Tarnen und Täuschen

Diskursive Twin Towers / Theorieturnier der Dioskuren - zweiter Band

Umschlag: Tarnen und Täuschen
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 323

Joseph Beuys: Werk gegen Wirkung - Wirkung gegen Werk.

Die Düsseldorfer Akademie als Zentrum des neuen Kunstverständnisses.

Joseph Beuys fühlte sich nirgends so wohl wie da, wo er so etwas wie Volksbildung, Volkserziehung spürte. Seine Mitstreiter und Gastgeber haben ihn immer wieder gefragt, warum er zu jeder noch so kleinen Veranstaltung hindüse. Mir antwortete er einmal: „Ja, hör mal, wenn Du das nicht verstanden hast, daß es eine Gnade ist, daß einem jemand zuhört, dann hast Du auch gar nichts zu sagen!“ Das war es, was ihn veranlaßte, ständig auf solchen nervenaufreibenden und seine körperlichen Kräfte bei weitem übersteigenden Veranstaltungen zu erscheinen. Darunter waren auch solche, von denen er gar nicht wußte, in welchem Zusammenhang er dort etwas hätte ausrichten können.

Aber er hat es tatsächlich als eine Art Gnade empfunden, wenn ihm jemand zuhörte. Denn das ist nicht selbstverständlich, obwohl die im Kulturbetrieb hochgradig Integrierten den Eindruck vermitteln, nach ihnen bestehe überall Nachfrage. Was Beuys an genial Hochfahrendem, dann aber auch wieder kabbalistisch Heiterem, an pathetisch Menschheitsbeglückendem verkündete, ist im Kern als Reaktion auf die unerwartete Tatsache zurückzuführen, daß ihm jemand zuhören wollte.

Beuys hat ja seine Gedanken nicht im stillen Kämmerchen, nicht am Schreibtisch entwickelt, sondern stets unmittelbar aus der Herausforderung, eine Situation mit Menschen bestehen zu müssen, die von ihm erwarteten, daß er etwas zu sagen habe. Und zwar nicht irgendetwas, sondern etwas, demgegenüber es sich lohne, zuzuhören und sich damit zu beschäftigen. Daraus erklärt sich auch sein leidenschaftliches Interesse, mit möglichst vielen Studierenden zu arbeiten. Umso härter traf es ihn, als Minister Rau sich gezwungen sah, ihn wegen mutwilligen Verstoßes gegen geltende Gesetze und Verordnungen zu entlassen. Später hat Rau verstanden, daß Beuys nicht aus Unbotmäßigkeit seine Kompetenzen überschritten, sondern wie ein Rau nehe stehendes Mitglied der Bekennenden Kirche zur Zeit des Dritten Reiches gehandelt hatte: Er wollte die ideologische Gleichschaltung der Akademie verhindern. Am Ende haben Rau wie Beuys verloren. Die Gleichschaltung aller deutschen Hochschulen auf unterstem Bürokratenniveau ist endgültig durchgesetzt. 

Die Gespräche mit Beuys bestanden nicht darin, etwa Großes und ein Weniges (seine künstlerischen Aussagen und die der Anwesenden) zu addieren, sondern er war überzeugt, daß erst in der Hinwendung auf einen anderen, auf das, was der hätte sagen können oder glaubte sagen zu müssen, irgend etwas Sinnvolles vom Künstler zu leisten ist. Ohne Bezug auf einen anderen Menschen ist das, was wir von der Welt wissen, geradezu nichtig. Wenn wir die Wahrheit genau wüßten, wäre sie doch bedeutungslos, solange sie nicht im Hinblick auf wenigstens einen Menschen, nach Möglichkeit auf viele Menschen, gesagt wird, so zitierte er Goethe.

Der entscheidende Entschluß, den er mehr oder weniger bewußt getroffen hat, lag darin, seine Aussagen nicht mehr auf irgendein, wie immer zustandegekommenes, Kunstwerk zu gründen, sondern auf seine Fähigkeit, im Medium dieses Werkes andere als die herkömmlichen Beziehungen eines Künstlers zu seinen Zusehern und Zuhörern aufzubauen. Er sah in seinen Aktionen nicht nur eine zeitgemäße Erweiterung des überlieferten Werkschaffens, sondern etwas prinzipiell anderes. Er ist sogar so weit gegangen, kategorisch zu verbieten – verbindlich über seinen Tod hinaus durch Verträge mit Museen und Sammlern festgelegt –, daß der Werkcharakter seiner Aktionen als verselbständigtes künstlerisches Objekt ausgestellt werde. Zentrales Anliegen war für ihn herauszufinden, ob es in der Arbeit des Künstlers eine Möglichkeit gibt, andere und neue Beziehungen zu Menschen aufzunehmen, aufzubauen und zu intensivieren.

Wenn man sich das in aller Bereitschaft zur kritischen Distanz genau überlegt, hat es viel für sich. Denn was ihn, auch im herkömmlichen Sinne, als werkschaffenden Künstler und Plastiker auszeichnete, war, sich nicht auf die besondere Überzeugungskraft der Werke zu verlassen. Die Wahrnehmungen seiner Werke lenkte er immer wieder auf den Betrachter zurück. Das eigentlich Entscheidende bei seinem Werk ist, daß es uns eine neue, ganz spezifische Art des Verstehens unserer selbst als Betrachter ermöglicht. Beuys hat in diesem Sinne unsere Reflexion verändert; das ist seine entscheidende Leistung. Aber er setzte nicht nur Wirkung gegen Werk, sondern auch Werk gegen Wirkung.

Wirkung hieß für ihn nicht, Wirkung von jemandem als Künstler mit einem entsprechenden Werk, also nicht Wirkungsanspruch eines Werkes als in der Zeit bedeutsam und allen anderen überlegen, sondern Wirkung meinte die Wirkung von Ideen, Wirkung der Vorstellungswelt, für die das Werk in erster Linie Medium war. Natürlich hat er insgeheim gewußt, daß sein Werk im Museum enden und auch eine Würdigung in überlieferter Hinsicht erfahren würde, und dieses Wissen im Hintergrund mag ihm auch Sicherheit gegeben haben, seine Zeit – wie andere meinten – mit solchen Kinkerlitzchen wie Diskussionen zu vergeuden. Es ging um Wirkung im Sinne eines Wirksamwerdens von Ideen, von Vorstellungen, von Themen, die sich nicht von allein ergeben. Sie ins Gespräch zu bringen, bedeutet schon eine ungeheure Leistung. Das Zentrale dieser Ideen war keineswegs vorgegeben, so sehr er auch auf Theorien von Ökonomen, Philosophen und Anthroposophen zurückgriff. Die zentralen Themen sind von ihm selbständig entwickelt worden. Wirkung erzielen hieß, etwas für Menschen, in ihren Beziehungen, in ihren Gesprächen, in ihren Verhaltensweisen zum Thema zu machen, was in etwa der Thematisierung entspricht, die ein Künstler – wenn er auf sein Werk rekurriert – auch entwickelt, aber nur im Hinblick auf sein Werk, und die Wirkungsgeschichte der Werke ist dann doch eine ganz andere als die der über die einzelnen Werke hinausgehenden Themen und Probleme.