Kunst im öffentlichen Raum Steiermark : Projekte 2009

Art in public space Styria

Kunst im öffentlichen Raum Steiermark : Projekte 2009
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Angaben der Verlagsmeldung: Der zweite Band der nun jährlich erscheinenden zweisprachigen (deutsch / englisch) Publikationsreihe über die im Rahmen von Kunst im öffentlichen Raum Steiermark realisierten Projekte des Jahres 2009 umfasst einleitende Essays, Theorie und KünstlerInnen-Meinungen zum Thema, ausführliche Textkommentare zu den Arbeiten sowie umfangreiche Bildmaterialien in Farbe. Das Buch dokumentiert Projekte unter anderem von Helmut und Johanna Kandl, Jochen Gerz, der Künstlergruppe IRWIN, Michael Kienzer, zweintopf, Werkstadt Graz, Christoph Perl, Markus Wilfling und vielen anderen.

Seite im Original: 202

Der Marathon der alltäglichen Lebensanstrengung

Zur Olympiade 1972 produzierte der Süddeutsche Rundfunk Stuttgart mein eklatantes Hörstück „Triumphe meines Willens“. Der Grundgedanke: Die Formen des pathetischen Sprechens, die von Leni Riefenstahls Reichsparteitagfilmen über die Wochenschauen des Dritten Reiches bis zu den Sportreportagen zur Fußballweltmeisterschaft 1954 kontinuierlich die öffentliche Rede von Göttern, Heroen, Kriegern, Unternehmern, Führern, Dichtern und Olympioniken bestimmten, auf die Alltagsverrichtungen der häuslichen- wie der Arbeitswelt zu übertragen.
Also: Von einer Fertigung einer Kunststoff formenden Tiefziehanlage der Firma Höchst genauso zu sprechen wie vom Panzer-Vormarsch in Russland und von einer häuslichen Kaffeetischszene an Sonntag Nachmittagen so zu berichten wie vom Olymp oder Parnass in großer Zeit.

Die Brücken zwischen den beiden Welten bildete der augiastische Triumph, den ich Live im eigenen 3000 Meter-Lauf innerhalb des Hörstücks zugleich ausdrückte und wie ein Reporter von Außen kommentierte. Mir schien gerade im Zeitalter der sogenannten 68er-Libertinage unter dem Motto „wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, die Orientierung auf jederzeitigen Orgasmus entweder in eine schon weit verbreitete Abstumpfungsimpotenz oder aber zur großen Enttäuschung über den sexuellen Lustgewinn zu führen drohte, zumal der von Natur aus als Prämie für arterhaltende Zeugungsanstrengung gedacht war, aber bei der sorglosen Verhütungssterilität der 68er ins Leere auslief.

Als Peter Iden und ich ab 1963 auf dem Bockenheimer Sport- und Kleingärtnergelände das tägliche Jogging erfanden, wurde uns schnell klar, wie viel befriedigender Augiasmus gegenüber Orgasmus sein kann. Mit Augiasmus bezeichnete ich jegliche herkulische Anstrengungslust, noch ohne zu wissen, dass unser Gehirn zur Vermeidung von Schmerzen bei Hochleistungen körpereigene Opiate nutzt, um das subjektive Empfinden von Erschöpfung zum Anzeichen des Gelingens werden zu lassen.

Der Großgrundbesitzer Augias hatte Herkules engagiert, damit er in einer übermenschlichen Anstrengung endlich „den Laden ausmiste“, der durch Verwahrlosung, Korruption, Misswirtschaft und Unverständnis im eigenen Unrat unterzugehen drohte. Herkules stellte das ökologische Gleichgewicht wieder her, indem er eine Kanalisation baute, die durch natürliche Gefälleströmung den aufgestauten Dreck abtransportierte. Den augiastischen Lustgewinn, den Herkules aus allen seinen Taten zog, hatten offensichtlich die Bürger als Lust durch Pflichterfüllung genutzt, um zur führenden sozialen Schicht aufzusteigen. Daran galt es, meine Zeitgenossen zu erinnern, die als anstrengungslose Zeitgenießer verstärkt darüber klagten, in ihrem Dasein immer weniger Befriedigung zu finden. Der jüngere Teil der Zeitgenossen verschaffte sich augiastische Anstrengungslust in sportlichen Herausforderungen, die aber als Jogging auch für den Durchschnittsmenschen realisierbar wurde. In meinen pausenlosen Lehrveranstaltungen, vor allen von Montags 14 bis 19 Uhr, versuchte ich den Jungen wieder ein Gefühl für Durchhaltewillen als Chance zu eröffnen, täglich etwas so zu leisten, dass man sagen kann, es war gut. Daraus ergab sich ein sinnvolles Verständnis des Sonntagsfriedens, der aus der befriedigenden Feststellung des Gelungenen die Energie für die kommenden Anstrengungen schöpfen ließ. Jede Schöpfung erweist sich in lustvoller Erschöpfung als gelungen, zumindest als beendet, wenn nicht gar als vollendet im Beenden. Demnach musste die sportive Olympiade zur Belohnung mit Augiasmen überführt werden in die tägliche Olympiade der Lebensanstrengungen, damit das Beenden wieder mit dem Vollenden zusammengeführt würde.

Sowenig der Orgasmus auf längere Sicht vom Gelingen sozialer Bindungsversprechen abgelöst werden kann, sowenig kann der Augiasmus von der Sinnhaftigkeit sozialer Arbeit zu Gunsten sportiver Zweckfreiheit abgekoppelt werden. Am Ende ist es doch höchst unbefriedigend, sich Anstrengungslust zu verschaffen, ohne dass daraus das Gelingen eines Projekts jenseits des bloßen Lustgewinns, sei er orgiastisch oder augiastisch, folgt. Lust als Prämie der Anstrengung ist ohne die Verpflichtung auf eine Aufgabe nicht dauerhaft regenerierbar. Das darüber hinaus führende Projekt nannten die Bürger Verpflichtung oder kurz, Pflichterfüllung. Deren höchster Ausdruck war die Erfüllung der „Pflichten des Tages“, wie das seit den Stoikern gelehrt wurde – auch wenn es schier unglaublich zu sein scheint, dass selbst singuläre Großwerke der Wissenschaftler und Künstler sich der treulichen Besorgung eines täglichen Pflichtpensums verdanken. Unglaublich, aber wahr! Das zu bezeugen, hängte Joachim Baur jedem Stadtolympioniken in Graz eine Medaille als Mini-Disc mit meinem Hörspiel um den Hals.