Tilo Baumgärtel.

Arbeiten von 1997-2001

Tilo Baumgärtel. Arbeiten 1997-2001.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

mit einer Einleitung von Bazon Brock

No Exit in Bildern

Man stelle sich vor, die Exitschilder in öffentlichen Gebäuden, Flugzeugen oder sonstigen geschlossenen Räumen bezeichneten nicht einen Ausweg aus der Situation, sondern sie wären ein Raummotiv wie eine Blendtür: also Exit und Fluchtausgang wären gemalte Bestandteile des Raumdekors -, dann hätte man einen Eindruck von der Wirkung der Gemälde Thilo Baumgärtels. Deren Motive sind samt und sonders Situationen der Innen- und der Aussenwelt, die so auratisiert, stoned oder aussichtslos "verfahren" sind, daß der Betrachter einen Fluchtimpuls ausbildet: wie komme ich raus, aus diesen Bildern? In den Motivgruppen Sumpf, Moor, Strom oder Tiefschnee, zu denen 3/4 aller Baumgärtelmotive gehören, wird der Wunsch nach Flucht aus den Bildern aber so gehemmt, wie Geh- und Fahrzeuge in Moor, Morast oder Tiefschnee gehemmt werden. Beine und Blick kommen nicht vom Fleck:

Baumgärtel beschriftet die geschlossenen Innen- und Aussenräume deshalb gleich mit Hinweistafeln "No Exit!".

Man stelle sich vor, in öffentlichen Gebäuden und anderen geschlossenen Räumen würden neben den Exitschildern, die allerdings nur Blendwerk sind, alle anderen Raumelemente mit Schildern ausgestattet: "No Exit." Dann hätte man einen Eindruck von der Präsentationsstrategie der Baumgärtel`schen Bilder: Bilder führen den Blick und die Empathie in Räume, ohne zu zeigen, wie man wieder aus ihnen hinauskommt. Bloßes Schließen der Augen hilft nicht. Ebensowenig wie das Wegdrehen aus der Konfrontationsebene. Sie bleiben als innere Bilder phantsamagorisch, wie Träume nur in eine Richtung bespielbar: Immer tiefer hinein in die Ausweglosigkeit. Diese anggsttraumhafte Aussweglosigkeit ergibt sich daraus, daß die Bildkonzepte und Konstruktionen der Bildräume keine Erklärungen für ihre Einpassung in die Welt anbieten. Fortschritte sind nicht erkennbar, Wandlungsresultate bestenfalls vermutbar, Dramaturgien der Handlungsabläufe nicht sichtbar. Es dominiert der Gleichmut des Katastrophischen, des Unaufhaltsamen „und so weiter“ bis ans Ende der Zeiten: die Schneelandschaften werden niemals tauen, die brodelnden Sumpfblasen werden sich niemals zu Teer verfestigen, die Novembernebel und Schattenflecken sich niemals heben, die Bootsfahrt niemals enden und der verfahrenen Situation wird keine Hilfe zu teil werden.

Wenn wir die Analogie zum Traumbild schon soweit bemüht haben, müssen wir wenigstens auch den Teil der Analogie bieten, in dem das Traumbewußtsein der Ausgangslosigkeit ins Wachbewußtsein "Dies war nur ein Traum" aufgelöst wird. Also sagen wir, dies sind nur Baumgärtel`sche Bildkalküle, spielerisches Operieren mit Weltmodellen , wie sie im Kinderzimmer, in Kaufhauskatalogen, in Gebrauchsanleitungen für technische Geräte der Bilderzeugung (z.B. Computer) üblich sind. Vielleicht ist es hilfreich, an ähnliche Vorgehensweisen berühmer Baumgärtelkollegen zu erinnern: sei es an die Nutzung von Handlungsanleitungen für Betriebskampf- oder Jugendgruppen durch Neo Rauch oder an die Nutzung von Kriegspielzeug in selbstgebastelten Modellandschaften, aus denen Anselm Kiefer seine Fotomotive der Monumentalalben von1972-1982 bezog. Aber bei Rauch oder Kiefer ist die Verfahrensrichtung vom Modell zum Realisat. Bei Baumgärtel verläuft sie vom Realisat zum Bild als Modell.

