Chris Ofili - The Blue Rider

Chris Ofili - The Blue Rider
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Herren Franz Marc und Wassily Kandinsky haften gesamtverbindlich für die Deckung der Kosten.

Soviel zum legendären Katalog Der Blaue Reiter im Vertragsentwurf des Verlegers Piper in München vom 28. November 1911. Mitte Mai 1912 wird der Almanach ausgeliefert. Die Ausstellung mit dem gleichen Titel hatte für kümmerliche drei Wochen von Mitte Dezember 1911 bis Anfang Januar 1912 stattgefunden. Der Almanach „umfaßt die neuste malerische Bewegung in Frankreich, Deutschland und Russland und zeigt ihre feinen Verbindungsfäden mit der Gotik und den Primitiven, mit Afrika und dem großen Orient, mit der so ausdrucksstarken, ursprünglichen Volkskunst und Kinderkunst, besonders mit der modernsten musikalischen Bewegung in Europa und mit den neuen Bühnenideen unserer Zeit“, das schrieb Franz Marc zum Redaktionsprogramm des Blauen Reiter, den Kandinsky für die Titelseite des Almanachs auch tatsächlich illustrierte – einerseits in der schönen Naivität, mit der Chagall seine fliegenden Rösser aufwärts galoppieren ließ, andererseits als ritterlich kostümierter Tod, der den apokalyptischen Gaul heimwärts lenkt.

Warum Blauer Reiter? „Beide liebten wir blau, er Pferde, ich Reiter.“, behauptet Kandinsky und nennt als Stunde der gemeinsamen Verabschiedung des Logos für Himmelsreiterei einen Nachmittag am Kaffeetisch der Gartenlaube von Franz und Maria Marc in Sindelsdorf Anfang September 1911. In seinen fabelhaften Selbstverklärungsrückblicken von 1930 gibt Kandinsky für die Wahl der Farben Blau und Rot deren Vorliebe bei den Primitiven an, die auch im christlichen Europa, vor allem in dessen orthodoxen Religionen, für das Verhältnis von Geist und Körper stehen. Das Blau des Himmels, also des Gottes- und Geistesreichs, war schon durch das Blau der Schutzmantelmadonna zum Bildbegriff geworden; und das Rot sprudelte als der besondere Saft, der Körper lebendig erhält. Die Kombination von Himmelsblau und Lebenssaft hatten vorher die Aristokraten im Begriff des Blauen Blutes erreicht, auch wenn der Ursprung dafür aus dem Blutgefäßschimmer durch milchseidene Hofdamenhaut abgeleitet zu werden pflegt. Marc und Kandinsky wollten aber in den Farben Blau und Rot eben jene Verbindungsfäden „zu den Primitiven“ repräsentiert sehen, die von Madame Blavatsky, der Inspirationsmuse von Rudolf Steiner, „zwischen uns und diesen Primitiven geknüpft wurden“. Da mußte der neue Geistesadels, der Gottsucher und Religionsstifter in Wahnmoching, das ist Schwabing, unbedingt mithalten, denn „unsere Zeit sucht wieder ihren Gott“ wie Kandinsky verkündete und das nicht nur als Lebensfest und Faschingsseeligkeit, sondern mit dem Nachdruck gewaltbereiter Selbstaufopferung. Dazu brauchte man nur weihnachtliche Gemütsstimmungen der Kindheit für Kennzeichnung des wilhelminischen oder georgischen Weltentags unter dem Swastikazeichen heranziehen. Denn im Weihnachtslied hatte man die himmlischen Heerscharen besungen, deren wahrhafte Rolle sofort klar wird, wenn man sie ins Kirchenlateinische zurück übersetzt; dann sind sie wieder militia coelestis, also jene gewaltbereiten Truppen, mit denen viele Wahnmochinger wie Stefan George das Heil der kommenden Welt zu erzwingen bereit waren. Die Blauen Reiter waren also Himmelsreiter des Heils, eine Art Heilsarmee; den Erlösungskämpfern lieferte ihr Almanach für diesen Anspruch die Legitimationen. Die wirkungsvollste dieser Legitimation bezogen sie aus der mittelalterlichen Ausmalung der Heilsdynamik: Das Dritte Reich werde anbrechen als das Reich der Herrschaft des Geistes, so gibt Kandinsky den Joachim von Fiore wieder, der im Jahre 1190 den Begriff Drittes Reich prägte, um die christliche Trinität auch in der Struktur des Übergangs vom Alten Testament zum Neuen Testament, also vom Reich des Vaters zum Reich des Sohnes oder von der Herrschaft des Gesetzes zur Kraft der Gnade in die Zukunft hinein fortzuschreiben; dem Reich des Vaters war das Reich des Sohnes gefolgt, das ins Reich des Geistes übergehen mußte, wenn Begriff und Vorstellung der Trinität Geltung behalten sollten.

So wurden die Blauen Himmelsreiter von einer windsbräutlichen Geisterschar zu blutvollen Geisteskämpfern, zur Pretorianergarde oder Schutztruppe der Weltseele. Diese Art Rittertum hatte Kandinsky von Kindesbeinen an in Russland mit sich herumgetragen und in zahlreichen frühen künstlerischen Darstellungsversuchen präsentiert. Als Blauer Reiter konnte er sich endlich diesen Kindertraum, Weltenreiter als Weltenretter zu sein, erfüllen, um den Geist des Christentums wie die Spiritualität des Ostens vor der materialistischen Zerstörung zu bewahren. Solche Bewahrungskraft besaßen die Künste, die Marc im Blauen Reiter-Projekt kooperieren lassen wollte (bei Wagners Gesamtkunstwerkskonzept waren ja Afrika und der Osten, die Primitiven und die Kinder, die Naturkinder und die Lebensreformer vom Wahrheitsberge noch nicht integriert). So konnte die Kunstgeschichte zur Geistesgeschichte werden und zum Träger der dritten Offenbarung, eben des trinitärischen Geistes.

Aber schon Zeitgenossen hielten diese hochfahrenden Meisterhandfurchteleien für den Ausweis jenes Zustands des spirituellen Blauseins, in den jeder gerät, der sich zuviel Spirituosen zumutet. Die Münchener Kabarettisten sahen sich die Krone des Blauen Reiters auf Kandinskys Titelbild noch einmal genauer an und fanden tatsächlich, der Kerl habe einen zuviel in der Krone, er sei nicht mehr sozialverkehrsfähig. Man deutete das Titelbild als Versuch der Ernüchterung an der frischen Bergluft. Deren sphärisches Blau war aber alles andere als erholsam. Es bildete den Erscheinungsraum himmlischer Milizen ganz neuer Art. Rote und Blaue Barone der Aviatik eroberten den Gottes- und Geistesraum und jauchzten durch Wunder der Technik sich selber Ehre. Begeistert folgten viele wie Franz Marc diesen Selbsterhöhungsversprechen, dessen Triumph der Heldentod nach Stefan Georges Rezept war:

„Auch ich will einst vor meinem tode
mich schwingen auf zu deinen höhen
und will dir meine reine seele
dann wieder geben wie du sie mir gabst.“