Willkürpathos auf der documenta 12

Kuratorenkaraoke

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

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Soeben wurde mit weltweitem Medienecho, unter Moralgedonner und Attac-Attacken demonstriert, was passiert, wenn ein Big Boss seiner Liebsten in seinem Unternehmen Aufstiegschancen bietet: Der Präsident der Weltbank, Paul Wolfowitz, musste zurücktreten – Schand- und Schmährufe ließen ihn als einen Lumpen und Gauner erscheinen. Der Big Boss der documenta, der nach seiner Berufung ohne jeden Skrupel und ohne jedes Zögern seine Frau Ruth Noack zur bestimmenden Kuratorin der primär von öffentlichen Händen finanzierten Großveranstaltung ernannte, hat wegen dieser Charakterlumperei und Führerarroganz meines Wissens weder von der Presse noch von den Interventionskünstlern noch von Attac zarte Ermahnungen zu hören bekommen, geschweige denn eine Abmahnung von Gesellschaftern oder Aufsichtsräten oder Beiräten der d 12. Auch Verdi, die sonst so interventionsfreudige Gewerkschaft von Kulturarbeitern, schien diese, jedem Dienstverhältnis Hohn sprechende Machenschaft Roger M. Buergels für eine entzückende Künstlerallüre zu halten, die von dem Raunen begleitet wurde, der arme Buergel sei von Ruth Noack unter ihr Machtwort gezwungen worden und müsse eigentlich bedauert werden. Warum nur hat sich die Frau Noack nicht selbst um den d 12 Chefposten beworben?

Aus Entscheiderkreisen hörte man, dass Herr Buergel bei seiner Bewerbung weder aus sachlicher noch aus persönlicher Perspektive die Absicht bekundet habe, seine Frau in die höchste Mitarbeiterposition zu hieven. Wie anders lief das im Falle Volkswagen oder Siemens mit ihren Weibergeschichten und Bestechungskampagnen, obwohl dort alle Beteiligten – wohlgemerkt – in gutem Interesse handelten, von dem sicher auch Herr Buergel bei der Delegation von Entscheidungsmacht an seine Frau geleitet worden ist.
Soweit zum sozialen, politischen, moralischen Anspruch Herrn Buergels, sich bei der documenta 12 auf keinen Fall den Machtallüren, den Durchsetzungsmechanismen und den Gewinninteressen des Kunstmarkts unterwerfen zu wollen. Derartiges Pathos der Reinherzigkeit kennt man sonst nur von Mafiabossen oder Kirchentagssprechern, die ihre besten Absichten damit belegen wollen, dass sie für Spenden zum Neubau von Moscheen und von Museen für Ethnokulturen aufrufen. Als ob Moslems sich nicht aus eigener Kraft in Europa durchzusetzen verstünden und als ob arme Künstlerteufel aus China oder Afrika des Wohlwollens von Paten europäischer Subkultur bedürften. Dabei kommt nur heraus, dass die hiesige dritte Garde der schlecht Fortgekommenen den eigenen haltlosen Geltungsanspruch damit zu verbessern hofft, dass sie sich zu Vertretern der imperialistisch geknechteten Künstler ihrer fernen Lieblingstouristikziele ernennt. Aus der endlosen Kette derartiger Paten-Peinlichkeiten auf der d 12 zitieren wir mal kurz „das Kraftfeld und die Faszination“, die der von Buergel zum Star erhobene Ai Weiwei in seinem „kritisch-hintersinnigen Umgang mit Alltagsgegenständen, Kulturgütern und kulturellen Traditionen“ so nachhaltig zu prägen bestimmt wurde. Ai Weiwei errichtete das Emblem der d 12, ein vierflügeliges Triumphzeichen (7,2 x 12 x 8,5 Meter) der Errettung von chinesischem Kulturgut der letzten Dynastie vor der schändlichen Zerstörung durch westlich geprägte Megastädte, indem er die zum Monument aufgeschichteten, vor der Vermüllung bewahrten Holztüren und Fenster (mit Schnitzwerk) unübersehbar brutal und in dichten Abständen von alufarbenen Schraubenbolzen durchbohren ließ, die sich nicht einmal als haltbar erwiesen haben.

