Phantasie in Kultur und Wirtschaft

Phantasie in Kultur und Wirtschaft | Hrsg. von Erna Lackner. Innsbruck u.a.: Studienverlag, 2013.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Phantasie lässt keinen Wunsch offen – aber sie erfüllt auch keinen. Faszinierend ist ihre Grenzenlosigkeit, doch das macht sie auch zu einem diffusen und ambivalenten Begriff: Sie ist Vorstellungsvermögen, Einbildungskraft, Idee, Imagination, Traumgebilde, Trugbild. Ohne Phantasie entsteht nichts – keine Kunst, kein Unternehmen, kein Produkt, keine neue Erkenntnis, kein bahnbrechendes Forschungsergebnis. Aber um zur Welt zu kommen, braucht sie auch Vorgaben, Disziplinierung, Wissen, Handwerk, Formgebung, Tatkraft. Kunst und heutige Kreativbranchen haben die Phantasie nicht exklusiv gepachtet, sondern auch in der Wirtschaft und Wissenschaft spielt sie eine grundlegende Rolle. Die ganze Bandbreite der Phantasie – als unseren guten Genius, aber auch Dämon – beleuchten in diesem Buch Unternehmensgründer und Philosophen, Naturwissenschaftler und Meinungsforscher, Psychoanalytiker, Werbe- und Medienfachleute, Kreative, Kulturmanager und Künstler.

Mit Beiträgen von: Christian Bartenbach, Rudolf Bretschneider, Bazon Brock, Rudolf Burger, Erhard Busek, Felix de Mendelssohn, Peter Edelmann, Dietmar Ecker, Hannes Erler, Maximilian Fliessbach gen. Marsilius, Olga Flor, Heidi Glück, Marianne Gruber, Reinhard Haller, Sonja Hammerschmid, Oliver Handlos, Markus Hinterhäuser, Angelika Kofler, Rainer M. Köppl, Brigitte Kössner-Skoff, Christoph Mader, Hellmuth Matiasek, Renée Schroeder, Michael Thurow, Karlheinz Töchterle, Valentine Troi, Peter Zoller

Erna Lackner, Journalistin in Wien. Start bei der „Kleinen Zeitung", dann Redakteurin im Magazin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung", zuletzt auch Kolumnistin der „Presse". Schreibt für die F.A.Z. über österreichische Politik und Kultur sowie Essays für deutsche Magazine.

Seite im Original: 13

Phantasie in der Ohnmacht

Wirklichkeitssinn durch Möglichkeitssinn

"Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann.
Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehn; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist."

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

In Anknüpfung an das Musil-Zitat kann man sich leicht vorstellen, was bei einer Systematisierung dieses Ansatzes herauskäme: nämlich parallel zur Geschichte bzw. anstelle der Geschichte des faktisch Geschehenen eine Geschichte des Nichtgeschehenen zu setzen.

Diese Geschichte des Nichtgeschehenen bezöge sich aber nicht einfach auf das, was nicht stattfand, sondern vielmehr darauf, was durch eine andere Aktionsform bestimmt wäre, zum Beispiel durch die Aktionsform des Unterlassens als eine Art des Handelns. Denken Sie etwa an die Entwicklungen gegen bestimmte faktische Gegebenheiten im Wirtschaftsleben, sagen wir in der Plutoniumwirtschaft, etabliert in den Atomkraftwerken; denken Sie an die Bewegung dagegen, dann verstehen Sie, was mit der Geschichte des Nichtgeschehenen gemeint ist: die Ereignishaftigkeit dessen, was unterlassen wurde. Wie Sie alle wissen, verlangt das zu Unterlassende oft viel mehr Aktionsfähigkeit oder Phantasie, Vorstellungsvermögen und Aktionslust als das tatsächlich Geschehene. Sie brauchen nur an Ihre Leidenschaft als Raucher zu denken: Zu rauchen ist für den Raucher eine großartige Sache, aber nicht zu rauchen, verlangt ihm eine höhere Anstrengung ab als das Rauchen selbst. Und das gilt prinzipiell für alles historische Tun. Das Unterlassen ist inzwischen die entscheidende Form des Handelns geworden. Es ist nicht: nichts tun, sondern nicht tun – wobei wir die ältesten Traditionen, etwa den Buddhismus mit Laotse als Autor rund 500 v. Chr., mit verschiedenen Traditionen anderer Zeiträume ohne Weiteres in Übereinstimmung bringen können.

