Auf Leben und Tod: der Mensch in Malerei und Fotografie

Auf Leben und Tod: der Mensch in Malerei und Fotografie
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Sammlung Teutloff zu Gast im Wallraf 17. September 2010 - 9. Januar 2011 im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

Seite im Original: 10

Über die Dramaturgie der Verknüpfung von Anfang und Ende

Sicherheit der Prophetie: Altern ist die Zukunft der Jugend

Warum dürfen wir darauf vertrauen, dass unsere Biographieentwürfe sinnvoll sein können? Sinnvoll heißt, unsere Herkunft mit unserer Zukunft verbunden zu haben und dabei nicht bloß eine beliebige Zukunft zu imaginieren, sondern eine die sich aus der Entwicklungslogik unseres bisherigen Lebens erschließt. Es geht also um eine Prophetie und nicht um ein magisches Wunschdenken.

Das für jedermann entscheidende Beispiel für die Sinnhaftigkeit einer solchen Prophetie bietet die Aussage, Alter sei die Zukunft der Jungen. Das ist in jeder Hinsicht stimmig, obwohl ja, wie wir gerne behaupten, die Zukunft ganz unbestimmt sei.

Am Beispiel dieser 100-% zutreffenden Prophetie gewinnen wir das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit derartiger Orientierung auf die Zukunft. Das widerspricht nicht der natürlichen Auffassung, Leben sei ein Prozess der Entwicklung – aber eben nicht ein Prozess beliebiger Veränderungen oder Abweichungen. Mit Entwicklung (Evolution) wird ja die Entfaltung dessen angesprochen, was in uns, bei einer bestimmten Lebenswelt und in bestimmten zeitgeschichtlichen Kontexten angelegt ist.

Entwicklung meint also die Entfaltung unseres Potenzials. Deshalb hören wir mit besonderem Interesse auf Äußerungen von Eltern, Verwandten oder Lehrern, dass in jemand offensichtlich ein ganzer Kerl stecke oder umgekehrt, dass an jemand ein großartiger Arzt oder Kaufmann verloren gegangen sei.

Die biblische Weisheit ermahnt uns, mit unseren Pfunden zu wuchern, also unser Potenzial weitestgehend zu entfalten. Der Alltagsrealismus folgt dem immerhin noch mit der Empfehlung, das Beste aus uns zu machen, wobei das Beste die erheblichen Unterschiede zwischen den Entwicklungspotenzialen von Individuen bezeichnen. Mögen auch die Menschen sehr unterschiedlich ausgestattet sein – wenn jeder mit Blick auf sein Potenzial sich die größte Entwicklungsanstrengung abverlangt, ist der Handwerker auf die gleiche Weise zu würdigen wie der Hochleistungsingenieur. Diese gleich Wertvollen und Anerkennungswürdigen können dann völlig unabhängig von dem, was sie im Laufe ihres Lebens aus der Potenzialität in die Realität brachten, am Ende feststellen, dass „es gut war“ oder dass ihnen ihr Leben gelungen ist.

Transzendierung des Endes durch Auferstehung

Bei aller Anerkennung, dass ein gelebtes Leben gelungen sei, wird von so gut wie jedermann, wenigstens mit Blick auf das eigene Lebensende, gefragt, ob es nicht mit der Feststellung des Endes auch ein Jenseits des Endes geben müsse und natürlich auch ein Jenseits des Anfangs.

Letztere Frage ist schnell beantwortet: Bevor wir ins Leben treten sind wir Bestandteil des Zeugungs- und Wirkungspotenzials unserer Eltern und von deren Eltern, weshalb wir uns selbst in der Vergangenheit auffindbar werden lassen, wenn wir mit geschichtlichem Bewusstsein dem Gewesenen huldigen wie der Adel seinen Stammbaum (Von Adel ist nur, wer seinen Stammbaum pflegt, also Geschichtlichkeit zu praktizieren weiß).