Eine tolle Idee der Rettung: Der Retter benutzt die gleichen Praktiken wie seine angeblichen Gegner; da er aber als deren unversöhnlicher Ankläger auftritt, müssen die schändlichen Praktiken sich in seinem Falle zur humanistischen Wohltat wandeln. Das besagte Ai Weiwei-Monument Template (Schablone) steht inmitten des documenta-Aue-Camps, das fast so sendungsbewusst und retterprogrammatisch ad hoc aufgebaut wurde, wie die Camps der westlichen Freiheitskämpfer in Afghanistan: Bei Regentanz auf dem Dach militärisch laut, bei Sonneneinstrahlung strandgrillheiß und insgesamt eine Ansammlung Jahrzehnte alter und doch untauglicher Instrumente des antikulturimperialistischen Kampfes. Auch für die Gemütlichkeit ist gesorgt. Weil Herr Buergel sensationeller Weise entdeckt hat, dass sich Besucherinnen und Besucher in Ausstellungen auch zum Gespräch niedersetzen können müssen, stehen allenthalben Stuhl- und Sessel-Ensembles asiatischer Anmutung im Kreis oder in Reih und Glied, die vom Sonnenstrandtouristiker Buergel „Palmenhaine“ genannt werden. Zusätzlich lädt besagter Ai Weiwei eine touristische Besatzerarmee als tausendundeinen Gast aus China nach Kassel, wo sie aber den Stadtraum Kassel nicht verlassen dürfen und zwangsquartiert in Hallen feinsinnigen Antiimperialisten Assoziationen an maoistische Landverschickungen als Fortschrittsbeglückungen eröffnen sollen. Das halten die wohlstandsverwahrlosten Kuratorimitatoren für eine Aufarbeitung des Asylelends, zu dessen Demonstration sie ihr lebendes Demonstrationsmaterial platter Weise in Rollen von Asylbewerbern pressen. Da reicht es noch nicht einmal zur zynischen Munterkeit. Dies demonstriert lediglich die selbstgefällige Stärke unberührbarer Dummheit.

Höchster Ausdruck dieser Unberührtheit von jeglichen kunst- oder kulturgeschichtlichen Kenntnissen sind die in die Sammlung Schloss Wilhelmshöhe wie auch hie und da in die Neue Galerie oder die Aue Pavillons und documenta Halle willkürlich strafversetzten historischen Zeugnisse der außereuropäischen, vornehmlich den Mogul-Reichen entstammenden Bildwerke, die eine angebliche Migration der Formen durch alle Zeiten und Kulturen belegen sollen. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass derartige Formen in die Geschichte der Ornamente und nicht in die Geschichte der Kunst gehören. Aber auch zu solcher Unterscheidung von Ornamentgeschichte und Kunstgeschichte reicht es bei den Kuratoren nicht. Sie haben nur in wahlloser Demonstration von Kulturansprüchen gegen die Dominanz der westlichen Kunstentwicklung seit 600 Jahren mit Partyschick und Begriffsmusterornamenten ihre Fortschrittlichkeit beweisen wollen. Aber wo keine Positionen geschichtlicher Kenntnisse demonstriert werden, bleibt auch jegliches Grenzüberschreiten in die Vergangenheit oder die kulturell-religiöse Andersartigkeit oder die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen beliebig, also nichts sagend. Geboten werden lauter leichtfertig mit modischem Hip angespielte, aber in keinem einzigen Falle sinnfällig genutzte Gelegenheiten, das Verhältnis von Avantgarde und Tradition, von Neuen und Altem, von Eigenem und Fremdem, von Säkularem und Sakralem, von Kulturellem und Künstlerischem zu bestimmen.

