Tarnen und Täuschen

Diskursive Twin Towers / Theorieturnier der Dioskuren - zweiter Band

Umschlag: Tarnen und Täuschen
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 158

Ich bin kein Dichter - ich fühle den Schmerz - R.D. Brinkmann ließ die Fetzen fliegen wie die Buddhisten ihre Gebetsfähnchen

Wie kraftvoll und am Ende klarsichtig, historisch und analytisch, das Kollektivbewusstsein der 68er gewesen ist, zeigt sich unabweisbar darin, dass schließlich die Geschichte die Ziele der Generationsgenossen verwirklichte, die zum ersten Mal in der Weltgeschichte volle Verfügung über das gesamte Spektrum von Konsumgütern erhalten hatten: Suhlen in der Fülle des Lebens. Amerikaner, Franzosen, Deutsche, Holländer wünschten sich als Vertreter dieser Generation nichts sehnlicher als den Zusammenbruch des US-Imperialismus, den Sieg des sozialistischen Lagers in der Ost-West-Konfrontation mit triumphaler Entfaltungsdynamik Russlands und Chinas, den Aufstand der muslimisch geprägten Dritten Welt gegen den Westen und schließlich das triumphierende Selbstbewusstsein der »Afrikaner« gegen den weißen Rassismus.

Bisher lassen alle zum 40. Jahrestag der Studentenrevolten veröffentlichten Würdigungen die entscheidende Einsicht vermissen, dass sich nämlich die Vorstellungen der 68er im größtmöglichen Umfang mit größtmöglichem Nachdruck erfüllt haben: Der amerikanische Führungsanspruch ist weltweit vollständig desavouiert, Russland und China sind die zukünftigen erstrangigen Weltmächte, der Moslemgürtel zwischen Malaysia/Indonesien und Tunesien-Algerien-Marokko diktiert das religiöse Offenbarungswissen als Letztbegründung jedes weltlichen Diskurses; sogar die »Negerküsse« wurden politisch korrekt zu »Dickmann’s« umbenannt, und die Europäer dürfen die Gewissheit haben, mit ihren 600 Jahre lang die Welt beherrschendenpolitischen Konzepten, mit wissenschaftlichen Ideen und deren technischer Umsetzung in Zukunft nur noch eine Ferner-Liefen-Position einnehmen zu können. Was für eine Bilanz! Jedenfalls im Verhältnis von Absicht und Konsequenzen oder von Input und Output erweist diese Bilanz die 68er als die erfolgreichste Generationsgemeinschaft aller Zeiten. Ob die damaligen Vertreter einer solchen Entwicklungsvision heute die Erfüllung ihres Wunschkatalogs noch genauso positiv einschätzen wie etwa 1968, interessiert die Geschichte nicht im Geringsten.