Stephanie Senge: Der starke Konsument

Ikebana als Wertschätzungsstrategie

Stephanie Senge: Der starke Konsument | Nürnberg: Verlag für moderne Kunst, 2013.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Künstlerin und Konsumaktivistin Stephanie Senge zeigt in ihrem neuen Buch alle Arbeiten, die sie in den letzten Jahren zum Thema Ikebana entwickelt hat. Die japanische Blumensteckkunst hat sie in Tokyo studiert und sich für ihre Arbeit über unsere Konsumwelt zunutze gemacht. Für ihr Buch hat die Künstlerin einen eigenen Text »Making of« geschrieben, in dem sie für alle nachvollziehbar beschreibt, wie sie ihre
Arbeit entwickelt. In ihrem »100-Yen Shop«-Manifest (100-Yen-Shops sind japanische 1-Euro-Shops) fordert sie uns Konsumbürger auf, beim Einkaufen Ikebana zu machen. Stephanie Senge will, dass wir alle starke Konsumenten werden! Mit Stephanie Senges Arbeiten, Fotoarbeiten, Objekten, Aktionen und Performances und ihrem Buch können wir uns selbst und unsere Konsumwelt neu hinterfragen.

"Die moderne Malerei startete vor hundert Jahren mit der Darstellung "Über das Geistige in der Kunst". Gegenwärtig initiiert Stephanie Senge Untersuchungen über "Das Geistige im Konsum". Die Formen der künstlerischen Produktion ergänzt sie um den Prozess des Kaufens, Verbrauchens und Entsorgens durch die Konsumenten. Senge kennzeichnet sinnvolles Konsumieren als gelingende Gestaltung, die Kenntnis, Verständnis und Kreativität voraussetzt." - Bazon Brock

Seite im Original: 92

Bazon Brock und Peter Weibel unterhalten sich über die Arbeit von Stephanie Senge

Peter Weibel: Was ich bei Arbeiten wie "Ike-100-YenShop" oder auch "Diary" interessant finde, ist, dass ich nicht primär an die japanische Blumensteckkunst Ikenobo/Ikebana denke, sondern vielmehr an die europäische Tradition des Stilllebens, und aufgrund der Auswahl der Objekte, der Pflanzen oder der Gitarre denke ich auch sehr stark an das Prinzip der Collage. Für mich wird deutlich, dass Stephanie Senge ihre Objekte von der Collage weiterentwickelt hat, aber eben nicht auf die Massenmedien beschränkt, wie es bei Picasso, Braque und der Pop-Art der Fall war, und dass sie keine klassischen Konsumartikel verwendet, mit Ausnahme der Cola, die zum Podest wird.

Bazon Brock: Und das hier ist gut, das ist ein Suppentopf.

Peter Weibel: Ja, der Suppentopf ist ein Blumentopf. Was mir daran auffällt, ist die sprachliche Operation: Der Suppentopf ist ein Blumentopf. Sie macht deutlich, dass Stephanie Senge nicht im Prinzip des Gleichgewichts arbeitet. Das würde sie in die Ecke von Fischli und Weiss führen, die Gegenstände aufeinander türmen, oder auch in die Ecke von Erwin Wurm und seine 1-Minute-Sculptures. In Wirklichkeit bringt sie Gegenstände aufgrund von sprachlichen Vorgängen zusammen. Sie betont zwar immer, dass es sich bei den Gegenständen um Billigprodukte handelt, aber mich interessiert mehr, wie sie Teile eines Ganzen austauscht, wenn sie zum Beispiel bei der Arbeit "Ike-Mariahilferstrasse" statt der Blüte am Ende eines Astes eine Tasche setzt. Oder dass sie zum Beispiel hier bei dem "Hochzeits Rikka" so komische Besen verwendet…

Bazon Brock: Cheerleader haben solche Bürsten in der Hand.