Das bedeutet nun, dass wir unsere Untersuchung im Hinblick auf den Möglichkeitssinn und auf die Phantasie in einer anderen Weise zu führen haben. Wir können nicht mehr der Naivität folgen, die 1968 forderte: Phantasie an die Macht! Die Herrschaften, die das gefordert haben, sind heute im Pensionsalter und beziehen durchschnittlich 20.000 Euro Monatssalär, etwa als Europaabgeordnete und Pensionäre lokaler Parlamente – so dass man ihnen nur bestätigen kann, Phantasie an die Macht hieß: an die Töpfe zu kommen, an die sie schließlich auch angeschlossen worden sind. Die höchsten Repräsentanten – denken Sie nur an einen Mann wie Joschka Fischer – sind heute Großverdiener unter all denen, die damals gefordert haben, die Alternative als der Möglichkeitssinn, also die Phantasie habe endlich anerkannt zu werden. Und man kann nun nur bestätigen: Wer 18.000 oder 20.000 Euro für einen Vortrag bekommt, der hat wirklich die Phantasie auf seiner Seite! Alles, was er sagen kann, müsste das Publikum ja nur auffordern, sich die Rede selbst zu halten – denn das bisschen Geschnurre, das der Redner vorträgt, ist keine 800 Euro wert.

Mein zweiter Aspekt der alltäglichen Anschauung für die Phantasie in Wirtschaft und Kultur stammt aus jüngster Erfahrung, sagen wir aus den letzten fünf Jahren. Es ist doch wohl so, dass die große Krise – mit all ihren verschiedensten Nachfolgekrisen –, die die gesamte westliche Welt erfasst hat, durch zu viel Phantasie entstanden ist. Die Finanzindustrie hat das Desaster durch eine unglaubliche Phantasie beim Entwerfen strukturierter Produkte entwickelt. Diese Produkte waren so phantasievoll, dass sie schließlich von niemandem mehr beherrscht werden konnten – und dazu den Vorteil hatten, dass niemand für sie verantwortlich gemacht werden konnte, weil sie aus der Hand der Akteure in das Medium der technischen Realisateure, der Hochgeschwindigkeitsrechner in den Börsen, übergegangen waren.

Phantasie an die Macht ist also einerseits eine Aufforderung, sich an den Fleischtöpfen der Gesellschaft zu bedienen, und andererseits die Aufforderung zu einer Form legaler Kriminalität. Wir müssen feststellen, dass sich zwischen diesen beiden Großbereichen das Auf-die-Kacke-Hauen – eine deutsche Redewendung, aber hoffähig, also die Sau rauslassen, mal richtig zeigen, was man alles kann – Allmachtsphantasien entwickeln, wie wir sie etwa beim Führer eines unserer großen Verlagshäuser und anderswo sahen. Der Betreffende hat seine Phantasie für dieses Superding, das Höchste aller Vorstellbarkeiten auch in der Erfindung eines Namens entwickelt: In Arcandor knüpfte er das Arkanische und Or, das Gold, zusammen, er wollte also ausdrücken, dass das, was diese Manager des Empire, was diese Herrscher der Welt zustandebringen, wirklich den Ausdruck des Höchsten, Kostbarsten in der europäischen Geschichte darstellt. Arkanisches Wissen von vergoldeter Qualität, also von Angeboten, die man nicht ablehnen kann. Genau das kennzeichnet ja die legale Kriminalität.

Wie Sie wissen, ist die Geschichte nicht bestimmt durch Auseinandersetzungen zwischen Rassen, Klassen, Geschlechtern und Ähnlichem, sondern zwischen legaler und illegaler Kriminalität. Der Staat ist auf der Seite der legalen Kriminalität, denn was er tut, ist per se legal und alle anderen, die dasselbe tun, aber in Gegnerschaft zum Staat, sind damit illegal. Eine alte Weisheit lautet: Zwischen einer kriminellen Bande und einem legalen Staat gibt es keinen Unterschied außer den, dass das eine legal ist und das andere illegal. Das führt, aus der Konsequenz dieses Pathos, die Phantasie an die Macht. Es gibt heute keinen Bereich, in dem die Phantasie so stark an der Macht ist wie in dem der Kriminalität. Und das beweist eigentlich wirklich, dass man mit dieser Forderung sehr leichtfertig umgegangen ist, ja vielleicht sogar in bewusster Absicht provokativ, um zu zeigen, was denn tatsächlich die Wirksamkeit von Phantasien bedeutet – nämlich ein Entkopplungsgeschehen, das auf der anderen Seite natürlich mit dem Kopplungsgeschehen verwandt ist, also zur Anthropologie unserer Fähigkeit gehört, Verbindlichkeiten zu erzeugen.

