Tarnen und Täuschen

Diskursive Twin Towers / Theorieturnier der Dioskuren - zweiter Band

Umschlag: Tarnen und Täuschen
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 312

War Abraham der erste Faschist? Nur die Mittel heiligen den Zweck.

Der von Ley und Kaiser herausgegebene Band „Von der Romantik zur ästhetischen Religion“ (München 2004) ist äußerst verdienstvoll! Basta!

Und nun zur Kritik; sie deutet in genereller Hinsicht in dem Band Thomas Macho an. In einem Gespräch mit Anselm Kiefer sagt er: „Es gibt in der Auseinandersetzung mit der Gnosis diese alte Gleichung – Gnosis ist gleich Faschismus ist gleich Totalitarismus. Diese Gleichung muß aufgelöst werden.“ Das heißt ja wohl, Totalitarismus, Faschismus und Fundamentalismus werden nicht durch die Programme gekennzeichnet, die sie zu realisieren behaupten. Nicht jede Referenz auf den Zusammenhang von Zerstörung und Schöpfung, von Apokalypse und Auferstehung, von Tod und Erlösung, von Materie und Form, Leib und Seele – die zentralen Topoi jeder Gnosis – verherrlicht Stalin, Hitler oder Ayatollah Chomeini. Ob die nobel-schicke „Realistin“ Niki de Saint-Phalle und ihr Spielplätze ausstaffierender Lebenspartner wie Kunstgenosse Jean Tinguely Gnostiker waren, weil sie mit vielen anderen Künstlern der Popart-Periode auf Farbbeutel schossen, jahrmarktsreif Maschinen sich selbst zerstören ließen, Geigen und Klaviere zertrümmerten, wird man wohl zu Gunsten von Satire, Ironie und gewandelter Bedeutung verneinen müssen.

1942 hat z.B. der Wirtschaftsprofessor Schumpeter für die Wirtschaftsdynamik im entfalteten Kapitalismus die “schöpferische Zerstörung“ der Produktzyklen beschrieben. Wobei er nicht gnostisch, sondern faktisch das Verhältnis von Produktion und Konsumption, von In-die-Welt-stellen und Aus-der-Welt-bringen der Produkte darlegte. Sollbruchstellen als Verbrauchschancen der Produkte bieten die einfachste Beschreibung der wirtschaftlichen Entwicklung parallel zur natürlichen Evolution. Da macht es wenig Sinn, die evolutionären Prinzipien der Natur für gnostisch zu erklären. Auch die christlichen Theologien der Auferstehung, der Toten nach dem Jüngsten Gericht, also der Etablierung des Reichs Gottes nach der Apokalypse, gnostisch zu nennen, bliebe mutwillig, weil sie die Unterscheidung zwischen gnostisch und nichtgnostisch unmöglich werden ließe.
1977 schuf Hans Jürgen Syberberg jenen Hitlerfilm, dem man gerade angesichts der hemmungslosen Gemütskitscherei in Bruno Ganz’ Hitlerdarstellung bisher unübertroffene Einsichten ins Thema „Von der romantischen Kunstreligion bis zur Edelstahlekstase verbrannter Erde“ zugestehen muß; Syberberg resümiert, daß selbst Abraham in der Bereitschaft, aus Gottesgehorsam seinen eigenen Sohn wie ein Lamm zu opfern, ohne das gebieterische Eingreifen Gottes zum Faschisten geworden wäre, weil ihm selbst Mord als Mittel zur Erfüllung seiner Gottespflicht akzeptabel zu sein schien.

Nein, nein, dreimal nein, die Trennlinie zwischen gnostischen oder aber agnostischen, humanistischen Programmen, Weltbildern und Vorstellungen von der Lebenskunst einerseits und ihrer Verwirklichung im politischen und sozialen Leben von Stämmen, Ständen und Staaten andererseits verläuft über die Wahl der Mittel solcher Verwirklichungen des Gottesstaates, des Universal- oder Nationalsozialismus, der Aussteigerparadiese oder blauen Himmelsreiterei. Deshalb ist der Beitrag von Gerhard Scheit besonders zu begrüßen, der die Unterscheidung von Ernstfall des Blutopfers und Erstfallverbot als entscheidene Differenz zwischen gnostischen und humanistischen Programmatiken abhebt.

