Im Gehen Preußen verstehen / Ein Kulturlehrpfad der historischen Imagination

Karte der Stationen  | zur Aktion "Im Gehen Preußen verstehen", IDZ Berlin 1981. Bazon Brock, Ulrich Giersch, François Burkhardt | ca. 1981, anlässlich der Vorbereitung von „Im Gehen Preußen verstehen“, vermutlich aufgenommen in der Nähe von Potsdam (Glienicke oder auf der Pfaueninsel)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

[im Rahmen d. Ausstellung Preussen, Versuch e. Bilanz] / Internat. Design-Zentrum Berlin e.V. [Zusammenstellung: Ulrich Giersch]

5. Station Schöneberger Hafen

Schöneberger Hafen

Die südwestliche Begrenzung unseres Lehrpfades bildet der Landwehrkanal. "Außer der Befestigung der innern Stadttheile wurde aber auch schon früh die Sicherung der städtischen Umgegend durch Landwehre für nothwendig angesehen. Mit diesem Namen belegte man nämlich im Mittelalter alle vorgeschobene Vertheidigungswerke von verschiedenartiger Form. (...) Häufig bestanden die Landwehren nur in ganz einfachen Gräben, öfters waren dieselben auch verdoppelt und mit Wasser angefüllt. (...)

Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts beschloß aber der Rath, zur Entwässerung der Bürgeräcker, welche sich von der Gegend des jetzigen Schlesischen Thores bis zum Thiergarthen erstreckten, einen neuen Abzugsgraben ('Flutrinne') ziehen zu lassen, welcher hiernächst der Graben an der Landwehr, das zwischen diesem und dem alten Landwehrgraben belegene Terrain aber gewöhnlich die 'Landwehre' hieß." (79)

Im 19. Jahrhundert endete hier die obere Friedrichstadt oder das schon erwähnte Geheimratsviertel. Um 1830 existierte der Kanal noch nicht, "dagegen schlich weiter hinaus durch endlose Sandflächen der 'Schafgraben', (...) in dem die Jungen auf Exkursionen ungeniert badeten ohne davon reiner zu werden." (80)

Das Gelände des Mendelssohn-Bartholdy-Parkes war bis 1960 ein Hafenbecken gewesen, weshalb eine Straße mit dem Namen Hafenplatz in die Schöneberger Straße einmündet. Anfangs gab es hier nur eine Art Schiffwendestelle an der Potsdamer Bahn, die dann 1852 zu einem Hafenbecken ausgebuchtet und durch Gleisanlagen mit dem Anhalterbahnhofsgelände verbunden wurde. Das war der erste Berliner Hafen, genannt der Schöneberger Hafen. Dieser Wasserbahnhof (130m lang und 90m breit) lag genau zwischen den Bahnhöfen der Potsdamer- und Anhalter Bahn, allerdings mit dem Unterschied, daß seine Zufahrtswege die Geleisführungen der Eisenbahnen kreuzten.

In der Zeit vor der Anlegung des Hafens befand sich auf dem Gelände der berühmte "Bauplatz mit Weiden" von Adolph Menzel.

Wenn man auf der Hafenplatzstraße stand, begann hinter dem Hafenbecken das schier unendliche Schienenmeer des Südens von Berlin, von wo an manchen Tagen die Dampfwolken herüberwehten. Der Hafenplatz selber diente vor allem als Umschlagstelle für die auf dem Landwehrkanal ankommenden Ziegelsteine. Dieser Bedeutung des Hafens für die Baukunst wurde schon bald nach seiner Anlegung ein Denkmal errichtet: Das "Maurische Haus" an der Ecke Dessauer Straße- Hafenplatzstraße oder die "neue Alhambra", wie es im Volksmund genannt wurde.

