Jso Maeder. Zum Glück auf Erden.

1999-2007.

Jso Maeder. Zum Glück auf Erden.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 267

Apokalypse und Glück: Folge mir nach, Jso Maeder.

Theologische Begründung

Unleugbar ist die durchgehende Frage der Propheten, der Philosophen, der Lehrer und Priester, der Werkmeister und Ärzte seit alttestamentarischen Zeiten, wie man denn zu dieser Welt Ja-Sagen könne. Denn alle Vorstellungen vom Glück einer gelungenen Schöpfung und eines gelungenen Lebens schießen zusammen in der Euphorie des Ja, der Zustimmung, der Akzeptanz, des Einverständnisses und der
Anerkennung. Für die kulturell-religiöse Ausprägung der Vorstellung vom Glück erfüllt sich die Positivität des Lebens im Ja-Sagen zwischen vorbehaltloser Hingabe an den Willen Gottes und der Erfahrung von Auserwähltheit im Gelingen der eigenen Werke und Tage als Segen. Die Segnung vollzieht die Einheit von Zustimmung im Ja-Sagen zwischen Segnendem und Gesegnetem. Nicht nur erklärt der Patriarch im Segnen des Sohnes mit ihn selbst verpflichtender Konsequenz, dass er dem Sohne Rechtfertigung und Anerkennung zugesteht; auch für den Gesegneten erfüllt sich im Akt der Segnung die Bestätigung seines Glücks, in voller Übereinstimmung mit den Vätern und den Traditionen und allen anderen Legitimation stiftenden Kräften seine Unternehmungen durchzuführen in der Gewissheit, jedweder und umfassender Rechtfertigbarkeit. Dieser Ausprägung der Theologie des Ja folgen heute noch die Segensakte, die wir als Meisterprüfung, Doktorat oder Approbation feiern. Und zu feiern ist tatsächlich die Erfahrung der Zustimmung und damit der Legitimation, weil sie so unwahrscheinlich sind. Denn die Erfahrung eines jeden reicht hin, um jederzeit auf der Hut zu sein vor der Missgunst, dem Neid, der Habgier und der Unterwerfungsaggression der Mitmenschen, die selbst dann aus obigen Motiven das Glück der Anerkennung verweigern, wenn sie selber entschieden von den gelungenen Werken profitieren. Da hilft keine Dialektik nach der Vorgabe: „Viel Feind, viel Ehr’“ oder die Souveränität von Selbstbeschränkung nach dem Motto „Tue niemand etwas Gutes und du wirst keine Feinde haben“. Auch die strikte Befolgung der Vorsichtsmaßnahmen „late biosas“ – lebe im Verborgenen, dann bist du der Bosheit unerkennbar –, oder die Bereitwilligkeit, den Homo idiotus, den in die ländliche Villa zurückgezogenen Republikflüchtling zu markieren, schützt nicht hinreichend vor Scham und Pein, wie jeder Durch schnitts mensch auch sich in mit Gott oder fatum hadernden Klagen, den Jeremiaden der unglücklichen Kreatur zu verausgaben. Peinlich genug, andere in den Todes krämp fen der Hoffnung sich winden gesehen zu haben, entwürdigt zu Sklaven des Schicksals – da schwor man sich, dass man diese Erniedrigung nicht auch noch zur Selbsterniedrigung werden lassen wolle, selbst dann nicht, wenn das widerfahrene Unrecht zum Himmel schreien sollte. Was da hilft, fasste John Henry Kardinal Newman in seiner Zustimmungslehre Mitte des 19. Jahrhunderts so zusammen, dass auch wir zeitgemäßen Synkretisten noch eine Ahnung von der Macht der Selbstverpflichtung auf Zustimmung in absoluter Unterwerfung, wie sie Märtyrer auszeichnet, gewinnen können.