Vom geschichtlichen Denken, wie es in dem entliehenen Sinnspruch, dass die Moderne unsere Antike sei, anklingt, ist bei den nicht bezahlten Claqueuren und Opportunisten neuer Netzwerkmacht in keinem Punkte die Rede. Nicht einmal vor der Verfälschung der Geschichte der documenta seit Bodes Gründungsakt scheuen die Machenschaftler zurück, gedeckt durch das behauptete Ziel „ethische wie ästhetische Lektionen“ zu erteilen, aus „der Erfahrung reiner Kontingenz heraus, die zumindest potenziell die Möglichkeit völlig anderer Beziehungsformen birgt“. Welcher Blödsinn: Zum einen kann man Möglichkeit nicht potenziell bergen, weil die Möglichkeit nur die Übersetzung des Begriffs des Potenziellen darstellt. Vor allem aber liegt die Bedeutung des Begriffs Kontingenz darin, die durchaus zufällige Entstehung von Gegebenheiten erkennen zu können, aber deren Geltung dennoch nicht nach Belieben entgehen oder sie nach Wunsch verändern zu können.

Dieser Unbelehrtheit entsprechen die von machttrunkenen Oberrichtern der öffentlichen Meinung demonstrierten autokratischen Attitüden, durch die sie ihre privaten Liebhabereien mit allgemeinem Anspruch versehen; sie behaupten einfach, in den besprochenen Positionen genau die Auffassungen bewiesen zu sehen, die sie selbst immer schon vertraten. Für diese machtgestützte Geltung stur wiederholter Unsinnigkeiten stehen die Triumphalismen, mit denen ein Herr Beaucamp und seine Nachläufer vom „Veralten der Moderne, vom Scheitern der Vereinigung von Kunst und Leben und einer nur noch in sich kreisenden Gegenwart“ faseln. Jetzt werden diese staubdummen Redensarten auch noch „als Lektionen, die in Kassel zu lernen wären“ ausgegeben. Utopien, verehrte Herren, können nicht scheitern, wenn man in ihnen nicht Malheftchen für Handlungsvorlagen, sondern Formen der Kritik an der Wahrheit sieht. Was dagegen beweist Ihr Mutwille, einfach zu behaupten, Utopien seien Entwicklungsziele, die hinfällig werden, wenn man sie nicht verwirklichen kann? Einen derartigen Utopiebegriff kann sich nur eine Propagandaschreiberei leisten, die sich alle Begriffe so zurechtbiegt, wie das dem Herrschaftsinteresse der Journalisten entspricht, vom Schreibtisch her über die Entlohnung aller tatsächlich Werktätigen zu entscheiden.

Warum reden die Herren immer noch von der Moderne, als hätten sie noch nie etwas vom Jahrhunderte zurückliegenden „Kampf der Modernen mit den Alten“ gehört; nichts von der Auseinandersetzung der Sokratiker mit den Sophisten, aber auch nichts von den Entdeckungen des Panofsky über das Verhältnis von Renaissance und Renaissancen. Sie kleben nach Belieben allen Begriffen ein Epochenzeichen an, ohne die Gesetze und Dynamiken historischer wie psychosozialer oder neurophysiologischer Entwicklungen zur Kenntnis zu nehmen. Wie viele Male muss man Ihnen noch entgegen halten, dass von Avantgarden sinnvoll nur geredet wurde, soweit das Neue uns zwang, das vermeintlich Alte, die Traditionen, mit völlig neuen Augen zu sehen? Gerade die auf Neuheit orientierten Avantgarden des 20. Jahrhunderts haben die schier unglaubliche Anzahl vergegenwärtigter Vergangenheiten geschaffen, die in vielen neu errichteten Museen als Gegenwart des Vorübergegangenen, als presenza del passato, eine „nur noch in sich kreisende Gegenwart“ als schieres Vorurteil lernunwilliger Machtprätendenten der Lächerlichkeit preisgeben. Wer aber fünf Minuten nachdenkt, wird mit dem Hinweis auf die „Moderne als unsere Antike“ genau das Gegenteil von „Veralten der Moderne“ bezeichnet sehen. Demnach wäre von einer heutigen „nachmodernen Kunst“ grade eine weitere Renaissance der Moderne zu erwarten.

