konzerten. Auch dieses öffentliche Sichausstellen ist weder fein, noch auch nur als anständig zu bezeichnen. Eine solche Veranstaltung ist vielen Personen eine gern gefundene Gelegenheit, mit den Sängerinnen einen Ulk zu treiben, und vielfach suchen Damen mit einem sehr eindeutigen Ruf mit Vorliebe diese öffentlichen Konzerte der Gesangvereine auf, wo Damen und Herren aus der Gesellschaft mitwirken. (60)

Um 1900
Meist aber war in der Frühe das Ziel ein näheres. Nämlich der "Anhalter", laut des Namens Mutterhöhle der Eisenbahnen, wo die Lokomotiven zu Hause sein und die Züge anhalten mußten. Keine Ferne war ferner, als wo im Nebel seine Gleise zusammenliefen. Doch auch die Nähe, die mich eben noch umfangen hatte, rückte ab. Die Wohnung lag der Erinnerung verwandelt vor. (61)

"Die Berliner unserer Zeit waren leidenschaftliche Reisende, ... Deshalb hingen ihre Herzen an jedem dieser antik wirkenden Steinkästen. Die Bahnhöfe gehörten zur Familie. Man nannte sie nur 'per Vornamen': Lehrter, Potsdamer, Anhalter, Stettiner, Görlitzer. Daher stammt auch der berlinische Ausdruck für Unsinn: 'Ick hör imma Bahnhof!"' (62)

Am 23. Oktober 1918 kommt auf dem Anhalter Bahnhof der amnestierte Karl Liebknecht an.

Auf einem offenen Pferdewagen stehend, wird er von Sympathisanten zum Brandenburger Tor geleitet. Anschließend spricht er in den Sophiensälen des Handwerkervereinshauses. (63)

1933: "Am Anhalter Bahnhof endet das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, und der Schlesische Bahnhof ist das westliche Tor des Balkans. Zwischen beiden liegt Berlin. In der Tat: Denken wir nicht beim Anhalter Bahhof an München, Florenz und Rom? Beim Schlesischen Bahnhof aber an Warschau, Moskau und Jassy? Zwischen diesen beiden Polen herrscht eine ganz andere Spannung als zwischen der Gare d'Orleans und der Gare du Nord. Der Reisende, der von Warschau kommend im Expreß nach Paris fährt, merkt gar nicht, daß zwischen dem Schlesischen Bahnhof und Bahnhof Zoo sein innerer Mensch um 180 Grad gedreht wird, daß ein Orientale, in einen Westeuropäer verwandelt, an der Gare du Nord ankommt." (64)

1933
Der Zug verläßt das lärmende Durcheinander der Bahnhofshalle. Ich liebe diese Augenblicke, die einen ganz sinnfällig aus dem Getriebe des Gewohnten herausreißen. Das Abteil betrachte ich immer als eine Art moderner Mönchszelle. Die Rechtfertigung setzt sich mir gegenüber, sucht mein Gesicht und verpflichtet zu Rede und Gegenrede . . .

Ich verlasse Berlin. Ich reise über Leipzig und München in die Schweiz. Berlin! Beachtlich ist an dieser Stadt der Stil als Residenz der preußischen Könige, erregend der Rhythmus als moderne Weltstadt. Wird diese Stadt im Zeichen des Dritten Reiches ihr Wesen verändern? Oder wird sie dem Dritten Reich, seinem Programm, seinem Ideengehalt Abwandlungen mehr oder weniger merklich aus ihrem Wesen heraus auferlegen? (65)

1940 Es war im Sommer 1940, ein übermütiger Tag, sonnig, klarer Himmel, flimmernde Luft gegen Mittag wurde es warm. Ins Grün der Bäume knallte das Rot der Hakenkreuzfahnen. Am Anhalter Bahnhof standen die Menschen zu Zehntausenden. Ein Hektar Menge mindestens, die grausame Metapher Menschenmaterial füllte sich mit Fleisch und Blut. Die Vorderzimmer sämtlicher Hotels in der Möckernstraße und am Askanischen Platz waren belegt, die Schaulust hing mit vielen hundert Köpfen aus den Fenstern. Hitler kam an in Berlin, er war auf dem Höhepunkt seiner aberwitzigen Macht, im Triumph, der schon alle Anzeichen von Hysterie hatte, zog er ein in die Reichshauptstadt. (66)

