Lebenskunst im 21.Jahrhundert

Vortrag

Lebenskunst im 21.Jahrhundert
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Publikation zum  Paderborner Podium "Lebenskunst im 21. Jahrhundert" am 09.10.2002 im Heinz Nixdorf MuseumsForum

Seite im Original: 8-21

Das inszenierte Leben - Leben als Kunstwerk

Die Gesellschaften der Menschen aller Epochen in allen Weltregionen gaben immer schon, mehr oder weniger ausgesprochenerweise und mehr oder weniger verpflichtend für die Individuen vor, was als gelungenes Leben zu gelten hatte.

Gelungen war zum Beispiel ein Leben im Dienst am Vaterlande oder im Dienst an zentralen Kulten oder im Dienst am Nächsten (pro patria mori dolce et decorum; nur der Schönheit weihte ich mein Leben; ik dien).

Aber auch die Individuen versuchten immer schon aus ihrer Perspektive – und sehr häufig gegen die gesellschaftlichen Definitionen des gelungenen Lebens – eigene Biografien zu entwerfen und ihnen nach Möglichkeit zu folgen (z.B. Künstlerbohème, Herostratentum). Doch kollektive und individuelle Konzepte des gelungenen Lebens gerieten häufig in Konflikt. Man konnte zum Beispiel zu Zeiten Ciceros dem individuellen Lebensziel zustreben, in der Verborgenheit des Landlebens Schutz vor dem schon Jahrzehnte andauernden Bürgerkrieg zu finden, und wurde dennoch zur politischen Exponierung durch Verfolgungen politischer Gegner gezwungen.

Vita activa und Vita passiva konnten deswegen nicht einander gegenüber gestellt bleiben; vielmehr lernte der sich politisch, militärisch, unternehmerisch, gesellschaftlich exponierende Aktivist in bestimmten Phasen seines Lebens, sich ins Private zurückzuziehen, sein Wirken zu bedenken und eine entsprechende Gewichtung zwischen öffentlichem und privatem Leben je nach Lebensalter und Position zu erreichen.

Ganz ähnlich wurde der Gegensatz zwischen gesellschaftlich und individuell betonten Lebensentwürfen in der altgriechischen Tradition vermittelt. Man war nicht sein ganzes Leben lang prinzipiell Epikureer oder andererseits Stoiker, sondern versuchte ein gutes Mittelmaß in der Verteilung von Lebenslust und Pflichterfüllung zu erreichen. Die Lebenskunstlehren der griechisch/römischen Antike kann man ohne Abstriche in die Empfehlung zusammenfassen, alles mit Maßen zu betreiben.

Das galt nicht nur für generelle Einstellungen zum Leben zwischen Furcht und Zittern einerseits und kindlich naivem Vertrauen andererseits, sondern für die Diätetik (gesunde Lebensführung, auch als förderliche Strukturierung des Tagesablaufs). Alles mit Maßen galt also auch für die Zubereitung und den Verzehr von Speisen, wie für die Ausübung von körperlicher Ertüchtigung und medizinischen Maßnahmen.

Grundlegend wurde die antike Auffassung, daß man sein Leben nicht nur in der Gegenwart führt, sondern rückbezogen auf das Leben und Wirken der Vorfahren, wie zukunftsorientiert auf das Fortleben der Polis oder der Civitas, als den Gemeinschaften, zu denen man gehört. Optimierte man sein Leben durch maßvolle Vermeidung der Extreme körperlicher Anstrengung, medizinischer Vorsorge und des Genusses von Speis und Trank sowie der geistig/seelischen Erregung, dann wuchs die Chance, sich ins Gedächtnis seiner Zeitgenossen einzuprägen und noch in Zukunft erinnert zu werden.

Die Maxime für die Lebensführung lautete: lebe so, daß zukünftige Generationen noch von deinen Werken und Tagen erzählen werden. Die Aussicht auf Fortleben im Gedächtnis der nächsten Generation war in der Antike der stärkste Antrieb, seinem Leben einen sowohl individuell als auch gesellschaftlich gleichermaßen akzeptierten Sinn zu geben.