Willibald Alexis widmete dem Gebäude in der Vossischen Zeitung von 1857 einen längeren Artikel: "Es ist das größte Haus weitumher, in Art und Stil etwas ganz Fremdartiges, schon im Rohbau mit gebrannten Ziegeln so verschiedenartig coloriert, als Niemand es in der Stadt, ja in der Mark Brandenburg gesehen hat. Der Ziegelbau ohne Anwurf von Mörtel, mit sauberer Glättung der Fugen und selbstgebrannten rothen Steinen hat sich allerdings im Brandenburgischen schon ehedem als eine charakteristische Bauart erwiesen und probat gezeigt, vermuthlich weil Sand-, Kalk-, oder andere Feldsteine uns fast abgingen, wir aber einen trefflichen Thon zwischen unsern Sandschollen fanden und unsre Ziegelbrenner jetzt, und noch mehr vor Alters, den Stoff sorgsam verarbeitet haben."

In der Regel wurden die roten Ziegelbauten mit anderen Materialien verkleidet. Schinkel und Carl von Diebitsch (1819-1869), der Architekt des maurischen Hauses und späterer Hofbaumeister des Königs von Ägypten, waren mit unter den ersten, die es wagten, das "vaterländische Material" unverputzt zu verwenden, was bislang nur in Hof-, Neben- oder industriellen Baulichkeiten üblich war. Das maurische Haus mit seiner "schloßartigen Fassadenhöhe" war damals sicherlich auch Höhepunkt des Berliner Stilimportes, der kaum territoriale Grenzen kannte, wenn es darum ging, sich architektonische Kulissen für die gewünschte Stimmung zu verschaffen:

"Ob das für ein nordisches Klima, eine deutsche Stadt, ob es für Berlin sich paßt? Auf die Frage, von Manchen aufgeworfen, haben wir nur zu entgegnen, daß Berlin keine alte historische Stadt ist, daß es, mit Ausnahme eines kleinen Theils, ein Produkt der Bildung, aus allen Lüften und Winden seine Nahrung empfangen hat. Es ist nicht der Kern und die Wurzel der Kurmark Brandenburg, sondern des ganzen preußischen Staates, ja gewissermaßen des ganzen intelligenten Norddeutschlands. Wie es seine Bewohner aus allen deutschen Stämmen und weiter erhalten hat, sein Königshaus voraus, warum soll es nicht des Rechts sein, es mit der Architektur aller Stile, soweit sie dem Klima, dem Geschmack und der Bildung entsprechen, versuchsweise aufzunehmen, (...) warum soll man nicht den arabisch-orientalischen einmal versuchen, wie er in Spanien, Unter-Aegypten, Syrien und Oberindien stolze, schöne und würdige Bauwerke hinterlassen hat?" (81)

Das maurische Haus, man hätte es auch für eine Moschee halten können, taucht auch in Fontanes Roman Cecile auf.

Die Sehnsüchte nach dem Süden rückten durch den Anhalter Bahnhof in erreichbare Nähe. Man nannte ihn das ,Tor zum Süden'. Es gab sogar einen Kurswagen nach Brindisi (Entfernung etwa 2000 km), die Umsteigestation für den fernen Osten.

Die dem maurischen Hause benachbarten Gebäude könnte man als Plakatwerbewände für den Anhalter Bahnhof auffassen:

"... soweit das Auge in dem weiten, hellen Platz um den Hafen sich umblickt, sieht es eine Musterkarte stattlicher Gebäude, an Griechenland, Italien, Venedig, und sogar noch die Renaissance in deutschen Reichsstädten erinnernd. Am Kanal weiterhin streckt aber ein prachtvolles Gebäude sich neben dem andern, so daß am neuen Quais in künftigen Decennien wahrscheinlich ein Modequartier der Residenz aufstehen wird." (82)

Die Einstimmung in den Süden wurde durch den Baumbestand am Hafenplatz noch komplettiert:

