Utopien leben

Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren e.V., Essen, Kongreß, (8.-11.10.1992) in Berlin am 10.10.1992

Zusammenfassung der Wortbeiträge Bazon Brocks

Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich in einem deutschen Mietshaus und durch jede Tür würden Geräusche dringen - Fernsehgeräusche, Geräusche der Gewalt.Was hätten Sie für eine Idee, wie man die Menschen fortlocken könnte, weg vom Fernseher, raus aus ihren Zellen?

B.B.: Ich würde selbst mit einem Fernsehteam vor den Türen der Bewohner erscheinen. Dies ist die einzige Möglichkeit, die Menschen von der Glotze fortzubekommen und sie zu einer Re-Aktion zu animieren. Dann würden sie nämlich beginnen, die Passivität ihrer Situation in Frage zu stellen.

Wie könnte die Aktion dezidiert aussehen?

B.B.: Hier handelt es sich ja nicht um Aktionismus um des Aktionismus willen. Entscheidend ist herauszufinden, welche Einstellung diese Menschen zu der Situation haben, die sie veranlaßt, sich mit dem zu identifizieren, was im Film gerade gezeigt wird. Je mehr Gewalt diese Menschen konsumieren, desto einfacher ist es, mit ihnen über die paradiesischen Gefilde allgemeiner humaner Menschlichkeit zu sprechen. Worunter sie leiden, ist mangelnde Aufmerksamkeit. Das ist nicht billige Effekthascherei dieser Leute, denn sie leben davon, wahrgenommen zu werden. "Esse est percepi." Dieses Prinzip gilt seit dem 18. Jahrhundert für alle.

Welches Kunst- oder Kulturereignis hat Sie in der jüngsten Zeit am meisten bewegt, das Sie vielleicht selbst mitinitiiert haben und das Ihnen besonders viel bedeutet?

B.B.: Mein spannendstes Erlebnis im letzten Kulturdreimonatstakt war die Produktion eines Videokataloges als Ersatz-Besucherschule für die documenta '92. Der diesjährige Leiter, Jan Hoet, war der Meinung, daß die Besucherschule eine veraltete Kulturauffassung der 60er und 70er Jahre darstelle und deshalb nicht mehr nötig sei. Seit 1968 habe ich für jede documenta und für hunderte von Ausstellungen Besucherschulen gemacht. Statt einer Besucherschule wurde uns nun also ermöglicht, in einer viertägigen Nacht- und Nebelaktion diesen Videokatalog herzustellen. Ich habe versucht, in diesem Film ein eigenes Strukturkonzept und ein Thema für die documenta zu entwickeln, was einige Medienleute sehr verwunderte, da sie überzeugt waren, daß man aus einer schlechten Ausstellung nichts Gutes machen kann. Dabei fand ich z. B. das Häßliche immer viel interessanter als das Schöne, das Kaputte, Ruinöse immer viel erkenntnisstiftender als die Perfektion. Nun bekam ich also gesagt, dies sei die Soziokultur der 60er und 70er Jahre. - Aber daß diese Pressemenschen als hochprofessionalisierte Betrachter sich mal die documenta im Hinblick auf das angesehen hätten, was sie selber an ordnungsstiftenden Systematisierungen, an Unterscheidungen zur Entwicklung von Zusammenhängen als Konzept hätten leisten könnten. - Die Kunstkritiker heute wissen im Gegensatz zu ihren Kollegen in den 70ern einfach überhaupt nicht mehr, warum sie eigentlich gefordert sind zu arbeiten, wenn es ihnen nicht vor Augen gehalten wird.

Herr Brock, Sie haben nachgedacht über Thesen zur Soziokultur. Sind wir in einer Zeit, in der wir vielleicht auch durch gemeinsames Lernen von Ost und West feststellen können, daß wir eine Zäsur erreicht haben, an der die Soziokultur neues Leben bekommen müßte, oder ist die Soziokultur ein zum Scheitern verurteiltes Modell?

