Symposium „Kunst fördert Wissenschaft“

Non-lineares Denken als innovative Verunsicherung für Wissenschaft

Symposium "Kunst fördert Wissenschaft" | Zentrum für Kunsttransfer / [ID]factory, TU Dortmund und DASA Dortmund, 19.11.2012.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Das Symposium „Kunst fördert Wissenschaft" am 19. November 2012 in Dortmund beschäftigt sich mit der zentralen Frage der Relevanz non-linearen Denkens für das Wissenschaftssystem und die wirtschaftliche Entwicklung der Zukunft. Zum aktuellen Stand der Forschung referieren Pioniere der neuen Denkweise aus unterschiedlichsten Fachdisziplinen. Der Prorektor der TU Dortmund, Prof. Dr. Metin Tolan und Prof. Dr. Kilger, Leiter der DASA, sprechen zur Eröffnung.

Neben Perspektiven aus der Kunst erwarten Sie Ansätze aus der Arbeitspsychologie, die Integration improvisatorischen Denkens und Handelns aus dem Jazz heraus, neue Impulse zur ästhetischen Wissenschaft aus Berlin, Friedrichshafen und Osnabrück, Verunsicherungen aus der Physik, Reden und Gegenreden, Aktionen und Statements, neue Fragen und weiterführende Antworten.

„Kunst fördert Wissenschaft" ist eine Folgeveranstaltung des Symposiums „Kunst fördert Wirtschaft" mit dem Philosophen Prof. Nida-Rümelin, dem Neurologen Prof. Dr. Hüther, dem Künstler Timm Ulrichs und anderen renommierten Wissenschaftlern, Künstlern, Vermittlern und Wirtschaftsvertretern. Die hieraus entstandene Publikation beim Transcript Verlag wird druckfrisch zu unserer Veranstaltung erscheinen.

Weitere Informationen und Anmeldung unter www.id-factory.de

Referenten

Prof. Dr. Bazon Brock
Denker im Dienst, tapfer und theoretisch, und Künstler ohne Werk,
Institut für theoretische Kunst, Universalpoesie und Prognostik / Amt für
Arbeit an unlösbaren Problemen in der Denkerei, Berlin

Prof. Dr. Hans-Peter Dürr
Physiker, Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik,
Werner-Heisenberg-Institut für Physik (angefragt)

Christopher Dell
Musiker und Theoretiker, Institut für Improvisationstechnologie, Berlin

Prof. Dr. Fritz Böhle
Arbeitssoziologe, Universität Augsburg, ISF Institut für
Sozialwissenschaftliche Forschung, München

Julian Klein
Theaterregisseur/Komponist, Institut für Künstlerische Forschung, Berlin

Gerald Nestler
Künstler und Forscher, Wien

Eva Renvert
Theaterpädagogin, Hochschule Osnabrück

Prof. Dr. Bernd Ruping
Theaterpädagoge, Hochschule Osnabrück

Prof. Dr. Wolfgang Stark
Psychologe, Organisationspsychologie und Organisationsentwicklung,
Universität Duisburg-Essen

Prof. Dr. Martin Tröndle
Kulturwissenschaftler, Zeppelin-Universität Friedrichshafen

TERMIN Montag, 19. Nov. 2012, 9-18 Uhr
ORT DASA, Dortmund, Friedrich-Henkel-Weg 1-25, 44149 Dortmund
VERANSTALTER Zentrum für Kunsttransfer / [ID]factory, TU Dortmund und DASA Dortmund
MITVERANSTALTER BfI Büro für Innovationsforschung Mainz, IFANresearch
KONZEPT Prof. Ursula Bertram, TU Dortmund, Institut für Kunst und Materielle Kultur, Zentrum für Kunsttransfer/[ID]factory und Dr.-Ing Werner Preißing, BfI Mainz

