Tasse oder Untertasse: örtlich, zeitlich, persönlich

Künstler und Gestalter der Bergischen Universität Wuppertal

Ein Wort zum 'oder'

Auf die alte Kinderfrage: "Was ist tiefer - Tasse oder Untertasse?", galt es zu antworten: "Die Oder natürlich.".
Auf die neue Kinderfrage: "Was ist wirkungsmächtiger - Kunst oder Design?", antworten auch wir: "Oderrr natürlich."
Mit diesem "oderrr" versichern sich die Alemannen der Zustimmung ihrer Gesprächspartner: "Das ist doch so, oderrr?"

Was irritiert immer noch an der Frage "Kunst oder Design?". Warum befehden sich nach 150 Jahren intensiver Positionsbestimmung freie und angewandte Künste noch immer? Warum herrscht Bekenntniszwang durch die Frage: "Verstehen Sie sich als Künstler oder als Gestalter?". Am einfachsten machte man es sich mit der Antwort, es ginge bei diesem Streit um eine schiere Machtfrage, also um den Kampf um Anerkennung und Geltung. Anerkennung jedenfalls wird den Künstlern reichlich gewährt, z.B. durch die grundgesetzliche Garantie, daß die Künste frei seien. Von der Freiheit der Gestaltung oder des Design spricht das Grundgesetz nicht, wohl aber von der Freiheit der Wissenschaften. Bleibt da für die Gestalter nur der Umweg, sich an einer wissenschaftlichen Hochschule zu etablieren, um das Privileg der Unabhängigkeit für sich zu erlangen? Diesen Weg ist man bei der Gründung der Bergischen Universität nach amerikanischem Vorbild gegangen- immer noch ein vereinzeltes Beispiel der Integration von Gestaltung in eine wissenschaftliche Institution.

Der Normalfall in Deutschland ist, daß Kunst und Gestaltung nur in Hochschulen für Bildende Künste gemeinsam auftreten, und dabei geraten die Gestalter gegenüber den Künstlern ins Hintertreffen. Das hat historische Gründe, denn die Künste emanzipierten sich vor den modernen Wissenschaften und lange vor den Designern aus der Bevormundung durch Bischöfe und Fürsten. Auch im Bewußtsein der Alltagsmenschen ist die Anerkennung von Künstlern tiefer verankert als die für Gestalter, allerdings um den Preis einer naiven Einschätzung des künstlerischen Arbeitens als einer beneidenswerten Form lustvoller Selbstverwirklichung. Daß dieser Begriff heute bei Kunstliebhabern Konjunktur hat, ist für besagte Fehleinschätzung symptomatisch. Man möchte die erstrebenswerte Freiheit und Unabhängigkeit schlechthin dem künstlerischen Menschen vorbehalten, wohingegen Gestalter und Wissenschaftler auf die Unterwerfung unter technisch-methodische Arbeitsverfahren unter Sachzwanglogiken und auf den Verwertungsdruck industrieller Autraggeber oder des Marktes für Gebrauchsgüter festgelegt werden. Künstlerisches Tun sei schöpferisch, wissenschaftliches und gestalterisches hingegen definiere sich bloß als ein Arbeiten.

Andererseits müßte aber inzwischen den naivsten Kunstliebhabern aufgefallen sein, daß auch die freien Künste den Gesetzen des Marktes unterworfen sind; sie müßten inzwischen gehört haben - vor allem von den Künstlern selber -, daß ihr Tun und Lassen alles andere ist als eine fröhliche Selbstverwirklichung nach dem Muster eines ingeniösen Schöpfergottes. Aus den Medienhymnen auf Nobelpreisträger hätte man entnehmen können, daß offenbar auch Wissenschaftler schöpferisch zu arbeiten haben und zu arbeiten vermögen, und Gestalter bei der Industrie für ihre innovativen Produkte und ihren Einfallsreichtum gelobt werden.

Je mehr man bei jedem Zeitgenossen die Kenntnis dieser Tatsachen voraussetzen muß, desto weniger leuchtet einem die Frage ein: "Tasse oder Untertasse?", "Kunst oder Design oder Wissenschaft oder was?". Verlangt der Zeitgenosse solche Etiketten, weil er seinem eigenen Urteil nicht recht traut oder weil er unsicher ist, welchen Gebrauch er von den Arbeitsresultaten zu machen habe? Noch fraglicher werden die Etiketten, wenn man bemerkt, daß zwar die Anerkennung der Künstler groß ist, aber die Geltung ihrer Werke gegenüber Alltagsmenschen ziemlich klein gehalten wird, denn, so sagt man ja, die Frage der Geltung sei eine Geschmacksfrage, also lasse jeder in der Kunst nur gelten, was seinem Unterscheidungsvermögen zugänglich ist. Und umgekehrt genießen Gestalter zwar weniger Anerkennung (sie sind auch namentlich weniger bekannt als die Künstler), aber ihrem Geltungsanspruch ist nicht auszuweichen, denn unsere gesamte alltägliche Lebenswelt inklusive der landschaftlichen Naherholungsräume ist nahezu vollständig durchgestaltet. Den Wirkungen von Gestaltung hingegen kann man nirgends entgehen; Kunstwerke kann man geflissentlich übersehen - schon deswegen, weil man mit ihnen sehr viel seltener konfrontiert wird als mit Stühlen und Tischen, Milchtüten und Zeitschriften, Hose und Jacke, Auto und Fernseher, Kindergärten und Krankenbetten.