Peter Weibel: Genau, aber sie hängen herunter wie Blätter. Die Frage ist: Was ist der Unterschied zwischen ihren Arbeiten und denen von Rauschenberg, der ja aus der Collage die Combine Paintings gemacht hat? Ich glaube, dass sie ein strenges formales Konzept für den Aufbau ihrer Arbeiten hat. Diese letzte Arbeit hier halte ich für ein surrealistisches Objekt. Eine zufällige Begegnung eines Rasierapparates mit einer Brille, die zufällige Begegnung eines Gürtels mit einer Bürste, das Ganze steckt noch in einer Teekanne. Das sind klassische Dreierobjekte, Triptycha, surrealistische Objekte. Hier eine Blumenvase, die genau diesen Substitutionsgrad von linguistischen Operationen hat. Ich glaube, weil diese Arbeit so linguistisch ist, so streng konzeptuell, geht sie über die Pop-Art und über Rauschenberg hinaus.

Bazon Brock: Reden wir über Substitution und Analogie.

Peter Weibel: Das sind für mich sprachliche Techniken. Analogie ist die Metapher und Substitution ist ein Pars pro Toto.

Bazon Brock: Aber was ist die Substitution im eigentlichen Freud'schen Sinne? Da heißt es doch beispielsweise, eine Brücke substituiere ein Bein.

Peter Weibel: Ja, eine Prothese ersetzt ein Bein, das ist eine Ersatzfunktion. Tatsächlich bringt Stephanie Senge die Struktur des Begehrens in ihre Arbeit hinein. Das Zentrum ihrer Arbeit ist ein Konsumartikel, der das Begehren weckt.

Bazon Brock: Wie ist es beim Substituieren einer Blume durch eine Papierblume? So wie beim weltweiten Dekor überall?

Peter Weibel: Das hat eine eindeutig sexuelle Konnotation: das Ersatzobjekt wird zum Sexfetisch. Bei Freud funktioniert das so: Man liebt normalerweise das Bein der Frau, aber was daran natürlich angrenzt, ist der Strumpf oder die Unterhose. Deswegen werfen die Frauen die Höschen. In Japan ist das sehr beliebt, weil das Höschen an das Geschlecht angrenzt. Angrenzung ist die sprachliche Operation der Metonymie. Doch auch der Strumpf grenzt an, auch das Bein und der Schuh. Das heißt, das Begehren, diese berühmte Signifikantenkette, ist immer eine Substitutionskette. Immer wird etwas ersetzt. Und das Tolle ist, dass ich dann den Schuh mehr liebe als das Bein. Je mehr ich substituiere, umso interessanter, umso verführerischer wird der Gegenstand. Das sieht man bei Stephanie Senges Arbeiten sehr schön. Sie verwandelt durch die Substitution Billigprodukte in sexuell formatierte Fetischobjekte. Und das ist ja per se das Wesen der Ware der Fetisch-Charakter der Ware nach Marx.

Bazon Brock: Die Substitution läuft über die Gestaltanalogie. Der Strumpf hat ja immer noch die Analogie zum Bein und der Schuh zum Fuß. Substitution eigentlich immer an Analogiebildung gebunden. Aber wo landet dann die Kette der Signifikanten?

Peter Weibel: Sie landet im Nonsens, in der Leere, in der Lücke. William Burroughs, der größte Drogenexperte, sagt, das Opiat sticht in eine Lücke. Da ist der Ursprung des Begehrens zu erkennen: Der persönliche Ursprung ist die Leere, die Lücke als Statthalter der Substitution. Die Leere ist gewissermaßen der Ursprung, der Kern und das Ziel des Begehrens.