Das eine ist die menschliche Fähigkeit, zu antizipieren, also im Voraus virtuell und gedanklich abzuschätzen, was wohl die Konsequenzen einer bestimmten Handlung sein könnten. Wenn vor 25.000 Jahren in einer Höhle 18 Männer zwischen 15 und 24 Jahren saßen und eine entsprechende Anzahl von Frauen mit Kindern, dann musste Nahrung herbeigeschafft werden. Die war nur zu beschaffen, wenn sich die fünfzehn- bis vierundzwanzigjährigen Männer zusammensetzten und ununterbrochen antizipierten, sich also vorstellten, was passieren würde, sobald einer von ihnen den Kopf aus der Höhle heraussteckte. Man weiß das heute aus großen Sammlungen in Südafrika, wo es ganze Pyramiden von Scalps, Schädeln und Knochen gibt, an denen man noch die Spuren der Greiftatzen sieht, die dem ersten, der unvorsichtigerweise nicht antizipierend den Kopf aus der Höhle steckte, sofort den Scalp abgezogen haben.

Man musste also lernen zu antizipieren, das heißt, alles zu erwarten, was als Konsequenz des Herausgehens aus der Höhle möglich wäre, um durch die Erwartung des Schlimmsten – im späteren Johanneischen Sinne heißt das dann: apokalyptisches Denken – die Fähigkeit zu gewinnen, dem Schrecken zu widerstehen. Denn nur wer mit dem Schlimmsten rechnet, kann überhaupt irgendeinen Optimismus begründen, dem schlimmsten drohenden Möglichen, dem größten Unfall begegnen zu können, indem er damit auf eine sinnvolle Weise umzugehen lernt. Mit anderen Worten: Wir sind prinzipiell von der Fähigkeit abhängig, zu antizipieren, was die Konsequenzen einer koordinierten, also im Sozialverband entwickelten wie auch von den Individuen getragenen Handlungsabsicht darstellt. Die Menschen verknüpften immer schon das Tun mit den Konsequenzen des Tuns unter bestimmten Bedingungen, bei einem Erdrutsch, einem reißenden Bach, wilden Tieren, Schlangen, bei giftigem Kraut, mit dem man zu rechnen hatte, wenn man auf die Jagd ging. Und nur wenn man mit dem Schlimmsten rechnete, hatte man die Chance, tatsächlich zurückzukommen. Dieses Verhalten wird heute noch von jedem Trainer für Rennfahrer, Hochgeschwindigkeitsleister oder auch Tennisspieler gelehrt und angewendet. Bei Tennisspielern geht die Antizipationskraft so weit – aber das funktioniert erst nach tausenden Trainingsstunden –, dass sie einen Schlag des Gegners bereits antizipieren können, bevor er ausgeführt wird. Damit beginnt das Profi-Tennis. Bei den Rennfahrern ist dieses Verhalten ebenfalls einsehbar; denn wer sich in einen Wagen setzte, um loszufahren und Rennfahrer zu werden, hätte keine Chance – er wäre tot, bevor er irgendetwas gelernt hätte. Er muss also vorweg antizipieren, was es eigentlich bedeutet, sich mit einem solchen Gefährt unter bestimmten Bedingungen auf einer Strecke zu bewegen. Wenn er das tausende Male virtuell im Kopf getan hat, bis hinein in die letzten zehn Zentimeter des Straßenbelags, in alle Kurvenführungen und sonstigen Bedingungen, lässt man ihn zum ersten Mal in einen Rennwagen einsteigen, um dann tatsächlich mit der kalkulierbaren Chance rechnen zu können, dass der Mann am Ende der Strecke, wenn auch nicht nach optimalen Leistungen, aber immerhin lebend aus dem Wagen herausgehoben werden kann.

Bei der Antizipation verkoppelt sich also das beabsichtigte Tun mit den erwartbaren Konsequenzen des Handelns. Beim Gegenmodell, das wir normalerweise Traumgeschehen nennen und das auch eine bestimmte Ausformung der Phantasie ist, wird hingegen entkoppelt; die eingeschliffenen Konsequenzen, die Folgen eines Handelns werden aufgehoben, damit eine Abkopplung bestimmter Vorstellungen oder erwartbarer, interpsychischer Vorgänge (wie etwa die Bewertung virtuell angenommener Folgen) ermöglicht wird – so dass der Mensch nicht mehr auf ein starres Reaktionsschema fixiert ist. Durch dieses Entkoppeln lässt sich eine Freiheit gewinnen, die allerdings durch erneute Vermittlung und Verknüpfung von Handlungen und Folgen wieder zu einer Art von Verkopplung von Erfahrung führen muss. Dadurch lässt sich ein Wechselspiel zwischen Antizipation und Phantasie entwickeln, das Anthropologen sehr gut beschrieben haben.

