Sehr schön

C.O. Paeffgen im Arp Museum

Sehr schön. C.O.Paeffgen im Arp Museum | Köln: Walther König, 2013.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Mit Beiträgen von Oliver Kornhoff, Bazon Brock, Rochus Kowallek, Stephan von Wiese und Jutta Mattern

Seite im Original: 11

¿Irrsinnig schön!

Ein Mitglied der Münchner Diskursiven Salons der frühen 20er Jahre präsentiert die Höchstform maliziös souveräner Urteilsbildung als „Irrsinnig schön!“. Das berichtet Serenus Zeitbloom, der Biograf des Adrian Leverkühn in Thomas Manns Künstlerroman Doktor Faustus. Im Unterschied zu den jeweils zeittypischen Akklamationsformen „knorke“, „geil“, „super“, „cool“ kennzeichnet das „Irrsinnig schön!“ einen Vorbehalt des Lobenden. Er möchte zwar zustimmen, gleichzeitig aber aus Peinlichkeit, aus Bekenntnisekel, aus dem Geist der Negativität seine überlegene Position demonstrieren. Heraus kommt das verum falsum, der durch Falschheit bedeutende Sachverhalt. Mit der Bestätigung der Bedeutung des Falschen soll aber nicht zugleich der Falschheit selber zugestimmt werden.

Zeitgemäß heutig heißt das verum falsum „Fake“. Das Fake einer irrsinnig schönen Rolex am Arm eines Dealers ist eine kognitive Herausforderung: Offenbar ist der Träger der Uhr derart aufgeklärt, dass er mit unserer Annahme spielt, die Uhr müsse ein gefälschtes Billigprodukt sein; sonst wäre er dem Risiko ausgesetzt, schnellstens beklaut zu werden. Gerade wegen dieser naheliegenden Vermutung kann er es aber wagen, eine echte, in seinen Besitz geratene Rolex am Handgelenk sicher zu verstecken. Verum falsum besagt also, dass eine Aussage „x sei erwiesenermaßen falsch“, wahr ist.

C.O. Paeffgen zeichnete sich in der Community der Artisten und ihrer Dealer immer schon als besonders intelligent aus. Er durchschaute die Phrasen des gehobenen Kunstdiskurses, wusste aber zugleich, dass man ohne ihre Notwendigkeit für die Kommunikation anzuerkennen, in der Kunstsphäre nichts ausrichten kann. Mit dieser Einsicht präsentiert er auch seine Arbeitsresultate, die den Eindruck vermitteln, einerseits mit allem Nachdruck, ja sogar mit Pathos, Postulate an Künstlerwerke erfüllen zu wollen; andererseits aber betont er unübersehbar die romantische oder, modern gesprochen, die kabarettistische Ironie.

Richard Rorty hat diese Haltung in seinem Theoriekonzept der Ironikerin philosophisch entfaltet. Dem Leser Rortys sei empfohlen, das originale Textmaterial mit Abbildungen von Paeffgen-Elaboraten zu durchsetzen und so Evidenzerleben durch lapidare Sinnfälligkeit zu evozieren. Die Kennzeichnung der Paeffgenschen Äußerungen als lapidar, also als kurz, aber prägnant wie eine historische Steininschrift zu bezeichnen, entspricht der Kennzeichnung von Aussagen als Statements. Wie die Pointe kommt ein Statement ohne Beweisführung für die Behauptung aus, denn sie ist interessant genug formuliert – jenseits einer bestimmten Ableitung durch den Autor. Das lapidare Statement erweist sich als kommunikativ stimulierend, weil es jedem, der es hört, eine eigene Begründung seines Geltungsanspruchs nahelegt.

Paeffgen hat eine Reihe von Motivstatements als Formstandards gestaltet: Herz/Pfeil, Maus, Schleife, Mond und Fragezeichen. Sie repräsentieren in der Bildenden Kunst in etwa die Prägnanz des Ausdrucks, wie sie Robert Gernhardt literarisch erreichte. Das bekannteste Formstatement in dieser Tradition ist Morgensterns Figur des Zwischenraums im Lattenzaun. Paul Klee hat eine ganze Typologie von Zwischenraumwesen entwickelt. Er nannte sie „Zwischenraumgespenster“. Wahrhaft gespenstisch sind die Standardformationen, die A. R. Penck Mitte der 60er Jahre in einer Edition der Buchhandlung Walther König offenbarte – sozusagen die Zwischenraumgespenster des sozialistischen Realismus.

Standards gewinnen ihre Grundsätzlichkeit aus der Erfahrung von jedermann, sobald er darüber nachsinnt, wie wenig selbstverständlich das Selbstverständliche ist. Wer gezwungen ist – etwa durch Unfall, Krankheit, soziales Schicksal – das bisher für selbstverständlich Gehaltene zum Thema zu machen, wird die Beschäftigung mit der Banalität ganz und gar nicht mehr banal nennen können. Ich selber habe mich vor vielen Jahren, konfrontiert mit Paeffgens Schleifenmotiv in einer Galerieperformance, daran erinnern können, dass ich mit den immer wiederholten Versuchen, die Schnürsenkel zur Schleife zu binden, zum ersten Mal bewusst eine Abstraktionsleistung vollzogen habe. Ich dachte mich aus mir selbst hinaus in die Postion jener hinein, die mir bisher die Schnürsenkel gebunden hatten. So entsteht Bewusstsein in der Fähigkeit, sich selbst und sein Handeln wie das Anderer zu betrachten.

Dafür steht die kunsttheoretischen Maxime „Ich ist ein anderer“. Paeffgen hat mit Witz und Ironie immer wieder konstatiert, dass der Künstler Paeffgen ein anderer ist als er selbst, weshalb er so ansteckend über die Kuriosität, Banalität und Lapidarität allen künstlerischen Tuns lachen kann. Andere haben die Kunst, einen Nagel einzuschlagen, zur metaphysischen Grundübung werden lassen oder die Angstsprünge seidenbestrumpfter Damen vor Zimmermäuschen zum Ausdruckstanz geformt. Wer heute noch in einzig gewährter Echtheit die Liebesinfektion zum Ausdruck bringen will, muss schon die ungelenke Zeichnung eines vom Pfeil durchbohrten Herzens nachahmen, die ihm auf Mauern und Zäunen im Stadtraum als bloße Schmiererei begegnet. Wer gefühlstoll den Mond ansingen will, wird die unaufhebbare kitschige Absurdität hinnehmen, indem er unter Anleitung von John Cages Beispiel das Gejaule in ein musikalisches Grundzeichen verwandelt. In all diesen Praktiken ist das Fragezeichen das Sinnbild des orthopädisch und orthografisch verrenkten Individuums, das es nach spanischer Tourismuserfahrung für vertretbar hält, vor jedem Haltungsausdruck erst einmal ein Fragezeichen zu präsentieren.

Wie beispielgebend Paeffgens Verfahren ist, lässt sich vor allem heute an der Standardkommunikation in SMS, in Chats und über Twitter ablesen. Die Emoticons als Zeichen für Gefühle und Gedanken bringen in diesen Medien komplexe soziale Beziehungen zum Ausdruck. ¿Paeffgens Standardformen sind irrsinnig schön – versteht das vielleicht erst die Twittergeneration? ;-)