Die antiken Gesellschaften kannten bewährte Strategien, den jungen Menschen diesen Lebenssinn darzustellen, von denen einige bis heute fortgeführt werden, zum Beispiel die Auszeichnung im Wettbewerb, die Belobigung in der Aneignung des akademischen Kanons, die Berühmung in „halls of fame“ als Ensembles von Memorialen/Denkmalen im öffentlichen Raum; und umgekehrt gehörte deshalb zu den schwersten Bestrafungen die Auslöschung des Namens aus dem Gedächtnis der Gemeinschaft, die damnatio memoriae.

Die Summa der Anleitung zur Führung eines gottgefälligen Christenlebens lassen sich ebenso kurz in die Maxime fassen: lebe stets so, daß du vor Gott und den Menschen ein reines Gewissen hast. Für den katholischen Christenmenschen liegt die Betonung auf der Gewissensentlastung „te absolvo“ durch die Vertreter der apostolischen Kirche; für die von der Reform Luthers überzeugten Christenmenschen liegt die Betonung auf der Selbstverpflichtung, nicht gegen das eigene Gewissen zu verstoßen.

Diese Auffassungen stützen sich auf die bemerkenswerte Tatsache, daß das moralische Gesetz in jedem Menschen als dessen Gewissen ausgebildet ist und sei er noch so asozial, kriminell oder anarchistisch. Der Maßstab für das Gelingen eines Christenlebens wurde darin gesehen, daß die Individuen frei von Angst und Zagen vor dem zukünftigen Urteil Gottes im jüngsten Gericht zu leben vermochten, das heißt die Lebensanstrengungen in den diesseitigen Zumutungen von Not, Krankheit und Verfolgung auf sich nehmen konnten. Die Lebenskunst ars vivendi wurde für den Christen zu einer Einübung ins angstfreie, hoffnungsstarke Sterben, zur ars moriendi.

Eine prostestantische Variante der ars vivendi / ars moriendi bildete beispielsweise Calvin aus, dessen Anhänger glaubten, sich eines letzten Urteils über ihr Leben schon während der Lebenszeit versichern zu können. Wirtschaftlicher Erfolg galt ihnen als Hinweis auf Gottgefälligkeit ihres Lebens. Aus dieser Auffassung, so behaupten einige Historiker, entstand der Kapitalismus als Lebensform. Wichtig ist die Betonung von Lebensform; das heißt in der Focussierung auf erfolgreiche Teilnahme an der wirtschaftlichen Entfaltung einer Gesellschaft werden gleichzeitig alle religiösen, kulturellen und politisch-sozialen Bedürfnisse befriedet.

Was die tatsächliche Leistung von Kapitalismus als Lebensform auszeichnete, erfährt man vor allem heute. Gegenwärtig und für das 21. Jahrhundert grundlegend ist die Herausforderung von Kapitalismus als Lebensform durch den Islamismus als Lebensform; denn der weltweite Erfolg des Islam beruht eben darauf, nicht nur eine grundlegende Ausprägung von religiösem Verlangen und theologischer Formulierung dieses Bedürfnisses zu sein, sondern vielmehr eine das gesamte menschliche Dasein umfassende Lebensform vorzugeben – also auch die Ökonomie umfassend – und damit als tatsächliche Konkurrenz zum Kapitalismus.

Bevor ich aber auf diese Aspekte der Lebenskunst unter den besonderen Bedingungen unserer Gegenwart eingehe, muß ich ebenso summarisch auf eine dritte, neben der antiken und der christlichen Anleitung, zur ars vivendi / ars moriendi hinweisen: auf die humanistische. Statt auf den kapitalistischen Wirtschaftserfolg, auf eine angstfreie Seele durch gutes Gewissen und auf Souveränität resp. Würde in der Vermeidung von Extremen setzt der humanistische Lebensentwurf auf das Opus, das Arbeiten als Werkschaffen.

Opus meint ein Werkschaffen der handwerklich/technisch wie wissenschaftlich/künstlerisch versierten Persönlichkeit. Ein soziales Individuum wird zur Persönlichkeit, soweit es als Künstler, Wissenschaftler, Staatenlenker, Erzieher, Arzt, Rechtsanwalt und Chef der kommunalen Selbstverteidigung in von seiner Hand geschaffenen Artefakten die allgemeinen Gesetze der Natur und der Kulturen zu repräsentieren versteht. Das höchstrangige der Artefakte ist die Stadtmauer, das niedrigste ein Marktplatzschauspiel, in dem Sexualität und Körperstoffwechsel, Geiz, Kleinmut, Habsucht und Niedertracht zur Schau gestellt werden.

