Culture Insurance

No Title No Reception

Culture Insurance
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Mit dem Buch „culture insurance no title no reception“ soll eine erweiterte über die bildende Kunst hinausreichende und öffentliche Debatte zum Thema Kunstproduktion und damit das Schaffen und Bewahren von Kultur und Kulturgüter angeregt werden.
Basis ist das 2004 realisierte Projekt „ZBO-SdM052005 – 1500 Jahre Sonderschutz der UNESCO für 50 zeitgenössische Kunstwerke“. Dabei wurden 50 Gegenwartskünstlerinnen und – künstler gebeten ein Kunstwerk zur Verfügung zu stellen, um dieses im Zentralen Bergungsort der Bundesrepublik einzulagern.

In dem Buch kommen nun 20 Autoren, u.a. Prof. A. Assmann, E. Kimminich, R. Horowski, T.C. Pollmann, Prof. H. Sowa, B. Nieslony, Prof. Dr. Bazon Brock mit Beiträgen zu Wort, die ganz unterschiedliche Antworten auf die zentralen Fragen der Debatte anbieten und das Thema in einen kulturanthropologischen und sozialwissenschaftlichen Kontext stellen.

Globalisiert sich ein Konsens zum Kulturbegriff? Sollte nationales Kulturgut gesichert werden? Welchen Beitrag leistet die Bildende Kunst ?

Neuerungssucht und Ewigkeitsanspruch

Zur Endlagerung kultureller Gewissheiten

Inzwischen wird selbst den wohlstandsverwahrlosesten Bundesrepublikanern klar, dass sich die Welt nicht ihren Vorstellungen vom Leben als permanenter Ferienreise anzuschließen gedenkt. Die harmlosen Deutschen glaubten, alle anderen Antriebe als die zum Strandleben zwischen All – inclusive Buffets und Abtanzarena durch Konsumrismus, Pornografie und Sozialfürsorge auslöschen zu können. Aus dieser Leichtfertigkeit, das eigene Beispiel für verbindlich zu erklären, entstand die arrogante Missachtung vermeintlich zurückgebliebener Kulturen, die ihre kulturellen Prägungen noch ernst nehmen, tödlich ernst nehmen. Alle Kulturen bieten ihren Mitgliedern die gleichen für ein menschliches Dasein unabdingbaren Voraussetzungen, nämlich Anknüpfung an letzte Gründe, Werte und Verbindlichkeiten zu ermöglichen. Diese Rückbindung an die unverbrüchlichen Glaubensgewissheiten nennt man Religion. Alle Kulturen bieten also religiöse Gewissheiten. Das sind Behauptungen, die durch Hinweise auf Fakten nicht erschüttert werden können; das sind kontrafaktische Annahmen, die umso wirksamer sind als sie erklärtermaßen jenseits aller Vernunft- wie Verstandesgründen gefunden werden. Alles was sich nur unserem Vernünfteln, Analysieren und Argumentieren verdankt, erweist in eben dieser Bezweifelbarkeit seine Relativität, seine Widerlegbarkeit wie seine hypothetische Vorläufigkeit. Darauf ist aber keine unverbrüchliche Gewissheit zu bauen, die sich dem zufolge nur als das Jenseits der Rationalität bestimmen lässt. Kulturelle Gewissheiten, die so mächtig sind, weil sie als Kontrafakte von keiner Argumentation, gar von verstandesscharfen Beweisen erschüttert werden können, sind also nur als irrational, alle Vernunft übersteigend anzusprechen. Solche Orientierung an den Kontrafakten lässt sich aus unserer kulturellen Tradition, der christlichen Religion, etwa mit der Maxime „credo quia absurdum“ oder „die Liebe, welche höher ist als alle Vernunft“ belegen. Die Namen der Kontrafakte lauten „das Heilige“, „das Numinose“, „Gott“, „Tradition“, „Offenbarung“. Ihre Beglaubigung finden die Kontrafakte als unverbrüchliche kulturelle Gewissheiten einerseits durch die kultische Verehrung in den Kulturgemeinschaften, die sich dadurch ihre Exklusivität, d.h. ihre Kampfkraft erhalten und andererseits durch den evolutionären Fitnessvorteil, den die Todesbereitschaft einzelner Mitglieder den Gemeinschaften bietet. Wer bereit ist, für die Gewissheiten seiner Kulturgemeinschaft sich töten zu lassen und gegen die Exkludierten das Töten zu praktizieren, aktiviert eine schier unumstößliche Logik der Rechtfertigung, die wir in unserer Tradition mit dem Diktum „viel Feind – viel Ehr“ kennzeichnen. Dieser Logik zufolge bestätigen der Grad und der Umfang des Widerstandes gegen die Geltungsansprüche von kulturellen Gewissheiten grade deren Bedeutung. Jeder Einwand gegen eine kontrafaktische Position belegt demnach nur die Unerreichbarkeit von deren Bedeutung für diejenigen, die Einwände erheben. Dadurch wird wiederum der Anspruch auf Exklusivität jeglicher Kultur bestärkt. Ein Kontrafakt kann man nicht verstehen wollen sondern nur bestätigen durch Unterwerfung. Wenn auch die Kontrafakte als Absurditäten von außerhalb ihrer akzeptierten Geltung als schiere Wahnhaftigkeiten klassifiziert werden können, so bleibt doch die Anerkennung ihrer methodischen Rechtfertigung: „Ist es auch Wahnsinn so hat es doch Methode. Zudem beweisen ja die Regeln des Zusammenlebens in Kulturen die normative Kraft des kontrafaktischen selbst für die alltäglichsten Verrichtungen, obwohl sie mit dieser Begründung komplizierter, d. h. unökonomischer werden.

