Aspekte - Die Einmaligkeit des Lebens

Dauerausstellung auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe

Aspekte: Die Einmaligkeit des Lebens | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Unter dem Titel "Aspekte - Die Einmaligkeit des Lebens" ist auf dem Hauptfriedhof der Stadt Karlsruhe ein richtungsweisendes Friedhofsgestaltungsprojekt entstanden, das als Dauerausstellung seit Juni 2011 bundesweit für große Aufmerksamkeit sorgt.

Zweiundsechzig namhafte Gestalter, Bildhauer und Steinmetze aus Deutschland und der Schweiz zeigen an ausgewählten Grabstellen ihre gestalterische Antwort auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Entstanden sind Grabskulpturen und Stelen, ebenso außergewöhnliche Kompositionen und Installationen aus Naturstein, Holz, Glas, Metall und weiteren Materialien - allen gemeinsam: eine intensive Auseinandersetzung mit der "Einmaligkeit des Lebens". Im Mittelpunkt stehen Symbolik, Sinn, Aufgabe und Funktion von Grabgestaltung gleichermaßen wie moderne Grabkunst sowie Erinnerungs- und Trauerkultur.

Die außergewöhnlichen gestalterischen Interpretationen gaben die Initialzündung zu diesem Ausstellungskatalog.

Seite im Original: 11

Ein Friedhof senkrecht in den Himmel - zu einer innerstädtischen Todesheimat

Aus: Ästhetik als Vermittlung. Arbeitsbiographie eines Generalisten (gekürzte und aktualisierte Version einer Planungsskizze; erstveröffentlichung: Köln, DuMont, 1977. S. 783-85.)

Mit einigem Grund darf man den Beginn der humanen Zivilisation mit dem Zeitpunkt ansetzen, da eine Gesellschaft ihre Toten nicht mehr als Abfall verscharrt, sondern sie in der Gemeinschaft der Lebenden präsent hält. Der interkulturelle Vergleich lehrt uns, dass tatsächlich das Gegenwärtigbleiben der Toten eine entscheidende Rolle im Zivilisationsprozess spielt. Wie die einzelnen Gesellschaften diese Vergegenwärtigung leisten, ist erst von sekundärer Bedeutung, obwohl diese Vergegenwärtigungsformen nicht beliebig sind.

Jeder Zivilisationsprozess entfaltet sich entwicklungsgeschichtlich über die Thematisierung

1 des Machtgedankens (die Herausbildung einer Sozialstruktur);

2 des Todesgedankens (die Herausbildung von Geschichtlichkeit);

3 des Gottesgedankens (die Herausbildung der Struktur des Kosmos);

4 des Heroengedankens (die Herausbildung von Individualität);

5 des Wahrheitsgedankens (die Herausbildung von Gesetzmäßigkeit).

Der Zivilisationsprozess ist voll entfaltet, sobald eine Gesellschaft im Zusammenleben ihrer Mitglieder diese einzelnen Thematisierungen miteinander in Bezug setzt; sobald also mit Wahrheitsanspruch die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens im natürlichen Kosmos von den Individuen in deren Lebensäußerungen repräsentiert wird.

Vom Tod kann man immer nur sinnvoll im Hinblick auf die Todeserfahrung der lebenden Individuen sprechen, also nur im Hinblick darauf, wie das Wissen um die Bedingtheit des menschlichen Lebens sich konkret auf die Bewältigung der Lebensanstrengung auswirkt. Die Todeserfahrung der Individuen ist gelungen, wenn sie die Geschichte ihres gegenwärtigen Lebens in der Gesellschaft von Menschen sub specie determinationes sehen können, also die Gegenwart bereits als Teil der Vergangenheit begreifen können.

In unserem Kulturkreis leistete das beispielsweise der griechische Held, der die Grenze zwischen Leben und Tod dadurch aufheben konnte, dass er sich bereits im Diesseits als Toter bestimmte, insofern es ihm möglich war, vorauszuerfahren, wie seine polis seine Taten für die polis als Basis des Überlebens des Toten in der Gesellschaft anerkennen würde. Das leistete für den königlichen Auftraggeber der Künstler, der den noch lebenden König auf seinem Grabmonument bereits als Toten darstellte; und zwar einerseits als verewigten Lebenden, der in alle Zeiten in Gestalt und Habit als König präsent bleibt, und andererseits den Lebenden bereits als würmerzerfressene Leiche vor Augen führt. Den Kern der Vergegenwärtigungsanstrengungen in unserer kulturellen Tradition bildet die Gewichtung der Bedeutung, die dem Gegenwärtigbleiben eines konkreten historischen Individuums einerseits, und dessen Beitrag zur Kultur seiner Gesellschaft andererseits, zugemessen wird. Bislang ist das geschichtliche Überleben der Personen davon abhängig gewesen, wieweit ihre Werke von ihrem Lebensprozess abspaltbar waren. Zudem hatten diese Werke einen bestimmten Werkcharakter zu haben, wie er im Extremfall dem künstlerischen Werk zugestanden wird. Deshalb konnten alle diejenigen Mitglieder der Gesellschaft nicht überleben, die solche abspaltbaren Werke aufgrund ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht hervorbrachten, obwohl ihr Leben und Arbeiten erst das Fortbestehen der Gesellschaft garantierten. [...]