"Am Hafenplatze aber stehn von alters her eine Reihe schöner Platanen. Wer aus dem Westen Berlins nach dem Süden Europas reisen will, kommt auf dem Weg zum Anhalter Bahnhof an diesen Bäumen vorbei und empfängt von ihren hellgefleckten Stämmen und dem Flimmern ihres Laubes ein Vorgefühl von Eukalyptusstämmen und Olivenlaub." (83)

War die Gegend am Hafenplatz auf der einen Seite Kreuzungspunkt für eine Fassadenarchitektur unterschiedlichster Richtungen (und entsprechender menschlicher Stimmungen), so war hier auch der Knotenpunkt, wo sich das verkehrstechnische Berlin kreuzte:

"... wir sehen in all dem Rollen, Knirschen, Fauchen, Rasen und Leuchten die Resultate der modernen Forschung, die Erfolge der modernen Zeit, Triumphe der Technik. Da herrscht unumschränkt Neuzeit, Bewegung und Berechnung der Kraft, Reibung und Spannung unter kluger Gesetzmäßigkeit. Da ist Berlin am meisten es selbst.... Am meisten aber am Hafenplatz, am kunstvollen Gleisdreieck der Hochbahn, die zweimal über sich steigt und drunten die Geleise der Stadtbahn überfährt, während abends das große Geleisterrain der Potsdamer Bahn mit seinen Hunderten von Häuschen und Hüttchen, von Zügen und Kränen und Linien in tausend Lichtchen funkelnd heraufblickt. Tief unten dann der viereckige Spiegel des Hafens, wo die großen Frachtkähne ruhn. Mit eiserner Riesenfaust packen sie sicher und wuchtig die Ballen, Hölzer, Fässer und Säcke, heben sie hoch in die Luft und lassen sie hinabgleiten auf das Deck und hinunter in den Bauch des Kahnes. Rund um Berlin fahren die Spreekähne." (84)

Der Wasserspiegel als stiller und geschützter Hafen eines gewaltigen Lichtermeeres, dessen Wellen und Wogen nachts über Berlin (der Lichterstadt 1927) zusammenschlugen.

Nachdem Ende der 30er Jahre unseres Jahrhunderts die Nord-Süd-Verbindung der S-Bahn fertiggestellt war, kreuzten sich am Hafenplatz fünf verschiedene Verkehrswege:

Hochbahn, Anhalter-Bahn, Schöneberger Uferstraße, Landwehrkanal und die unterirdisch geführte S-Bahn.

Nach dem zweiten Weltkrieg sammelten sich wieder die Ziegel am Hafenplatz, denn hier stand eine der größten Trümmerverwertungsanlagen von Berlin. Die aus der Enttrümmerung gewonnenen Ziegelsteine wurden von Steinmühlen zermahlen und von Förderbändern zu riesigen roten Halden aufgeschüttet. Die Stimmung des Südens blieb durch rote Ziegelsplittdünen weiterhin präsent. Dieser Rohstoff wurde später in einem neu errichteten Bausteinwerk mit dem Ton aus Lübars vermischt, (das sogenannte Anka-Verfahren) und wieder zu neuen Ziegeln gebrannt. Als die Halden dann nach geraumer Zeit abgetragen waren, hatte der Schöneberger Hafen unter anderm durch den Ausbau des Westhafens seine Bedeutung verloren.

Im Frühjahr 1960 wurde das Hafenbecken mit 45000cbm Sand, der vom U-Bahnbau am Wedding und in Britz kam, zugeschüttet. Das Hallesche Ufer konnte nun nach Westen weitergeführt und mit dem Reichpietschufer im Bezirk Tiergarten verbunden werden. Diese Aktion verlief im "Rekordtempo", denn schon nach einem halben Jahr floß der Verkehr auf der neuen Straße. Die oben erwähnten Platanen, die der Gartenbaudirektor Peter Joseph Lenné Mitte des vorigen Jahrhunderts angepflanzt hatte, wurden nun mit Ausnahme eines Baumes (an der Köthener Brücke) aufgrund von Fäulnisbefall gefällt.