Eine wahrhaft kommunistische Idealgesellschaft zu etablieren ist doch wohl ein hehres Ziel. Aber dieser Zweck heiligt keineswegs Mittel wie die Erziehungslager des Gulag. Eine Kommune des alternativen Zusammenlebens wie sie Otto Mühl künstlerisch entwerfen konnte, verfällt erst durch die inakzeptablen Mittel ihrer Realisierung den strafrechtlichen und sonstigen Sanktionen. Für die Ästhetik kommt es gerade auf die Differenz von innerpsychischen Leistungen, von Gedanken, Vorstellungen, Gefühlen einerseits und den je kulturspezifisch kommunizierenden Gemeinschaften anderseits an. Die Brücke von Bewußtsein und sozialer Realität bilden die vielen Ausdrucksformen unserer Hirntätigkeit als Worte, Bilder, Gesten etc. Deshalb bleibt es ein Unterschied ums Ganze, ob meinetwegen gnostisch zu nennende Weltbilder Wagners auf der Bayreuther Bühne oder aber dem Münchener Königsplatz respektive des Wiener Heldenplatz inszeniert werden. Da Wagner von vornherein diese Übertragung von der Bühne auf den Königsplatz angestrebt hatte und nicht nur gedanklich den Juden in deutschem Pflichtbewußtsein vollzogene Vernichtung als deren Erlösung angeboten hatte, ist Wagner nicht als Opernkünstler zu kennzeichnen, sondern als wirkmächtigster Schöpfer von Staatsinszenierung oder wenigstens von Machtpräsenz zu bezeichnen. Da war und ist er der größte, so sehr ihn Hollywood als Parteitagsgestalterin in den USA zu überbieten versucht. Kein Mensch wird aber die jüngsten Inszenierungen der Glaubensemeinschaften von Bush oder Kerry, von Athener Olympiaeröffnungen oder Großmarkteinweihungen für große Kunst halten, wenn da auch gleich zehntausende Sänger die Beethovensche Ode an die Bruderschaft der Menschen mitkrächzen.

Daß diese Dimension der Wagnerischen Kunstreligion schon von seinen Zeitgenossen, dem Opernpublikum, wie den Meisterkritikern, etwa von Hanslick in Wien genauestens erkannt wurden, wissen wir, seit der bedeutenste Erforscher der Wagnerischen Kunstreligion Hartmut Zelinski entsprechende Dokumente aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veröffentlichte. Seither kann nicht mehr behauptet werden, die Nazis hätten Wagner mißbraucht und man sehe ihn nur post festum als deren „größte Phrophetengestalt“ (A.H.). Wagners „Mein Leben“ und sein unübersehbares Kampfvokabular in allen seinen Schriften haben schließlich Hitler zu seiner Parallelpublikation „Mein Kampf“ veranlaßt. Beide Male entschlossen sich Künstler, ihre Ziele politisch zu verwirklichen. Trotz bedenkenloser Unterstützung von Kaiser, König, Kaufmann und Kanallie gelang es Wagner nicht, andere Mittel der Verwirklichung in die Hand zu bekommen als die „Bayreuther Blätter“ und die Bildung der Huldigungsvereine.

Wagners literarischer Nachahmer Stefan George verdankte seine Distanz zu den Nazis, wie er schrieb, der Tatsache, daß „er 20jährig eben keine Mittel in die Hand bekommen habe, um aus Deutschland alles zu machen“, nämlich eine Wagner-Oper, in der jederman seine Rolle nach Textbuch zu spielen hätte.

Schon weil die Autoren des angezeigten Bandes nicht, wie üblich, die Leistungen Zelinskis „schonungslos“ (das wichtigste Wagnerwort) mißachten, um dessen Entdeckungen und Theoreme schließlich als eigenständige Leistung auszugeben, muß man sie als tatsächlich Beteiligte an dem seit 200 Jahren geführten Kampf um die Kunstreligion hervorheben. Warum man Zelinski nicht gleich selber hat zu Wort kommen lassen, schürt dann doch weitere Bedenken. Soll hier ein Thema besetzt werden, ohne daß man tatsächlich weitergehende Erkenntnisse oder auch nur Kenntnisse beizutragen hätte, als sie spätestens seit den 20er Jahren in Analysen politischer Religionen oder den Erforschungen von Gnosis als Erkenntnistheorie in der Voegelin-Nachfolge respektive in der Großausstellung (Schirn Kunstahlle, Frankfurt 1996) zur Spiritualität in der modernen Kunst erarbeitet wurden? Was bringt es, noch einmal Hermann Nitschs Abrechnungstheater als „Absud“ der Blut- und Hodenmythologene darzustellen?