Senges Arbeit ist vorbildlich, weil sie eine Frage verallgemeinert, die die Plastiker schon das ganze 20. Jahrhundert über gequält hat. Das hat mit Brancusi angefangen. Er sagte: „Da ist ein Sessel, auf den ich mich setzen kann. Ich kann ihn aber auch als Sockel für die Skulptur nehmen oder ich kann sagen, dieser Sockel ist auch die Skulptur.“ Er hat also die Funktionen durchgespielt: Einmal war der Sessel ein Stuhl, dann ein Sockel, dann eine Skulptur. Pop-Künstler wie Oldenburg haben sich um dieses Problem nicht gekümmert, denn sie waren sich des bildhauerischen Problems nicht bewusst. Sie haben einfach produziert und dann überlegt, wie sie die Objekte herzeigen können und sich dann für die Vitrine entschieden.

Bazon Brock: Viele Künstler sind über die Vitrine nicht hinausgekommen. Man nimmt die Vitrine aus dem Museum, aber das ist keine große Leistung. Stephanie Senges Arbeiten nehmen den Sockel als Display, wie man es von Boutiquen kennt: Einheit von Zeigen und Sehen - es zeigt sich nur, was ich sehen will. Das ist die Magie des Wünschens durch Wegsehen.
Wenn man sich mit der Grundform des Gestaltens im Dreidimensionalen, mit Skulptur/Plastik, beschäftigt, dann kann man sich entweder für das Prinzip des Gestaltens durch wegnehmen oder für das Prinzip des Gestaltens durch hinzufügen entscheiden. Bei Stephanie Senge kommt Folgendes dabei heraus: Das Kaufhausangebot von tausend Bürsten auf einem Haufen ist die Skulptur, die durch wegnehmen gestaltet wird. Das klassische Prinzip besteht aus dem Wegnehmen in Einheit mit dem Zusammenfügen. Der Konsument gestaltet durch skulpturales Wegnehmen: Er geht ins Kaufhaus, nimmt weg und baut selber das Weggenommene als Plastik wieder auf.

Peter Weibel: Das heißt, das Neue wird erfunden durch Umgestalten der Plastik.

Bazon Brock: Ja, richtig. Die Totalität ist dann die Skulptur. 1000 mal diese Bürste, alles 1000 mal im Kaufhaus, alles eigentlich wie bei Aldi. Man findet Aldi ja auch so toll, weil es eine richtige Skulptur ist; auch das braune Verpackungspapier war eine wirklich gute Skulptur. Totalität als Einheit. Jeder kann tätig werden, indem er etwas wegnimmt. Man geht ja oft durch die Regale und sieht so auf schöne Weise, dass Dinge schon weggenommen sind. Da gibt es dann gar nichts mehr, da ist ein tiefes Loch im Regal. Ein Ding steht ganz vorne und dahinter ist nichts mehr. Das heißt, der gestalterische Eingriff liegt im Wegnehmen, Skulpturieren. Danach gehen die Leute nach Hause und bauen aus ihren Einkäufen eine Plastik auf. Jeder hat doch große Lust, zu Hause auf dem Tisch die Skulptur wieder nachzuahmen.

Peter Weibel: Ich würde fast sagen, die Arbeiten von Stephanie Senge sind so etwas wie eine "reductio ad absurdum". Wenn du sie genau anschaust, führen ihre dichten formalistischen Reduktionen eigentlich zu nichts.

Bazon Brock: Indem man die Objekte durch Herausnehmen vereinzelt, ist es möglich, sie minimalistisch zu betrachten, d.h. man kündigt die Vielfalt der Kontexte und Konstellationen auf. Die minimalistische Reduktion ist so gesehen eine Art Vereinzelungstechnik.

Peter Weibel: Senges Skulpturen sind ein Theater des Absurden, es sind sozusagen Beckettsche Dramen. Man muss die ganze Zeit lachen. Und diese Art von Witz und von Humor ist Beckett im Warenhaus, die „reductio ad absurdum“.
Nicht die Objekte sind lächerlich, sondern es ist die Funktion der Kunst als Spiegel. Ihre Arbeiten haben einen sehr starken subversiven Humor, der sich auf den Betrachter überträgt, sodass er sich selbst lächerlich vorkommt.