Der erste historische Höhepunkt dieser Beschreibung ist das Johannesevangelium. Im Bericht des Johannes auf Patmos wird beschrieben, was dieses Vorgehen anthropologisch bedeutet – nämlich das Einüben von apokalyptischem Denken. Apokalypse heißt auf Griechisch nichts anderes als der Vorschein des Endes, also der Konsequenzen der Handlungen. Apo kalypsein heißt nichts anderes, als: Ich beginne mit dem Ende. Das wird von Johannes ganz einfach beschrieben. Wer einen Tisch bauen will, kann nicht Holz herumschmeißen und einfach drauflossägen und -nageln. Das führt zu nichts. Er muss mit dem Ende der Operation, einen Tisch herzustellen, beginnen, also mit der Vorstellung des Tisches. Das Modell des Tisches ist der Anfang der vernünftigen Arbeit eines Tischlers. Apokalypse meint hier die Fähigkeit, vom Endpunkt – den Konsequenzen des Handelns – auszugehen und damit den Beginn zu begründen. Das ist in diesem Sinne mit dem lateinischen Wort initium oder Initialkraft, wie Augustinus das genannt hat, verbunden. Man kann erst wirklich wirksam werden wollen, wenn man diese Zusammenhänge beherrscht, nämlich seine Annahme des erfahrungsgemäßen Risikos jedes Handelns unter bestimmten Bedingungen, weil man nicht Herr der Welt ist, sondern immer abhängig ist von einer Reihe von Bedingungen. Man kann sich selbst den Mut oder den Humor, wie es damals schon hieß, oder eben die Positivität der Einstellung nur zutrauen oder aneignen, wenn man mit dem Schlimmsten gerechnet hat, das heißt mit dem Ende, das jeden Handelnden am meisten schreckt: dass er nämlich seine Intention, seinen Willen nicht durchsetzen kann, dass er scheitert. Mit anderen Worten, die normale Voraussetzung für die Initiativkraft des Handelns ist die Möglichkeit des Scheiterns.

Wer nicht mit der Möglichkeit des Scheiterns rechnet, ist ein Idiot, ein Kölner, heißt es auf Deutsch. „Es hätt noch immer jot jejange“, sagen die Kölner. Es ist immer gut gegangen – bis dann eben das Stadtarchiv eingestürzt ist und damit das Gedächtnis ausgelöscht wurde. Und das finden die Kölner auch noch gut, das ist auch „jot jejange“. Jetzt weiß keiner mehr Bescheid über die Machenschaften des Klüngels in Köln – Gottseidank hat die Erde alles verschlungen, ist alles der Hölle anheimgefallen.

Es gibt also eine Restriktion für unser Generalthema „Phantasie an die Macht“. Das ist nicht die freie Phantasiefeier dieser kindlichen Vorstellung der Achtundsechziger, es ist auch nicht die Aufforderung, sich wie die Banker besonders phantasievolle Produkte auszudenken, um die Kunden auf legale Weise kriminell übers Ohr zu hauen. Sondern es geht um eine bestimmte Art der Vermittlung zwischen der Initiativkraft im Sinne der Entwicklung neuer Handlungsstrategien und der Möglichkeit, Verantwortung für dieses Handeln zu übernehmen – weil man den Bereich der Möglichkeiten, der sich aus dem Handeln ergibt, auch in Rechnung stellt. Es ist nämlich gar nicht klar, mit welcher Wahrscheinlichkeit welche Handlungsfolgen zu gewärtigen sind. Das nehmen wir natürlich alle in Anspruch, wenn wir zum Beispiel sagen: „Das habe ich nicht gewollt. Ich wollte etwas ganz anderes, aber leider ist das dabei herausgekommen“. Nach 1945 ist das in Deutschland ein bekannter Entlastungstopos gewesen.