1940-45
Als ich am übernächsten Tage, dem 21. Februar wirklich abreiste, hätten Gepäck, Wagen und andere Anzeichen des versuchten Entkommens mich ohne weiteres ausgeliefert. Indessen trug ich nichts als einen Regenschirm - meinen letzten; Mr. Chamberlain zu Ehren habe ich mir ihn abgewöhnt. Zu Fuß ging ich nach der Haltestelle der braven, anonymen Straßenbahn. Keine unanständige Eile, den Zug nach Frankfurtzu besteigen! Es ist nur Frankfurt, meine Fahrkarte reicht nicht weiter, wer hat etwas dagegen. Mit meiner liebevollen Frau wandele ich auf und nieder, so viele Minuten noch fehlen. Dank ihrer Geschicklichkeit liegt der Rest meiner Habe glücklich im Netz. Sie möchte sprechen, schluchzt, unterdrückt die Schwäche. Vornehmlich wünscht sie uns ein schnelles Wiedersehen. Wann?
Morgen? Vielleicht kehre ich erst übermorgen zurück. So sieht, will es scheinen, der Rubikon aus. Hinter dem verhängnisvollen Fluß, den ich wähle, liegt das Exil. Niemand hat es ermessen, bevor er es antrat, weder seine Dauer noch seine veränderlichen Umstände. (67)

Mayrhofen, 23. März 1945

Lottes Bahnfahrt scheint noch abenteuerlicher verlaufen zu sein als meine Autotour. Am heikelsten, und zwar lebensgefährlich, sei es in Berlin gewesen, als der Zug leer im Anhalter Bahnhof einfuhr. Lotte stand, mit ihrem fünferlei Gepäck beladen, in der vordersten Reihe, dicht am Bahnsteig. Und nun drängten die Menschen schreiend nach vorn, als brenne die Oper und sie suchten den Ausgang. Wenn ein Mann sie nicht zurückgerissen hätte, erzählt sie, dann wäre sie auf die Gleise und zwischen die rollenden Wagen gestürzt. Die Menge war von einer Panik gepackt. Man schlug Waggonfenster ein, stieß Frauen zu Boden, trampelte über sie hinweg, rutschte von den Trittbrettern, hing an den Türgriffen und als der Zug hielt, war Lotte vom Schrecken noch so benommen, daß ihr Hasler, der Filmarchitekt, der zufällig neben sie geraten war, Raum schaffen und sie in den nächsten Wagen schieben mußte.

Über eine Stunde stand der Zug in der Halle. Erst als die Sirenen aufheulten und Luftalarm meldeten, fuhr er, mit abgeblendeten Lichtern, in die Nacht hinaus. Zunächst hockte sie auf dem Handkoffer im Gang. Später wurde sie von ein paar Unteroffizieren in ein Kurierabteil geholt und mit überdimensionalen Wurstbroten verpflegt. Auch sonst erwiesen sich die Menschenfreunde in Uniform als hilfreich. Denn der Zug hielt mehrere Male auf offener Strecke, weil Tiefflieger aufkreuzten. Dann mußten sie alle aus den Waggons springen und in Deckung gehen, bis das Signal zur Weiterfahrt durchgegeben wurde. Ohne die tatkräftige Unterstützung routinierter Krieger hätten der Evelin diese Nachtübungen bestimmt einige Sorgen bereitet. Beim ersten Alarm hatte sie sogar ihre fünf Gepäckstücke mitnehmen wollen! (68)

1945 Dunkelster Punkt in der Geschichte des Anhalter Bahnhofs:
In Viererreihen ängstigen sich Tag und Nacht Berliner Frauen. Sie umstanden nicht nur das Portal, sondern fast das ganze Bahnhofsgelände. Hitlers Propagandaminister Goebbels hatte die Evakuierung Berlins angeordnet.