Die Toten unter den Lebenden gegenwärtig zu halten, heißt eben nichts anderes, als den Anspruch der Individuen gegen die kollektive Anonymität durchzusetzen; und zwar unabhängig von ihren Werken, allein im Hinblick auf die Tatsache, dass sie und wie sie ihr Leben bestanden.

Der Nutzungswandel der Friedhöfe und die in der herkömmlichen Weise nicht mehr bewältigbare Anzahl von Toten sollte nicht nur dazu führen, neue Friedhofsformen zu finden, die den Gegebenheiten einer Massengesellschaft Rechnung tragen. Vielmehr muss die Totenkultur insgesamt eine neue Funktion gewinnen. Ansätze zu neuen Friedhofsformen wurden beispielsweise so geboten, wie Nanda Vigo sie beschrieb: Als Friedhofshochhäuser inmitten der Metropolen. Die neue Funktion ist mit derlei Entwürfen noch nicht gegeben. Auch Hans Holleins Vorschläge, Hünengräber über Wien anzulegen oder riesige Eisenbahnwaggons als Kultmale und Totenspeicher aufzustellen oder aber die Toten in metallenen Heimgräbern zu konservieren, zielen noch nicht auf einen neuen Umgang der Lebenden mit den Toten. Ebensowenig wie die amerikanischen Gärten der Freiheit, die die Toten in die Natur reintegrieren, wo sie von den Besuchern im Naturgenuss gewürdigt werden können.

Ebenso wenig wie meine eigenen Vorschläge, die Untergrundbahnschächte mit Grabkammern auszustatten, um jeden Verkehrsteilnehmer täglich auf einem solchen Gang durch die Unterwelt zur Anstrengung seines Erinnerungsvermögens anzuhalten. Oder aber das gleiche zu erreichen, indem man auf Fußballfeldern oder unter Autobahntrassen die Toten unter sichtbare Grabplatten legt.

Eher schon verweist jener japanische Admiral auf diese Funktion, der schon seit 25 Jahren täglich acht Stunden lang die Namen der unter seinem Kommando gefallenen Soldaten öffentlich repetiert. Auch die Vorstellungen, Bürgerdienste einzuführen, die von Wohnblock zu Wohnblock ein bestimmtes Kontingent an Toten betreuen (indem sie sich gegenseitig der Sozialpflicht unterwerfen, in Rekonstruktionen der toten Leben ihr eigenes Leben auszudehnen) dürfte nur ein Teilaspekt dieser Grundfunktion sein.

Mein Vorschlag wäre, Nandas Totenhochhäuser in den Metropolen zu bauen, aber mit einer zusätzlichen entscheidenden Erweiterung zu versehen. Unter Verwendung der zeitgemäßen Datenverarbeitungsanlagen und der an sie anschließbaren Medien sollte den einzelnen Bürgern Gelegenheit geboten werden, das eigene Leben fortgesetzt zu dokumentieren und zu interpretieren, das heißt, langsam seine eigene Biographie im Hinblick darauf, wie ihn andere sehen sollten, zu entwickeln. Das hätte unter der Voraussetzung zu geschehen, dass diese audiovisuellen Denkmäler von jedermann einsehbar wären und demzufolge auch von jedermann als beispielhafte Vorlagen für die eigene Monumentalisierung genutzt werden können. Die Folge dieser Transzendierung des eigenen Lebens wäre eben die Veränderung der Lebensführung und der Nutzung des Lebens. [...]

Eine solche Totenheimat bildete dann tatsächlich ein Kommunikationszentrum, weil es den einzelnen Kommunizierenden erlaubt, sich selbst zum Beispiel zu erhöhen. Durch die elektronischen Medien ließe sich so auch zum ersten Mal konkret eine Ahnung von dem Bezugsgeflecht vermitteln, das die sich durchkreuzenden Lebensspuren Einzelner zur Gesellschaft werden lassen. Zudem könnte in dieser Totenheimat wieder eine Vielzahl von Künstlern eine neue Berufsrolle finden, indem sie als Trainer für den Aufbau bzw. die Rekonstruktion und die beispielhafte Nutzung von Biographien sich den ungeübten Bürgern anbieten. [...]