Es kommt also darauf an zu kapieren, dass es um ein Spektrum von möglichen Handlungsfolgen geht, die man antizipieren muss – und auf die man sich aber nicht im Sinne einer Mechanik des Abkoppelns von Handlungsfolgen verlassen kann, so dass es wie von selbst zu einer traumhaften Entlastung käme. Im Traum finden Sie natürlich die Fähigkeit, sich von jeder Art von Bedingtheit der Verhältnisse zu entfernen. Das Traumerlebnis ist ja gerade die Erfahrung der Entkopplung zwischen Handlung und Konsequenzen oder verschiedenen anderen Determinanten, so dass man dann eine neue Ebene der Bewältigung entwickelt kann, die hier in Österreich – wie Herr Busek schon gesagt hat – am intensivsten von Robert Musil in die Debatte eingebracht wurde. Nicht, dass das nicht vorher diskutiert worden wäre, in den Sprachwissenschaften gerade in Österreich wurde es das schon sehr lange, von Freud und vielen anderen, aber derartig prägnant, wie es Musil im Hinblick auf den Möglichkeitssinn gemacht hat, war es davor jedoch noch nicht geschehen.

Diese neue Lösung der Vermittlung zwischen den Ebenen lässt sich auch auf das Verhältnis von Kunst und Wissenschaften übertragen – wobei ich darauf aufmerksam mache, dass in dem Generalthema gar nicht vorkommt, was wir hier ausnehmend behaupten: dass Kunst und Wissenschaft die Phantasie, die Kreativität besonders fördernde Disziplinen seien. Kunst und Wissenschaft zeichnen sich doch dadurch aus, dass sie aus dem kulturellen Kontext ausgegliedert wurden; seit 1400 erst gibt es Kunst und Wissenschaft, die nicht mehr kulturell bestimmt werden. Wer Chemie betreibt, kann sich nicht auf seine kulturelle Identität berufen. Ob er Jude, Schwarzer, Grüner oder Blauer ist, spielt für die Tatsache, dass er Chemie betreibt, keine Rolle. Wer Chemie als Wissenschaft betreibt, ist prinzipiell aus jeder Art von kultureller Legitimation entlassen. Das Gleiche galt für die Künstler. Beide sind sozial koevolutioniert. Die beiden – Kunst und Wissenschaft – haben sich als parallele Strategien entwickelt, zur Entlastung von kulturellem Druck. Hier, auf diesem Podium, gibt es nur Kultur und Wirtschaft. Aber die passen tatsächlich zusammen, denn, wie Sie wissen, haben ja alle Wirtschaftler nebenbei eine Corporate Culture, bekennen sich also zum Suprematie-Schema der kulturellen Distinktion, auch im wirtschaftlichen Handeln; insofern ist die Kopplung richtig.

Wieso behandeln wir jetzt Kunst und Wissenschaft wieder als die exklusiven Fächer, die uns vermeintlich all die alternativen Strategien eröffnen? Das geht nicht einfach, indem immer nur behauptet wird, die Künste seien ja so wahnsinnig kreativ. Das ist alles Schmockes! Die Wissenschaftler sind genauso kreativ, auch die Wirtschaftler sind genauso kreativ, mitsamt der Fähigkeit, sich am Abkopplungs- und Entkopplungsgeschehen beziehungsweise an der Verbindlichkeitsstiftung von Handeln und Konsequenzen zu beteiligen. Alle Disziplinen sind an das prinzipielle Vermögen der Menschen gekoppelt und diesbezüglich nicht nach Sparten unterscheidbar. Man kann sogar behaupten, dass es sehr kreative Straßenfeger gibt. Es kommt nicht nur darauf an, in welchem Spektrum sich diese Fähigkeit äußern können, sondern darauf – das ist das Neue an der Entwicklung dieser Strategie –, dass man zwischen dem Wirklichkeitssinn und dem Möglichkeitssinn nicht mehr im Sinne der bloßen Kontingenz unterscheidet, „es könnte auch alles anders sein, ist aber leider nicht zu ändern“. Alles ist auf irgendeine Weise historisch zufällig entstanden – kann sich aber doch ändern lassen, wie unsere Sitten, unsere Moral etcetera. Das möchte ich in Ihrer Alltagsphantasie wieder verankern.

Wenn Sie achtzehn- bis zwanzigjährig Ihre sozialen Erfahrungen dahingehend gemacht haben, dass Sie vielleicht zehn junge gegengeschlechtliche Menschen kennengelernt haben, von denen Sie sagen würden, mit denen könnte ich mich auf längere Zeit zusammentun, eine Ehe schließen, eine Sozialpartnerschaft entwickeln, dann werden Sie sich schließlich für eine unter diesen zehn Möglichkeiten entscheiden. Das Entscheidende bei einer funktionierenden Partnerschaft, einer Ehe, ist dann, dass in dieser faktischen, wirklich gegebenen Beziehung alle anderen Möglichkeiten, die jemand vor seiner Entscheidung hatte, erhalten bleiben. Und zwar als Möglichkeiten, die wir als eine Art von phantasievoller Orientierung akzeptieren. Sexualphantasien sind das bekannteste, aus Wien stammende Beispiel für diese Art der Orientierung. Und wehe der Ehe, bei der die Partner sich wechselseitig nicht erlauben, sich auf alle Zeiten auch potentiell auf alle anderen Formen der Beziehung einzulassen! Aber als Möglichkeiten! Nicht so wie Liz Taylor, die nach dem ersten Mann den zweiten heiratet, dann den dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten und am Ende dasteht und sagt: „Wo ist die Alternative? Ich habe keine gefunden. Alle sind ja völlig gleich.“ 

