Der Grenzgänger. Begegnungen mit Gunther von Hagens

Der Grenzgänger. Begegnungen mit Gunther von Hagens
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

In der Nachfolge

Zum 60. Gunther von Hagens

Niemals, auch in keiner noch so großartigen Präsentation von Kunst, sah man Menschen derart auf den Gegenstand ihrer Betrachtung ausgerichtet, wie vor den von Hagenschen Plastinaten; das Erstaunen, die Ehrfurcht, die Schauder der Selbstergriffenheit fanden in den Betrachtern einen so unvergeßlichen Ausdruck, weil jeder in dem Gesehenen sich selbst anschaute . Man spürte, daß die Betrachter sich nie zuvor derartig nahe gekommen waren wie in der Konfrontation mit den Körperplastinaten. Das war ein Beispiel für die im Kunstbereich häufig nur behauptete reflexive Moderne.

„Schaudern, Staunen, Stillwerden“ stellte der Stern als Betrachtererlebnis in einer außerordentlichen Reportage über die Mannheimer Ausstellung bereits im März 1998 fest. Das wollte nicht so recht zu der im Stern sogar als Headline formulierten Kennzeichnung des Plastinateurs als „Meister des Makaberen“ passen. Diese Diskrepanz zwischen Publikumsreaktion und öffentlichem Spektakel der Medienmacher, Kirchenmänner und Geschmacksrichter kennzeichnete generell die Wirkung von Hagens in der europäischen Öffentlichkeit. Manchmal verstärkte von Hagens diese Diskrepanz von sich aus, wenn er seine Arbeiten als Kunstwerke ansprach. Es half ihm wenig, nachdrücklich darauf zu verweisen, daß er auf der humanistischen Einheit von Künsten und Wissenschaften der da-Vinci-Zeit bestand, deren gegenwärtige Reaktualisierung im Zeitalter der Imaging Arts and Sciences bisher nur von wenigen Künstlern und Wissenschaftlern individuell, aber nicht für die Institutionen der Künste und Wissenschaftler vertreten wird.
Auch die Attitüden von Hagens boten Anlaß für banale, will sagen unproduktive Mißverständnisse. Seine auffällige Physiognomie unter Filzhut auch in Innenräumen wurde als nicht gerechtfertigte Übertragung des Beuys-Portraits auf den von Hagenschen Kopf bemäkelt. Da gilt es immer wieder in Erinnerung zu rufen, daß zum einen niemand im kollektiven Gedächtnis verankert wird, der nicht anderen gleicht, weil sie allesamt einen Merkmalset von Gestaltschemen optimal repräsentieren: wie etwa Boris Becker die Großäugigkeit des Gestaltschemas Alexander d. G. / Goethes oder in späterer Verkörperung das Gestaltschema vergegenwärtigte, das Vincent van Gogh zum Inbild des Künstlergenius aus Zweifelsnot und Selbstzertörungsangst werden ließ. Beuys und von Hagens signalisieren das Verkörperungsschema des spirituellen Asketen, dessen Souveränität Ausdruck seiner Radikalität ist. Ein Zug, der viele Repräsentanten der Moderne, durchaus mißverständlich als Fanatiker erscheinen ließ. Dieser Eindruck wird korrigiert, wenn man weiß, daß der englische Ausdruck „fan“ von jenen „fanatics“ herstammt, im Deutschen besser mit dem Begriff „bekehrter Anhänger“ gekennzeichnet. Und in der Tat kann die Wirkung von Beuys und von Hagens auch daran abgelesen werden, wie sich um sie bekehrte Anhänger gruppierten.
Zum anderen muß der Vorwurf an von Hagens, er ahme den Repräsentationstypus „Joseph Beuys“ nach, mit dem Hinweis korrigiert werden, daß die „Imitatio“, die Nachfolge, ein genuiner Begriff der Moderne ist seit mit Dürer die Imitatio Christi in eine Nachahmung Dürers überführt wurde. Und zweifellos sieht sich von Hagens zutreffend in der Nachfolge der humanistischen Großmeister der Dürer-Zeit wie da Vinci oder Vesalius. Es wäre sehr zu begrüßen, daß sich außer dem guten Stüttgen ein Repräsentant der Zeitgenossenschat wie von Hagens in die Imitatio des Joseph Beuys einfände.
Ja, das gilt: Gunther von Hagens ist gerade im Hinblick auf die angesprochenen problematischen Aspekte einer der herausragenden Repräsentaten von Zeitgenossenschaft in den Künsten und Wissenschaften, in der mediatisierten Öffentlichkeit, im Selbstverständnis als Gründer und Unternehmer und als Adressat von Fans/Parteigängern/ Mitkämpfern. Sein Team führt er wie ein Trainer mit Gurus-Status; mit den chinesischen Instituten ist er ein erfolgreicher Gründer im Science-Business. Seine persönliche Autonomie bewahrt er durch ein mönchisches Leben und seine Unerschrockenheit, ja Radikalität ruft hervor (provoziert) leidenschaftliche Auseinandersetzungen um die Künste der Wissenschaften, wie sie sonst nur noch über die Keimbahn-Eingriffe der Genetiker oder um die Anwendung der Atomphysik oder über das menschengemachte Ökodesaster geführt werden.

Aus anderem Anlaß habe ich von Hagens durch den literarischen Entwurf von Attetüden-Passepartouts zu würdigen versucht, nämlich mit Bezug auf den geheimrätlichen Chef des Thomas Mannschen Zauberbergs. An dieser Stelle lege ich den Gratulanten zum 60. Geburtstag Gunther von Hagens nahe, dessen Tätigkeit und Wirken nach der Vorlage zu modifizieren, die in „Doktor Kästners Hausapotheke zur Behandlung des durchschnittlichen Innenlebens“ folgendermaßen angeboten wird:


Der Leuchtschirm war seine Staffelei. / Ich stand vor Ergriffenheit stramm. / Er zeichnete eifrig und sagte, das sei / Mein Orthodiagramm.

Dann brachte er ganz feierlich / Einen Spiegel und zeigte mir den / Und sprach: „In dem Spiegel können sie sich / Ihr Wurzelwerk ansehen.“

Ich sah, wobei er mir alles beschrieb, / Meine Anatomie bei Gebrauch. / Ich sah mein Zwerchfell in Betrieb / Und die atmenden Rippen auch.

Und zwischen den Rippen schlug sonderbar / Ein schattenhaftes Gewächs. / Das war mein Herz! Es glich aufs Haar / Einem zuckenden Tintenklecks.

Ich muß gestehen, ich war verstört. / Ich war zu Stein erstarrt. / Das war mein Herz, das dir gehört, / Geliebte Hildegard?

Laß uns vergessen, was geschah, / Und mich ins Kloster gehen. / Wer nie sein Herz im Spiegel sah, / Der kann das nicht verstehen.