Uchronie schlägt Utopie. Monumente des Augenblicks als Ewigkeit

Vortrag im Rahmen des Symposiums „Beschleunigung“ der ARGE „Wissenschaft und Kunst“ (03./04.05.2013)

Österreichische Forschungsgemeinschaft
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ort:

Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Anton-von-Webern-Platz 1
1030 Wien
http://www.mdw.ac.at

Anmeldung und weitere Informationen per Email an: oefg@oefg.at

Ein Kernstück kulturphilosophischer Diagnosen ist die Annahme, dass sich seit Beginn der Neuzeit alle Lebensvorgänge auf schier unaufhaltsame Weise beschleunigen. Ein Zeichen für diesen Prozess sei etwa die Umkehrung des Verhältnisses von Muße und Arbeit: Während im Lateinischen noch das otium betont und das neg-otium davon unterschieden wurde, ist für uns heute die Zeit, in der wir arbeiten, das Grundmaß, von dem wir etwas anderes als Freizeit abgrenzen. Dies ist freilich nur einer von vielen Aspekten eines Vorgangs, der als „Wesensmerkmal des modernen Lebens“ gilt und sich etwa auch in Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und Mobilität sowie im Fortschrittsdogma zeigt. Als entscheidende Schritte in dieser Entwicklung gelten beispielsweise der Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert, die Erfindung neuer, immer schnellerer Transportmittel im 19. und 20. Jahrhundert sowie der Einsatz neuer, insbesondere digitaler Medien in letzter Zeit.

Da dieser Beschleunigungsprozess nicht kontinuierlich erfolgt, sondern eher in Schüben, ist zu verstehen, dass er nicht immer mit der gleichen Intensität (oder überhaupt) wahrgenommen wird und dass die theoretische Beschäftigung damit hin und wieder einen Sättigungsgrad erreicht, der zum Eindruck führt, es sei nun alles Wissenswerte darüber gesagt. Dieser Punkt schien zuletzt 1990 mit Virilios Schrift über den „Rasenden Stillstand“ und mit der Gründung eines „Vereins zur Verzögerung der Zeit“ erreicht zu sein. In den letzten Jahren haben die Entwicklungen in Ökonomie und Politik, Wissenschaft und Technik sowie in Kunst und Kultur jedoch wieder eine eigene Dynamik gewonnen, die es notwendig macht, einen neuen Blick darauf zu werfen – dies umso mehr, als neuerdings bereits wieder die „Sehnsucht nach Entschleunigung“ beschworen wird, ohne dass ihre Ursachen und ihr Verhältnis zur Beschleunigung hinreichend analysiert sind. Deshalb werden beim Symposium ausgewählte Probleme aus folgenden Themenbereichen in aller Ruhe zur Diskussion gestellt:

DIE DYNAMIK VON PROZESSEN: Beim Sprechen über Beschleunigung wird gewöhnlich vorausgesetzt, dass diese – von ein paar praktischen Vorteilen abgesehen – für das Leben der Menschen vor allem Probleme mit sich bringt. Dabei bleiben jedoch einige grundlegende Fragen ungeklärt: Was heißt es überhaupt, einen Vorgang als Beschleunigung zu erfahren, und welche Rolle spielen dabei unsere Methoden, Zeit als Aufeinanderfolge messbarer Einheiten zu erklären? Wie beziehen wir uns sprachlich auf zeitliche Abläufe und sind dabei Veränderungen zu beobachten, die mit den angesprochenen Entwicklungen korrelieren? In welchen Bereichen ist überhaupt Beschleunigung zu beobachten und wie wirkt sich diese auf die Betroffenen insgesamt aus? Sind Probleme, die in Zusammenhang mit Beschleunigung auftreten, tatsächlich durch solche Prozesse verursacht?