Die Typologie von Bildern als Modellen ist uns am besten aus Märchenbüchern vetraut. Wobei seit gut 10 Jahren generell gilt, daß die gute alte Märchenbuchillustration abgelöst wurde von der modellhaften Visualisierung der Gedanken, der Ereignishaftigkeit der Erzählung und dem literarisch-künstlerisch-wissenschaftlichen-journalistischem Konzept der Vermittlung von Weltlauf, Werklauf, Lebenslauf. Für diese jüngste Entwicklung zwei Beispiele: Robert Gernhardts Texte und Bilder, urspünglich aus der Aufgabe zur modellhaften Repräsentation einer märchenhaften Vorstellungswelt entwickelt, lösen sich in Publikationen und Austellungen völlig von ihrer Herkunftsfunktion ab und werden wie autonome Kunstwerke präsentiert. Aber es ist ihnen in jedem einzelnen Fall noch deutlich anzumerken, daß sie als Bilder Modelle einer anderen Bildwelt als der der kanonisierten Malerei sein sollen und auch tatsächlich sind. Obwohl die bildnerischen und gedanklichen Leistungen Robert Gernhardts es mit denen jeden Profikünsters aufnehmen können, fällt es dem Publikum doch schwer, sie als freie bildende Kunst zu würdigen; ähnlich schwer fällt es ,noch so brilliante Karikaturen als autonome Bildwerke in der Galeriekonkurrenz zu behaupten. Baumgärtels Bildmodelle signalisieren eine ähnliche Auffälligkeit wie Gernhardts Arbeiten oder die Bildwerke Michael Sowas. In dem Film "Amélies fabelhafte Welt" setzt man Sowas Bildmodelle als Kommentatoren der Ereignisse und Erlebnisse der Heldin ein. So etwa setzt Baumgärtel seine Bilder als Modelle unserer Erlebnisse und der Weltereignisse ein. Wie die Heldin der Filmerzählung anhand von Bildalben Zugang zum Glück oder Unglück der Weltkinder findet und sich selbst in deren Zustand einbeziehen läßt, so diagnostiziert Baumgärtel anhand seiner Bildmodelle die Zustände unserer Welt und sein Einverständnis mit Glück wie Unglück, Nähe wie Ferne, Vergangenheit wie Zukunft, Enthüllung und Verhüllung, roh oder gekocht, trocken oder nass, weich oder hart. Es ist das gleiche Engagement, wie es Kinder für die Erzählung der Märchen aufbringen oder im Kasperletheater durch Pfuigebrüll beim Teufel und Sympathiebekundung für Kasperl anzeigen; oder bei den großen Wissenschaftsmärchen der Gegenwart, der Macht der manipulierten Genetik zu Erzeugung neuer Modelle der Lebensform, wo man entweder ablehnend Moralkeulen schleudert oder zustimmend die schamanische Heilereuphorie beschwört; oder wie bei den großen Medienmärchen von der beliebigen Generierung beliebig vielfältiger Bilder die aber alle zusammen kein Weltbild ergeben. Das aber gelingt Baumgärtel nach dem Muster tradierter Gemälde, die den Blick in eine Bildergalerie freigeben: Lauter gemalte "No exit"-Schilder, zu denen er uns die entsprechenden Vorstellungen traumhaft sicher, weil aussichtslos- unaufhörlich nahelegt.

Baumgärtel visualisiert Phantasmen, für die noch keine Märchen geschrieben wurden; Wissenschaften, von denen keine Texte vorliegen, Lebensbilder, die niemand praktiziert. Wir sind aufgefordert, die Erfahrung die diesen Bildern entsprechen, zu erarbeiten und die Begriffe, die sie visualisieren erstmals zu bilden. Damit das gelingen kann, müssen wir uns noch auf einen längeren Zeitraum der „eyes-wide-shut“- Konfrontation einstellen. Ich habe mich deshalb entschlossen, zwei Arbeiten Baumgärtels zu erwerben um sie dieserhalb im dauertest zu erproben. Bisher signalisieren sie immer nur „No exit“.