B.B.: Die Soziokultur ist nicht zum Scheitern verurteilt. Warum? - Weil die Problemlagen in den 60ern trotz Vietnam und in den 70er Jahren trotz RAF und anderer Art von fundamentalistischem Terror bei weitem nicht so extrem waren wie heute. (Die Arbeit in soziokulturellen Zentren hat damals zu Recht regional-kulturelle Identitäten auf den verschiedensten Ebenen zu fördern, herauszuarbeiten und zu stabilisieren versucht. Dies allerdings in einer Gesamtsituation, die die heutigen Konsequenzen gar nicht absehen konnte.) Die Soziokultur gehört also nicht zu einer abgeschlossenen Vergangenheit, sondern ist im Gegenteil notwendiger denn je.

Als erste "soziokulturelle" Veranstaltung kann man einen Antrag beim Hamburger Senat im Jahre 1965 bezeichnen, im Umfeld der Hochschule für Bildende Künste eine Klasse fürs Publikumsstudium einzurichten. Hier wollten wir Rezipienten ausbilden, die in ihrer Rolle als aufgeklärte Konsumenten angesichts der Kunstübungen im Museum, auf dem Theater und im Konzertsaal urteils- und unterscheidungsfähig sein sollten. Wenn es überhaupt noch einen Begriff "Publikum" geben konnte, sollte man darunter eine hochprofessionalisierte Bande von Leuten verstehen, die die Kunst nicht studierten, um selbst Künstler zu werden. "Sozio" bedeutete in diesem Kontext die gemeinschaftsstiftende, Fähigkeiten und Kenntnisse stimulierende Beschäftigung mit etwas, was man nicht nur tat, um es nachzuahmen, sondern um die eigene aktive Haltung im Rezeptionsprozeß zu fördern. Das war das Kernstück aller soziokulturellen Arbeit: die Erziehung des Publikums zu professionalisierten, urteilsfähigen Partnern.

Beim Schwerpunkt "Soziodesign" ging es darum, wie man die Mittel der Gestaltung der materiellen Umwelt in verschiedener Hinsicht auslegt - von der Form, von der Farbe, von allen gestalterischen Möglichkeiten und anderen Disziplinen her, um so das soziale Verhalten von Menschen beeinflussen zu können. Alle gestalteten Dinge haben eine Wirkung auf das Verhalten der Menschen.

Die Auffassung, Kultur sei die kennzeichnende Eigentümlichkeit von in Gemeinschaft lebenden Menschen, ist natürlich Unsinn. Diese Art von Kulturauffassung ist im großbürgerlichen Milieu groß geworden, während man Anfang der 70er Jahre auf eine sinnvolle Weise Kultur zu definieren begann, indem man sagte, Kultur ist ein Beziehungsgeflecht zwischen den Menschen, das meistens über Kommunikation zustandekommt und darauf ausgerichtet ist, Verbindlichkeit in die Beziehungen zu bringen. So gibt es verschiedene Bereiche in der Gesellschaft, die alle unterschiedliche Methoden haben, die Verbindlichkeit in den Beziehungen der Menschen, die die Kultur ausmachen, durchzusetzen und einzuklagen - vom "In die Fresse hauen", wenn mir etwas nicht paßt - auch dies ist eine Form von Verbindlichmachen - wie vor Gericht die Einhaltung des Vertrags einzuklagen oder sich auf gewisse Normen und Werte zu berufen.

Wenn an dem gesamten "Kulturtreiben" nun irgend etwas bedeutungsvoll ist, dann ist es die Art von Problematisierungs-fähigkeit oder die Thematisierung von bestimmten Fragen, z.B. wie schaffen wir es, die Beziehungen zwischen den Menschen auf ein gewisses Niveau von Verbindlichkeit zu bringen? Indem wir die Menschen gemeinsam auf große, wie Lucius Burckardt das damals formulierte, prinzipiell unlösbare, also bösartige Probleme orientieren. Und der Lehrsatz hieß: Das einzige, was die Menschen in der Kultur miteinander verbindet, außer Gewaltandrohungen oder Sanktionsmechanismen aller Art, ist die gemeinsame Orientierung auf Probleme. Das, was wir im engeren Sinne Kultur nennen - Malerei, Kunst, Theater etc. -, ist ein Vorführen der Fähigkeit, sich auf Probleme einzulassen. In diesem Sinne hieß "Soziokultur" nichts anderes, als Gemeinsamkeit zwischen den Menschen im Sinne von verbindlicher Orientierung herzustellen, indem man sie miteinander auf nicht lösbare Probleme, wie beispielsweise das Ozonloch, orientierte.

