Judas ist immer der Frömmste

Wie man im Scheitern triumphiert, weil man gerade im Triumph am Allmachtswahn scheitert: vom Nutzen der gnostischen Unheilsverkündigungen.

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

 aus: diepresse.com (Zeichen der Zeit)

 Für den intellektuell trainierten und moralisch blankgeputzten Nörgler ist's egal, ob unsere schöne kleine Welt an der kontinuierlichen Erwärmung der Erdatmosphäre zugrunde geht oder durch das ganze Gegenteil, eine neue Eiszeit in Folge des versiegenen Golfstroms. Hauptsache Untergang und dann Erlösung, Auferstehung, paradiesisches Treiben in anderen Welten, Geistessphären, Götterschößen.


Schon immer, seit alttestamentarischen Zeiten waren die letzten Tage der Menschheit angezeigt, natürlich unüberbietbar als österreichisches Passionsspiel, wie es Karl Kraus aus der bloßen Lektüre der Tageszeitungen zwischen 1910 und 1920 zusammenfügte. Diese Sinnfügung galt dem Unfug, den die europäischen Geistesgrößen deutscher Zunge als "Geist von 1914" beschworen: "Welch eine Fügung!", riefen sie aus und trafen sich um vier Uhr nach dem Kriege in der kleinen Konditorei.

Selbst 1945 war keine Stunde null, kein Weltenende. Je mehr die feige Parteikamarilla mit Nazipathos die Götterdämmerung beschwor (diesmal nicht als Inszenierung in Bayreuth, sondern auf der politischen Bühne und in den war theatres Europas), desto häufiger wünschte man sich auf der Straße: "Bleiben Sie übrig!" Und es ging tatsächlich ums nackte Überleben, aber eben doch ums Überleben. Auch die Millionen, denen das nicht gelang, zeugen nicht für ein irgendwie sinnvoll begründbares Ende der menschlichen Werke und Tage auf Erden. Business as usual lautet die Humanistenparole.

Ist dieses die Menschheit begleitende "Rechnen mit dem Ende" nur pädagogische Maßnahme von Priestern und Herrschern, um nach dem Beispiel des Kinderschrecks durch Drohung bereitete Hörigkeit zu erreichen? Ist die Fixierung auf das unselige Ende in der Unterhaltungskultur als Mordsschinken oder Actionthriller bloß profane Fassung der apokalyptischen Schauder, die das Jüngste Gericht begleiten?

Solche Thematisierung von Zukunftsangst ist älter als unsere Hochreligionen und Unterhaltungsgewerbe. Und so sitzen wir denn in den Kinohöhlen und Unterhaltungsspelunken wie die Stammessippen ums Lagerfeuer. Die Hauptrollendarsteller, die Anführer bei der Jagd oder der Verteidigung, schildern bis in alle Einzelheiten die den Jägern und Kriegern am nächsten Tage drohenden Gefahren. Nur diejenige Gruppe der ausrückenden Stammesmitglieder hat überhaupt eine Chance, erfolgreich zurückzukehren, die mit allem zu rechnen lernte, sogar mit dem recht Unwahrscheinlichen, um für den Eventualfall gewappnet zu sein; denn das lähmende Entsetzen vor dem Schreckensfall wird nur dadurch gemildert und schließlich überwunden, dass man sich auf das Schlimmste vorbereitet.

Diese Strategie der Verwandlung von Entsetzen in Überlebensantrieb ist also durch die Evolution in unsere Psychodynamik eingeschrieben worden. Und das ist nicht kindliche Selbstüberlistung, sondern fordernde Rationalität. Was anderes sollte je unseren Überlebensoptimismus vernünftig begründen als eine möglichst optimale Vorbereitung auf das, womit zu rechnen ist. Und zu rechnen ist nur mit dem Misserfolg, mit dem Scheitern, mit Krankheit und Not - ohne strahlendes Morgenrot oder ohne die hübschen, wohl doch eher kindlichen Vorstellungen von der letzthinigen Fügung zum Guten.

Ein Feldherr, der erfolgreich ist, ein Unternehmer, der rauschende Gewinne macht, ein Medienimperium, das Legitimation durch steigende Einschaltquoten wie Erwähltsheitszeichen gegen Honorar austeilt, haben keinen Anlass, mit irgendetwas anderem zu rechnen, als dass alles so weiter geht - "hochgerechnet auf die mittelfristigen Zeithorizonte", also aufs irdische "Immer".