Philosophische Begründung

Für eine zeitgemäße Orientierung auf philosophische Zustimmungslehren sind wir auf die Auseinandersetzung zwischen Nietzsche und Wagner verwiesen. Am Ende triumphiert Nietzsche über Wagner mit der Begründung, warum jeder moderne Kopf die „Carmen“ von Bizet den Wagner’schen Götterdämmerungsmodellen weit vorzuziehen habe. Denn Ja sagen könne man nur zu der Souveränität, mit der man die Eingriffe in die Welt als freundlich heiteres Oberflächendesign ausgibt und nicht als felsig-massiven Aushub aus Tiefenbohrungen bis zur Hölle. Das Glück des Ja- Sagens zur Welt ähnelt bei Nietzsche dem buddhistischen Glück (Pointe: Auch Wagner hielt sich wie alle Großen, von Schopenhauer bis Haeckel, für einen Buddhisten, für einen lebenden Beweis der Reifung des lächelnden Buddhas). Es ist das Glück der Gewissheit, dass alles, was ist, wert sei, dass es zu Grunde geht, aber wiederkehrt in jugendlich erfrischter Vitalität und Vigilanz versichernder Spannkraft der Haut, will sagen, der Oberflächen, auf der sich der Glanz des morgendlichen Aufgehens, der Morgenröte schon als Versprechen eines hoch attraktiven Sonnenuntergangs abzeichnet. Nietzsche folgt dabei offensichtlich dem Evidenzerlebnis angesichts griechischer Gewandfiguren, die in einer Elaborierung der Oberflächen sondergleichen die innere seelisch-geistige Energie der Bewegung und der Bewegtheit durchscheinen, d.h. epiphanieren lassen. In der Tat erfährt man den Moment des Glücks als den Augenblick der aufgehenden Einsicht, weil etwas evident wird – weil es einleuchtet. Von der Diaphanie des himmlischen Jerusalem, die im farbigen Licht gotischer Kathedralfenster zum Vorschein wird, über die Lehrstunde, in der durch diapositive Projektion sich der eigene Augenschein zu bestätigen weiß, bis zur Fernsehwerbung mit Überblendungen von Produktverpackung und Verpackungsinhalt in farbpraller Aura reichen die Erfahrungen der Epiphanie der Zeitgenossen.

Anthropologische Begründung

Die anthropologisch begründete Zustimmung zum Leben wird von dem limbischen Regulativ repräsentiert, einer Zwischenhirninstanz, die uns zu jeder aktuellen Selbst- und Fremdbeziehung signalisiert, ob wir weiter an die Reizquelle gebunden bleiben oder uns aber vom Attraktor abkoppeln sollen. Seit Sperry Anfang der 60er Jahre seinen Versuchstieren die Möglichkeit bot, über einen Reizträger direkt das eigene zwischenhirnliche Lustzentrum zu stimulieren, kennen wir das Risiko jener Lust, die nicht enden will. Sperrys Ratten realisierten das Ewigkeitsverlangen ihrer Lustwahrnehmung derart, dass sie buchstäblich verdursteten, weil sie andauernd an dem Lust stimulierenden Attraktor hängen blieben. Normalerweise garantiert das limbische Regulativ ein sinnvolles Verhältnis von Hinwendung und Abwendung von Reiz quellen. Mit der experimentellen Umgehung des limbischen Regulativs demonstrierte Sperry die Logiken unserer Bedürfnisse als Antriebe. Bedürfnisse erfüllen nur so lange ihre Funktion, wie sie prinzipiell durch Erfüllung nicht löschbar sind. Die momentane Stillung des Bedürfnisses steht unter der Voraussetzung der prinzipiellen Unstillbarkeit. Daraus ergibt sich eine entscheidende Korrektur der Behauptung, dass alle Lust Ewigkeit wolle: Nicht die Lust, sondern das Bedürfnis nach Lusterfüllung ist ewig. Alle Versuche der Werbung, dem Käufer von Waren die Erfüllung seiner Bedürfnisse zu versprechen, sind deshalb kontraproduktiv. Ein erfülltes Aneignungsbedürfnis wäre ja nicht länger ansprechbar durch die Werbung.
Deshalb konzentriert sich gute und richtige Werbung auf die Stimulierung der Bedürfnisse und verspricht nicht deren Erfüllung. Sie unterstützt unsere Selbstvergewisserung in den Bedürfnissen der Hinwendung auf die Welt. Sie stärkt das Zutrauen zu unseren Bedürfnissen als offenen Größen und damit „ewigen Motiven“.
Selbstvergewisserung ist Gebet, also betet die Reklame die Aufforderung zum Ja-Sagen herunter: „Ja, du darfst …“, „Nimm gleich zwei“, mit dem Ziel, die Reizschwelle immer weiter zu erhöhen, damit die natürliche Ekelreaktion durch Übersättigung möglichst vermieden wird. Die bekannteste Ja-Sage-Hymne unserer jüngeren Literaturgeschichte lässt der Autor James Joyce am Ende von „Ulysses“ die göttliche Schlampe Molly herausstöhnen. Ihr „Ja, ja, ich will, ja, ich will“ bildet zugleich das Echo auf das Bemühen ihres Mannes Leopold Bloom, der als Annoncenakquisiteur – also als Zustimmungswerber für seine Zeitung – tätig ist.

