Was uns antreibt

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Große Kunstausstellung 2009 im Haus der Kunst München

WAS UNS ANTREIBT… WAS UNS VOR SICH HERTREIBT

Über unfreie Künstler und das erfolgreiche Scheitern

Die erfahrungssatten alten Ordinarien pflegten auf ganz einfache Weise
herauszufinden, was den jugendfrischen Nachwuchs antrieb. Sie forderten Kandidaten
im Doktorexamen auf, die zentralen Thesen und Ergebnisse ihrer Arbeit vor der
Kommission und den Öffentlichkeitsvertretern kurz und knapp so darzustellen, als
müssten sie ihren Eltern, Onkeln und Tanten erklären, warum die Familie das
kostspielige Studium völlig zurecht finanziert habe. Was man seiner geneigten Tante
nicht zu deren vollen Zufriedenheit über seine eigene Arbeit mitteilen könne, sei auch
im engeren fachlichen Sinne, erst recht nicht im akademisch-humanistischen Sinne
wertvoll.

Hinter dieser leicht verschroben wirkenden Methode der Altvorderen, sich inhaltsloses
Gerede und wissenschaftlich verbrämte Phrasendrescherei vom Halse zu halten,
steckte die Erfahrung, dass auch die besten philosophischen Köpfe am Ende
günstigenfalls Weisheiten zu begründen vermochten, die dem Volke in einfachen
umgangssprachlichen Formulierungen immer schon zu Gebote standen, allerdings
ohne die Möglichkeit, die Alltagsweisheit tatsächlich hinreichend, das heißt, historisch
und systematisch begründen zu können. Und auf die Fähigkeit zur Begründung kommt
es eben an – jedenfalls für den wissenschaftlich Ausgebildeten. Werturteile,
Faktenanalysen und Evidenzbeweise sind nur brauchbar bei entsprechender
Begründung; ohne derartige angemessene Begründungen bliebe der Gebrauch
solcher Aussagen rein dogmatisch, also beliebig.

Ja, Mama, das machen wir!

Erst recht in demokratisch verfassten Gesellschaften sind alle Tätigen
begründungspflichtig, mit anderen Worten, sie müssen Verantwortung für ihr Handeln
zu tragen bereit sein. Und über den Grad der Verantwortungsbereitschaft und
Verantwortlichkeit lässt sich nur anhand der Begründungen urteilen, die ein Tätiger zu
geben vermag.

Also dann, liebe Verwandtschaft, liebe Eltern, Onkel, Tanten, Freunde, Steuerzahler,
Parlamentarier, Kulturdezernenten, Kritiker, Kuratoren, Galeristen und sonstige
Kunstdirektoren, wir möchten kurz begründen, was uns antreibt, also nach vorne
bringt, auf die Zukunft orientiert. Dabei muss man dem Anschub von hinten die
Anziehungskräfte von vorne parallelsetzen. Anziehungskraft von vorne nennt man
Wirkursache. Die Ursache unseres künstlerischen Schaffens und Gestaltens und
Werkens liegt vor uns, ist das Ziel, nämlich in der nahen, mittleren oder fernen Zukunft
etwas Wünschenswertes bewirken zu können. Um dieser Wirkung willen nimmt man
das Risiko in Kauf, nicht zum Ziel zu kommen. Aber aufgepasst: Das Scheitern
können ist eine logische Voraussetzung dafür, dass man das Erreichen des Zieles als
Leistung zu würdigen vermag. Man kann sich nicht nur das Gewinnen, den Erfolg
aussuchen und von den viel wahrscheinlicheren Misserfolgen nicht sprechen, selbst
wenn man sie optimistisch nur als Rückschläge verstehen möchte.

Also: Wir wollen mit unserer Arbeit erreichen, bei einzelnen Zeitgenossen oder gar
einem großen Teil der Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit für uns zu erregen;
mittelfristig sogar Anerkennung unserer Arbeit zu finden (durch Gewährung
angemessener ökonomischer Voraussetzung, auch weiterhin als Künstler arbeiten zu
können); und langfristig streben wir den Ruhm an, das heißt, die Möglichkeit, auch bei
persönlicher Abwesenheit, gar versiegender Arbeitskraft oder Tod, noch wirksam sein
zu können.