Insgesamt stellen die Verlautbarungen aus Kassel nichts weiter als einen mäßig gestylten Begriffsversandkatalog dar. Ein „Quelle–Kassel-Angebot“ für die denkfaulen Liebhaber konsensfähiger Vorurteile der sich selbst so vorurteilsfrei Gebenden. Wer nichts Bestimmtes weiß, stolpert auch nicht über Vorwissen. So stilisieren sie sich als Heroen „schieren Lebens“, weil sie mal ein paar Feuilletonbemerkungen über Agamben gelesen haben – und nehmen ohne jede Scham den tatsächlich um das nackte Überleben kämpfenden Menschen auch noch ihre Erkennbarkeit in diesem Zustand. Sie schmücken sich mit der Radikalität des schieren Lebens wie Marie Antoinette, die in Versailles das harte Hirten- und Bauerndasein als ach so reizendes höfisches Gesellschaftsspiel genoss, indem sie ab und zu einer Ziege ans Euter griff und zusah, wie andere die Scheiße aus den Ställen transportierten.

Wen auch immer man aus der großen Schar der Grand-Tour-Bildungsreisenden dieses Kunstsommers fragt, wo ihm denn – in Venedig, in Basel, in Kassel oder in Münster – in irgendeiner Weise eine intellektuelle Herausforderung, eine Konfrontation mit dem schieren Neuen, eine überzeugende Präsentation von Werken höchster Qualität geboten oder zugemutet worden sei, antwortet prompt: „In Basel“. Das heißt ganz unmissverständlich, dass gegenwärtig gerade im Bereich der Kommerzkunst verantwortungswillige, kenntnisreiche und arbeitsfreudige Mittler tätig sind. Heute scheinen die Galeristen auch die besseren Vermittler zu sein; sie sorgen sich um die Entwicklung und Entfaltung von Werkwirkungen so umfassend und nachhaltig, weil sie leidenschaftliches Interesse mit der Möglichkeit verbinden müssen, auch in Zukunft noch tätig sein zu können - durch wirtschaftlichen Erfolg. Je größer der Erfolg, desto größer die eigenen Einwirkungsmöglichkeiten. Für das bloße Herumspielen in Kennerattitüden und Oberrichtermanier bleibt keine Zeit. Vor allem aber müssen gerade Galeristen vorausschauend, das heißt im Hinblick auf Entwicklungsmöglichkeiten der Künstler und Wirkungsmöglichkeiten der Werke planen. Kurzfristige Erfolge sind da höchstens Mittel zum Zweck der langfristigen Durchsetzung und Behauptung. Dazu braucht man die verschiedensten Formen der Intelligenz – soziale, emotionale, kognitive und Intelligenz der Kreativität.

Die Galeristen sind souverän genug, sich am Beispiel anderer zu orientieren und doch zu wissen, dass die bloße Nachahmung des Erfolges nach Rezept nicht möglich ist. Das Niveau der Besuchergespräche ist in Galerien zigfach höher als in Ausstellungen herrscherlich prätentiöser Großkuratoren. Galeristen haben ihre Rolle akzeptiert. Bei Kuratoren (wie Journalisten) weiß man häufig nicht, ob sie sich in ihrer Tätigkeit nur dafür schadlos halten wollen, dass sie ihren Anspruch auf Autorität durch künstlerisch-wissenschaftliche Autorschaft niemals erreichen konnten. Galeristen sind in jeder Hinsicht für die Konsequenzen ihres Tuns und Lassens verantwortlich, Kuratoren dagegen nehmen vorsorglich den Zeitgeist, das dumme Publikum oder die Veranstalter in Haft, indem sie behaupten, die Freiheit ihrer höchstrichterlichen Entscheidung sei gefährdet, wenn man sie zwänge, sich rechtfertigen zu müssen. Vor allem wissen die Galeristen aus eigener Erfahrung, dass das hämische Gerede von der beliebigen Manipulierbarkeit des Kunstmarktes durch die Händler der schieren Anmaßung von Möchtegernmanipulatoren entstammt.