Für die maßvolle Nutzung der theologisch-philosophisch-anthropologisch begründeten Zustimmungslehren, also der klassischen Lizenzen zum Glück, sollte man sich einer Strategie bedienen. Strategien kommen zum Zuge, wenn etwa durch Radi kalisierung Erkenntnisse und Handlungsziele durch die Mittel, sie zu erreichen, gefährdet werden. Anleitungen zum richtigen Leben, also zum glücklichen Leben, stellten stets Anforderungen an die Angemessenheit von Mitteln und Zwecken. Das Glück souveräner Gelassenheit erreicht, wer sich nicht durch noch so verlockende oder hohe Ziele zum Einsatz von Mitteln verleiten lässt, die in welcher Weise auch immer sich kontraproduktiv erweisen können. Also gilt als glücklich, wer durch die Mittel des Handelns seine Ziele heiligt, also zustimmungsfähig rechtfertigt. Um zu zeigen, dass nicht die Ziele die Mittel heiligen, bediene man sich der Affirmationsstrategie. Sie entfaltet den Beweis, etwa am Beispiel von Simplicius oder Eulenspiegel oder Schwejk, wie jedes Unterwerfung fordernde Ziel, auch als behauptete Wahrheit, in sich zusammenbricht, wenn man ihm bedingungslos folgt.

Wer strikte Befolgung von Vorschriften fordert, um Handelnde zu bloßen Funktionären des Anweisungsvollzugs zu machen, und damit deren Forderung nach angemessener Würdigung von Eigenverantwortung, Initiativkraft und Willen zum Gelingen zu vermeiden (vor allem eine angemessene Bezahlung zu vermeiden), der riskiert den Zusammenbruch des Dienstes. Exempla docent: Fluglotsen, denen vom Arbeitgeber mit Hinweis auf ihren Beamtenstatus deren Forderung nach Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen abgeschmettert wurde, machten durch die penibelste und buchstäbliche Erfüllung der Dienstvorschriften den Dienst unmöglich.

Regime, die mit totalitären Mitteln die Einhaltung von Wahrheitsdoktrinen erzwingen wollen, erhalten gerade nicht unverbrüchliche Traditionen aufrecht, sondern provozieren den Zusammenbruch der Regime durch das fundamentalistische Beharren auf Unveränderbarkeit ihrer Ideologien. Natürliche Veränderungsängste der in ihre Umwelten eingepassten Lebewesen können nicht durch das Glück grenzenloser Wiederholung eingespielter Handlungs- und Erkenntnisformen bewältigt werden. Vielmehr haben die Lebewesen zu lernen, was man allgemein mit Anpassung beschreibt. Sich als erfolgreich beweisende Anpassungsfähigkeiten stiften Glücks gefühle der Sicherheit, neuen Heraus for derungen genauso gewachsen zu sein wie den schon bewältigten Herausforderungen von gestern. Affirmieren lässt sich also nur, was seine Entstehungsgeschichte aus der in der Vergangenheit bewältigten Herausforderung offenlegt.