Erst wer intelligent genug ist, mit dem Scheitern seiner noch so tollen Pläne zu rechnen, weil er anzunehmen vermag, dass auf der anderen Seite des Schlachtfelds, der Marktkonkurrenz genauso fähige Leute mit genauso gut begründeten Plänen sitzen, wird sich strategischem Denken öffnen. Die preußischen Militärs, die vor 200 Jahren Strategien von der Taktik zu unterscheiden lernten, hatten die Erfahrung gemacht, dass die wahre Leistungsfähigkeit oder das Ingenium, ja die Stärke eines Feldherrn und seines Heeres sich erst in der Niederlage zeigen.

Das ist aber nur möglich, wenn man von vornherein dem Plan, der mit dem Erfolg rechnet, einen zweiten zur Seite stellt, der dem Misserfolg des eigenen Vorhabens gilt. Strategisch vermag nur zu denken, wer sich von vornherein überlegt, was zu tun sei, wenn die beabsichtigten Taten scheitern - und seien sie noch so richtig durchdacht oder durch Gottes Segen und Volkes Stimme ausgezeichnet.

Daraus ergibt sich unter anderem, dass Hitler nicht einmal ansatzweise ein Feldherr, geschweige denn ein großer gewesen ist; heutigentags beweist der Fortgang des Irak-Krieges, dass die Politiker und Militärs der USA keine strategischen Köpfe sind; sie haben nicht daran gedacht, einen sinnvollen Plan zu entwickeln, der das gesamte Unternehmen in seinem Scheitern noch zu rechtfertigen vermöchte. Tätertypen dieser Art gehören in die Psychotherapie, die ja nicht von ungefähr in Kakanien, dem labilen Kartenhaus frommer Hoffnungen und machtloser Drohungen, als Strategie entwickelt wurde, zu lernen, mit den realistischen Einsichten ins menschliche Dasein fertig zu werden.

Also nur ein abgründiger, bis auf den Lebensgrund reichender Pessimismus begründet für den vernünftigen Realisten jeglichen Optimismus, noch einmal davonzukommen. Wir sind von Natur aus darauf programmiert, aus Optimismus Pessimisten zu sein.

Mit dieser Herleitung im Sinn sollten uns ein paar brauchbarere Umgangsweisen mit der großen Weltgemeinde der Gnostiker einfallen als die bloße Wiederholung gängiger, aber nichtsdestoweniger unrichtiger Behauptungen. Gnosis zielt auf eine Philosophie, mit der man trotz der Vergänglichkeit allen Tuns, der Gebrechlichkeit aller Körper, der Unerfüllbarkeit irdischer Glücksforderungen und der beständigen Bedrohung durch die Furie des Verschwindens im unerbitterlichen Walten der Zeit dennoch ja zum Leben sagen kann, weil man diesem Weltgeschehen einen höheren oder tieferen, in jedem Falle noch verborgenen Sinn abverlangt - höher oder tiefer als es die darwinsche Evolutionstheorie oder die hoch religiösen Vorstellungen von der individuellen Führung jeglichen Lebens durch einen Gott zu sein vermögen.

Seit Carl Christian Bry 1927 seine Analysen der grassierenden Weltanschauung von der Französischen Revolution bis zur sowjetischen mit dem überzeugenden Resultat veröffentlichte, man habe es bei diesen Großprogrammen der Weltverbesserung, also des Fortschritts auf allen Gebieten, mit "verkappten Religionen" zu tun, die jederzeit als kollektiver Wahnsinn manifest werden könnten, glaubt man, auch den Nationalsozialismus - oder besser: die Hitlerei - als eine solche verkappte Religion darstellen zu können; so etwa Friedrich Heer in seinem Hauptwerk "Der Glaube des Adolf Hitler", 1968.

Aber der eigentliche Skandal, als den die Welt zwölf Jahre nationalsozialistische Herrschaft empfinden sollte, besteht gerade in der Tatsache, dass weder die Partei noch Hitler, noch irgendein Goebbels oder Rosenberg auch nur die leiseste Vorstellung von einem Ziel ihres Tuns hatten. Im Unterschied zu Stalin und selbst Pol Pot lässt sich in keiner Hinsicht herausfinden, was Hitler gewollt haben könnte.