Summa: Der Kunstsommer 07 bestärkt eine seit längerem sichtbare Tendenz, dass die Nutznießer öffentlicher Mittel nur noch Phrasen dreschen, mit denen sie dann in den Genuss der Gewährung ebensolcher Mittel kommen. Das gilt auch für die Wissenschaften, die fortwährend Forschungsanträge produzieren, deren erfüllte Leerlaufschemata schon als Resultat der Forschung behaupten, was überhaupt erst untersucht werden soll. In genau dieser Weise behauptet die diesjährige documenta-Leitung schon das Resultat ihrer Überlegung zu bieten. Wenn das stimmte, wäre die Ausstellung selber gar nicht mehr nötig. Die Konfrontation mit bedeutenden Werken ist deswegen unumstößlich, weil deren Resultate nicht antizipiert werden können und weil vor allem für die nun 600jährigen Künste gilt, dass alle kunstwissenschaftlich, ästhetisch oder psychologisch noch so gut begründete Kritik an Evidenzbehauptungen nur wiederum durch Erzeugung von Evidenz geleistet werden kann. Also handelt es sich bei evidenzkritischen Arbeiten zu Migration, Kulturalismus, Imperialismus, Stadtentwickung, Politpropaganda etc. nur um seminaristische Anstrengungen, wenn diese Evidenzkritik ihrerseits nicht wieder evident gemacht werden kann - evident zumindest auf dem Niveau dessen, was eben als bloßer ideologischer Schein oder Wahrnehmungsmanipulation oder optische Täuschung kritisiert werden soll.

Von dieser Art anspruchsvoller und umfassender Evidenzkritik durch Evidenzerzeugung ist auf der documenta kaum etwas in den Blick gebracht. Das Niveau der Evidenzkritik am Krieg der Bilder, am Neokolonialismus oder an schieren Marktinteressen reicht nicht hin, um sich für mehr als ein paar Minuten einem Exponat zu widmen. Von Bildungsanforderungen an das Publikum oder gar von Bildungsangeboten durch die Exponate kann gar keine Rede sein: Jede Verbrauchermesse fordert und bietet ein Zigfaches für ihre Besucher als professionalisierte Rezipienten, Konsumenten, Patienten oder Wähler. Die Ursachen für den d-12-Schrecken ohne Ende kann man getrost im Unabhängigkeits- gleich Willkürpathos der herrscherlichen Macher sehen, die sich keiner öffentlichen Diskussion stellen und keiner internen Kritik ausgesetzt sind, weil sie sich ohnehin nur mit einen Netzwerk von Opportunisten und armen Würstchen umgeben, denen die Aussicht auf ein anständiges Honorar sogar das Abnicken offensichtlicher Unsinnigkeiten wert ist. Als Journalist überträgt man eben ganz unverschämt, will sagen unverdächtig, die zahlungsgewichteten Anzeigenmitteilungen gemeinsam mit den honorierten Meinungsäußerungen, die in Wahrheit demokratisch legitimierter Medienfaschismus sind.

Im Falle der Kommerzinteressierten kommt dergleichen auch vor – wird dann aber aufgedeckt wie bei Volkswagen oder Siemens. Es wird noch sehr lange dauern, bis die bequeme Unangreifbarkeit der Kuratoren im Kunst- und Kulturbereich, gedeckt durch vermeintliche Wahrung der Kunst-, Wissenschafts- und Religionsausübungsfreiheit, nur dann in Anspruch genommen werden kann, wenn... ja wann also? Wenn fähige Galeristen mit ihrem höchstqualitativen Angebot von Werken jener Künstler, die mindestens 15 Jahre kontinuierlicher Arbeit durchgestanden haben, auch einem documenta-Publikum die Chance bieten, sich an solchen beispielhaften Arbeiten zu orientieren. Beispielhaftes Gelingen, nicht vorbildliche Größe! Denn wir alle leben nun mal vom Beispiel anderer, die auszuhalten und fertig zu bringen vermochten, wofür uns die Kraft, das Talent, der Mut offensichtlich noch fehlt. Aber in jedem Falle könnten wir an solchen Beispielen nachvollziehen, was es für Menschen bedeuten könnte, noch einmal aufs Enden als Vollendung hoffen zu dürfen.