Strategien des apokalyptischen Denkens

Ob es bloß eine kleinbürgerliche, nicht doch aber eine allgemein menschliche Erfahrung des eigenen Glücks durch das Suhlen im Unglück der anderen gibt, ist immer noch strittig. „Herr Karl“, den Qualtinger so überzeugend repräsentierte, dass man zwischen der Glücksattitüde des Handlungsgehilfen und denen des Intellektuellen und Künstlers Qualtinger kaum noch zu unterscheiden wusste, vergewissert sich seines Glücks, etwa beim akustischen Signal eines rasenden Rettungswagens, mit der wohligen Bekundung: „I bin’s neet.“ Diese Muster scheinen generell unsere Teilnahme an den Kata strop hen anderer, von denen wir in immer gleicher Intensität und Ausführ lich keit von den Massenmedien vertraut gemacht werden, zu folgen. Die Sug gestion durch fremdes Unglück, polizeidienstlich als Unfall gafferei markiert, dient nicht der Einübung in Empathie und Sympathie mit den Opfern – das wäre ein sehr sinnvolles Vorgehen, weil jedermann damit rechnen muss, selber zum Opfer zu werden und dann im Unglück der Solidarität Dritter gewiss sein zu können. Auch fehlt den Szenarien der Schaulust jeder Aspekt von Erhabenheit, die sich vor der alles menschliche Planen und Wollen überwältigenden Macht in der Gewissheit einstellt, sich diese Macht auf Distanz halten zu können.

Vielmehr dient die Faszination durch das Unglück Dritter der Bestätigung des eigenen Unsterblichkeitsgefühls. Schaulustige genießen geradezu die wollüstige Erfahrung gelungener Selbsterhaltung. Von derartigen Orientierungen auf das Glück ist nun ausdrücklich das apokalyptische Denken des Glücks zu unterscheiden, denn gegen alles umgangssprachliche wie common sense getragene Verständnis apokalyptischer Intervention ist der Hinweis auf das schlimme Ende, auf den Untergang, auf die Strafe Gottes, auf die Rache der Natur und vor allem auf die eigene Sterblichkeit gerade nicht das Ein ge ständnis, dass auf lange Sicht alle Zielverfolgung kindisch und alle Wahl der Mittel unerheblich seien. Gegen diese Auffassung steht auch die christliche Orientierung auf das endgültige Strafgericht als Voraussetzung der Wiederkehr Christi und des aufgehenden Gottesreiches in paradiesischer Fülle des Glücks. Auch chris to logisch bezeichnet die Apokalypse nicht ein Ende.