Heute noch sind auf verwitterten Backsteinen Namenszüge aus jener Zeit zu finden. Mustergültig in Form und Farbe sogar noch der Pfeil mit der Inschrift: Zum Bunker. (69)

26. 4.1945
Neuer Gefechtsstand Anhalter Bahnhof. Bahnsteige und Schalterräume gleichen einem Heerlager. In Nischen und Winkeln drängen sich Frauen und Kinder. Andere sitzen auf ihren Klappstühlen. Sie horchen auf den Lärm der Kämpfe. Die Einschläge erschüttern die Tunneldecke. Betonstücke brechen herab. Pulvergeruch und Rauchschwaden in den Schächten. Lazarettzüge der S-Bahn, die langsam weiterrollen. Plötzlich eine Überraschung. Wasser spritzt in unseren Gefechtsstand. Schreie, Weinen, Flüche. Menschen, welche um die Leitern kämpfen, die durch die Luftschächte an die Oberfläche führen. Gurgelndes Wasserflutetn durch die Schächte. Die Massen stürzen über die Schwellen. Lassen Kinder und Verwundete zurück. Menschen werden zertreten. Das Wasser faßt nach ihnen. Es steigt einen Meter und mehr hoch, bis es sich langsam verläuft. Noch stundenlang entsetzliche Panik. Viele Ertrunkene. Ursache: Pioniere haben auf irgendwessen Befehl die Schottenkammer des Landwehrkanals zwischen Schöneberger-Brücke und Möckern-Brücke gesprengt, um die Schächte gegen das unterirdische Vordringen des Feindes zu überfluten. Während der ganzen Zeit schwere Kämpfe über der Erde. (70)

Untergangsvisionen

1928
Später einmal werden auch diese Bahnhöfe verschwunden sein und verschollen, man wird nichts mehrwissen von ihnen, der Dampf wird verweht sein und die Pfiffe ausgelöscht, die Geleise werden nicht mehr sichtbar sein, und irgendwelche großen Steinblöcke mit Geschäften und Büros werden sich dort erheben, wo die Freude der Ankommenden und die Trauer der Abreisenden stattgefunden hat.

Vielleicht wird dann der Bahnhof anders aussehen, und Tempelhof, wo der schönste Flughafen Europas liegt, ein weiter, wunderbarer Platz, Tempelhof wird dann vielleicht der Zentralbahnhof sein. (71)

Hotel Excelsior

Schräg gegenüber vom Anhalter Bahnhof auf der Königgrätzer Str. 78 befand sich das Hauptgebäude vom Hotel Excelsior. (Architekt: Otto Rehmig, 1906-1908). Inhaber wurde bald der geheime Commerzienrat Curt Elschner (1876-1963). Dieser ließ das Hotel nach dem 1. Weltkrieg zu der größten und komfortabelsten "Gästeburg" des Kontinents ausbauen. Der absolute Clou des Unternehmens war ein unterirdischer Tunnel (1929), der bis in die Anhalter Bahnhofshalle reichte. Ohne die Straße zu betreten konnte man also direkt vom Abteil ins Hotelbett steigen. Der heute zuasphaltierte Eingang Möckernstraße ist am Rande des Bürgersteigs dort zu erkennen.

Zu Beginn der 30er Jahre war das Hotel von der NSDAP Reichsleitung in München als Hauptquartier des Führers bis zu seiner Machtübernahme vorgesehen. Elschner lehnte aber ab. Hitler ließ sich daraufhin im Hotel Kaiserhof (Wilhelmplatz) nieder. Aufgrund der Ablehnung wurde das Hotel mit Parteiverbot belegt und schon bald Objekt eines erbitterten Bildersturms: In dem Prunksaal des Hotels, dem "Saal des freien Denkens" befanden sich Glasmalereien von Päpsten, allen möglichen Religionsstiftern, griechischen aber auch jüdischen Philosophen. Nach heftigen Auseinandersetzungen wurden dann die Philosophen in eine Kiste verpackt und Portraits der neuen Machthaber aufgehängt. Auch von den 5000 Bänden der berühmten Hotelbibliothek mußten meterlange Reihen zur Bücherverbrennung gegeben werden. Anfang der 40er Jahre ging Elschner ins Exil, 1942 übernahm die NSV das Unternehmen.