Welche Wahl auch immer, die entscheidende Fähigkeit sollte darin bestehen, das, was wirklich ist, als solches zu erkennen und zu akzeptieren und dadurch fähig zu sein, sich auf den Möglichkeitshorizont zu orientieren und ihn in Hinblick auf das Mögliche zu aktivieren, damit das Wirkliche seine Bestimmungen erhält: Nämlich, uns von beliebigen Wahnhaftigkeiten zu unterscheiden. Denn wenn alles wirklich wäre, was wir für möglich halten, im Sinne einer bloßen Durchsetzung einer Strategie, wären wir alle psychiatriereif.

Davor schützt uns Gott sei Dank die Bürokratie. Das ist eine von den römischen Institutionen geschaffene Fähigkeit, den Mutwillen der Durchsetzung von etwas für möglich und wünschbar Gehaltenem unter Kontrolle zu bringen. Das heißt, es wäre furchtbar, wenn es uns gelänge, auf ein Fingerschnipsen hin zu realisieren, was wir uns wünschen können. Dann wäre die Welt innerhalb von vierzehn Tagen ruiniert. Das wussten die Römer und haben deswegen dem individuellen Mutwillen und der Übersetzung von Möglichkeiten in Wirklichkeiten die Bürokratie entgegengesetzt, die strikt nach Regeln kontrolliert, welche Art von Übertragung aus dem Möglichkeits- in den Wirklichkeitsbereich denkbar ist und wie dann, sobald eine Möglichkeit realisiert wird, das Wirkliche nicht gleich gelöscht wird, sondern man dafür sorgen muss, dass etwas übrig bleibt. Damit erfand man auch die grandiose Institution des Museums.

Im Museum landet nämlich alles, was in diesem Sinne als Abfall oder strahlender Müll im großen atomaren Bereich übrig bleibt. Der strahlende Müll als das eigentliche Problem der atomaren Wirtschaft, der Energiewirtschaft, muss unter Containment gestellt werden. Das heißt, der Gedanke des Museums zeigt uns, wie ungeheuer intelligent es ist, die nicht mehr in der bloßen Konfrontation mit den Möglichkeiten wahrgenommenen, sondern durch die Realisierung von Möglichkeiten abgelöschten Wirklichkeiten unter Verwahrung zu stellen, damit sie sozusagen im Containment gebannt werden und nicht als Gespenster wiederkehren können – wie heute der Feudalismus, der als Gespenst in die nicht mehr demokratische Verfasstheit westlicher Gesellschaften zurückkehrt. Amerikanische Sozialwissenschaftler haben übereinstimmend festgestellt, dass Amerika keine Demokratie ist, sondern eine Oligokratie. Das wäre also ein wiedergekehrtes Gespenst, in diesem Falle zurückführend auf Aristoteles, der die Definitionen dieser Verhältnisse gegeben hat.

Um das Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit neu zu bestimmen, ließe sich auch das Verhältnis von Theologie und Technologie ausleuchten. Alles, was die Theologie je postuliert hat bis in die 1400er Jahre, ist durch die Technologie realisiert worden. Denken Sie nur an so etwas wie das Inkarnieren der Welt, das Aufnehmen der Welt. Da muss man kein katholisches Wandlungsläuten mehr zelebrieren wie „Jetzt wird das Wasser zu Wein und der Wein zum Blut Christi, die Oblate zum Körper“, sondern das sagt man heute zu jedem Hasenbraten oder jedem Salathäppchen. Wenn man dazu nicht sagt, „Werde mein Leib, werde mein Blut!“, ist man schlicht nicht lebensfähig. Mit anderen Worten, die Theologie hatte damit schon die Anthropologie definiert, und die Definition der Theologie als Anthropologie wurde von der Technologie realisiert.