Was Kunst und Wissenschaft verbinden muss: Autorität durch Autorschaft

Ediertes Vortragsmanuskript

Dass etwas so Windiges wie die Künste die Wissenschaften gefördert hat, lässt sich historisch sehr viel brillanter am Beispiel der Förderung der Technologie durch die Theologie darstellen: Dazu haben wir den Begriff der Theotechnologie entwickelt. Er bezieht sich auf Vorgänge, in denen beispielsweise ein theologisches Grundmuster in einer technologischen Anwendung bewältigt wird – ganz im Sinne des deus sive natura, des Äquivalenzgedankens von Gott und Natur. Dieser Gedanke wird zwar bei Spinoza erst viel später formuliert, meint aber schon im Mittelalter die Welt als gegebene Natur. Der gotische Kathedralbau ist die erste verwirklichte Theotechnologie, weil der Bau ausschließlich auf theologischen Konzepten beruht, wie dem des himmlischen Jerusalem. Die Entwicklungsgeschichte der Theotechnologie verlief zunächst rasant: Eine große Anzahl theologischer Theoreme wurde bis ca. 1905 tatsächlich technologisch umgewandelt und in höchstem Maße etwa auf anthropologische Grundbedingungen des theologischen wie auch des technologischen Denkens zurückgeführt. Die Verbindung der Systeme Theologie und Technologie ist auch deshalb so faszinierend, weil beide ausschließlich axiomatisch sind, also auf menschlicher Hirngespinsterei (wie z.B. im Falle der Mathematik) beruhen, aber gleichzeitig Enormes leisten in der Orientierung auf die Welt.

Hier zeigt sich das berühmte Problem der Synthesis: Wie kann diese Weltbildmaschinerie, die evolutionär entstanden ist, überhaupt etwas leisten, das dann objektiv in die Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeiten eingreift – also in die Natur, aus deren Evolution sie selbst entstanden ist?
Auch Kant hat mit seiner Frage „Wie ist Synthesis möglich?“ auf das Problem hingewiesen, wie wir überhaupt etwas Sinnvolles über die Welt sagen oder sogar etwas Verbindliches erzeugen können, obwohl unser Weltbildapparat ein rein phantasmagorisches Organ ist. Die Antwort lautet: Gerade dadurch, dass unser Gehirn ein evolutionäres Organ ist, seine Funktion also erworben hat, ist die Synthesis immer schon in die Funktionstüchtigkeit des Gehirns eingegeben.

Die Kritik am Konzept der Theotechnologie, wie sie dann aber im Jahr 1905 von Max Weber und anderen geäußert wurde, bezog sich auf den totalen Verbrauch der theologischen Implikation in der technologischen Entwicklung. Denn diese hatte die so genannte Entmystifizierung zur Folge, das Geheimnisloswerden der Welt, das Banalwerden der technologischen Wunder. Webers Kritik hat zur Umkehrung dieses Prozesses geführt, der immer noch andauert – auch wenn einige der jetzt führenden Wissenschaftstheoretiker meinen, dass er gerade zu Ende geht. In der Entwicklung von der Theotechnologie zur Technotheologie steht jetzt die Technologie im Mittelpunkt, die ihrerseits wieder mystifiziert und animistisch beseelt wird. Beispiele dafür finden sich in der Literatur, aber auch in künstlerischen Arbeiten wie Marcel Duchamps Großes Glas, die Braut, die von den Blicken ihrer Bewunderer ausgezogen wird. In dieser Darstellung einer auf ein Fensterglas gemalten Schokoladenreibe bilden mechanisch-hydraulische Systeme die Grundlage. Bereits im Titel wird aber eine Analogie von Mensch und Maschine hergestellt. Ein weiteres Beispiel dafür wäre der Vergleich der Bewegung der Kolben im Verbrennungsmotor mit der Kopulationsbewegung von Paaren.

Die bedeutendste Periode der Theotechnologie dauerte also ungefähr bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Dann folgte die Technotheologie im Sinne einer (Re-)Mystifizierung, einer erneuten Ummantelung des technischen Prozesses durch Erzählungen, durch mystizistische Anwandlungen, durch Spiritualität bishin zur Beschwörung bzw. zur Vergöttlichung der Maschinen als den neuen Demiurgen. Maschinen treten hier als Systeme auf, die sich selbst reproduzieren und sich unabhängig vom Menschen regenerieren können. Damit erfüllen sie genau das, was am Anfang stand, nämlich den Gottesbegriff.