Die drei Wirkabsichten, unmittelbar Aufmerksamkeit zu erregen, dann Anerkennung
durch Gewährung weiterer Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten und schließlich, die
Wirkung vollständig von der eigenen Lebensäußerung abzukoppeln, bilden gestaffelte
Orientierungshorizonte für die eigene Arbeit. Es dürfte aber nicht schwer fallen, den
gleichen Aufbau von Orientierungshorizonten mit entsprechenden Wirkursachen auch
bei anderen Zeitgenossen als den Künstlern voraussetzen zu können, auch wenn die
liebe Sippschaft immer noch glaubt, man sei als Mitarbeiter eines
Automobilbaukonzerns, als stolzer Besitzer des einzigen Kolonialwarenladens der
Umgebung oder als Webdesigner mit eigener Agentur besser gegen die
unvermeidliche Wahrscheinlichkeit des Scheiterns gewappnet: „Lerne erst mal was
Anständiges, was Solides und Sicheres, dann kannst du immer noch deine
Liebesgedichte schreiben, Gestaltphantasien zeichnend und malend verwirklichen“,
war der gut gemeinte Rat besagter Verwandtschaft.

Man sieht, wie sinnvoll, das heißt erfolgreich das klärende Gespräch in der Mitwelt
sein kann: heute hat jeder Opel-Arbeiter, jeder Ladeninhaber und
Technologieeuphoriker zumindest das gleiche Risiko des Scheiterns zu tragen wie die
vermeintlich so heillosen Berufskünstler. Im Gegenteil, die Künstler sind auf das
Scheitern viel besser vorbereitet, weil sie ja gelernt haben, gerade das menschliche
Elend, unsere Defizite und Krankheiten, Furcht und Zittern, Euphorie der Passionen,
geistige Beschränktheit und seelische Nöte zum Thema der eigenen Arbeit zu
machen. Also sind Künstler von vornherein in der Lage, auch noch ihr Scheitern zum
Beweis ihrer künstlerischen Kraft und ihres Geltungsanspruchs werden zu lassen.
Letzteres gilt allerdings nur für jene Künstler, die es immerhin dazu gebracht haben,
diskriminiert, deklassiert oder offen angefeindet zu werden. Das bestätigt ja der
Volksmund mit der triumphalen Feststellung: Viel Feind, viel Ehr’. Und das wiederum
bedeutet für die Selbstrechtfertigungsstrategie der Künstler und die Aufrechterhaltung
ihrer psychischen Stabilität: Je unverhohlener und radikaler, je unangemessener und
arroganter man mit ihnen verfährt, desto näher liegt der Rückschluss auf die
tatsächliche Bedeutung ihrer Arbeit; denn, warum sollte sie jemand höhnisch
abqualifizieren, wenn die missachteten Arbeiten belanglos wären? Aber um diese
Psychodynamik für sich selbst nutzen zu können, müssen Künstler schon hinreichend
lange, heute mindestens 15 Jahre kontinuierlich versucht haben, in der Öffentlichkeit
zu wirken – entsprechendes Potential der Arbeitsresultate vorausgesetzt.

Fazit bis hierher: Es ist geradezu ein Gebot rationaler Kalkulation mit Lebens- und
Wirkungschancen, sich heute für die Künstlerrolle zu entscheiden. Denn, wie gesagt,
wo heute keine Berufsgruppe, welcher Schichtenzugehörigkeit und parteipolitischer,
weltanschaulicher Ausrichtung auch immer, trotz ganz solidem Hand-, Mund- oder
Kopfwerks davor geschützt ist, beruflich und sozial, also ökonomisch und
psychologisch aus den Produktions- und Rezeptionsgemeinschaften ausgeschieden
zu werden, hat der Künstler bei gleichem Fall unter das Existenzminimum immerhin
den unschätzbaren Vorteil, seine Situation zum Thema machen zu können und damit
reaktionsfähig zu bleiben, wo alle deklassierten Nichtkünstler sprachlos, wehrlos, haltlos werden müssen.