Aber nicht mit dem Bewußtsein, daß das Problem nicht zu lösen sei, sondern wohl doch mit der Hoffnung auf Lösung?

B.B.: Das weiß ich nicht, denn für mich war und ist klar, daß der Utopiebegriff an die Nichtlösbarkeit gebunden ist. Es ist sinnlos von Utopien zu reden, wenn man Lösbarkeiten einkalkuliert. Utopisches Denken ist nur notwendig - und dies ist seit dem 16. Jahrhundert so etabliert, wenn es prinzipiell keine Möglichkeit gibt, irgendeine Blaupause des paradiesischen Lebens in die Wirklichkeit umzusetzen. Utopien sind die Begründungen von Kritik über jeden irgendwo auf Erden erhobenen Geltungsanspruch von Wahrheit. Genau das bedeutet, "Utopien leben" und nicht irgendeiner Art von märchenhaften Paradiesvorstellungen nachzujagen und die mit Stasi oder Einheitspartei in die Wirklichkeit umzusetzen.

Aber die Soziokultur ist auch der Versuch - und in dem Sinne werden Utopien ja auch benutzt, andere Lebensentwürfe zu entwickeln, die nicht herstellbar sind, sondern die wir auch schon erleben können, Gegenmodelle zu haben, die wir auch tatsächlich leben...

B.B.: Nein, dann wären wir im Totalitarismus. Wenn Sie Jesus Christus' Vorstellungen vom ewigen Leben eins zu eins in eine gesellschaftliche Wirklichkeit umsetzen könnten, käme dabei ein Konzentrationslager heraus. Die Architekten des 16. Jahrhunderts wie Scamozzi u.a. haben bewiesen, daß mit den Idealstadtkonstruktionen ihrer Zeit nur KZ's konstruiert wurden. Scamozzis Idealstadt "Palmanova" ist durch ihre gesamte Geschichte nur als Gefängnis, Kaserne und Irrenhaus nutzbar gewesen. Ein weiteres Beispiel ist die Saline von Chaux, allerdings mit leichten Abwandlungen. Die Ausrichtung auf die Utopie ist notwendig, weil Menschen auf Erden niemals den totalitären Anspruch der Wahrheit als Absolutum voraussetzen können. Das gerade sind die Korrektive gegen die Unmöglichkeit, die Wahrheit zu sagen, bzw. die Korrektive gegen den Anspruch, die Wahrheit durchzusetzen, zu wissen, was richtig oder was falsch ist. Jedwede Zivilisation oder Kultur, die gerade auf die Verbindlichkeit in den Beziehungen ausgerichtet ist, ist davon abhängig, so sie nicht totalitär auf gewisse Zeiten durchgesetzt wird.

Ich habe nun drei Verständnisformen der Soziokultur inhaltlich vorgegeben. Gegenwärtig jedoch lähmt die Orientierung auf Kultur im Sinne der üblichen, verständlichen Aktivitäten die soziokulturelle Arbeit vollständig. Warum? -Weil jedermann aus dieser Aktivität glaubte entnehmen zu können, daß seine Zugehörigkeit zu einer besonderen Sprachgruppe, zu einer Gruppe, die auf eigentümliche Weise volkstanzt, batikt und ihr Gebäck rollert, den Anspruch auf Autonomie begründet. Dieser Anspruch auf kulturelle Autonomie hat von Jugoslawien bis Aserbeidschan und wird in Zukunft alle größeren gesellschaftlichen Strukturen,
überlebensfähige, sinnvolle Strukturen auf den verschiedensten Ebenen sprengen und auseinanderreißen. Kultur im hier diskutierten Sinne ist das reaktionärste Sprengpotential für jede Art von sinnvoller Kooperation von Menschen geworden. Wie aus der Fundamentalismus-Debatte ersichtlich, ist sie in extremer Weise gegen Geltungsansprüche von Menschenrechten gerichtet: Tolerant gegenüber bestimmten fundamentalistischen Auffassungen zu sein, heißt, sich intolerant oder gleichgültig gegenüber anderen Meinungen zu verhalten. Was anderes tun die Serben gegenüber den Kroaten, die Kroaten gegenüber den Slowenen etc., als sich gegenseitig mit Hinweis auf ihre Sprache, auf ihre kulturelle Tradition im Sinne der Letztbegründung in die Schranken zu weisen? Letztbegründung bedeutet eigentlich immer Anwendung von tödlichen Waffen. Weltweit lassen sich hier dieselben Mechanismen beobachten.