Schon die Geheimberichte des Reichssicherheitshauptamtes lassen erkennen, dass das Volk dieses Manko der Zieldefinition am meisten fürchtete. Wohin sollte eine Weltherrschaft führen, oder wie sollte eine Auslöschung des europäischen Judentums je im Weltmaßstab irgendetwas bewirken? Was sollte die Rettung Europas vor dem Kommunismus besagen, wenn England, Frankreich und die USA als unbestreitbare Repräsentanten des westlichen Kultur-, Staats- und Weltverständnisses mit den Bolschewisten gegen Hitler kämpften?

Die radikalste Gegnerschaft zum Nationalsozialismus begründet sich aus der unabweisbaren Einsicht, dass gerade keine Ideale, keine noch so verstiegenen geschichtlichen oder missionarischen Vorstellungen die Bewegung und ihren Führer beherrschten. Sie hatten keine Konzepte, keine Strategien; kein partiell einleuchtendes Vorgehen wurde auf seine Konsequenzen hin bedacht, keine Begründung hieb- und stichfest gemacht; bestenfalls folgten sie vage ausgepinselten Weltbildchen, deren einzelne zusammengeklaubte Versatzstücke nicht zueinander passten.

Die Nationalsozialisten, allen voran Hitler, konnten gerade nicht für sich den Gedanken an irgendeine Weltmission in Anspruch nehmen, weil sie unfähig waren, eine solche auf dem Anspruchsniveau einer Religion auch nur auszumalen, und weil sie unbedarft genug waren, ihr Überleben durch ein Kalkül mit dem von ihnen selbst angerichteten Desaster namens Weltkrieg strategisch zu bedenken. Sie waren bestenfalls Opfer ihrer Allmachtsfantasien, die in dem Maße jede Vernunft überstiegen, als sie mit der Machtübernahme, den Olympischen Spielen, den Arbeitsbeschaffungsprogrammen, dem "Anschluss" Österreichs von ihren Gegnern bescheinigten Erfolg zu haben schienen.

Wie solche Verführung zu Allmachtsfantastik selbst unter Machtbedingungen schleichend wirksam wird, die dem eigenen Willen bürokratische und juristische Kontrollen zumuten, lässt sich am Wirkungsschicksal von Helmut Kohl zum Beispiel jetzt unleugbar absehen: eine einzige Abfolge von Vabanquespielen, deren Einsätze durch vermeidliche Treffergewinne immer abenteuerlicher wurden, bis dieser Triumphalismus zwischen Wirtschaftswunder und Wiedervereinigung das gesamte Regime mit erwartbaren Folgen zusammenbrechen ließ.

Auch die Herren des Sowjetimperiums haben ja erfahren, wie schnell man jegliche Realitätstauglichkeit verliert, wenn das Wunschdenken den Einspruch des "Negativismus, des Pessimismus, der zersetzenden Kritik" überstrahlt. Insofern ist die abgetane Beurteilung der Politik des Nationalsozialismus, die individualpsychologische wie die massenpsychologische, doch wieder als leistungsfähigste ernst zu nehmen - so schmerzlich die Einsicht zu akzeptieren ist, dass Abermillionen Menschen von den Nazis für nichts und wieder nichts, allenfalls aus Gründen der Psychopathologie geopfert wurden. Den Millionen im Kampfe gegen sie gefallenen Gegnern bleibt wenigstens das Bewusstsein, derartiger Sinnlosigkeit ein Ende gesetzt zu haben.

Auch mit der gnostischen Beweihräucherung von Avantgardekunst als allein deshalb schon bedeutend, weil sie von den Sowjets oder Nazis verfolgt worden sei, sollte man höchst bedenklich umgehen. Zwar ist es richtig, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Reeducations-Programme (abstrakte Kunst als beliebig aufladbare Weltsprache für Weltmarkt und Weltpolitik der Alliierten) bestens mit der Erfahrung verknüpfen ließen, dass die totalitären Regime vor allem die "abstrakten Künstler" diskriminiert haben; aber Huldigungsbilder amerikanischer Maler, die der Erhabenheit in der profanen kapitalistischen Geldhierarchie ähnlich nachspürten wie Indianer dem großen Manitou, führten doch nur zu Kunstmuseen als Ersatzkirchen. Die informellen Schwung- und Kleckermalereien oder das abstrakte Design von nackten Farbwänden erwiesen sich zum großen Teil genauso als röhrende Hirsche schwachen Gemütssinns wie die Massenkonsumgüter, gegen die sie antraten.