Vielleicht waren sie ein Opfer der roten Staubwolken die der Wind aus dem Ziegelsplittgebirge zum Ärger der Anwohner immer wieder löste. Jedenfalls haben sie als Naturdenkmäler länger gedauert als die architektonischen Denkmäler am Hafenplatz. Zwischen 1961 und 1967 wurde der Mendelssohn-Bartholdy-Park im Berliner Notstandsprogramm unter Leitung von Helmut Preuss angelegt. Am westlichen Rand dieser Grünanlage liegt ein Endmoränenfindling, auf dem ein Bronzerelief des berühmten Tonsetzers appliziert wurde (von Ivo Breuker).

Der sandige Untergrund der Grünanlage und der rauhe Findling wurden während der Eiszeit aus dem hohen Norden nach Berlin gewälzt. Auch der historische Lehrpfad begann weiter nördlich, nämlich am Grundstück der Familie Mendelssohn, wo Felix Mendelssohn-Bartholdy aufgewachsen ist. Unweit von dieser Stelle auf dem Gelände des ehemaligen Prinz-Albrecht-Palais befindet sich heute eine Erdverwertungsanlage, mit einer Steinmühle und Förderbändern: im Erdschutt finden sich immer wieder Ziegel. Augenscheinlich hat die Geschichte hier eine Verschiebung vorgenommen: Mendelssohn-Bartholdy wurde nach Südwesten abgedrängt, die Trümmerverwertungsanlage zog in den Nordosten. Felix Mendelssohn war ein romantischer Komponist, und zweifelte nicht die Romantik an der festen Identität von Orten?

Der Ortswechsel als Programm von Romantik, Reise und historischen Randgängen. Auftauchen tun dann die Schauplätze und wer über genug Imagination verfügt, wird am Hafenplatz ein Stück Berlin, einen Teil Berliner Geschichte, Trümmergeschichte erschauen: das ist der Kreislauf des Ziegels, ein Zeichen der Zeit, ein Zeitzeichen.

Bevor der Hafen versandete und das Schienenmeer verdampfte, verdichtete sich die Nachkriegsstimmung am Hafenplatz in den Versen von Günter Eich (siehe nachfolgendes Gedicht). Danach wurde der alte Bauplatz mit Weiden wieder zu einer Grünanlage. Gegenüber der alten Platane, die an der Köthener Brücke als nahezu einziger Zeitzeuge in unsere Gegenwart weiterwurzelt, wachsen am Kanalufer heute die Trauerweiden.


Berlin Hafenplatz

Wo tags die Möven zanken
mit ihrem kreischenden Schrei,
die Nacht in wirren Gedanken
zieht wassergleich vorbei

in algengrüne Länder
aus eisigem Laternenlicht.
Am eisernen Geländer
kühle ich mir das Gesicht.

Halbleere Kähne treiben
aus dem Landwehrkanal,
ihre Bugwellen bleiben
unhörbar wir ihr Signal.

Doch abwärts die Treppenstufen
neige ich mich vor:
Vergessene Stimmen rufen
mir deutlich in das Ohr.

Über Bäume und Zillen
fegt der nächtliche Wind
und ich bin ohne Willen
wie es die Schlafenden sind.

Hinter flackernden Scheiben
schwankt der Laternenpfahl.
Die toten Jahre treiben
aus dem Landwehrkanal.

(79) Werner v. Siemens, Lebenserinnerungen, Berlin 1942,14. Auflg. S. 45

(80) G. Fidicin, a. a. O., S. 41 ff.

(81) S. Hensel, Ein Lebensbild, a. a. O., S. 3

(82) W. Alexis, aus: Berlinische Blätter 1933/34, S. 96 ff

(83) W. Alexis, a. a. O.

(84) F. Hessel, a. a. O., S. 134