Wenn er nun Kultur als Förderung gerade dieser Autonomiebestrebungen verstanden hatte, muß augenblicklich jeder Kulturarbeiter in eine große Krise geraten. Die bisher entwickelten Konzepte aus diesem Dilemma herauszukommen, wie etwa das Programm der Multikultur, besitzen auf keiner Ebene eine Perspektive. Denn was da unter Multikultur auftritt, verstärkt sogar jene sprengende, reaktionäre Kraft der kulturellen Autonomie und legitimiert, wie Cohn-Bendit in seinem einzigen wahren Satz gesagt hat, die ungeheuer radikalen und grausamen Formen der Auseinandersetzung zwischen den Menschen, statt sie Toleranz zu lehren. Ergo sollte gerade nicht die soziokulturelle Stärkung einer auf kulturelle Autonomie ausgerichteten Arbeit im Sinne eines vielleicht zwanzig Jahre lang sinnvoll gewesenen Konzeptes weiterbetrieben werden, sondern eine rasche und drastische Umorientierung ist notwendig. Es wird höchste Zeit, daß man aufhört von der Kultur zu reden, um sich endlich mit den Formen menschlichen Zusammenlebens jenseits von kulturellen Autonomiebestrebungen zu beschäftigen. Herkömmlicherweise wurde dies Zivilisation genannt.
Jeder Mensch ist bereit, eine gewisse zivilisatorische Grundnorm oder Minimalverabredung zu akzeptieren. Die Arbeit in soziokulturellen Zentren sollte heute darauf ausgerichtet sein, die universalen zivilisatorischen Minimalstandards zu bewahren und sich von der kulturellen Tätigkeit herkömmlichen Typs auf eine gemeinsame Problemorientierung umzustellen, d.h. zivilisatorisch zu arbeiten. Das, was wir in Zukunft gemeinsam haben werden, sind nicht Glaubensüberzeugungen, Parteizugehörigkeiten oder große Visionen, sondern prinzipiell unlösbare Probleme.

Nur wie bringt man heute noch kulturelle Bestrebungen mit den zivilisatorischen in Übereinstimmung? Kann die Kunst dazu etwas leisten? Wenn ja, welche? - Ich bin der Überzeugung, daß die Kunst heute in dieser Hinsicht nichts leisten kann, und ich bin ja eher dafür bekannt, daß ich den Künstlern sehr viel mehr zugestehe, als alle anderen sehen wollen in ihren Arbeiten. Hier könnte diskutiert werden, welche Kunst und welche Künstler heute noch etwas erreichen könnten.

Sie haben in einem Ihrer Texte auch von der Eroberung und Nutzung der öffentlichen Räume gesprochen. Das ist ja vielleicht die Verbindung zu den soziokulturellen Zentren und Arbeiten, oder?