Angesichts der Häme, den die Popartisten über so viel gnostisches Bimborium ausschütteten, entschlossen sich die besseren unter den Erhabenheitsstilisten wie etwa Mark Rothko gleich auf die Ausstattung von Sakralräumen überzugehen. Der Agnostiker Warhol triumphierte, weil er als Sohn einer katholischen Mutter und regelmäßiger Besucher der Sonntagsmessen im Zeichen des Gekreuzigten den Gespenstern höherer Welten mit Witz entgegentreten konnte.

Wenn jüngst Mick Flick in Zürich und Berlin gegen politische Widerstände die Präsentation seiner Sammlung zeitgenössischer Kunst in öffentlichen Museen glaubte verteidigen zu können, indem er die unschuldige reine Kunst als Opfer der Entartungskampagnen zwischen Bismarck-Zeit und Adenauer-Zeit beschwor, irrte er sich gleich zweifach. Die Avantgardekünstler, auch die abstrakten, entwickelten eine hohe Affinität zu den totalitären Regimen und damit dem Vernichtungskampf gegen Künstler anderen Zuschnitts nicht unter äußerem Zwang, denn sie verfolgten weitgehend Ziele, die denen der Regime, soweit sie erahnbar waren, zu entsprechen schienen. Und es ist nur dem Zufall geschuldet, dass sich die 1936 durchaus an den Expressionisten, an der Neuen Sachlichkeit, an den Futuristen und den Abstrakten interessierten Nazis sich ab 1937 gegen die Avantgarde entschieden, die im Faschismus Mussolinis weiterhin als Staatskunst galt.

In einem aber kann man auch Mick Flick verstehen. Ihn irritiert sichtlich, dass Kanzler und Co ständig fordern, man möge doch nun den Blick optimistisch nach vorne richten anstatt immer zurück in die Vergangenheit; der deutsche Kanzler verkündigt das in Polen oder in Tschechien oder in Berlin, wann immer es unangenehme Wirkungen des Gewesenen auf das Zukünftige abzuweisen gilt. Andererseits besteht aber der unverbrüchliche Konsens unter den deutschen Demokraten, dass die Verantwortung für zwölf Jahre Naziherrschaft auf alle Zeit Deutschland als Schuld- und Schamgemeinschaft definiert. Dem Druck dieser Widersprüche zwischen Vergangenheitsverpflichtung und Zukunftsoptimismus kann man halt nicht durch Weihrauchschwenken oder gnostische Sinngebung des Außersinnlichen entgehen und erst recht nicht durch Freikauf von den Zumutungen der Geschichte als säkularer Form des Ablasshandels.

Verführungen zur pseudognostischen Ummantelung von unerträglichen Zumutungen gibt es schon jetzt in verstärktem Umfang. Alles, was wir bisher faschistischen, totalitären oder fundamentalistischen Zwangsregimen als Definition des Bösen zuordnen konnten, erschaffen wir aus unserer demokratischen Mitte, indem wir es einfach als Repräsentant des demokratisch guten, des westlich aufgeklärten Fortschrittsprinzips ausgeben. Wie aber soll man ohne Gnosis oder wenigstens theologisch begründete Dialektik akzeptieren können, dass jetzt nicht die bösen Weltverderber, sondern die guten Demokratien Präventivkriege führen, Schutzhaft einführen, Vertreibung als Pazifizierungsmaßnahme legitimieren, Euthanasie zulassen, Eugenik zum Paradefeld der Biowissenschaften ernennen, extra-legale Tötung für unumgänglich halten, Diskriminierung als nunmehr positive Affirmation feiern, die Zwangsbeschallung von Restaurants, Kaufhäusern, Flugzeugen, Wartezimmern als verkaufsfördernd für selbstverständlich halten und das Beharren auf kultureller Identität kontrafaktisch jedem kleinen Grüppchen abverlangen, als wären ethnische, sprachliche, religiöse, also kulturelle Zugehörigkeiten wieder wie einst Selbstbestimmungsgrößen mit offiziellem Parteiprogrammstatus.

Wetten dass? Ja, was? In jedem Fall fröhliche Urständ für Gnostiker als Priester der Atheisten und Agnostiker als deren Judas, denn Judas ist stets der Frömmste.