Im Krieg hieß das Hotel "Fehling-Bunker" (nach Jürgen Fehling, dem Regisseur des Theaters in der Stresemannstraße heute Hebbeltheater). Wie in vielen anderen Hotels nächtigten hier auch einige Schauspieler, da es nur wenige Schritte bis zum S-Bahn-Tunnel und von da zum Eingang des Anhalter-Bunkers waren. Während des Krieges befand sich über dem Haupteingang ein Schild: Wehrmacht-Betreuungsstelle, Gepäckaufbewahrung. Das Hotel wurde später teilweise zerstört, danach geplündert und abgerissen.

Materialien zum Hotel Excelsior

Er hat noch keine Kenntnis davon, daß im Hotel Excelsior sich nicht nur eine großartige Halle, in welcher nachmittags und abends große Konzerte statffinden, ein erstklassiges Weinrestaurant, eine intime Bar ein Spezialausschank "Zum Bürgerlichen Bräuhaus Pilsen" (Pilsner Urquell) eine Bols-Likör-Stube, ein Münchner Bierkeller (Zum Thomasbräu-Keller, 1500 Personen Sitzfläche, eine Sehenswürdigkeit Berlins) Zur Stadtschänke, 500 Personen Sitzfläche, ein bahnamtliches Fahrkartenbüro, eine Hotelbibliothek, sondern auch eine eigene Schneiderei, Schusterei, Wäscherei, Tischlerei, Fleischerei, Bäckerei, Konditorei Druckerei, Buchbinderei befindet. (72)

Sokrates steht inmitten seiner geistigen Erben: Giordano Bruno, Spinoza, Lessing, Kant, Schopenhauer und Ernst Haeckel. - Wahrlich ein seltener Prunksaal! Ein Tempel der tiefsten, aller Feindseligkeiten abholden Religiosität, der reinsten aufgeklärtesten Wissenschaft und des freiesten Gewissens! Ein Raum für den allumfassenden Weltgeist und in einem vorurteilsfreien Welthotel. (73)

1933 Dieses Hotelcafe ist nach langen Monaten der Öde jetzt wieder propfenvoll. Der Besitzer hat sich wie Gerhart Hauptmann gleichgeschaltet. Das al-fresco-Bild des Herrn Böß ist aus den Bierhallen verschwunden, dafür prangen im Cafe die Ölgemälde von Blomberg, Frick Hindenburg, Hitler, Goebbels, Göring. (74)

Auf dem Gelände des ehemaligen Excelsior-Hotels errichtete die Excelsior-Tankstellen GmbH & Co. für rund 50 Millionen Mark einen Hochhauskomplex (nach anfänglichen Finanzierungsschwierigkeiten 1968 fertiggestellt). Attraktion ist diesmal kein Tunnel, sondern der erste Panorama-Aufzug in West-Berlin (er fährt in den16.Stock, 57m hoch).

Die vier Lichtbänder bilden eine breite Spur, die nun allnächtlich bis weit nach Ost-Berlin hineinstrahlen wird." (75)

Oben gab es damals das kanadische Restaurant Saskatchewan. Der Name bezeichnet eine kanadische Provinz, die nach dem gleichnamigen Fluß benannt wurde. Im Erdgeschoß war kurze Zeit das Cafe Europa, zugleich ein Auto-Geschäft. "in dem appart eingerichteten Raum stehen Autos um die Theke herum." (76)

Der Komplex umfaßt rund 500 Appartements, zahlreiche Büros und Geschäfte. Neben einer großen Kegelbahn im Keller (eine solche Einrichtung war damals auch im Hotelgebäude eine Sensation, man glaubte in der Hotelhalle an die ersten Anzeichen einer tobenden Kriegsschlacht) befindet sich auf dem Gelände auch ein Atombunker.