Die Theologie fördert also die Technologiebewegung und die Technologie fördert die anthropologischen Disziplinen der Künste sowie die verschiedenen religiösen Stimulierungen. Parallel dazu verläuft die Herausarbeitung von zwei Disziplinen, die die Technologie überhaupt erst ermöglicht haben, nämlich die Ausdifferenzierung von Künsten und Wissenschaften ab 1400. Angesichts einer technischen Erfüllung der theologischen Vorgaben war es nur folgerichtig, dass sich irgendwann so etwas wie eine Manifestation der Umschaltstelle zwischen Theologie und Technologie ergeben muss. Diese findet sich in der zeitgleichen Begründung von Künsten und Wissenschaften um 1400 in Florenz. Hier tauchen die Begriffe Kunst und Wissenschaft zum ersten Mal in der Weltgeschichte auf. Alle Hochkulturen, von den Ägyptern über die Hethiter, die Griechen und die Römer etc., kamen völlig ohne Kunst und ohne Wissenschaft aus. Die alten historischen Gesellschaften integrierten diese Techniken als techné im griechischen Sinne, als Gestaltungsvermögen. Sie hatten exzellente Gestalter, sie waren grandiose Architekten, kannten aber keine Künste und Wissenschaften, denn das Entscheidende für die Ausarbeitung dieser Disziplinen ist, dass sie vollkommen von jeder kulturellen Programmierung abgekoppelt sind.
Aber das Alleinstellungsmerkmal, das Europa dann in den 600 Jahren zwischen 1400 und 2000 derartig vorangebracht hat, war eben die Tatsache, dass es Tätigkeiten gibt, die nicht mehr durch gesellschaftlichen Konsens, durch kulturell-religiöse Bindungen, sondern im Sinne einer Theologie als Wissenschaft betrieben wurden: Denn weder Künstler noch Wissenschaftler können für ihre Arbeit eine kulturelle oder religiöse Bindung reklamieren.

Das ist das Prinzip der Autorität durch Autorschaft – lateinisch auctoritas. Das bedeutet, dass ein Einzelner fähig ist, als Individuum zu urteilen und Aussagen zu treffen – nach dem Motto: „Hinter mir steht kein Papst, kein Papa, keine Armee, kein Markt, kein Fürst, hinter mir steht kein Volk, keine Macht, gar nichts, und trotzdem hören mir die Leute zu.“ Die Verfügung heißt: Autorität durch Autorschaft statt Autorität durch eine Delegation, durch Wahlen oder durch Abordnungen wie sie bei kulturellen Anlässen üblich sind, bei denen der Vorgesetzte jemanden beauftragt hat, in seinem Namen zu sprechen.

In der Wissenschaft und Kunst gab es also nur noch den Autor als einzige Autorität. Das heißt, es kam darauf an, einen Wettkampf zwischen der kulturell-religiösen Prägung und den von Individuen getragenen Prozessen zu entwickeln.

Als Wissenschaftler und Künstler gelten in diesem Sinne nur diejenigen, die es vermögen, angesichts einer ungeheuer differenzierten Fähigkeit auf vorhandenes Wissen zurückzugreifen. Ein Chirurg kann nicht während einer Operation in einem Buch nachschlagen. Er muss am Tisch stehen und wissen, was zu tun ist. Er muss sein Wissen und seine Urteilskraft repräsentieren, inkorporieren und sogar inkarnieren, sodass diese ausschließlich durch seine eigene Autorität vermittelt werden.

Dieses Selbstverständnis gab es in den Hochkulturen vor 1400 noch nicht. Euainetos, der Stempelmacher von Syrakus, brachte zum Beispiel die fantastischsten Profile mit eigenem Namen signiert auf die Münze. Nicht die Polis, sondern der Stempelmacher, also der Gestalter, signierte. Trotzdem gab es für ihn keinen Anspruch auf Gehörtwerden.

Gegenwärtig ist diese Entwicklung der Autorität durch Autorschaft jedoch an einem problematischen Punkt angekommen. Die Wissenschaften sind in Gefahr, ihre Fähigkeiten, ihren Ursprung aufrecht zu erhalten, zu verlieren und auch die Künste können nur noch vermeintlich auf die Autorität des Autors, des einzelnen Künstlers verweisen.

Es ist ein Irrglaube, dass Künste und Wissenschaften – laut Paragraph 5 Absatz 3 im Grundgesetz, 1949 verabschiedet – frei seien. Wissenschaft zu betreiben, ist abhängig von zu bewilligenden Mitteln, mit denen geforscht werden kann. In der Beantragung dieser Mittel steckt die Abhängigkeit. Die Wissenschaft hebt ihr eigenes genetisches Prozessgeschehen auf. Sie ist wieder in einem kulturellen System verankert, in dem Kollektiva entscheiden, was ein anderes Kollektiv machen kann. Das Prinzip der individuellen Verantwortung wird aufgegeben.

