Im Gehen Preußen verstehen / Ein Kulturlehrpfad der historischen Imagination

Karte der Stationen  | zur Aktion "Im Gehen Preußen verstehen", IDZ Berlin 1981. Bazon Brock, Ulrich Giersch, François Burkhardt | ca. 1981, anlässlich der Vorbereitung von „Im Gehen Preußen verstehen“, vermutlich aufgenommen in der Nähe von Potsdam (Glienicke oder auf der Pfaueninsel)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

[im Rahmen d. Ausstellung Preussen, Versuch e. Bilanz] / Internat. Design-Zentrum Berlin e.V. [Zusammenstellung: Ulrich Giersch]

6. Station Pumpwerk

Pumpwerk

Was soll ich mit dem Zeuge machen
dem Wasser ohne Saft und Kraft
die Macht für Kröten, Molche, Drachen
von unserer guten Bürgerschaft?"
(Spruch im Pumpwerk Wilmersdorf

"Schmutz ist, was nicht hingehört"
(Berliner Redensart)

Bevor Hobrecht (Erfinder der Berliner Brandmauer) Berlin in sogenannte Radialsysteme einteilte, einem System unterirdischer Röhren (radial zur Peripherie angelegt), durch welche die Abwässer der Stadt zu der jeweiligen Pumpstation flossen, gab es hier nur eine oberirdische Kanalisation, die auf umständliche Weise zur Spree geleitet wurde.

"Das Hauptübel waren die etwa 0,5 m breiten mit faulendem Unrat angefüllten Rinnsteine, die sich als offene, schlecht ausgepflasterte Gräben zwischen Fahrdamm und Bürgersteig hinzogen. Sie besaßen Tiefen bis zu 0,60 m und mehr. Vor jeder Haustür waren sie durch zwei auf Eisenstangen ruhenden Bohlen überbrückt, durch die der Verkehr zwischen dem Fahrdamme und dem Bürgersteige vermittelt wurde. In diese Rinnsteine mündeten quer über den Bürgersteig führende, meist mit Bohlen abgedeckte Hausgossen oder Zungen-Rinnsteine, die das von den Höfen der Grundstücke kommende Brauch- und Regenwasser ableiteten. Da ihr Gefälle zur raschen Ableitung der ihnen zufließenden Wassermengen nicht hinreichte und ihre Wandungen, die meist aus rohen, lose aneinandergefügten Pflastersteinen bestanden, nicht fugendicht waren, drang das fäulnisfähige, mit fettigen und sonstigen organischen Bestandteilen aller Art gesättigte Brauchwasser in den Untergrund ein und vergiftete das zur Bereitung von Speisen und Getränken dienende Grundwasser. Auch war es durch keine behördliche Maßnahmen zu erreichen, daß Speisereste, Müll und selbst Fäkalien von den Rinnsteinen ferngehalten wurden. Bei den nur selten vorgenommenen Reinigungsarbeiten entströmten dem aufgerührten, fauligen Wasser pestilenzialische Düfte, die nicht nur die Luft der Straße verpesteten, sondern auch bis in die Häuser drangen." (85)

Häufig wiederkehrende Typhus- und Choleraepidemien waren Folgen dieser hygienischen Mißstände. Erst durch die Inbetriebnahme von mit Dampfkraft betriebenen Kolbenpumpen vermochte man diesem Problem abzuhelfen, da Berlin kaum über natürliche Gefälle verfügt. Als erstes wurde das Radialsystem III und die Sammelstelle, das Pumpwerk an der Schöneberger Straße (1873-1876), angelegt. Um 1900 betrug die Gesamtmenge des Berliner Kanalnetzes bereits 889 km. Wenn wir die Markthalle III mit dem Magen von Berlin verglichen haben, so steht der Pumpstation der Darmtrakt zu. Hier wurden die Abwässer und Abfallstoffe gesiebt, gefiltert und die Nährstoffe durch lange Druckröhrensysteme auf die Rieselfelder gepumpt und somit dem Stadtkörper wieder einverleibt. Die Stadt Berlin bekam damit noch lange vor dem U-Bahn-Bau ein entlastendes Kellergeschoß, in dessen Wegsystem der oberirdische Abfall hineinfließen konnte. Der träge organische Schlamm wurde durch ein hochkompliziertes technisches Röhren- und Maschinensystem gegliedert und verarbeitet.

(85) "Ich weiß Bescheid in Berlin" (Stadtführer), Berlin 1908, S. 21

(86) Fünfzig Jahre Berliner Stadtentwässerung 1878-1928, (Hrsg.: H. Hahn), Berlin 1928, S. 15