Den Höhepunkt der humanistischen Orientierung auf gelungenes Leben als Werkschaffen arbeiteten die Künstler seit der Renaissance in Künstlertheorien heraus. Die Vermittlung von Diesseits und Jenseits, von Menschenwelt und Götterhimmel, von Geschichtsschreibung und Mythologie, von Lebensenthusiasmus und Dienst an der Sache, von individueller Hervorbringung und kollektiver Geltung stellt das Kunstwerk dar, so weit es vollendet ist. Vollendung meint eine vollständige Übereinstimmung zwischen Concetto/Plan/Entwurf/Inhalt und Maniera/Stil/Form bei Angemessenheit des Materials, der Ökonomie der Produktionsmittel und Produktionszeit. Wenn etwas fertig ist, muß es vollendet sein, fordert noch Gottfried Benn, der im übrigen das humanistische Selbstbewußtsein durch Kraft zur Vollendung eines großen Werkplans ein für allemal verloren glaubte. Im Opus der Humanisten wird die antike Einheit von Wahrheit, Gutheit und Schönheit zur Verbindung von Wahrscheinlichkeit, Billigkeit und Angemessenheit, ein Kalkül des Werkes von der beabsichtigten Wirkung her. Und die Wirkung des humanitären Opus sollte darin bestehen, die Menschen von Anordnungsnotwendigkeiten wie Proportionen, historischen Zusammenhängen und Kontexten als geistiger Verwandschaft zu überzeugen.

Die Opera der Humanisten führte die aristotelische Ästhetik, die christliche Ethik und die moderne Erkundung der Wahrheit als Naturgesetz zusammen. Das gelungene Leben des Humanisten entstand durch seine Fähigkeit, sein ganzes Leben hindurch eine Vielzahl solcher Werke zu schaffen; je länger das Humanistenleben (tatsächlich wurden Humanisten als Künstler und Wissenschaftler in ihrer Zeit sehr viel älter als der Durchschnitt der Bevölkerung) und je größer die Zahl der geschaffenen Werke, als desto bedeutsamer wurde das Leben gerühmt – z.B. seit Mitte des 16. Jahrhunderts durch Würdigung in Biografien (griechisch) und in Viten (lateinisch). Die Vitenliteratur begründete der Maler, Baumeister und Schriftsteller Vasari Mitte des 16. Jahrhunderts in Florenz. Die Lebensleistung von Staatengründern wurde seit der Antike in der Geschichtsschreibung gewürdigt. Auf antike Modelle der Beschreibung von Leben und Wirken von Staatenlenkern beziehen sich heute noch Politiker, wenn sie es für selbstverständlich halten, ihrem politischen Wirken ein literarisches folgen zu lassen. Religionsstifter bekundeten die Einheit von Gottesdienst und Menschendienst in kanonisch gewordenen Texten. Von Märtyrern und anderen Zeugen der Entstehung religiöser Gemeinschaften berichten vielgestaltige Legenden, z.B. die Legenda auria des 13. Jahrhunderts.

Die Vitenliteratur über Persönlichkeiten des Humanismus wird beispielhaft für Individuen aufgeklärter Gesellschaften seit dem 18. Jahrhundert. Goethe erhebt das Selbstverständnis der Humanisten in den Rang der Allgemeingültigkeit, wenn er formuliert, „das höchste Glück der Menschenkinder ist doch die Persönlichkeit“.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wandelte sich dieses Glück der Menschenkinder in eine Pflicht. Jedermann, der am gesellschaftlichen oder wirtschafltichen Leben teilnehmen wollte, mußte sich mit einem handschriftlich verfaßten Lebenslauf erkennbar machen. Nach Feldherren, Religionsstiftern, Künstlern und Unternehmern wurde nun buchstäblich jedermann, auch der kleine Mann, biografiepflichtig.