In den Künsten ist es nicht sehr viel anders, denn unter sämtlichen Kriterien, die zur Bewertung eines Kunstwerks angeführt werden, ist das des Markterfolgs das bedeutendste. Ein Werk für 3000 Euro kann per se nicht in gleicher Weise beurteilt werden wie eines für 30.000, 300.000 oder drei Millionen Euro.
Das hat sich durchgesetzt. Insofern haben beide Systeme ihre grundlegende Voraussetzung, eine solche Weltsensation geliefert zu haben wie die Entwicklung des Prinzips der Autorität durch Autorschaft nicht mehr aufrechterhalten.

Die Frage ist nun, ob und wie Kunst und Wissenschaft sich angesichts dieser Entwicklung noch gegenseitig befödern bzw. wie sie überhaupt noch sinnstiftend aufeinander einwirken können? Ist es notwendig, zur Autorität durch Autorschaft im oben beschriebenen Sinne zurückzugehen oder benötigen wir vielleicht nur eine Teilmenge daraus?

Eine solche Teilmengenüberschneidung, aus der heraus sich ein wirksames Verhältnis ergeben könnte, wäre etwa das seit 1988 von Triple A-S (The American Association for the Advancement of Science) entwickelte Modell der ‚Imaging Science‘. Die Wissenschaftler nutzen zunehmend Bildgebungsverfahren, die von den Künstlern in 600 Jahren entwickelt wurden. Denn seit sie Computer und andere technische Medien für ihre Forschungsarbeit benutzen, müssen sie fähig sein, die von ihnen generierten Anschauungsobjekte, also Bilder, auf eine spezifische sinnvolle Interpretation hin zu bearbeiten.

Der wichtigste Aspekt, den sie dabei von der Kunst übernehmen können, ist der, dass man einen Augenschein nicht als unmittelbaren Beweis für einen bestimmten Vorgang ansehen darf, dessen Spuren z.B. per Analogie in einem Bild angenommen werden. Es ist wichtig zu erkennen, dass man diesem Augenschein nicht trauen darf.

Der begründete Ansatz für die Künste und auch für die Wissenschaft ist: „Traue deinen Augen nicht.“ Das bedeutet, die modernen Wissenschaftler lernten von den Künstlern (seit 1988 mit ‚Imaging Science‘), die Evidenz zu kritisieren. Entscheidend ist aber die Erkenntnis, dass Evidenzkritik nur durch Evidenzerzeugung möglich ist.

Dass ein Wissenschaftler seinen Augen nicht traut, ist Evidenzkritik. Indem er aber Zeigeausschläge oder Zahlenrattern bewertet, schafft er Evidenz – das heißt, dass das Zahlenrattern und die Zeigeausschläge die Evidenz der Evidenzkritik bieten. In diesem Sinne lässt sich das Verhältnis ‚Kunst fördert Wissenschaft‘ im Einzelnen zwar noch fruchtbar machen, also auch auf Tatsachen hin sinnvoll beschreiben; aufs Ganze gesehen, ist das aber nicht mehr möglich – auch wenn es einzelne Rettungsversuche gibt. So wurde kürzlich in der FAZ darüber berichtet, dass in England die führenden Wissenschaftler versuchen, Widerstand dagegen zu leisten, auf Angestellte der Informationsindustrie reduziert zu werden.

Bei uns gibt es ähnliche Bemühungen, sowohl für die Wissenschaften als auch für die Künste. Der Erfolg dürfte ziemlich mäßig sein, denn ohne Investitionsmittel, also ohne finanzielle Förderung gibt es keine Forschung. So wie die Gelehrten vor 1400 vom Papst, vom Vorstand der Lukasgemeinde oder von anderen Autoritäten abhängig waren, so sind die Wissenschaftler jetzt wieder abhängig von ihren Geldgebern. Das heißt die Wissenschaft als Sonderform der Bewegung in Europa zwischen 1400 und 2000 existiert so nicht mehr. Da ist es nicht verwunderlich, dass in China und anderorts heute Wissenschaft betrieben wird, die überhaupt nichts mehr mit der europäischen Tradition der Autorität durch Autorschaft zu tun hat, sondern sich ausschließlich den konformen Regeln des Generierens von Wirtschaftserfolg unterwerfen muss.