Liebe Mama, lieber Papa, ihr seht also, dass sich für die Künstlerrolle zu entscheiden
heißt, einen Beruf zu ergreifen, der wirklich krisensicher ist, weil er noch die Krise
produktiv zu nutzen versteht. So ändern sich die Zeiten – so erfolgreich waren die
Umbrüche im Selbstverständnis der Künstler, obwohl ja immer noch das Kriterium gilt,
man müsse auf hohem Niveau scheitern, also erfolgreich scheitern.

Ausbildung des Wirklichkeitssinns

Den Weg dorthin weist eine ebenso alltagsweise Maxime. Der kürzeste Weg auf den
Gipfel ist immer der steilste, das heißt, der die größten Mühen zur Überwindung von
Widerstand erzwingt. Der Intensitätsgrad der Orientierung auf das Ziel lässt sich am
Grade des Widerstandes ablesen, auf den eine Absicht, eine Intention stößt.
Jedenfalls für das Vorwärtsgehen, anders als für das Getriebenwerden, gilt es, den
größten Widerstand zu suchen, um die Richtung auf das Ziel halten zu können. Wie
man gegen den Sturm aus der Zukunft, gegen Altern, Versagen, Verzweiflung,
Misserfolg und Diskriminierung dennoch vorankommt, lehrt nicht nur bildlich, sondern
tatsächlich die wunderbare Entdeckung der welterfahrenen Seeleute, die Entdeckung
des Kreuzens gegen den Wind: eine staunenswerte Errungenschaft der Menschheit,
weil sie generell für die Ausbildung von Wirklichkeitstauglichkeit der Menschen steht.
Wenn das Wirkliche sich von dem eingebildet Phantastischen-Spekulativen und
Traumhaft-Visionären gerade dadurch unterscheidet, dass sie sich nicht unserem
beliebigen Wünschen oder Wunschvorstellungen unterwirft, – wenn also Wirklichkeit
das ist, was wir als unserem Belieben entzogene Voraussetzung unseres Lebens
anerkennen müssen – dann heißt es, sich eben diesen verlässlichen, also
kalkulierbaren Widerstand zu Nutze zu machen: Sei es auf die Art, wie es besagte
Segler taten und tun, sei es auf die Weise, wie sie die „sanften Kämpfer“ östlicher
Mönchsorden herausbildeten oder gar in der Form, in der westliche Rationalität
gerade durch das Rechnen mit der unleugbar wirklichen Schwerkraft es fertig bringt,
schwere Objekte in den Himmel zu heben.

Seefahrer, Selbstverteidigungskämpfer, Ingenieure gaben und geben das Beispiel für
die erfolgreiche Anerkennung einer unserer Willkür entzogenen Wirklichkeit.Künstler,
Literaten, Musiker gaben und geben das Beispiel, das für sehr viel mehr Menschen,
gerade als Individuen, von Bedeutung ist, nämlich Verantwortung für das eigene
Handeln übernehmen zu müssen, obwohl sie dafür nicht fachmännisch ausgebildet
sind.

Künstler – Autorität durch Autorschaft, nicht durch Macht,
Markt und Medienhype

Und damit erreichen wir die höchste Form der Beispielhaftigkeit des Daseins als
Künstler für jeden Mann und jede Frau der Gegenwart, die weder Künstler sein wollen,
noch sein können, sondern die allesamt Künstler sein müssen. Jedermann muss
heute Künstler sein, sagte Joseph Beuys – und an unserer kleinen Umformulierung
können auch die lieben Tanten sich endlich von ihrem bisherigen Missvergnügen über
das Beuys’sche Diktum verabschieden. Denn zurecht bezweifelten alle
Familienmitglieder, dass man den Satz „Jeder ist ein Künstler“ ernst nehmen müsse:
Es malen ja nicht alle oder verfassen Texte. Die Aussage, jeder ist ein Künstler, trifft
einfach nicht zu, es sei denn, man verstünde als Künstler nicht jemand, der malt oder
musiziert oder Architekturen entwirft oder Dramen schreibt. Welchen Sinn soll es aber
machen, den Begriff des Künstlers zu verwenden, wenn man damit gerade nicht
meint, wofür der Begriff bisher stand?