Bazon Brock: Das Prinzip, das dahinter steckt ist die Karikatur. Das Karikieren ist ja eine Art der Historik von Objektkarikaturen. In der Karikatur kann man besondere Dinge hervorheben wie z.B. die unglaubliche Kuriosität eines ausgestreckten Fingers. Oder die Krawatte, die eine Schlange sein will. Gleichzeitig ist es eine Karikatur unserer Gewohnheiten, nach den Prinzipien des skulpturalen Sehens alle banalen Dinge zu vereinnahmen.

Peter Weibel: Es stellt sich die Frage, ob es sich bei Stephanie Senges Arbeiten um Profanisierungen oder Sakralisierungen handelt?

Bazon Brock: Eher um Sakralisierungen. Alles, was sich aus dem natürlichen Kontext heraus bewähren muss, ist nur durch Sakralisierung dazu in der Lage. Wir haben vorhin an folgendes Modell gedacht: Jedes Kaufhaus macht das Angebot an die Konsumenten, ihre staatsbürgerliche Pflicht durch Konsum zu erfüllen. Die staatsbürgerliche Pflicht heißt: Konsumiere, weil nur so die Wirtschaft läuft. Da die Leute aber das, was sie konsumieren, gar nicht brauchen können, müssen sie die Gelegenheit haben,  die gekaufte Ware im Kaufhaus gleich wieder zurückzugeben. Der Warenzyklus besteht also darin, dass jemand die Ware in die Hand nimmt, bezahlt, sofort wieder zurückgeht und sie ins Regal zurücklegt. Normalerweise geht es ja so: Ich kaufe etwas, gehe aus dem Kaufhaus raus und schmeiße es in den Abfalleimer. Daher gehören diese riesengroßen Tonnen vor dem Kaufhaus selbst zum Kaufhaus. Da landet das, was wir gerade gekauft haben. Man sagt, man braucht es, aber in Wahrheit braucht es keiner. Waren werden in ihrer Bedeutung und Würde geadelt, indem sie jemand anfasst und dann wieder zurückstellt.

Peter Weibel: Das ist eine glänzende Beschreibung nicht nur des Warenkreislaufs, sondern des gesamten Universums. Dafür steht ja auch das Motto des berühmten Londoner Kaufhauses Harrods: Omnia omnibus ubique. Alles für alle überall.

Bazon Brock: Die Arbeiten von Stephanie Senge repräsentieren diesen würdevollen Umgang mit der Ware. Hier ist die Künstlerin gleichzeitig Kuratorin. Sie kuratiert, indem sie die von ihr gekauften Waren aus der Hand gibt. Das ist eine generöse Geste der Abtrennung von sich selbst. Ich gebe die Waren weg, ins Museum oder in den Müll zum Beispiel. Sonst will ja jeder alles bei sich behalten, alles anhäufen wie der Messie, der überwältigt ist von dem, was er alles hat, obwohl alles nur Müll ist.
Diese generöse Geste ist ein Appell an die Menschheit: „Gehen sie kaufen, damit sie sich befreien können.“ Denn diese verfemte Wegwerfgesellschaft beinhaltet von Grund auf die Möglichkeit der Emanzipation: Befrei dich von den Objekten, die dich fesseln. Das ist nicht nur im Sinne von Jenny Holzers „Protect me from what I want“ – das wäre die nächste Stufe –, sondern „Protect me from what I bought“. Das wäre ein wahnsinnig fortschrittlicher Aspekt des Kaufhauses, weil er der berühmten Nachhaltigkeitsstrategie widerspricht. Der Kaufakt ist dann der Akt des Weggebens, eine generöse Stiftung an die Welt, die keinen Appell mehr an mich richten kann. Wie der heilige Antonius aus Padua, der alles, was er besaß weggegeben hat. Die Weltgestaltung besteht also darin, alles aufzugeben, wegzugeben, zu verschenken.