Es gibt eine einzige Ausnahme, auf die die Hoffnung vielleicht gestützt werden kann. Seit der öffentlichen Erörterung des Tschernobyl-GAUs von 1986 in den Medien wissen beispielsweise alle Bürger, dass ihnen die noch so gut begründeten Kenntnisse von Physikern nicht die Entscheidung abnehmen, wie sie sich verhalten sollen. Im Gegenteil: Die präsentierten Experten gaben die jeweils neuesten Becquerel-Werte für die Atemluft, für Wildbret, Pilze, Gemüse und dergleichen mit dem unmissverständlichen Hinweis bekannt, dass jeder Bürger selbst die Konsequenzen aus diesen Mitteilungen ziehen müsse. Die Bürger waren natürlich ratlos angesichts dieser Zumutung, denn sie konnten schließlich nicht vor jedem Verzehr ins Labor laufen und die Messwerte erfragen. Andererseits war es ihnen auch nicht möglich, generell auf die Nahrungsaufnahme zu verzichten. Schlimmer noch: Die Experten trafen sich widersprechende Aussagen, die aber alle gleichwertig waren, weil ihre Verfasser gleichermaßen wissenschaftlich ausgewiesen waren und damit legitimiert zu sein schienen. Wer sich da vorläufig um die Entscheidung drückte, um sich bei anderen umzuschauen, bei gewichtigen Funktionsträgern, deren Entscheidungen große Auswirkungen haben, also z.B. bei Richtern, erfuhr, dass auch diese vor dem gleichen Problem standen wie die Bürger. Auch der Richter kann seine Entscheidung nicht durch Aussagen von Experten legitimieren, weil es eben im Wesen der wissenschaftlichen Expertisen liegt, dass zu jeder Expertise mindestens eine gleich gut begründete Alternative besteht.

>Gerade deshalb ist wissenschaftliches Forschen unmittelbar kompatibel mit dem Aufbau einer Demokratie als Verwaltungssystem von Kooperationen in allen Ebenen. Denn wissenschaftliches wie auch künstlerisches Forschen führen dazu, dass der beforschte Gegenstand immer, wie man sagt, komplexer wird. Das heißt, der Erfolg des Wissens ist das Anwachsen des Nichtwissens. Jeder, der forscht, erkennt in zunehmendem Maße, dass es nie ein Ende der Erforschbarkeit geben wird. Es wird nie einen definitiven Abschluss geben. Das aber heißt, zu wissen, dass wir nicht wissen. Das ist die alte sokratische Tugend: Man muss ungeheuer viel wissen, um zu wissen, dass man nichts weiß. Wenn diese Erkenntnis im Sozialverband ausgedrückt werden soll, als eine Form der Legitimierung von kollektiven Entscheidungen, die alle Mitglieder bindet, dann nennt man das Demokratie.

In diesem Sinne kann jeder einzelne beispielhaft für alle Mitglieder demokratisch verfasster sozialer Kulturverbände sein. In dieser Beispielhaftigkeit liegt der tiefere Sinn der Beuys'schen Behauptung, jeder Mensch sei ein Künstler, denn jeder Mensch – ob Bildhauer, Wissenschaftler, Hausfrau, Arzt oder Politiker – hat das gleiche Problem der vollständigen Bodenlosigkeit seiner Entscheidungen, wenn die ernstfallgemäßen Begründungen nicht mehr greifen. Das heißt, wenn die Bürger wie im Fall von Tschernobyl ohne jede Kenntnis eine Entscheidung treffen, dann sind sie genau da, wo Künstler und Wissenschaftler immer schon waren. Sie agieren auf der Basis von Unbestimmtheiten von Erkenntnissen. Heute kommt es aber darauf an, die eigene Entscheidungsfähigkeit auf die kollektive Orientierung als Hinwendung zu anderen zu begründen, wenn diese anderen in der gleichen Lage sind wie man selbst.

Gleichheit bedeutet eben nicht, alle Menschen seien genetisch gleich, erziehungsgleich oder vermögendgleich, sondern sie sind nur gleich im Hinblick auf ihr Wissenschaftler- oder Künstlersein und damit in ihrem Wissen, dass sie nichts wissen. Das heißt, sie sind gleich im Hinblick auf ihr Nichtkönnen, Nichtwissen und Nichthaben. Das ist die Basis der Demokratie. Wenn alle gleichermaßen abgekoppelt sind von der Autorität, also von der Legitimation höherer Systeme und stattdessen auf ihrer persönlichen Individualität bestehen müssen, dann können sie sich nur auf diejenigen beziehen, die von sich aus genauso wissen: Es gibt keine irgendwo abrufbare Wahrheit, es gibt kein Gremium, dass die Ethik garantiert oder die Schönheiten reguliert.