Es ist gar keine Frage, dass beispielsweise so etwas Komplexes, wie die Auferstehung technologisch durch die Repeat-Taste gelöst ist. Marlene Dietrich ist jetzt etwa vierzig Jahre tot. Ich drücke auf die kleine Taste und die DVD spielt mir die lebendige Marlene Dietrich in jedem Format vor, sogar in 3D, so dass ich Schwierigkeiten habe zu unterscheiden, welche Variante das Real-Life-Erlebnis vor 40 Jahren gewesen ist, falls ich die Chance hatte, sie zu erleben. Mit anderen Worten, es gibt keinen einzigen theologischen Satz der Durchdringung der Welt durch Spiritualität, der nicht durch die Technologie eingeholt worden ist. Das führte zu einem ungeheuren Triumph der Technologie, bis ungefähr 1900, 1905, 1910, als dann plötzlich die Reaktion einsetzte, dass nämlich Max Weber sagte, durch diese Art der Verwirklichung von Theologie durch Technologie sei die Welt entzaubert worden. Wo bleiben die Götter, wenn wir sie doch hier auf der Bühne vorführen können? Wenn wir alles, Telepathie, Telekommunikation – das ist nichts anderes als die Gottesbeziehung–, wenn wir das alles auf kürzestem Wege für uns realisieren können.

>Max Webers These von der Entzauberung der Welt bedeutete nichts anderes, als dass die theologische Dimension durch die technologische Verwirklichung der Theologie verloren gegangen ist. Darauf setzte eine Gegenbewegung ein, es wurde gesagt: Jetzt müssen wir diese Theo-Technologie, also die Umsetzung der Theologie durch Technologie, wieder in eine Techno-Theologie verwandeln. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die ganz normalen technischen Vorgänge von wunderbaren Phantasien, von spirituellen Seancen begleitet werden.

Es setzte dann eine Bewegung ein, die Wassily Kandinsky und andere vor genau hundert Jahren in der Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ beschrieben haben. Sie sahen in banalsten Vorgängen wie im Lichtanmachen oder im Fotoapparatbedienen so etwas wie Aura, Phantasmagorie, Wiederkehr eines Spiritualleibes. Die Technologien wurden benutzt, um eine neue Theologie aufzubauen. Und in dieser Bewegung befinden wir uns noch heute. Sie können auf der Welt tausende von Kommunen finden, die jede Art von technischer Besonderheit in den Mittelpunkt von Kulten gestellt haben, die Phantasien mobilisieren. – Was ich also hier als meine Forderung, als meine Empfehlung abgeben würde, wäre: In welchem Verhältnis befinden sich grundlegende Bewegungen? Ist die Verwirklichung der Theologie durch Technologie und ist die Theologisierung der Technologie als Gegenbewegung heute schon in dem Stadium, in dem wir sie wieder auf die Ebene der gut beschreibbaren Vorgaben von Antizipation und traumhafter Entkoppelung zurückbinden können? Muss die Entkoppelung in den Vordergrund gestellt werden? Das wäre eine surrealistische Phantasie, das wäre künstlerische Erzeugung von Fragmentarismus, von Singularitäten aus dem Bruch, aus der Zusammenhanglosigkeit. Wo der Zusammenhang so fest geworden ist, dass er fesselt, muss man ihn zerstören. Das sind also alte Praktiken der Entkoppelung, die es jetzt seit achtzig Jahren systematisch gegeben hat. Wenn das nicht mehr zieht, wenn man die Aussage, „Der Künstler möchte mit seinen Arbeiten unsere eingefahrenen Sehweisen verändern“ und diesen ganze Schmockes, der aus dem Feuilleton kommt, nicht mehr hören kann, dann ist die Frage: Was kommt dann an Stelle dieser Art von techno-theologischer Begründung? Bloßes Verändern der Sehgewohnheiten?

Wie also wäre jetzt dieses Verhältnis zu beschreiben? Es ist nicht in der kulturpessimistischen Sicht von bürokratischer Fixierung hier und Chaos dort zu beschreiben. Das wird zwar immer wieder vorgegeben, hat aber angesichts der Banalität des Wunders eigentlich eine andere Dimension als herkömmlich angenommen. Die Technik war ja das größte Wunder von allen; in der Telekommunikation findet sich die Gottdefinition des „Fernen“, des „Dunklen“, des „Abwesenden“, des „nicht Erreichbaren“; und jetzt ist auch diese Gottdefinition technologisch phantastisch realisiert. Wenn wir es also tatsächlich als nötig empfinden würden, das Verhältnis von Technologie und Theologie zu beschreiben, wenn in dieser Banalität der theologischen Gedanken, realisiert als Technologie, die Sehnsucht nach einer neuen Verklärung der Welt in eine Art von Vielwertigkeit, Vieldeutigkeit zurückgegeben wird, wir aber andererseits gar nicht zulassen können, dass jeder seine Beliebigkeiten in Hinblick auf die Gesetzesordnung entwickelt – was heißt das, wohin führt das?