Der Erfinder des Terms "Kunstreligion", immerhin sogenannter Staatsphilosoph Preußens, meinte, die Geschichte liebe es nun einmal, zunächst sich als Tragögie, aber dann auch als Komödie zur Erscheinung zu bringen. Man sollte das zum Drei-Stadien-Gesetzt erweitern: Allenthalben zeigte sich historisch die gnostische, christliche, humanistische oder islamische Weltbildmacht zunächst auf dem Papier, dann auf dem Schlachtfeld und dann im Museum als Folklore; oder zunächst auf der Bühne, dann auf dem Heldenplatz und schließlich im Kabarett respektive in der Kunsttherapie. Nitschs Orgien-Mysterien-Theater verweist als „Abreaktionsspiel“ auf die vorausgehenden Stadien der Opferliturgie, wie der großen Welthygiene auf den Blutangern der Geschichte. Was die simplizistische (siehe oben Machos Einwand) Kennzeichnung der Nitsch-Performances nahelegt, ist das Mißverständnis, in gnostischem Denken stets die Einheit der drei Formen von Weltaneignung erzwungen zu sehen, nämlich die Einheit von Incarnation, Incorporation und symbolischer Repräsentation. Man verbrämt da mit theologischem Hokuspokus, was doch selbstverständlich ist. Die Transsubstantiation von Oblate und Wein in Fleisch und Blut Christi, begleitet von Wandlungsläuten, ist nichts anderes als das Essen von pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln unter Begleitung von Tafelmusik oder Restaurantbeschallung. Wir müssen die Welt in Gestalt von Tier und Pflanze in unser eigenes Fleisch und Blut überführen, also incarnieren, um am Leben zu bleiben. Erst dadurch gewinnt die theologische Spitzfindigkeit eine Verankerung in der Realität. Wir müssen unablässig soziale Rollen spielen, sie also verkörpern und so das Wort oder den Logos Gestalt werden lassen. Schließlich stehen wir unter dem Zwang, die Parallelwelten von Hirnen und Kommunikationsgemeinschaften, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von Anwesenden und Abwesenden, von Aktualität und Potenzialität symbolisch zu repräsentieren in den Zeichen, die auf das Gemeinte verweisen.

Wenn man aus Beat Wyss’ Überlegungen zur Gleichsinnigkeit des jüdischen, islamischen wie Carnapschen Bilderverbots für die Wissenschaften und den Bilderstürmen Schlußfolgerungen für das Gesamtthema abgeleitet hätte, wären die doch sehr fragwürdigen, weil tatsächliche gnostische Kraft nie erreichende Arbeiten von Nitsch oder Beuys vermeidbar gewesen. So sehr in den heutigen Kunstperformances auf die alten Liturgien verwiesen wird und deren Realisierung als Information, d.h. Gestaltwerdung in militärischen Formationen nachgeahmt werden mag – der heilige Ernst eines Beuys, wie sein Kommando an die Jüngerschaft, blieben doch bloß Nachstellungen, experimentelle Geschichtsschreibung und Ärchologie der Artefakte als symbolische Repräsentanten dessen, was gerade, weil es nicht mehr gegeben, nicht mehr wiederholbar und nicht mehr zu verlebendigen ist, Menschen dazu zwingt, die Auferstehung der Toten zu denken und darzustellen. Aber auch der totalitärste Künstler vermied es, sein Publikum zum Verzehr eines Menschenopfers anzuhalten, um dessen Auferstehung im Inkarnat zu feiern. Wie stark der Widerstand gegen die Erzwingung der gnostischen Trinität als Politik gerade durch das Wirken der Künstler wie Nitsche oder Beuys geworden ist, bewies die Zurückweisung von Stockhausen, als er die Vernichtung des World Trade Centers für einen Akt gnostischer Erzwingungsstrategien auszugeben versuchte.

In dem hier angezeigten Band trägt denn auch in sehr überzeugender Weise Hanno Ehrlicher mit Verweis auf das Werk von Kippenberger vor, daß die ästhetische Differenz zwischen Bewußtsein und Kommunikation nur experimentieller Weise durch die Bildung von Paradoxien oder Tautologien aufgehoben werden kann, sodaß für den ersten Blick die gnostische Trinität mit der christlichen Dreifaltigkeit oder der hinduistischen oder zenbuddhistischen oder der neurophysiologischen semiotischen Trinität in eins gesetzt werden könnte. Auf dem zweiten Blick wird dies als Illusion durchschaubar.

Die Beiträge von Eduard Beaucamp und Jean Clair referieren nach akzeptierten Standards, was bisher zur Anfälligkeit von Künstlern des 20. Jahrhunderts bekannt gemacht wurde, totalitären Strategien zu folgen, ja, einzelnen Strategeme, wie das der "Entarteten Kunst" und ihrer Nichtswürdigkeit, den fundamentalistischen Heilserzwingungsregimen zur Verfügung stellten. Es ist wichtig, diese Kenntnisse zu verbreiten, noch wichtiger wäre es, sie mit Blick auf den heutigen Problemdruck neu zu interpretieren. Einen Interpretationsansatz bietet Konrad Paul Liessmann mit der Darstellung von künstlerischer Säkularisierung der religiösen Heilserwartungen durch deren Verkunstung, Verrechtlichung, Verwissenschaftlichung, Verhunzung ("Zukunft kommt. Über säkularisierte Heilserwartungen und ihre Enttäuschung", Wein/Graz/Klagenfurt: Styria, 2007). Liessmann stellt einen Wegweiser auf, ihm werde ich im Spektrum folgen.

Noch einmal: Ein Buch, das sich alle Kunstgläubigen zu Gemüte führen sollten, damit auch sie ein Erweckungserlebnis haben, das größte, das es gibt: vom Kulturpaulus zum Kunstsaulus, das ist der gesundheitsförderlichste Sturz von dem Kritikersteckenpferd mit Namen „Erkenne-dich-Selbst, "gnothi se auton".