Schöneberger Straße

Auf der Schöneberger Straße befindet sich noch eine Niederlassung der Firma Siemens. Schräg gegenüber unmittelbar an dem Gelände der Anhalterbahn richtete sich Werner von Siemens (zusammen mit dem Universitätsmechaniker Georg Halske) 1847 im Hinterhof eine Werkstatt ein. (Haus Nr. 19; später bekam das Gebäude die Nr. 33). Schon 1848 baute Siemens entlang der Eisenbahnlinie eine zum größten Teil unterirdische Telegraphenleitung von Berlin nach Frankfurt am Main, wo die deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche tagte. 1847 hatte er die Guttapercha-Presse erfunden und damit die Möglichkeit entdeckt, Leitungen zu isolieren, d. h. auch unterirdisch zu verlegen. Kurze Zeit später gelang es ihm, selbstgebaute Unterwasserminen im Krieg gegen Dänemark einzusetzen. Weitere Erfindungen bzw. Verbesserungen: Schießbaumwolle, galvanische Vergoldung, Zeigertelegraph, Feuermelderanlage, Dynamomaschine, Differentialbogenlampe, elektrische Straßenbahn.

In dem benachbarten Gebäude (Nr. 18) war schon 1845 der Maler Adolph Menzel eingezogen. Er wohnte hier bis 1847. In dieser Zeit entstand auch das berühmte 'Balkonzimmer' (heute Nationalgalerie Berlin), ein menschenleeres Interieur-Bild, "Inbegriff der bürgerlichen Stimmung und Atmosphäre des Vormärz". "Übrigens scheint es, als ob Menzel bei seinem Auszug aus der Schöneberger Straße das Biedermeier mit sich fortgenommen habe, denn um eben diese Zeit zog der junge unbekannte Artillerie-Leutnant Werner von Siemens in das Nachbarhaus Nr. 19. Mit seinen Arbeiten und Versuchen in der Werkstatt im Hinterhaus begann, wenn man so will, das technische Zeitalter." (77)

Materialien zur Schöneberger Straße

Da Halske ebensowenig wie ich selbst disponible Geldmittel hatte, so wandten wir uns an meinen in Berlin wohnenden Vetter, den Justizrat Georg Siemens, der uns zur Einrichtung einer kleinen Werkstatt 6000 Taler gegen sechsjährige Gewinnbeteiligung darlieh. Die Werkstätte wurde am 12. Oktober 1847 in einem Hinterhause der Schöneberger Straße - wo Halske und ich auch Wohnung nahmen - eröffnet und entwickelte sich schnell und ohne weitere Inanspruchnahme fremden Kapitals zu dem weltbekannten Etablissement von Siemens & Halske in Berlin mit Zweiggeschäften in vielen Hauptstädten Europas. (78)

(55) Rumpelstilzchen, 1929/30

(56) H. Vogt, Die Straßennamen Berlins Berlin 1885

(57) H. Vogt, Die Straßennamen Berlins, Berlin 1885

(58) E. Reimers

(59) + (60) H. Ostwald, Das galante Berlin, o. Jg., S. 354

(61) H.Ostwald, a.a.O., S. 345

(62) W. Benjamin, Berliner Kindheit um Neunzehnhundert, Frankfurt/M.1975, S. 31

(63) E. Jameson, Berlin - so wie es war, Düsseldorf, 2. Aufl.1970,
S. 71

(64) U. Fischer/H. Halter, Hundert Jahre revolutionäres Berlin, Berlin 1978, S. 23

(65) Reiseführer Berlin 1933 zit. nach: Die Welt am Sonntag 29.3.1964

(66 H. Johst, Maske und Gesicht, München 1935, S. 7

(67) FAZ,1.4.1961

(68) H. Mann, Ein Zeitalter wird besichtigt, Berlin 1947, S. 372 f.

(69) Erich Kästner, Notabene 45, Berlin 1961, S. 69 f.

(70) Zeitungsausschnitt "Das letzte Signal für den 'Anhalter'"- Berlin-Archiv der Gedenk-Bibliothek

(71) Der Kampf um Berlin 1945 (Hrsg.: R Gosztony), Düsseldorf 1970, S. 270 f.

(72) E. Hildenbrandt, a. a. O., S. 20

(73) G. Martens, Hotel Excelsior Berlin, Berlin 1936

(74) G. Martens, a. a. O.

(75) Rumpelstilzchen, 1933/34

(76) Die Welt, 28.11.1968

(77) Berliner Morgenpost Juli 1973

(78) I. Wirth, Mit Adolph Menzel in Berlin, München 1965, S. 45