Ein Lebenslauf, für eine Bewerbung verfaßt, soll einerseits erkennbar werden lassen, wie sich der Bewerber als Individuum / Persönlichkeit wie auch beruflich entwickelt hat; aber ein wirksam verfaßter Lebenslauf wird besonders auf die zukünftigen Perspektiven persönlicher und beruflicher Pläne abheben. Mit anderen Worten, der Sinn der Biografiepflichtigkeit liegt nicht in erster Linie in der Rechtfertigung für das, was hinter einem liegt, sondern in der Orientierung auf ein Lebensziel, einen Lebenssinn und eine Lebensform, die durch Arbeiten in eine Lebensleistung überführt werden sollen.

So repräsentieren heutige Lebensläufe noch das Erbe der Humanisten. Es war allerdings nahe dran, in den zurückliegenden 150 Jahren vom Konzept der Selbstverwirklichung verdrängt zu werden. Für Versuch und Gelingen der Selbstverwirklichung als weitestgehende und rücksichtslose Entfaltung individueller Lebensentwürfe standen die Künstler der Bohême (die Verwendung des Attributs „böhmisch“ für diese Künstler steht für zwangloses, märchenhaftes, utopisches Ausleben jenseits der bekannten Konventionen – wenn einem etwas böhmisch vorkommt, stammt es aus diesem Reich der Imagination, der Bohême).

Mit der Entfaltung der Wohlstandsgesellschaften des Westens seit den sechziger Jahren durchdrang der Gedanke der Selbstverwirklichung auch die Alltagssphären der beruflich Nichtselbständigen. Auch sie hielten es für selbstverständlich, sich in Arbeit und Freizeit selbst verwirklichen zu dürfen. Fast wurde daraus ein Rechtsanspruch auf Arbeitsplätze mit Arbeitsformen, die Selbstverwirklichung zuließen. Man vertrat die Auffassung, daß alle anderen Formen der Arbeit durch Maschinen zu absolvieren seien. Die Yuppies (urbane, durch Arbeit und Einkommen privilegierte junge Menschen) erhoben Selbstverwirklichung zum Leitbild der Zukunft, aber es ist bereits absehbar, daß das Lebensführungsmodell Selbstverwirklichung keine Zukunft hat.

Das ergibt sich nicht so sehr durch politische, militärische, kulturelle oder ökonomische Bedrohungen heiler-Welt- Vorstellungen, auch nicht durch die sich verbreitende Erkenntnis, daß ein Künstlerleben zu führen weiß Gott keine Veranstaltung ewiger Feier von Lebenslust und Autonomietriumphen ist, sondern harte Arbeit, weitgehender Verzicht in weitestgehender Aussichtslosigkeit auf Erfolg und Anerkennung. Aus der viel besungenen Freiheit zur Selbstverwirklichung als Lebenskunst wurde eine Verpflichtung zur Individualisierung, der sich niemand mehr entziehen kann. Der von Soziologen beschriebene Individualisierungsdruck ergibt sich aus der Zumutung an die Individuen, mehr und mehr Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen, und zwar auch dann, wenn ihnen sämtliche Voraussetzungen für eine angemessene und billige Entscheidung fehlen, die sich auf risikoreiches Kalkül mit Wahrscheinlichkeiten stützen.

In den öffentlichen Reaktionen auf den Reaktor-GAU in Tschernobyl wurden Formen des Individualisierungszwangs zum ersten Mal unübersehbar. Die Experten unterrichteten die Bevölkerung über die Strahlungsbelastung von Sand auf Kinderspielplätzen, von Pilzen und Rentierfleisch, von Atemluft und Trinkwasser und dergleichen. Die Experten fügten ihren Aussagen stets hinzu, daß jeder einzelne Bürger für sich zu entscheiden habe, wie er auf diese Informationen reagiere. Das herauszufinden, fiel den meisten besonders schwer, weil sie weder Physik noch Medizin oder Nahrungsmittelchemie studiert hatten, um sich sachgerecht entscheiden zu können. Allen wurde plötzlich klar, daß es allen anderen genau so ging, unabhängig davon, in welchen Bereichen sie zufällig durch hochgradige Spezialisierung noch als sachkundig gelten konnten. Denn je spezialisierter man in einem Bereich, z.B. der Medizin, ist, desto größer wird der Abstand zum Stand des Wissens in allen anderen, überwältigend zahlreichen Gebieten, die für die Beurteilung einer Problemlage infrage kommen. Gerade durch die moderne Steigerung der Arbeitsteiligkeit in Spezialisierungen werden die Individuen in allen anderen, überwältigend zahlreichen Bereichen zu Dilettanten. Da aber die Welt komplex ist und mit ihrer weitergehenden Erforschung immer komplexer wird, steigt auch der generelle Dilettantismus bei den Entscheidern – vom Universitätsgremium bis zum Stammtisch, von der Ministerrunde bis zum Familienrat.