Das können wir mit hinreichender Einfachheit und Allgemeinverständlichkeit durchaus
sagen. Als 1986 der GAU, der größte anzunehmende Unfall in der Kernkraftanlage
Tschernobyl eintrat, wurden die Zivilisten in Europa über die Medien, vor allem durch
das Fernsehen, über die Folgen der Kernschmelze unterrichtet. Die
Fachwissenschaftler der Physik und die Sicherheitstechniker, vornehmlich der
Universität Wuppertal (nur dort gab es das Studienfach Sicherheitstechnik) teilten der
Öffentlichkeit mit, wie hoch der Sand auf Spielplätzen, das Rentierfleisch aus
Skandinavien, das Gemüse und das Wasser und die Atemluft in Mitteleuropa durch
radioaktive Kontamination belastet seien. Und mit gewinnendem Lächeln des
verständnisvollen Experten fügten die Herren an ihre Bequerel-Aussagen die
unmissverständliche Bemerkung an: „Wie Sie, liebe Zuhörer, unsere auf Tatsachen
gestützte Mitteilung allerdings bewerten und dem zu Folge ihre Kinder in Sandkästen
spielen lassen, sich überhaupt im Freien tummeln, Obst und Gemüse einkaufen, oder
eben nicht, das ist ganz Ihnen überlassen.“

Tschernobyl 1986 lässt sich als die Geburtstunde der unabweisbaren Geltung des
Satzes „Heute muss jeder wie ein Künstler agieren“ festhalten. Denn Künstler ist in der
europäischen Tradition seit 500 Jahren, wer eben das kann, was die Bequerel-
Hymniker von ihren Zuschauern erwarteten, nämlich über die Konsequenzen aus den
Mitteilungen der Physiker selbständig zu entscheiden, obwohl die Bürger keine
kleinteilchenphysikalische, atomtechnologische und strahlenmedizinische Ausbildung
erfahren hatten. Dabei fehlten ihnen diese Kenntnisse für ein sachkundiges Urteil
nicht, weil die Bürger es versäumt hätten, sich entsprechende Befähigungen
anzueignen, denn das Studium aller für die Entscheidungen relevanten Disziplinen
könnte niemand ableisten, wenn er noch vor seinem Lebensende von den erworbenen
Kenntnissen für seine Entscheidungen profitieren können sollte. Außerdem käme alles
Studieren immer zu spät, weil ein Ereignis wie in Tschernobyl eben nicht wartet, bis
alle potentiell Betroffenen inklusive der Experten in Atomphysik, Molekularbiologie,
Sicherheitstechnik, Meteorologie, Nahrungsmittelkunde etc. etc. kundig geworden
seien. Da es auch keine Experten geben kann, die alle geforderten Sachkenntnisse in
logisch zwingende Entscheidungen überführen könnten und damit unabweisbare
Autorität für alle Menschen zugesprochen erhalten müssten, entwickelte man bereits
vor 500 Jahren in Europa die Autorität durch Autorschaft. Kurz, die Autorität durch
Künstlerschaft, denn ein Künstler ist ein Individuum, das seine Urteile auf eigene
Kappe nimmt. Künstler ist, wer seine Behauptungen, in welchem Medium auch immer,
nicht mit dem Verweis auf die Zustimmung der Kirche oder der Partei oder der Sitte
und Tradition oder der Zensur begründet. Hinter einer künstlerischen Aussage steht,
wie Gottfried Benn anmerkt, kein Volk und keine Glaubensgemeinschaft, kein
Vaterland und kein Kommerz. Künstler setzen die Geltung ihrer Behauptungen nicht
mit Belohnung für Zustimmung oder Strafen für Ablehnung durch. Es gelingt ihnen
vielmehr, im Unterschied zum Gesetzgeber und den Generalstäblern, ihre Bilder,
Texte, Musiken derart „interessant“ vorzutragen, dass sich das Publikum auf das
künstlerische Angebot auch einlässt, wenn man nicht auf Belohnung hoffen und
Bestrafung entgehen will.