Dem griechischen Wortsinn nach wie im psychologischen und philosophischen Anwendungssinne bezeichnet Apokalypse den Vorschein des Endes, wobei das Ende von allem natürlich der Weltuntergang ist, der Tod aber nur das Ende der Individuen. Alle Kulturen begründen in ihren sozialen Kulten und religiösen Riten die Vermittlung des Todes Einzelner mit dem Stiftungsmythos der Kulturen und deren Erfahrungen mit der Auslöschungsdrohung durch böse Geister, Feinde und fremde Götter. Solange die unabsehbare Dauer der eigenen Kulturgemeinschaft angenommen werden kann, ergeben sich aus dem Tod der Individuen keine zu beachtenden Probleme – weder subjektiv für die Sterben den, die die Gewissheit des Fortlebens ihres genetisch oder extragenetisch vererbten Vermögens ins Jenseits trägt; erst recht nicht objektiv für die Kultur gesellschaften, deren Überleben in keinem Falle vom Schicksal einzelner ihrer Mitglieder abhängen darf. Also muss der Verweis auf das Ende prinzipiell einer völlig anderen Nutzanwendung folgen, als
das Einverständnis mit dem eigenen Ende der Individuen wie der Kulturen zu bekunden. In der Tat ist die Psycho dynamik des Handelns auf den Zusammenhang von Anfangen und Enden ausgerichtet. Wer etwas beginnt, tut das mit Blick auf das Ziel als anzustrebende Beendigung des initiierten Vorhabens. Man fängt nur an, wenn man mit der konkreten Initiative auf ein Ende abzielt. Also bezeichnet das apokalyptische Denken sowohl im „respice finem“ (Bedenke das Ende) wie im „Principiis obsta“ (Wehre den Anfängen) die Notwendigkeit, mit Blick auf ein Ende zu beginnen oder zu beginnen, um ein Ziel zu erreichen. In beiden Fällen muss bereits am Anfang die der Initiative inhärente Logik durch die wahrscheinlichen Konsequenzen des Handelns verantwortet werden. Für zeitgenössische Initiativen des Beginnens bei Literaten, Künstlern, Musikern hat Gottfried Benn die Vermittlung von Enden und Vollenden in dem Postulat formuliert: „Wenn etwas beendet wird, muss es vollendet sein“, wobei freilich die Kriterien für die Feststel lung der Vollendung nicht aus gesellschaftlichen Konventionen, sondern aus den dem künstlerischen Handeln inhärenten Werk- oder Formlogiken entnommen werden müssen.

Nicht zuletzt das hohepriesterlich geführte Judentum des Alten Testaments belegt die geradezu unüberbietbare Bedeutung prophetischer Orientierung auf das schlimme Ende. Das Prophetentum stellt sozusagen die gesundheits- und überlebensforderliche Funktion der kollektiven Hypochond rie so dar, wie das in der überdurchschnittlichen Langlebigkeit von hypochondrischen Individuen schon längst auffällig geworden ist. Wer sich mit Prophetien auf das möglicherweise drohende Ende durch Gottes Gericht oder durch Naturkatastrophe oder durch Allmachtswahnsinn Herrschender oder durch Defätismus der Schwachen vorbereitet, ist bei Eintreten von derlei Katastrophen jedenfalls einigermaßen gewappnet, um sie zu überstehen. So meidet der Hypochonder durch die ständige Erwartung seiner möglichen Erkrankung die krankheitsverursachenden Situationen und hat damit tatsächlich größere Chancen, drohenden Gesundheitsgefahren zu entgehen. 

Die Entwicklung des apokalyptischen Denkens als Stimulierung und Qualifizierung jedes Beginnens ist den Menschen durch die Evolution anerzogen worden.
Ein Menschengrüppchen, das etwa vor 50000 Jahren in einer Höhle saß, konnte nur dann vom Gelingen von Nahrungsbeschaffung außerhalb der Höhle ausgehen, wenn alle Jagdfähigen möglichst konkret und umfassend die geplante Jagd in der Vorstellung und in Gedanken vorwegnahmen, um sie auf Eventualitäten hin durchzuspielen. Erst mit diesem mentalen Training, also der Einübung in das Ertragen Schrecken erregender Aussichten, ließ sich die Hoffnung begründen, dass man aus den drohenden Gefahren im Jagdrevier in die sichere Höhle mit Beute werde zurückkehren können. Schon in dieser vorgeschichtlichen Erfahrung begründet sich die Verpflichtung zur radikalen Kritik und Skepsis als Fundament jeder Form von Optimismus, die nur dann lebensdienlich ist, wenn sie nicht naiver Gläubigkeit oder beschränkter Gedankentätigkeit entspringt.

Apokalyptisches Denken vermag also, allein den Optimismus des Beginnens mit der Erwartung einer Beendigung als Vollendung so zu begründen, dass die Handelnden sich tatsächlich auf die Erfahrung des Gelingens stützen können. Das begründet unverbrüchliches Glück, weil das Beenden in welcher Form auch immer garantiert werden kann. Da also stets mit dem Ende aller Dinge, aller Handlungen, aller Tage gerechnet werden darf, ist das Glück des immer erneuten Beginnens durch die Vergegenwärtigung von Ende unerschöpflich.