Die Antwort auf die Frage nach dem Jenseits des Endes lautet seit Gutenberg: Wer schreibt, der bleibt. Das heißt, wer sich ins Gedächtnis der Mitlebenden einschreibt, kann das Ende seines Lebens in die weiteste Zukunft hinausschieben, indem er real-physische Präsenz in eine virtuelle verwandelt.

In vielen zurückliegenden Zeiten war das relativ einfach zu bewerkstelligen, weil es nur wenige „unsterbliche Autoren“ oder Staatengründer, Künstler oder Stifter von Weltanschauungen, Lebensretter oder Notwandler gab, denn alle derartigen Kulturheroen wirkten in relativ kleinen voneinander abgegrenzten Gemeinschaften. Im Zeitalter der Globalisierung ist die Zahl der ins Gedächtnis der Kollektive Eingeschriebenen viel zu groß, als das auch nur noch die Bildungsbeflissensten in der Lage wären, die Namen der Unsterblichen zu memorieren. Eine gewisse Erleichterung bieten immerhin Institutionen wie Museen, Universitäten und Archive, zu deren Leistungen eben die ständige Wiederholung eines Namens- und Titelkanons gehört (relegere, also immer wieder lesen, ist eine der Begründungen von Religion). Die Institutionen garantieren in gewissen Maßen die ewige Wiederkehr durch ewige Wiederholung mit der Tendenz der Aufbewahrung des Kanons für alle Zeit.

Bei weltweit Millionen von Namen der Erinnerungswürdigen kann es niemandem mehr gelingen, den Kulturheroen Unsterblichkeit dadurch zu garantieren, dass man deren Namen wenigstens einmal pro Jahr im Munde führt, geschweige denn sich ausdrücklich der Überlieferung von deren Denken und Wirken widmet. Wer heute angesichts des Namensfriedhofs Internet wie einstmals General Stumm von Bordwehr im Katalograum der Wiener Staatsbibliothek mit Entsetzen auf die Zumutung reagiert, Autorennamen zu würdigen hieße notwendig, ihre Bücher nicht zu lesen, muss sich fragen, was dann noch Dienst am ewigen Gedächtnis der Menschheit bedeuten könne. Soweit selbst Wissenschaftler mit jeder angeführten Fußnote zu erkennen geben, dass sie Angeber und nicht mehr Kenner der angeblich zitierten Werke seien und sich auf Vorhaltung mit der Gegenfrage entlasten, wie sie denn schreiben könnten, wenn sie andauernd lesen müssten, scheint der Zusammenbruch des kollektiven Gedächtnisses bereits vollzogen.

Die Erklärung, selbst Künste und Wissenschaften seien inzwischen von den kapitalistischen Verwertungszusammenhängen geprägt, hilft nicht weiter. Wir haben uns vielmehr an die Grundeinsicht der Wissenschaften zu erinnern, dass Schreiben und Komponieren und Malen und industrielles Produzieren nur durch ihre Komplemente Lesen und Zuhören und Betrachten und Konsumieren sinnvoll bestimmt werden können: Was nicht gelernt wurde, wurde auch nicht gelehrt. Was nicht gelesen wird, ist nicht geschrieben worden usw. Wir können uns also nur als Schreiber oder Zeichner behaupten, wenn wir selber lesen und uns auf Betrachtung verpflichten. In dieser Orientierung auf Komplementarität haben Bibliotheken oder Museen eben nicht nur ehemals geschaffene Artefakte zu sammeln und zu konservieren, sondern für deren Wahrnehmung zu sorgen.

Die Bedingung der Möglichkeit des Schreibens ist das Lesen. Die Bedingung der Möglichkeit etwas hervorzubringen, ist die Bereitschaft, das bereits Geschaffene durch Aneignung zu würdigen. Das hieß einst „l’art pour l’art“ und wurde völlig missverstanden als zirkulärer Selbstlauf. Wer Malen will, muss sich zum Betrachter der Gemälde anderer heranbilden. Zu schreiben ist nur sinnvoll, wenn man selber liest. Darin liegt noch der tiefste, heute leider völlig vergessene Sinn der Gründung von Akademien der Wissenschaften und der Künste, dass deren Mitglieder sich wechselseitig garantieren, dass das Geschriebene auch gelesen und das Gemalte auch betrachtet wird. Denn Mitteilungen gelingen nur, wo man miteinander teilt.