Seit jeder Anbieter eines Therapeutikums verpflichetet ist, den potentiellen Anwendern mitzuteilen, daß therapeutisch wirksame Medikamente krank machen können – seit also jeder weiß, daß er zu Risiken und Nebenwirkungen von Medizin den Arzt oder Apotheker zu fragen hat, erreicht das Bewußtsein für Individualisierungszwang anstelle der Selbstverwirklichungslust erstaunliche Höhen. Es gilt zu akzeptieren, daß man z.B. in Krankenhäusern sich mit höchst diffizilen Eingriffen der Chirurgen, der Onkologen etc. schriftlich einverstanden erklären muß, obwohl einem alle medizinischen Kenntnisse fehlen, die infrage stehenden Maßnahmen angemessen zu beurteilen. Man unterschreibt, daß man hinreichend aufgeklärt worden sei! Aber das bedeutet keineswegs, das fachmännisch Vorgetragene auch verstanden zu haben; zumal die Mediziner billigerweise zu verstehen geben, daß sie selbst erst ein wenig von den komplexen Zusammenhängen der Lebensäußerungen, die wir Gesundheit oder Krankheit nennen, verstehen und darüber hinaus, wie der Streit der Wissenschaftler zeige, noch sehr unterschiedliche Auffassungen des Problems „Verstehen“ in Geltung sind.

Wenn wir zum Beispiel erst in unserer Umwelt zu leben vermöchten, nachdem wir diese Umwelt verstanden hätten, oder erst agieren und entscheiden, nachdem wir ein Spezialstudium aller Probleme absolviert hätten, würden wir ein Leben lang die Bedingung der Möglichkeit des Lebens zu klären haben, ohne je leben zu können. Gottseidank hat die Natur es anders eingerichtet. Alle Lebewesen sind so ausgestattet, daß sie in spezifischen Umwelten auch ohne jedes Verständnis der Bedingung der Möglichkeit zu leben vermögen. Denn die Natur hat etwa in unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Verarbeitung dieser Wahrnehmung bereits die Bedingung der Möglichkeit angemessener Orientierung eingebaut. Wir kommen also mit unserer Befähigkeit zur Kommunikation, zum orientierenden Bezug auf die Außenwelt wie auf den eigenen Organismus aus und müssen uns wie die Welt nicht erst verstehen, um schmerzende Hände vom Feuer zurückzuziehen, Partner bei der Nahrungssuche sowie der Sicherung des Lebensraumes zu finden und unser genetisches Programm weiterzugeben.

Im Individualisierungszwang werden wir zum Aufbau verbindlicher kommunikativer Beziehungen höchstselbst gefordert, weil nicht zuletzt aufgrund der von uns eingeforderten bürgerlichen Freiheiten jene Autoritäten Gottseidank nicht mehr existieren, die uns Verbindlichkeiten nach ihrem Willen aufnötigen konnten. Die Freiheit von autoritärer Bevormundung wird zur äußerst anstrengenden Verpflichtung auf eigenständige Entscheidungen in allen ihren Konsequenzen. Lebenskunst im 21. Jahrhundert wird von der Herausforderung des Kapitalismus als Lebensform, durch den Islam als konkurrierende Vorgabe von Lebensformen bestimmt sein. Kurz gefaßt heißt das, daß wir in allernächster Zukunft zwischen Individualisierungszwang und Kollektivierungszwang hin- und hergerissen sein werden. Mit der Entscheidung können die Individuen wie die Gesellschaften nicht lange warten, weil wir individuell wie kollektiv unter Zeitdruck stehen.