B.B.: Ich finde diese These von der Macht der Medien sehr gefährlich. Wir seien alle nur Opfer, alle durchseucht von Anfang an ... Bill Viola - ein "Sieben-Kanal-Kind"... Woher kommen diese Thesen? Sie sind im eigentlichen Sinne der Ausdruck für das Selbstverständnis der Medien. Sie finden heute unter denjenigen, die wirklich von der Auswirkung des Fernsehens in ihrem Urteil total eingeschränkt sind, fast ausschließlich Journalisten. Die glauben nämlich tatsächlich, daß sie mit ihren Entscheidungen für das Publikum selber bestimmen. Daß die große Fernsehmaschine den Menschen die Fähigkeit genommen habe, die Wirklichkeit in irgendeiner Weise auf ihr Leben zu reflektieren, halte ich für den Anfang der Verblödung selbst, denn das ist nämlich das Wissen, das die Medienherrscher gern durchsetzen würden: Wer die Medien in der Hand hat, hat die Menschen in der Hand.

Die Menschen sind heute in ökologischer Hinsicht aufgeklärter und diskussionsfähiger als je zuvor und das, trotz 15jähriger intensiver Bestrahlung im Sinne dieser "Sieben-Kanal-Erziehung". Es gibt in Amerika, wo dieser Terror seit vierzig Jahren herrscht, genauso viele vernünftige, sozial aktive Menschen wie irgendwo sonst. Analphabetentum ist ja durchaus erwünscht. Man muß sich nicht einbilden, daß unsere westlichen Gesellschaften daran interessiert seien, daß jedermann lesen, schreiben, urteilen kann, und urteilen heißt, unterscheidungsfähig zu sein. Es ist zu einfach zu sagen, das sind ja die Schnittstellen der anderen, das sind die Bilder, die die anderen entwickeln, die die anderen in mich implantiert haben. Die Menschen kennen sehr wohl den Unterschied zwischen einer virtuell im Bild dargestellten Wand und einer wirklichen Wand. Darüberhinaus ist es sinnlos, sich einen Kunstbegriff "Wirklichkeit" zu zimmern, der schon bei der erstbesten Berieselung mit ein paar Monitorbildern zusammenbricht. Wenn Wirklichkeit das ist, was ich nach Belieben meinen Wahnvorstellungen eines Fernsehbildes opfere, dann ist das keine Wirklichkeit. Und eine unvermittelte Wahrnehmung gibt es nicht. Wenn man von der Naturwahrnehmung außerhalb der eigenen vier Wände, jenseits des Monitors spricht, dann ist die entweder durch Caspar David Friedrich oder durch Dürer oder eine andere Art des Sichtbarmachens von einem Blumenbeet als etwas Ansehbarem genauso medial geprägt, medial vermittelt, wie das auf dem Monitor geschieht. Denn bevor Herr Dürer nicht seine ersten Aquarelle von ein paar Gräsern malte, hat kein Mensch die Gräser überhaupt als etwas Wahrnehmbares betrachtet.

Sie sind doch einer, der sagt: "Wir müssen das Publikum qualifizieren. Das ist eine meiner Aufgaben, Menschen zu lehren, zu sehen, etwas wahrzunehmen." Diese Fertigkeit muß man erlernen und das braucht Zeit. Ein Zeitalter, in dem jeder mit Fernseher oder Video aufwächst, verändert doch auch die Art und Weise zu gucken. Das heißt, kann man nur noch Kunstwerke produzieren, präsentieren, die genau dieselbe Form haben?