Insofern ist die Lieblingsmaxime von Soziologen, die Entwicklung der Moderne sei durch immer weitergehende Ausdifferenzierung von Funktionstypiken gekennzeichnet, widerlegt: Lesen ist nicht eine Ausdifferenzierung gegenüber dem Schreiben, Bildbetrachtung nicht eine Ausdifferenzierung gegenüber dem Bildermachen, sondern deren Komplement. In der These von der immer weiter gehenden Ausdifferenzierung steckt zugleich die Erklärung dafür, warum ein derartiges Verständnis von Wissenschaft zu ihrer Marginalisierung geführt hat.
Den allgewaltigen Verwertungszusammenhang parodierte der unsterbliche Loriot mit seiner Huldigung an den „Advent“, an dem eine Förstersfrau die zerstückelten, d. h. „ausdifferenzierten“ Glieder ihres verewigten Gatten dem Nikolaus als hübsch verpackte Gaben anvertraut. Einstmals war die Liebe darauf verpflichtet, die disiectae membrae, die aus dem Zusammenhang des Lebens gerissenen Körperteile von Osiris, Dionysos oder Christus wieder zusammen zu fügen im Begriff der Auferstehung. Die Loriot’sche Kritik setzt dieser Glorie den zeitgemäßen Prozess der konsumeristischen Resteverwertung entgegen.

Immerhin gelingen auch heute noch kleine Auferstehungen, soweit wir an unseren Videogeräten und DVD-Playern durch das immer erneute Abspielen von Dokumentationen historischer Ereignisse die längst verstorbenen Personen wieder und wieder verlebendigen. Generell gilt, dass die technologischen Innovationen zu einem guten Teil im Bestreben erreicht wurden, theologische Zentralbegriffe wie „Auferstehung“ und „Ewigkeit“ faktisch werden zu lassen. Aber so sehr wir auch auf die Theotechnologie vertrauen, das technisch eingelöste theologische Versprechen bleibt von unserer Bereitschaft abhängig, die alltäglichen Wunder der Transzendierung aller Grenzen als bloße logische Konsequenz von Grenzziehung anzuerkennen. Man muss eben Grenzen ziehen, um Grenzen überschreiten zu können.

Optionalismus: Leben aus der Antizipation von Möglichkeiten

Unter denjenigen, die bei Arbeitsplatzwechsel einen Ausblick auf ihr zukünftiges Verhalten durch eigenhändige Darstellung ihres bisherigen Lebenslaufs eröffnen müssen, versuchen viele den Schwierigkeiten der Lebenssinnstiftung in der Verknüpfung von Beginnen und Beenden dadurch zu entgehen, dass sie sich nicht auf ein Ende ihrer Biographie orientieren, sondern auf viele mögliche Abschlüsse. So mancher meint, dass er dem Entscheidungsdruck durch Verweis auf jeweils andere Möglichkeiten der Fortsetzung des Lebenslaufs entgehen könnte. Er will nach dem Muster der Börsenspekulation, also des Handelns mit diversen Optionen, sich alle Möglichkeiten offen halten. Groß ist aber die Enttäuschung, wenn er feststellen muss, dass Optionen nicht nur eröffnet, sondern auch gelöscht werden durch den Fortgang des Lebens.

Ein gutes Beispiel bieten jene Singles oder Paare, die der Entscheidung zum Kind mit dem Hinweis zu entkommen glauben, dass ihnen die Optionen fürs Kinderkriegen ja immer noch erhalten blieben, wenn erst Berufseinstiege geschafft, soziale Netzwerke geknüpft und ein hinlängliches Einkommen auch zukünftig erreichbar seien.
Wer es mit einer Frau nicht aushält, glaubt es mit diversen anderen doch erreichen zu können. Allzu häufig wird, nach dem Beispiel Hollywoodesker Gesellschaftseliten, dann der Reigen der Scheidungen und Wiederverehelichungen eröffnet. Was herauskommt ist aber nicht eine Erfahrung des Besseren. Denn die Alternativen zu nicht optimalen Gegebenheiten des Zusammenlebens bestehen nicht im dauernden Wechsel der Verhältnisse, in denen aber jeweils die gleichen leidvollen Erfahrungen der Unzumutbarkeit und Nichtertragbarkeit gemacht werden. Optionalismus meint also nicht das beliebige Herumspringen von einer Möglichkeit zur anderen nach der jeweiligen Erfahrung des Misslingens. Sondern?