Zu einer solchen Autorität kraft eigener Entscheidung und Begründung der
Entscheidung muss heute jeder Adressat der Experten werden. Die Experten nehmen
niemand die Entscheidung ab. Sie können bestenfalls die Risiken bekannt geben, die
mit den unterschiedlichsten Entscheidungen der Bürger einhergehen. Die Bürger
müssen zu Autoren ihrer Entscheidungen werden und als Autoren sind sie dann selbst
Autorität, eben Künstler, unabhängig von der Art ihrer Tätigkeit: ob sie über den
Einkauf konkurrierender Angebote von Haushaltsgeräten oder die Wahl von Parteien
zu entscheiden haben, ob sie sich operieren oder nicht operieren lassen wollen, ob sie
malen oder Chemie betreiben.

Diese Voraussetzungen für das Leben in Risikogesellschaften und in ihren
Institutionen wie Krankenhaus, Kaufhaus, Wahlkabine, Museen und Universitäten sind
nicht mehr leugbar. Deshalb muss jedermann wie ein Künstler sich verhalten. Und
deshalb finden die Künstler als Beispielgeber für Autorität durch Autorschaft ein so
großes Interesse, wie das seit langem schon mit der Tatsache dokumentiert ist, dass
mehr Bundesrepublikaner in die Museen, Theater, Opernhäuser, Kunsthallen gehen
als in alle Sportstätten aller Disziplinen zusammen. Vereinzelt mag zwar noch das
altbackene bürgerliche Interesse an der Künstlerbohème für den Besuch von
Selbstverwirklichungskursen vorgebracht werden. Selbstverwirklichung heißt aber
längst Selbständigkeit, also Autorschaft entwickeln zu können und das lernt man
nirgends so überzeugend wie am Beispiel der Künstler.

Was uns vor sich hertreibt: Sturm vom Paradiese her

Nun behauptet ja der durch Enttäuschung über sein nicht gelingendes Scheitern
aufgeklärte Zeitgenosse, dass man nur allzu gerne glauben möchte, seinen eigenen
Zielen, den Wirkursachen zu folgen; in Wahrheit aber werde man geschoben. Walter
Benjamin verklärte die Kräfte, die uns vor sich her treiben wie der Herbstorkan das
abgefallene Laub. Immer noch wirke vom verlorenen Paradiese her die auswerfende
Kraft der Strafe für den Verstoß gegen die göttlichen Gebote des blinden Vertrauens
und Gehorsams. Fortschritt wird damit also eine Konsequenz des Wahrheitsstrebens,
das uns aber zugleich immer weiter vom Ziel eines glücklichen, selbstvergessenen
Lebens in Frieden stiftender Ruhe forttreibt. Fortschritt heißt fortgetrieben werden.
Was wäre als die Wahrheit auszumachen, die den freien Künstler aus seiner
paradiesischen Schaffensgewissheit vertrieben hat? Welche Wahrheit begründete die
Entwicklung des Künstlerverständnisses, dem sich niemand entziehen kann?
Das ist für Profikünstler seit langem die Einsicht, gerade nicht frei, sondern unfrei zu
sein. Was wäre auch ein freier Künstler wert, der sich einbilden könnte, in seinen
Tätigkeiten frei zu sein, also ohne Verpflichtung auf die Anerkennung von Wirklichkeit
als gerade unserem Belieben entzogener Bedingung unseres Lebens? Was wäre ein
freier Künstler besseres als eine Kuriosität oder exotische Anomalie, wenn er sich
einbildete, schrankenlos über sein Material zu verfügen, die Eigenlogik der
historischen Formensprachen, die anthropologischen Konstanten menschlichen
Weltbezugs und dergleichen mehr meinte, nicht anerkennen zu müssen? Ein
derartiges Verhalten wäre bestenfalls belustigend, aber keineswegs lehrreich für die
Rezipienten der Werke


Kurios genug: Die septem artes liberales, auf deren Geltung der Begriff der freien
Kunst zurückgeht, bezeichneten gerade den siebenfachen Kanon der
Gesetzmäßigkeiten und Bedingungen, unter denen Menschen kommunizieren,
musizieren, Mathematik betreiben und gestalten, also das ganze Gegenteil von
Freiheit als Bedingungslosigkeit, der bis vor kurzem noch die süffige Kennzeichnung
des Künstlertums als Bohème entsprach. Zwar drang mit populären
Aufklärerformulierungen wie „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“ auch ein
weniger naives Freiheitsverständnis in die Kunstsphäre ein, wurde dann aber durch
Hegel’sche Dialektik als Schlüssel zu deutschen Wolkenkuckucksheimen schnell
wieder verharmlost oder, was sich als noch misslicher erwies, in akademische
Gestaltungsdogmatik übersetzt als Freiheit des Virtuosentums.