Wäre es bei dieser Gewichtung von Kunst und Gestaltung für das Alltagsleben nicht viel angebrachter, sich mehr um Gestaltungsfragen als um Kunstfragen zu kümmern, wenn man schon bei dieser Unterscheidung bleiben will? Sachlich richtiger wäre es indessen, anders unterscheiden zu lernen. Was nützt es einem Straßenpassanten vor den ihn nervenden Fassaden der Häuser, sich darauf hinauszureden, Architekten seien eben Künstler und als Kunstwerke müsse man die Wirkung der Straßenbebauung eben anders einschätzen. Mit diesem Argument wird die Wirkung von Monotonie und Gestaltungsarmut wohl kaum abgeschwächt. Was nützt es einem Käufer von Sesseln, versichert zu bekommen, er habe Wohnskulpturen erworben und da sei die Frage, ob man auf den Sesseln halbwegs bequem sitzen könne, irrelevant.

Wenn heute in so gut wie jeder Stellenausschreibung von den gesuchten Mitarbeitern Kreativität, selbständiges Denken, Eigeninitiative und Verantwortungsbewußtsein für die eigene Arbeit erwartet wird und Künstler für die Realisierung ihrer Projekte in Personalunion PR-Manager, Kataloggestalter, Installationsingenieur, Materialkundler, Informatiker und Steuer- und Verwaltungskundiger sein müssen, dann sollte sich folgender Vorschlag als brauchbar erweisen: Das Künstler-, Wissenschaftler- oder Gestaltersein sollte nicht mehr nach den angewendeten Arbeits- oder Schöpfungsverfahren, Materialien, Produktformen oder Vermarktungswegen unterschieden werden, denn in allen Bereichen bedient man sich aller dieser Arbeitsmöglichkeiten. Einfallsreiche Konzepte, gedankliche Beweglichkeit und die Kraft zum kontinuirlichen Arbeiten gegen alle Widerstände wird allen gleichermaßen abverlangt. Unterscheiden können wir Künstler, Gestalter und Wissenschaftler wohl nur noch nach der Art und Weise, wie sie ihre Ansprüche auf Anerkennung und Geltung begründen.

Wer sich nicht zur Geltung bringen will, indem er auf seinen Status, seine Zugehörigkeit zu Gruppen von Fachkollegen, politisch Gleichgesinnten und Glaubensbrüdern beruft, den verstehen wir als Künstler - gleichgültig, ob er wie Einstein oder Beuys, wie Hackethal oder Augstein arbeitet. Künstler können sich weder durch Zeugnisse und Auszeichnungen, Wertschätzung durch Sammler, Museumsankäufe, Besprechungshäufigkeit oder Marktpreise legitimieren, noch durch gerichtlich festgestellte Fachkompetenz. Wer sich nur auf sich selbst beruft und mit dem, was er selbst vertritt, zu überzeugen versucht, den mag man als Künstler von allen anderen unterscheiden - von Wissenschaftlern, von Politikern, von Religionsstiftern. Das hört sich harmlos an, hat es aber in sich. Denn sich auf Künstler einzustellen, verlangt, ob in der Chemie oder in der Malerei, in der Musik oder in der Mathematik, im Ingenieurswesen oder in der Medizin, ein hohes Maß an Unabhängigkeit von Konventionen und gerichtsnotorischer Richtigkeit, verlangt ein wohlverstandenes eigenes Interesse - kurz, genau das, was einen aktiven und produktiven Betrachter, Museumsbesucher, Theaterzuschauer auszeichnet.

Diesen Künstlern der Rezeption, unserem Publikum also, treten wir mit unseren Arbeiten entgegen. Denn anderes als unsere Arbeiten haben wir nicht zu bieten; wir reklamieren nicht persönliche Beziehungen zum Weltgeist oder zum Zeitgeist oder anderen Quellen der Offenbarung. Hinter uns steht nichts, was nicht jeder andere auch zu bieten hätte, aber gerade unter dieser Voraussetzung erschließen die Exponate Themen und Perspektiven als interessant, und was ist interessanter für jeden Zeitgenossen als die Frage, wie weit heute noch ein Individuum selbständig zu argumentieren vermag?

Deswegen erhoffen wir uns von unserem Publikum eine Einschätzung unseres Anspruchs. Werden wir widerlegt, so haben wir Wichtiges gelernt, werden wir als Diskussionspartner ernstgenommen, so haben wir etwas Brauchbares geschaffen. Das ist alles, aber darum geht es.