Wer mit 20-25 Jahren die sich ihm eröffnenden Möglichkeiten sortiert, eine unter den ein Dutzend heiratbaren Freundinnen wählen zu müssen, weil man sich nur mit einer und nicht mit allen verbinden kann, so wünschenswert das auch wäre, entgeht der Qual der Wahl auch dann nicht, wenn er nacheinander möglichst viele der zwölf Optionen realisiert.

Er wird seinem tiefstem Bedürfnis nach Erfüllung nur dann näher kommen, wenn es ihm gelingt, im Zusammenleben mit der nun einmal gewählten Partnerin den Bezug auf die Nichtgewählten produktiv werden zu lassen. Das Wünschen hilft ja nur solange, wie die Wünsche stark bleiben und das heißt, solange die Wünsche nicht erfüllt werden. Glücklich kann sich schätzen, wer eine Partnerin oder Partner hat, die es ihm erlauben, seine Wünsche gerade deshalb ausleben zu dürfen, weil sie ja prinzipiell nicht in Erfüllung gehen dürfen und also auch nicht das bestehende Verhältnis gefährden.

Man lebt schließlich nicht aus der Fülle je gelungener Wunscherfüllungen, sondern aus der Kraft des Wünschens. Man lebt nicht von der Verwirklichung der eröffneten Möglichkeiten, sondern von der immer weitergehenden Komplementierung der je gegebenen Realitäten durch das Unerreichte, ja prinzipiell Unerreichbare. Deshalb kann man auch nicht das Urteil des kleinbürgerlichen Triumphalismus über ältere Menschen akzeptieren, dem zu Folge die Betreffenden alle großen Möglichkeiten schon hinter sich hätten. Deren Lebenskraft und Perspektive wird sich vielmehr aus ihrem zur Geltung gebrachten Möglichkeitssinn erweisen.

Solchen Möglichkeitssinn beschrieb Robert Musil im schon angesprochenen Roman „Mann ohne Eigenschaften“ als Komplement zu dem uns unabdingbaren Wirklichkeitssinn, mit dem wir uns den Anforderungen der alltäglichen Lebensanstrengung gewachsen zeigen. Unseren Möglichkeitssinn durch Verweis auf die Realitäten zu schulen, ist die vornehmste Aufgabe der Künste in all ihren Ausprägungen – gerade wenn jedermann klar ist, dass es sich bei Romanen, Gemälden, Kompositionen um Eröffnungen von Lebensaspekten handelt, die wirksam werden, ohne dass wir eine Romanhandlung in unserem eigenen Leben realisieren oder eine Bildwahrnehmung in Umgestaltung unserer Wohnung überführen.
Die Ausstellung „Auf Leben und Tod“ bietet uns statt der dualistischen Entgegensetzung der Sphären eine Fülle von Beispielen für die Einheit der Komplementaritäten von Gegenwart und Vergangenheit, von Heil und Zerstörung, von Gut und Böse, von Wirklichkeit und Möglichkeit, von Realität und Potentialität, von Sterblich und Unsterblich und dergleichen. Wer die Beispiele für sich akzeptiert, macht die Erfahrung größter Steigerung seiner Lebenskraft, ohne realitätsflüchtig zu werden, also ohne die alltägliche Erfahrung ihm gesetzter Grenzen zu leugnen. Er wird diese Grenzen in höchstem Maße zu schätzen lernen, weil er sie mit einem delikaten Möglichkeitssinn zu überschreiten vermag.