Denkerei: Die Blüten der Kunst. Das Werk und sein Wert

Ein Vortrag von Christina von Braun

Christina von Braun
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Veranstaltungsort:

Denkerei
Oranienplatz 2
10999 Berlin
www.denkerei-berlin.de

Um 1800 beginnt das Papiergeld in die Wirtschaft einzugreifen. Ohne Papiergeld, das sich so schön vermehren lässt, keine Industrialisierung. Man verlässt den Goldstandard, als auch dieser der Multiplikation des Geldes zu enge Grenzen setzt. Und heute, wo Geld nur noch elektronischer Impuls ist, lassen sich die Millionen in Sekundenschnelle mit zusätzlichen Nullen versehen. Eben das ist aber auch das Problem: In dem Maße, in dem sich das Geld vermehrt, nähert es sich dem Nichts. Soll heißen: Unsere ganzen schönen Vermögen sind dem Untergang geweiht? Oh nein, es gibt einen Retter: die Kunst.

Der Kunstmarkt entstand parallel zum Papiergeld, und mit der Multiplikation der Nullen wuchsen auch die Preise der Kunst. Sie verliehen dem Geld die notwendige Deckung, eine existentielle Sicherheit. Aber auch umgekehrt: Steigende Marktwerte garantieren, dass Kunst ‚echt was wert’ ist – bis der Kaufpreis zum einzigen Kriterium wurde, nach dem der Wert der Kunst bemessen wird.

Die Allianz von Geld und Kunst ist uralt: Beide haben ihren Ursprung im Sakralen, beide fordern Opfer und schenken Leben, beide verbinden Menschenleben, beide sind angewiesen auf den Sinn des Sehens. Das erklärt die Funktion, die das Geld der Kunst zugewiesen hat. Aber muss deshalb auch die Kunst für immer in das Gefängnis des Geldes eingeschlossen sein? Muss sie dran glauben, damit wir alle ans Geld glauben können? Viele zerbrechen sich den Kopf über Auswege aus der Finanzkrise. Sollten wir uns nicht auch darüber Gedanken machen, wie wir die Kunst davor bewahren, den Preis des Geldes zu zahlen? Dass das Geld Blüten produziert, bedeutet nicht zwingend eine Blüte der Kunst.

Zur Person

Christina von Braun, Prof. Dr. phil., Kulturtheoretikerin, Autorin und Filmemacherin.
1944 in Rom geboren. Studium in den USA und Deutschland. Von l969 bis l98l in Paris ansässig als freischaffende Autorin und Filmemacherin. 1991-1993 Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen. Seit 1994 Professorin für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Gründerin und Leiterin des Studiengangs Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sprecherin des Graduiertenkollegs Geschlecht als Wissenskategorie. Ca. fünfzig Filmdokumentationen und Fernsehspiele zu kulturhistorischen Themen. Zahlreiche Bücher und Aufsätze über das Wechselverhältnis von Geistesgeschichte und Körpergeschichte (Gender, Religion, Antisemitismus). Forschungsschwerpunkte: Gender, Medien, Religion und Moderne, Säkularisierung und Geschichte des Antisemitismus.