Der aus der Raumfahrt stammende Begriff des Zeitfensters gilt generell für die Entfaltung von Leben. Man kann nicht über das zehnte bis fünfzehnte Lebensjahr hinaus pubertieren, nicht ständig zwischen dreißig und sechzig unter midlife crisis leiden oder sich endlos die Optionen offen halten, Kinder in die Welt zu setzen und aufzuziehen. Es gilt, die Zeitfenster zu nutzen. Eine Zukunftsperspektive im Lebensentwurf besteht in der Verpflichtung auf Festlegung solcher Zeitrahmen. Das wurde in allen Lebenskunstlehren mit der Aufforderung, die Zeit zu nutzen – carpe diem – verbunden oder bestätigt in den Maximen, Zeit ist Geld, vermeide Zeitverschwendung, wer viel tut, hat viel Zeit. Auch im Zentrum des Selbstverwirklichungskonzepts stand ja die Hoffnung, über seine Zeit zu verfügen, Lebenszeit und Weltzeit, also individuelles und gesellschaftliches, gegenwärtiges und historisches Leben aufeinander beziehen zu können. Zeitmanagement gehört heute zur Grundausbildung. Das Erstellen von Zeitplanung über längere Zeiträume erfordert den Einsatz aller Kulturtechniken, vom Fahrplanlesen bis zum Tagebuchführen, von der just-in-time-Produktion bis zur absatzorientierten Steuerung der Reifung von Gemüse, von der Führung des Haushaltsbuchs bis zur Bilanz des Haushaltsjahres.

Und damit sind wir bei einer weiteren gewichtigen Anforderung an Lebenskunst, der Bilanzpflichtigkeit. Man kann uns mit Lebensläufen nicht nur auf den Vorausentwurf eines Lebens verpflichten, sondern auch auf eine jederzeitige Bilanzierung des Verhältnisses von Lebensentwurf und Lebenspraxis. Die Muster für solche Summierungen des Lebens übernimmt die Mehrzahl der Zeitgenossen nicht dem Geschäftsleben oder der politischen Bilanzierung bei Wahlen, sondern den Künsten, der Gattung der Autobiografie oder des Entwicklungsromans oder der Familiensaga. In Einzelfällen kommt auch das Beispiel der bildenden Künstler infrage, obwohl das Motiv der Lebenssumme bei den zeitgenössischen Malern kaum Berücksichtigung findet.

Als einer der wenigen Gegenwartskünstler hat Jörg Immendorff 1997 in einem 280 x 400 cm großen Ölgemälde mit dem Titel „Adlerpartitur“ das Motiv der Lebenssumme, der Schaffensbilanz und Oeuvredokumentation aufgegriffen. Das Gemälde steht in der Tradition der Atelierbilder, die bei Courbets Allegorie auf sein Schaffen ihren bewunderten Höhepunkt gefunden hatte. Auf Courbet verweist Immendorff in seinem Bilde namentlich. Im dunkel gehaltenen, nur von Licht eines sich selbst verzehrenden großen Lebenslichts erleuchteten Atelier positioniert sich Immendorff im Bildvordergrund, aus der Bildmitte leicht nach links verrückt, als Träumer auf einem roten Sofa liegend. Der lebhafte Gesichtsausdruck des träumenden Immendorff scheint darauf zu verweisen, daß die zahlreichen im Atelier auf Wäscheleinen gehängten Affichen mit Motiven seines malerischen Werkes als Erinnerungen, jedenfalls als virtuelle Vorstellungen zu verstehen sind. Die Erinnerung an seine Werke und Tage wird auch mit drei „Erinnerung“ überschriebenen Darstellung belegt; eine hält der träumende Immendorff in seiner rechten Hand. Die Erinnerung gilt seiner Initiation in die Künstlergruppe um Joseph Beuys. Andere an die Atelierleinen gehängte Bildplakate erinnern an einzelne Werke oder Projekte Immendorffs wie an historische Künstlerpersönlichkeiten ( Hogarth, Caspar David Friedrich, Ingres, Rimbaud, Strawinsky), auf die sich Immendorff häufig bezog. Zur Aufführung von Strawinskys Komposition „The Rake’s Progress“ schuf Immendorff das Bühnenbild. Hogarths gleichnamiger Werkzyklus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts galt Immendorff stets als beispielhaft für zeitkritische Orientierung der Künstler und wird hier in der Übersetzung von „The Rake’s Progress mit Lebensweg eines Liederlichen“ zum ironischen Selbstkommentars Immendorffs.