Im kleinteiligen Beispiel erfahren dieses Glück des immer erneuten Beginnens aus der Kraft zum Enden alle Künstler, die auf einem nächsten Blatt, auf einer nächsten Leinwand, in einem nächsten Wurf zum dutzendsten Mal einen Akt, ein Stillleben, eine Landschaft ins Werk setzen. Aber auch außerhalb dieser Genres bei Konfrontationen mit immer neuen bildwürdigen Wahrnehmungsanlässen ist das Glück des Beginnens direkt proportional zur Erfahrung des Endens, auch und gerade wenn im Enden sich noch nicht die Vollendung manifestiert. Gerade dann trägt sie die Leichtigkeit des Anfangs als Verführung zum Ende. In Zeiten, als man das apokalyptische Denken noch für einen Verstoß gegen humanistische Zukunftsplanung bewertete, war aller Anfang schwer. Jetzt planen wir nicht mehr die Zukunft, sondern qualifizieren das Beginnen auf industrieller, kommerzieller oder kommunikativer Ebene der Kollektive ebenso wie in der Werktätigkeit der Individuen, indem wir das erwartbare böse Ende der Zukunftsplanung durch Klimakata strophen, Überbevölkerung und Kultur kampffundamentalisten der Gottsucherbanden bereits verpflichtend, von Regeln geleitet und durch Sanktionen kontrolliert, in jede Form des Neuanfangens einbeziehen. Alternative Energien definieren sich ja aus der Berücksichtigung der schlimmen Resultate herkömmlicher Energieerzeugung. Nachhaltigkeitsforderungen des Wirtschaftens und Zivilisierung der kulturell-religiösen Fundamentalisten sind Maßnahmen, durch Endzeitdenken jeweils neues Beginnen
zu ermöglichen.

Aus dieser Begründung entwickelte Hannah Arendt alle Formen der Selbstbestimmung von Menschen als diejenigen, die trotz und wegen aller Erfahrung des gründlichen Scheiterns und des unwiderruflichen Waltens der Furie des Verschwindens den Triumph des Beginns zu feiern wissen und allen huldigen, die etwas anzufangen wissen mit sich und der Welt. Der Zusammenhang von Initiative des Handelns und Stiftung der Bedeutung im Beginn wird in den zentralen Festen der Geburt neuen Lebens ebenso gefeiert wie in den Riten der Passage mit der Hoffnung, die Jungen richten’s besser aus. Diese Charakterstärke des unbeirrbaren Republikaners unterscheidet sich grundlegend von den nur ähnlich klingenden Begründungen verstokkter Fundamentalisten. Ihr Pathos der Beginnlosigkeit, so die geniale Begriffsbestimmung von Botho Strauß, umfasst gleichermaßen die entschuldigende Beschwörung der Systemzwänge wie den entlastenden Verweis auf die ewige Wiederkehr des Gleichen, etwa wie als ewiger Wechsel der Jahreszeiten durch ewig gleiche Umlaufdynamik der Gestirne.

Dieser einander korrespondierenden Beginn- und Endlosigkeit kommt tatsächlich die Hegel’sche Kennzeichnung als schlechte Unendlichkeit zu; schlecht, weil sie die den Menschen zugänglichen Zeitdimensionen als die der Natur inhärenten behauptet. Es gilt zu erkennen, dass im Begriff der Evolution ja gerade gefasst wird, dass auch die ewige Natur erst im ständig neuen Beginnen und Enden (Salve, Dinos!) die Entfaltung von Gesetzmäßigkeiten betreibt, die außerhalb der konkreten Entfaltung der durch Information geprägten Form überhaupt nicht gegeben ist – so wie Kunst nicht außerhalb der Tätigkeit von Künstlern gegeben ist und Liebe nicht außerhalb der Verhaltensweise einander zugeneigter Menschen und Glück nicht außerhalb der Erfahrung des Gelingens eigenen Handelns.
Salve, Jso Maeder!