Wahrheit, Gutheit und Schönheit sind denknotwendige Begriffe, die aber nicht ontologisch verankert sind. Man kann nicht erwarten, dass beispielsweise das ethische System der Verbindlichkeit der Beziehungen eines Tages plötzlich von allen akzeptiert wird. Vielmehr begründet sich die Einsicht in die Abhängigkeit von anderen darin, dass alle mit den gleichen prinzipiell unlösbaren Problemen konfrontiert sind. Wissenschaftler stoßen im Forschungsprozess auf immer neue, größere Probleme; aber auch im Alltag werden durch das Lösen eines Problems immer nur neue Probleme geschaffen. Die pragmatische Sanktion, Problemlösungen durch Problemschaffen nur dann anzuerkennen, wenn die Nachfolgeprobleme kleiner sind als das Ausgangsproblem (Brock 1986), wurde mit der Behauptung außer Kraft gesetzt, die Weltverhältnisse seien so wahnsinnig komplex geworden, d.h. die Wechselwirkungen der Handlungsfolgen seien nicht mehr erfassbar.

Das gilt auch im Bereich der Medizin. Dort sind viele kleine Nachfolgeprobleme durch die Verabreichung eines scheinbar problemlösenden Medikaments interaktiv miteinander verkoppelt. Niemand weiß mehr, wie bei einem Krebskranken in der Fürsorge seine acht Grundmedikamente, die er nimmt, in ihren geringeren Nebenwirkungen miteinander so interagieren, dass die Therapie krankmachend wirkt. Das heißt, die Therapie stellt in einem höheren Maße das Risiko des sich weiter verschlechternden Zustands dar.

Demokraten sind demzufolge diejenigen, die eingesehen haben, dass Probleme prinzipiell unlösbar sind und dass man nur versuchen kann, intelligent mit ihnen umzugehen. Der Fortschritt der Wissenschaft besteht in der Vermehrung des Nichtwissens. Insofern ist die Hoffnung auf eine durchschlagende Veränderung ausschließlich noch in diesem Bereich zu suchen. Dafür ist es notwendig zu erkennen, dass die Probleme immer mehr zu einer gewaltigen Zumutung für alle werden. Mann kann sogar so weit gehen, zu sagen: Das einzige, was Menschen in Zukunft gemeinsam haben werden, ist die Konfrontation mit prinzipiell unlösbaren Problemen.

Die Probleme, die sich heute im Bereich der Ökologie stellen, sind weder an sprachliche noch an kulturell-religiöse Grenzen gebunden. Sie betreffen jeden, völlig unabhängig davon, ob er Moslem, Jude oder Christ ist. In dem Maße, indem wir anerkennen, dass es Probleme gibt, die wir auch mit aller Gewalt nicht lösen können – weder mit aller militärischen, atomaren oder sonstigen finanziellen Kraft – besteht die Hoffnung, dass es zu einer neuen demokratischen Zusammenführung derer kommt, die bereit sind, sich auf andere einzulassen, die das gleiche Problem haben und noch dazu in der Lage sind, die gestellte Zumutung auszuhalten und zu vernünftigen Schlussfolgerungen zu kommen. Vernünftig meint hier im Sinne der Vertretbarkeit und der Begründbarkeit und eben nicht im Sinne der Beherrschbarkeit und der Macht.

Unter dieser Voraussetzung erhalten sowohl die Künste als auch die Wissenschaften wieder die Chance als Modellbilder für demokratisches Verhalten und Selbstlegitimation zu wirken. Wissenschaftler und Künstler müssen wieder zu der Erkenntnis kommen, dass der Erfolg ihres Fortschritts ganz im Sinne der alten sokratischen Weisheiten darin besteht, immer weniger zu wissen, immer weniger zu haben, immer weniger zu vermögen. Die Intelligenz, die sich uns stellenden Zumutungen auszuhalten, kann sich erst in der gemeinsamen Erfahrung der Ohnmacht, der Begrenztheit, der Beschränktheit entwickeln. Das heißt, wir alle müssen in diesem Sinne wieder wie um 1400 zu Autoren unserer eigenen Autorität werden.