Auf den Aufklärer Hogarth bezieht sich Immendorff auch in grundlegender Hinsicht mit seiner Lebenssumme. An der rechten Seitenbegrenzung des Sofas lehnt eine überdimensionierte Malerpalette, die zweifach, durch Inschrift wie mit Zitat der trompe l’oeilles - der Augentäuschungsmalerei - das bekannteste Programmbild von Hogarth in Erinerung ruft. Die Inschrift in der Palette im Hogarthschen Selbstbildnis mit Hündchen, Buch und Palette lautete „The line of grace and beauty“, also Bewegungsspur von Schönheit und Anmut. Die harmonische Kurvatur von Schönheit und Anmut gab Hogarth als Zeichnung auf der Palette wieder. Immendorff überträgt mit Hinweis auf die Geschichte der deutsch-englischen Beziehungen die Anmuts- und Schönheitskurve auf die Art und Weise, wie die Wäscheleine mit den Bildaffichen in seinem Atelier hängt; denn ‘line’ kann sowohl Linie wie Leine bedeuten. Was die britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg mit dem Spottvers unterstrichen, sie hängten ihre Unterhosen auf die Siegfriedlinie, die deutschen Verteidigungsstellungen.

Die pathetische Anrufung der vollendeten Kurvatur, mit der sich Schönheit und Anmut in Kunstwerken zur Geltung bringen, bricht Immendorff selbstironisch, indem er die Schönheitslinie der Künstler zur Wäscheleine der Hausfrau werden läßt, der zentralen Repräsentantin von Lebensökonomie: Ökonomie kommt schließlich von oikos, dem häuslichen Herd. Stiefelputzend wird diese Göttin der Lebensökonomie auch in einem der aufgehängten Poster erinnert. Ein Künstler wünscht sich, mit Leben und Tagen so ökonomisch umzugehen wie die gute Hausfrau mit den Lebensutensilien. Er kämpft gegen das Versinken in der Liederlichkeit und gegen das Vergeuden der Zeit in schierem Lebensgenuß. Fast im Bildmittelpunkt positioniert Immendorff vor tropfendem Malerpinsel und einem eilfertig seine Jungen fütternden Star einen Wecker.

Die Ornamente auf Atelierwand und -fußboden repräsentieren schematisch die Organe der geschlechtlichen Vermehrung als Logo des alten Adam und der von Courbet gemalten Quelle des Lebens im Frauenschoß. Auf das im Titel „Adlerpartitur“ angesprochene Assistenztier des göttlichen Zeus und diverser weltlicher Machthaber vom Kaiser bis zum Bundespräsidenten wird auf zwei an der Wäscheleine der Schönheitsökonomie hängenden Affichen hingewiesen. Der göttliche Vogel ist nicht mehr herrschaftlich frei, sondern gefesselt an Verordnungen und Repräsentationspflichten: eine Allegorie auf den Übergang von künstlerischer Selbstherrlichkeit in der Selbstverwirklichung göttergleicher Schöpfungskraft zum Leben in Zwängen von Werklogiken, in den Verließen des Lebens.

Die Verließe des Künstlerlebens sind die Ateliers. In ihnen wird nicht mehr wie bei Courbet der Künstler mit seinem Werk im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit befreundeter Intellektueller, Poeten, Sammler und Kunstschriftsteller einerseits und der Vertretung aller Stände und Berufsgruppen andererseits gezeigt. Der zeitgenössische Künstler wie die zeitgenössischen Individuen generell erfüllen in und mit ihrer Arbeit die unumgängliche Notwendigkeit, das Leben zu bestehen und nicht vor der Verantwortung des nicht Verantwortbaren, dem Sinn des Sinnlosen zu kapitulieren. Lebenskunst wird sich mehr und mehr darin erweisen, diesem psychischen Druck aus der Erfahrung der Vergeblichkeit, der Gleichgültigkeit und der Beliebigkeit nicht zu unterliegen.