Erst als Adorno, Experte für die harten Wahrheiten der künstlerischen Moderne nach
Schönberg, für den Entwurf des Thomas Mann’schen „Dr. Faustus“ wirksam wurde,
entwickelte die Avantgarde der Künstler so etwas wie ein Pathos der Anerkennung
von irreversiblen Fortschritten/ Forttreibungen in der Geschichte der Künste. Der
deutsche Tonsetzer Adrian Leverkühn stand unter Zwängen der Kunstevolution, die
dem Künstler ebenso wenig die Rückkehr zur seelenerfüllten Harmonie eines
gefügigen Ganzen erlaubten, wie den Zoodirektoren die Rückkehr zu den
Dinosauriern oder anderen Spezies der Evolutionsgeschichte als Zooexponate.
Natürlich gibt es Erlebnisparks mit Dinos aller Attraktivität und Animationsfilme, die
unsere Einbildung 100 Millionen Jahre zurückversetzen – aber wohl immer im
Bewusstsein einer bloßen Simulation und einer höchst problematischen
Rekonstruktion; niemals aber als erfahrene Unmittelbarkeit. Uns treibt also vor sich
her, was nicht mehr möglich ist, was uns die harten Tatsachen der Geschichte als der
Historie des Nie-wieder-Kehrenden erkennen lässt. Es gibt keine Heimkehr und kein
Zurück, so sehr sich das nicht nur fromme Gemüter wünschten. Auch die Geschichte
der Künste ist selbst dem Kenner (nach Bloch) nur eine Heimat, in der noch niemand
zu Hause war.

Vertreibung aus Herkunft, Landschaft, Familie, Nation, das ist weltweit ein irreversibler
Prozess, den wir Globalisierung nennen, das heißt Diaspora für alle. Es soll sogar
gelehrte und intelligente Köpfe geben, die diese Form der Globalisierung umstandslos
auch für den Bereich der Künste propagieren, obwohl dafür außer im winzigen
Einflussbereich Europas keine Voraussetzungen existieren, denn den Begriff der
Kunst und der Künstlerschaft kennt man weder in China, Japan oder Indien, in
Malaysia, Persien, Arabien oder Afrika – ebenso wenig wie es ihn im alten Ägypten,
Griechenland oder Rom oder im europäischen Mittelalter gab. Zwar gab und gibt es
vor oder jenseits der Künste in allen Kulturen aller Zeiten herausragende
Gestaltungen, Bauten, Festorganisationen, Rituale, Liturgien – alles ganz großartig, aber keine Kunst, sondern Kult.


Zur Erfahrung unserer Unfreiheit, also der Wirklichkeit unserer Arbeitsbedingungen,
gehört unabweislich die Einsicht, dass wir unsere Arbeitsresultate niemals mehr durch
Rückführung in die Einheit von Ritual und Liturgie als Kult werden adeln können oder
mit Bedeutung anreichern können, die wir als künstlerische Individuen niemals zu
stiften in der Lage sind, weil man Kulte eben nicht erfinden kann; individuelle
künstlerische Mythologien sind nur interessante Bezugnahmen auf historische oder
gegenwärtige Kultpraxis, können aber niemals den Kunstraum zum Gesellschaftsraum
und das Malen oder Zeichnen zur Kulthandlung werden lassen. Aber auch hier gilt,
dass die seit 100 Jahren, seit Beginn der Lebensreformbewegung immer wieder
unternommenen Versuche zur Rekultivierung (also zur intentionalen Re-
Barbarisierung) scheitern müssen – egal, ob Nationalsozialisten die Kunst in den
Politkult zu reintegrieren versuchten oder nach dem Muster der Bildhauer in allen
Systemen der „Neue Mensch“ geschaffen werden sollte oder Hanne Darboven ihre
klösterlichen Exerzitien von Schreib- und Bildübungen erneut zu einem Epochenbild
auszuweiten versuchte – es bleibt dabei (siehe Versuche zur Zurückzüchtung der
Dinosaurier oder der Vergegenwärtigung des lebendigen Lenin): Kunst und Kult
können nur um den Preis jemals wieder als Einheit behauptet werden, dass der Kult
zur Marketingstrategie herabgewirtschaftet und die Kunst als pornographieattraktive
Oberflächenbehübschung mit globalem Geltungsanspruch durchgesetzt wird.
Die Verkaufstrategen der „Global Art“ sind von diesem Ziel offensichtlich nicht
abzubringen, weil nun auch Scheichs, Oligarchen und Magnaten die Befolgung dieses
Zieles mit Höchstsummen belohnen.