B.B.: Kunst ist im engeren Sinne eine beispielhafte, alle anderen gesellschaftlichen Bereiche darin weit übertreffende Möglichkeit, sich auf Probleme zu orientieren. In der Kunstgeschichte gilt nicht die in anderen Bereichen übliche Auffassung, daß Probleme gelöst werden können. Für den Menschen ist auf Erden ein Problem nur lösbar, indem er andere Probleme schafft. Wenn ich jetzt gegen die Energieknappheit eine Plutoniumwirtschaft einführe, dann gibt es klare zivilisatorische Normen dafür, warum das nicht sinnvoll ist, denn die Nachfolgeprobleme werden größer sein als das Ausgangsproblem. Wenn ich hingegen ein Medikament einführe, dessen Nebenwirkungen beherrschbar sind, das jedoch als Konsequenzen dieser Lösung nebenher Sekundärprobleme erzeugt, die kleiner sind, als das Ausgangsproblem, dann kann ich mir überlegen, ob ich das zulassen will oder nicht. In allen Bereichen begleitete die Problemlösung, die Technik allen anderen Gebieten voraus, das Schaffen neuer Probleme, ohne daß die Leute das akzeptiert hätten. Die Kunst hat hingegen, zumindest seit dem 15. Jahrhundert in jeder Weise nachweisbar, gezeigt, daß die Interessantheit eines Raffael gegenüber einem Perugino und eines Michelangelo gegenüber einem Raffael und eines Caravaggio gegenüber dem Michelangelo nicht darin besteht, daß der jeweilig nachfolgende Großmeister die Probleme des vorhergehenden gelöst hat und deswegen groß ist. Sondern er ist groß, das heißt bedeutsam, weil er auch noch nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten der Wahrnehmung würdig ist, weil er auf eine bestimmte Weise Probleme künstlerisch artikuliert hat, die man eben nicht lösen kann. Wenn also ein Problem wie die Entwicklung der Zentralperspektive, der Luftperspektive usw. in Angriff genommen wurde, dann nicht im Sinne eines Ausderweltbringens des vorhergehenden Problems, sondern in dem Sinne, wie es zu formulieren wäre, damit es virulent und wirksam bleibe. Zukünftig wird dies viel wichtiger als bisher, weil inzwischen auch einige Techniker erkannt haben, daß es für Menschen nur Probleme zu lösen gibt, indem man neue Probleme schafft. Also orientiert man sich ganz zu Recht an der Kunst. Die gesamte Kunstgeschichte und speziell die des 20. Jahrhunderts der Moderne - im Unterschied zur Laienauffassung - ist ja nicht die Behauptung einer Meisterschaft und Könnerschaft "Das ist Kunst!", so wie wir ja sagen "Das soll Kunst sein?". Sie stellt doch selbst die Frage am radikalsten, inwiefern irgend etwas Kunst sein könnte. Die späteren Lösungen machen nicht die früheren obsolet, weil das sich jeweils Fortschreibende nicht ein Überwinden des Alten ist, sondern in einer ganz bestimmten Weise jeweils eine Reaktivierung, Aktualisierung, ein Vergegenwärtigen von Problemen ist.

Die Frage ist aber nicht allein, ob Kunst ein Problem löst, sondern ob Kunst sich einmischen soll und wie sie reagieren kann auf einen Zustand...

B.B.: Die Frage ist, in welcher Hinsicht man heute Künstlern mit ihren Arbeiten Resultate zutrauen kann, die diese Orientierungen auf gemeinschaftsstiftende Probleme noch leisten. Es sind zwei entscheidende Aspekte, unter denen die Kunst heute in alle Bereiche hineinwirkt: a), daß sie auf Problematisierung ausgerichtet ist und daß etwas, das als problematisch dargestellt wird, nicht bedeutungslos ist und man nicht sagen kann, es ist nicht gekonnt ausgeführt, aufgrund mangelnder Meisterschaft müssen wir also verzichten und b) im Hinblick auf die Begründung dieser Aussagen, die so vorgetragen werden. Das heißt aber zugleich, daß wir uns eben nicht in diesen Arbeitsformen bei dem Begriff Kultur im engeren Sinne auf Malen, Musizieren, Theaterspielen etc. berufen, sondern auf die Art, wie das begründet wird, wie es präsentiert wird als etwas, das wichtig ist. Und warum ist es wichtig? Erstens, weil es ein entscheidendes Problem für jene Menschen ist, die das Sehen darstellen - man kann ja wirklich sagen, es gibt heute bei jedem Fall mindestens ein halbes Dutzend Probleme, die sogar für die ganze Menschheit bedeutsam sind und zweitens, weil das nicht etwa betrachtet werden soll, weil es offiziell vertreten ist, eine Parteimeinung hat oder die Meinung der Mehrheit ist. - Man kann es fast umgekehrt sagen, je mehr Scheiterns-, Singularisierungs- und Fragmentierungserfahrungen dahinterstehen, desto bedeutsamer ist es eigentlich zuzuhören.