Die Misere dieser Art setzt sich in dem Begriff „Multikultur“ fort. Es ist geradezu schandhaft, was man betreibt, wenn man von Multikultur spricht. Eine Kultur wird dadurch definiert, dass eine Sozialgemeinschaft Verbindlichkeiten schafft im Hinblick auf die Gesetze, nach denen sie operiert. Souverän ist sie im Hinblick darauf, dass sie ihre materielle, physische Reproduktion selber bestimmen kann. Wir können also heute bestenfalls von Multifolklore sprechen anstatt von Multikultur. Multifolklore, also einerseits Schleier, andererseits Seppelhosen, ist uns aus dem Varieté, aus der Amüsierbranche und den phantastischen Phantasialändern der Disneybranche längst bekannt, führt aber zu nichts. Da muss man schon neu denken, was eigentlich gemeint sein könnte mit diesem Nebeneinander des Unterschiedlichen in der autonomen Orientierung einer Gesellschaft als Kultur.

Es geht also um eine neue Definition von Zivilisation. Das ist ein Projekt, das seit zweitausend Jahren läuft. Unsere Probleme hatten die Römer zu Augustus‘ Zeiten genauso: 184 verschiedene Sprachen in hunderten von Kulturgemeinschaften, die vom römischen Imperium alle gleichermaßen auf der Ebene der steuerrechtlichen Orientierung befriedigt werden mussten. Da musste man sich etwas Neues einfallen lassen.

Das Neue hieß und heißt Zivilisation. Es geht um die Frage, wie viel Phantasie, wie viel Möglichkeitsdenken wir angesichts unserer heutigen Wirklichkeit entwickeln müssen, um diesen Weg in die europäische Zivilisation oder sogar Weltzivilisation anszustreben. Vorgaben sind gemacht: dieselben wissenschaftlichen Standards im Luftverkehr der ganzen Welt, im Kommunikationssystem der ganzen Welt, im Handel etcetera. Und dennoch will es nicht gelingen, das auf der Basis bloßer Standardisierung technologischer Realisationsmöglichkeiten zu sehen. Was heißt – und das ist wiederum eine Eröffnung des Möglichkeitssinns – überhaupt „Einheit in der Verschiedenheit“, die ja doch die Grundlage für unterschiedliche Vorstellungen auf begrenzten Territorien ist? Was heißt es, mit unterschiedlichen Ansprüchen kultureller, religiöser Herkünfte friedvoll zusammenleben zu können?

Das wäre meiner Ansicht nach eigentlich das Ziel für eine solche Konferenz. Das verlangt wirklich, sich darauf zu orientieren, was noch nicht gedacht ist, denn wenn es schon gedacht wäre, wüsste man ja, wie man weiterkäme. Es weiß aber keiner, wie man weiterkommt. Man steht an der Grenze der Bearbeitung eines Problems, bei dem man sagt, es gibt vorerst keine Lösung. Inzwischen wird jedem normalen Menschen zugemutet: Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Ein Herzmittel ist zwar hilfreich für die Beseitigung der Herzinsuffizienz, wird Ihnen aber einen Nieren- und Leberschaden bringen. Sie selber müssen also entscheiden, wie Sie sich im Hinblick auf die Wechselwirkungen zwischen bewusstem, gewolltem Nutzen und erwarteten Nebenwirkungen positionieren, wie Ihre Medikamententreue oder Ihre Therapietreue aussieht. Da verlangt es jetzt Phantasie im Sinne eines Möglichkeitshorizonts – der nicht bedeutet, dass wir jederzeit beliebig unsere jetzt gegebene Wirklichkeit verändern können –, wenn wir uns im Hinblick auf die Bedrohung einen neuen Ansatz, Initiativkraft geben wollen. Insofern verstehe ich das Thema auch als Frage: Was sind die Initiativkräfte, unter denen wir heute diesen ungeheuer schwierigen Anforderungen, dem Gedanken nach, überhaupt gewachsen sein können, geschweige denn, dass wir das auch durchführen?

In der Geschichte des Nichtgeschehenen steckt mehr Macht als in der Geschichte des Geschehenen. Es reicht, wenn wir dazu kämen, uns das jetzt vorstellen und antizipieren zu können, um dann auf die tatsächliche Umsetzung zu warten, in welcher Weise auch immer. Das wäre für mich die Aufgabe.

Der Text folgt dem auf dem Podium gesprochenen Wort.