BESCHLEUNIGUNG ALS TRANSFORMATIONSFAKTOR: Schon immer haben Beschleunigungsprozesse das menschliche Leben verändert: Während etwa die von der Eisenbahn um 1830 erreichte Geschwindigkeit von 40 km/h den Menschen Schwindelgefühle verursachte, genießen wir die Reise im ICE oder im Flugzeug, die viel schneller unterwegs sind. Auch haben sich unsere Augen längst an schnellere Bildfolgen gewöhnt, so dass vielen eher relative Ruhe Unruhe verursacht. In diesem Zusammenhang stehen wir z.B. aber auch vor folgenden Fragen: Was bedeuten gesellschaftliche Umbrüche, deren Dynamik das „menschliche Maß“zu übersteigen scheint, für die davon Betroffenen? Versetzt uns die Verwendung von Computern als autonomen „Agenten“ auf den Finanzmärkten in die Rolle von Zauberlehrlingen, die ihrem „Geschöpf“ hilflos ausgeliefert sind? Ist der mit vernetzten Computersystemen geführte „Cyberwar“ für Menschen noch kontrollierbar? Wie sollen wir überhaupt mit den immer rascher wachsenden Datenmengen umgehen, die aufgrund technologischer Fortschritte entstehen? Und wie verhält sich die Kunst zu diesen Prozessen?

FESTINA LENTE – DAS „ANDERE“ DER BESCHLEUNIGUNG: Auf den ersten Blick erwächst der Ruf nach der Wiederentdeckung der Langsamkeit, nach Entschleunigung und Nachhaltigkeit aus der Beobachtung und Reflexion von Beschleunigungsprozessen und ihren Folgen. Ist dieser Eindruck jedoch gerechtfertigt und richtig? Lässt sich Langsamkeit nicht auch als „Rückseite“ von Entwicklungen begreifen, die so wirkmächtig ist wie diese? Geht überhaupt in jeder Hinsicht und überall Beschleunigung vor sich oder ist dieser Prozess in erster Linie eine „Signatur der Moderne“, die aber selbst diese Lebensform nicht vollständig bestimmt, sondern durch archaische und andere auf Stabilität zielende Denkmuster ergänzt und eingeschränkt wird? Nicht zuletzt ist zu fragen, inwiefern theoretische Reflexion oder der Umgang mit Kunst zu einer Kultur der Langsamkeit beitragen.

Programm

Freitag 3. Mai 2013

DIE DYNAMIK VON PROZESSEN

09.15 Otto NEUMAIER (Salzburg) Einleitung

09.30 Marc WITTMANN (Freiburg) Das menschliche Gehirn und die Beschleunigung

10.30 Oswald PANAGL (Salzburg) „Lebhaft, doch nicht rasch“ – der Sinnbezirk der
Geschwindigkeit in Sprache und Musik

12.00 Bärbel FROMME (Bielefeld) Geschwindigkeit und Materie. Zur Rolle der
Beschleunigung in der Physik

BESCHLEUNIGUNG ALS TRANSFORMATIONSFAKTOR

14.00 Peter GENDOLLA (Siegen) Die Transformation der Zeiterfahrung durch/in
neue/n Medien

15.00 Ulrike MÜNTER (Berlin) Wie Chinas Kunst mit Beschleunigung umgeht

16.30 Andreas HILLERT (Prien/Eichstätt) Wird Burnout durch die Beschleunigung sozialer
Prozesse verursacht?

18.00 Bazon BROCK (Wuppertal) Uchronie schlägt Utopie. Monumente des Augenblicks als Ewigkeit

Samstag 4. Mai 2013

FESTINA LENTE – DAS „ANDERE“ DER BESCHLEUNIGUNG

09.30 Aleida ASSMANN (Konstanz) Strukturen der Zeit. Über das Beschleunigen und
Beharren in verschiedenen Kulturen

10.30 Urs WIESMANN (Bern) Nachhaltige Entwicklung – jetzt!

12.00 Lisa ERB (München) Carpe diem

Die Tagung wird von themenbezogenen Filmen von Studierenden der Filmakademie Wien begleitet