Das gelingt erfahrungsgemäß am besten in der Orientierung des Lebens auf die Nachlebenden. Die meisten Menschen versuchen das durch Kinderzeugen. Aber diese genetische Vermittlung an die Zukunft ist keine sehr erfolgreiche Strategie. Goethe war als genetischer Vererber, also Zukunftsgestalter, so gut wie erfolglos, aber mit seinen extragenetischen Praktiken, dem kulturellen Schaffen, war er sowohl als Wissenschaftler wie Literat, Poet und Dramatiker außerordentlich wirksam. Daraus ergibt sich die Anleitung für die Lebenskunst im 21. Jahrhundert, daß sich jedermann bemühe, auf die Zukunft mit dem einzuwirken, was er gegenwärtig tut. Wer schreibt, der bleibt, heißt es; das Feld gut zu bestellen und für die eigene zukünftige Anwesenheit in der Abwesenheit als Tote zu sorgen, gilt als Forderung aus der Entwurfs- und Bilanzpflichtigkeit. Zwar ist jeder ein Künstler, also aufgerufen, seine Weltsicht, seine Urteile und Verhaltensweisen höchstselbst zu begründen, ohne Anrufung von Autoritäten – also durchaus im Sinne des Individualisierungszwangs –, aber nicht jeder schafft im Sinne der individuellen Selbstrechtfertigung Malereien oder Bücher, die in Museen oder Bibliotheken Zukunftspräsenz ermöglichen.

In der heute allgegenwärtigen Orientierung auf Zukunft mit dem Satz, „wir haben die Welt nur von den zukünftigen Generationen geliehen“, wird darauf verwiesen, wie man außerhalb der Kunstproduktion auf Zukunft einwirken kann. Der bedeutendste Bereich gegenwärtiger Versuche, die Zukunft zu gestalten, ist die Erziehung aller Ebenen. Mit ihr ist es bei uns wie anderen extrem schlecht bestellt, umso größer die Chancen, sich erfolgreich den Jungen und Jüngsten zu widmen. Das verlangt uns Opfer ab. Aber wer einmal den Zusammenhang von freiwilligem Verzicht und Askese einerseits zum Luxurieren aller Lebensverhältnisse andererseits erfahren hat, wird sich auf die Einschränkung zugunsten zukünftiger Menschen mit besonderem Gewinn für sich selbst einlassen. Luxurieren ist eine Strategie, sich aus der Welt etwas zu machen, Probleme und damit interessante Aufgaben in Hülle und Fülle zu entdecken, noch dem scheinbar Unauffälligsten interessante Aspekte abzugewinnen, indem man lernt, die Dinge in der Welt auf möglichst vielfältige Weise zu unterscheiden.

Wer unterscheiden kann, hat Geschmack, das heißt er ist fähig, den einzelnen Gegebenheiten ganz eigentümliche Sichtweisen, Auffassungen und Nutzungsformen zuzuschreiben. Die Verknüpfung von Lebenskunst mit der Ausprägung von ästhetischer Urteilskraft als Geschmack kommt wieder zu hoher Geltung, seit die Artefakte ihre Bedeutung nicht nur durch den Hersteller, sondern auch durch den Anwender finden. Und da gilt es, häufig auch wieder nach dem Beispiel der Künstler, den Dingen eine neue Bedeutung zukommen zu lassen, indem man sie z.B. aus den herkömmlichen Entstehungs- und Nutzungskontexten herausnimmt und in neue Beziehungen einstellt, wie das einst Duchamp mit Flaschentrockner, Fahrradgabel oder Urinoir tat.

Der heute allseits beklagte Vandalismus, die Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit resultieren daraus, daß viele Jugendliche in den verschiedensten Phasen der Erziehung nie gelernt haben, Dinge wertzuschätzen und sie deshalb in besonderer Weise zu handhaben. Die Verwandlung aller Werte in Preise, ein typisches Kennzeichen aller kapitalistischen Wertstrategien, scheint den Verlust an Wertschätzungsfähigkeit wenigstens solange zu befördern, wie man genug Geld hat, die Preise zu bezahlen. Ökonomische Krisen haben u.a. den Effekt, hinter den Preisen wieder die Werte zu erkennen, die in den Produkten durch Herstellung und Nutzung vermittelt werden. Lebenskunst ist in diesem Zusammenhang des kapitalistischen Alltagslebens zukünftig in besonderer Weise gefordert als Befähigung zur Wertschätzung und Werthaltung. Dann ergibt sich Luxurieren als eine Konsequenz. Das Leben wird reich, die Lebensformen vielfältig und staunenswert wie die Werke der Künstler.