Der SPIEGEL 14/1978

Der SPIEGEL 14/1978
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 114

Löcher im Himmel

Die 50er Jahre werden mythenfähig

Bazon Brock, 41, „Beweger“ in den fünfziger und sechziger Jahren, der sich selbst „Generalist“ nennt, lehrte in Hamburg Neuere Ästhetik und ist jetzt Ordinarius für Gestaltlehre an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien.

Die einst mit dem Pathos der Nachgeborenen ihre Väter befragten, was sie denn getan hätten, als die braunen Bataillone marschierten, fragen sich nun selber, wo sie denn waren und was sie denn taten, als die 50er Jahre noch blanke Gegenwart gewesen sind. Die Väter hätten schon ganz gut Bescheid gewußt über die 30er und 40er Jahre, nur hätten sie das nicht wahrhaben wollen, so meinten die schrecklich reinen Kinder und meinten, ihnen werde das nicht passieren, zu leben und nicht gelebt zu haben. Es ist ihnen doch passiert.

Inzwischen runde 40 Jahre alt, schlagen sie sich mit der Frage herum: „Haben wir damals überhaupt gelebt?“

Ihnen steht offenbar die Einsicht bevor, daß man nicht Zeitgenosse seines eigenen Lebens mit dem Schulabschluß oder durch den Erwerb des Wahlrechts wird.

Wie denn? Hat man Geschichte zu studieren, wo doch die Resultate der Geschichtsforschung selten einen entscheidenden Einfluß darauf haben, was sich als Bild einer Epoche durchsetzt? Die 20er Jahre zum Beispiel sind als die „goldenen“ im Bewußtsein der Öffentlichkeit, obwohl jeder Historiker weiß, daß sie alles andere als golden waren. So dürfte denn auch für das neue Bild der 50er Jahre unerheblich bleiben, daß uns die Historiker sagen, nicht James Dean, sondern Rudolf Prack, nicht Marilyn Monroe, sondern Sonja Ziemann, nicht „Rebell without Cause“, sondern „Grün ist die Heide“ hätten die Deutschen damals an die Hand genommen. Nicht zu neuen Ufern sei unsere Republik aufgebrochen, sondern habe sich in die Festung „Restauration“ eingemauert.

Nun, die Historiker sind nur die professionellen Verwalter des Gewesenen; die Eroberung und Aneignung des Gewesenen betreiben andere Profis: die Mythenkonstrukteure. Und die kommen jetzt zum Zuge. Designer, Stylisten, Regisseure, Schriftsteller, Künstler haben entdeckt, daß die 50er Jahre endlich mythenfähig sind.

Mythen haben gegenüber der Geschichtsforschung einen unschätzbaren Vorteil: Sie haben zwei Gesichter – eines, das zurückblickt auf die Historie einer Zeit, und eines, das den Mythenerzähler selber anzieht. So liegen denn die entscheidenden Gründe für die Konstruktion des Mythos der 50er Jahre in der Gegenwart der heutigen Mythenerzähler. Ein denkwürdiges Bild dieser Gegenwart entsteht, wenn man sieht, an welchen vermeintlichen Gegebenheiten der 50er Jahre der Mythos mit seinem Kontrastbild ansetzt. Damals habe jeder noch gewußt, worum es im Leben eines Menschen geht; jeder habe seine sozialen Rollen fraglos durchgehalten, Klassengegensätze seien Ordnungsprinzipien gewesen, Geschlechterunterschiede reizvolle Spannungsverhältnisse. Der Alltag eines jeden sei getragen worden von der Erwartung ereignisreicher festlicher Begebenheiten, für deren Gestaltung allgemein akzeptierte Vorbilder die Fülle vorhanden gewesen seien. Eine weise Führung habe jedermann sozialen Frieden und Redlichkeit garantiert.

Das klingt doch eigentlich vertraut. so recht nostalgisch, ist aber anders gemeint. Wer heute die 50er Jahre schöpferisch als Mythos rekonstruiert, will eine Grundvoraussetzung gesellschaftlichen Lebens zurückgewinnen, nämlich Verbindlichkeit von herrschenden Konventionen. Denn erst im Widerstand gegen Norm und Konvention läßt sich ein Anspruch auf eigenständiges Leben durchsetzen.

Die Rebellion der späten 60er und die Frauenbewegung waren zu „erfolgreich“. Sie zerstörten tatsächlich jene Konventionen, gegen die sie sich wandten, ohne neue zu etablieren. Der gute Rebell der 50er Jahre, selbst die Mods und Teddys und Beatniks. wußten die Konventionen zu schätzen. Deshalb sind die 50er Jahre in. Zum Beispiel in der Mode.

Die gesichts- und oberkörperbetonte Herrenmode der 50er erlöst die Männer von dem Zwang, sich beständig als verschlankte Jünglinge mit auffälligem Hinweis auf Sexualpotenz präsentieren zu müssen. Wer sein Zentrum auf Schulterhöhe verlagert und durch entsprechende Frisur wieder Gesicht bekommt, darf damit rechnen, daß man ihn zu mehr fähig hält als zu einem Quickie auf der Sessellehne. Unsere zurückhaltenden Führungseliten der Wirtschaft haben das immer gewußt: Der dunkle Flanell besetzte auch in der wildesten Zeit mit wohltuender Selbstverständlichkeit die morgend- und abendlichen Lufthansajets. Sie dachten nicht daran, sich selbst aufzuzwingen, was sie als Geldgeber, Produzenten oder Verkäufer ihrer Kundschaft als zeitgemäßen Ausdruck von Konventionsfreiheit und Modernität anboten.

Wer als Frau sich heute wieder „Alraune“, das „vornehme Nachmittagskleid“ anzieht oder „Stelldichein“, „Plauderei“ oder „Diskretion“, hat die Gewähr, nicht mit einem Zipp des Reißverschlusses aller Reize entkleidet zu sein. Denn unter dem „Besuchskleid“ der 50er trägt die Frau, was erst mit guten Worten abgetragen werden kann. Für die Frauen hat ja die Jeanskultur die entscheidendsten, bisher in der Modegeschichte noch nie dagewesenen Veränderungen gebracht: die Schammaske im engen und auftragenden Schritt der Jeanshose. Die Masken machen aber alle Frauen gleicher an Aufmerksamkeit erregender Erscheinung, derer es doch bedarf, um miteinander in Kontakt zu kommen. Gerade die differenzierte Abstufung von außen nach drunter verhindert, daß Frauen umstandslos zum kurzfristigen Gebrauchsgegenstand herabgewürdigt werden: die vielfältigen Hüllen sind nicht gebrauchssteigernde Maßnahmen, sondern betonte Regulierungen des Zugangs zum Gewünschten. Sie sind Barrieren, die man nicht beliebig überklettern darf.

Der Mythos bleibt nicht nur zu Modezeitschriften geheftetes Papier. Man repräsentiert ihn durch die eigene Erscheinung, in Gesten und Verhaltensweisen. Und es lassen sich ihn vor allem auch jene etwas kosten, die damals ganz gewiß noch nicht auf Erden weilten: jene Jugendliche, die weder „Punkies“ noch „Terroristen“ und schon gar nicht „Tunixe“ werden wollen. Der lebendige Mythos der 50er Jahre gibt ihnen Hoffnung, sich selber nicht auch weiterhin Vater und Mutter sein zu müssen.