Das ist die Wahrheit der Erkenntnis, vor der man gerne freiwillig flüchtet: Sesam, öffne
Dich, ich-will-hinaus! Hinaus in die Freiheit des Verzichts, der Askese, des Entzugs,
selbst um den Preis, das eigene künstlerische Arbeiten aufzugeben. Denn angesichts
der absehbaren Zukunft unter dem Diktat von „Global Art“-Ideologen wird jeder zum
Helden der Selbstaufklärung, der als Künstler aufhört, da noch weiter mitzuspielen.
Eine alte Strategie des Widerstands gegen die Zuckerbäcker des „Global Art“-Baisser,
der zum Genuss aufbereiteten Leere, Sinnlosigkeit und Zerstörungsdrohung, geht mir
nicht mehr aus dem Sinn. Vor 40 Jahren wurde schon einmal dazu aufgerufen, alle im
Kunstbereich Tätigen mögen sich ein Jahr lang dem Zugriff der Vermarktungspathetiker
entziehen; ein Jahr lang keine Ausstellungen, keine Museumsbesuche,
keine Konzerte, keine Theateraufführungen. Seither ist der Druck noch unendlich
gestiegen, den Markt als Stifter der ultima ratio für alle unsere Weltverhältnisse
anzuerkennen und den Herren des Marktes sich auch als Künstler und
Wissenschaftler bedingungslos, ja mit Freuden zu unterwerfen.

Jetzt, mit der sogenannten Finanzkrise und der weltweiten Vernichtung von
Altersvorsorgen, Rentenansprüchen, Spareinlagen in einem Umfang, der sogar die
Wertevernichtung durch das sogenannte „sozialistische Experiment“ übertrifft, hat
selbst der ahnungsloseste kapiert, dass der Markt als Letztbegründung endgültig
abgewirtschaftet hat. Wie haben sich die masters of the universe über das bloß
spekulative Ideenschieben der Künstler erhoben; das war für die Herren der Welt
Beschäftigungstherapie für kindlich gebliebene Gemüter, die den harten
Wirtschaftstatsachen nicht ins Auge zu sehen vermögen. Nun hat sich das
anmaßliche Getue dieser Bosse der alleingültigen Richtgröße „Ökonomie“
seinerseits als kindliches Omnipotenzgefasel erwiesen. Leider mit tödlichen
Konsequenzen, die zu vermeiden gerade die Auszeichnung des künstlerischen
Arbeitens vor dem Schöpfungsanspruch der Macht- und Marktträger darstellt.

Seien wir dankbar für diese Klarstellung, die man niemals hätte erhoffen können durch
wie auch immer denkbare Anerkennung der Künste und Künstler. Nie wieder zurück
unter jene Macht- und Marktautorität! Und wer mit Hinweis auf die ökonomischen
Realitäten die Arbeit in Universitäten und Ateliers, in Museen und Archiven, in
Galerien und Verlagen für weniger wichtig hält als die Rettung frei erfundener
Systemrelevanz eben jenes haltlosen freien Marktes, sollte jegliche Autorität verlieren.
Die Entzauberung der Ökonomie als ultima ratio und ihrer Herren als Gottimitatoren ist
weit über das hinaus endlich fällig, was Max Weber im Hinblick auf die Entzauberung
religiöser Gewissheiten bereits vor 90 Jahren erfüllt sah.