Es durfte einleuchten, dass mit der rapiden Zunahme des wissenschaftlich-hypothetischen Arbeitens diesseits aller kulturellen Gewissheiten das Bedürfnis nach Religiosität als Verankerung in unerschütterlichen Gründen wächst. Insofern die Moderne die Epoche der Dominanz von nicht mehr kulturell legitimierten Arbeits- und Verhaltensweisen ist (wie den Künsten und den Wissenschaften), ist sie auch die Epoche einer immer stärker werdenden weltanschaulichen Orientierung auf Religionen und Ideologien. Mit der voranschreitenden Bedeutung des wissenschaftlichen Falsifikationsgebots, also der ausdrücklichen Orientierung an Arbeitshypothesen zur Widerlegung wachsen naturgemäß die Bedeutungen religiöser Gewissheiten. Aus dieser Ko - evolution von wissenschaftlicher Faktenerhebung und kontrafaktischer Geltung kultureller Gewissheiten ergab sich die Forderung nach strikter Trennung beider Begründungszusammenhänge, der kulturelleren, kontrafaktischen und der Zivilisatorisch – hypothesengestützten. Es entspricht der angedeuteten Harmlosigkeit Wohlstandverwahrloster, lange Zeit überzeugt gewesen zu sein, dass sich die Trennung von Kultur und Zivilisation, von Kirche und Staat, von Glaubensgewissheit und Wissenszweifel ganz nebenbei erledige: wer müsse denn noch glauben, wenn ihm staatlicherseits Fürsorge gewiss sei und die Vorteile von Konsumrismus und Pornografie jedermann nahe legten, dass Gottesdienst und kulturell begründete ethische Normen nicht mehr gebraucht würden. Das Postulat der Säkularisierung ist also grade wegen der wachsenden Bedeutung von Religionen in der Moderne unabdingbar.

Es gehört zu den großen Leistungen der Menschheitsgeschichte, mit den Künsten und Wissenschaften, also seit etwa 1300 n. Chr., Arbeits- und Verhaltensweisen entwickelt zu haben, die nicht mehr kulturell legitimiert werden mussten. Wenn einer Mathematik betreibt, ist es dafür völlig irrelevant, welcher kulturellen, also Religions- und Sprachgemeinschaft, welcher Ethnie oder Rasse er angehört. Demzufolge muss er seine hypothetisch vorgetragenen Aussageansprüche auch nicht mehr durch die Autoritäten der Kulturgemeinschaften absegnen lassen – Künstler und Wissenschaftler können Autorität nur als Autoren in Anspruch nehmen, d.h. als Individuen, die ihre Aussagen jenseits von Approbation, Delegation, von Traditionskonformität und Konsensbestätigung mit weltlichen oder geistlichen Repräsentanten ihrer Kultur attraktiv formulieren. Denn solche Attraktivität der Wahrnehmungsangebote ist notwendig, um die Aufmerksamkeit Dritter zu erregen, wenn sie weder mit Belohnung fürs Zuhören noch mit Bestrafung für Gleichgültigkeit zu rechnen haben.

Aus der Entdeckung der Autorität durch Autorschaft erklärt sich die bis dato nie demonstrierte Entwicklungsdynamik, wie sie die westliche Welt seit dem 14. Jahrhundert bestimmt. Wo herkömmlich kulturell geprägte Gesellschaften alle Weltverhältnisse durch Hinweise auf sechs Quellen der Autorität begründen und damit relativ statisch, also fest gefügt verharren, konnten bei Anerkennung von Autorität durch Autorschaft zahllose Arbeitshypothesen gebildet werden deren Erprobung besagte Dynamik der Versuch- und Irrtumsbetätigung prägt. Der Preis dafür schien nicht zu hoch, denn was geht schon an Gewissheit verloren, wenn der Nachweis von Irrtümern Einzelner gelingt. Schließlich aber schienen die kunst- und wissenschaftsbasierten Autoritätssysteme durch Autorschaften zur allgemeinen Verunsicherung zu führen, weil durchaus nicht alle Individuen die Fähigkeit besitzen, ihre Problematisierungsfähigkeit zur Basis von belastbaren sozialen Bindungen werden zu lassen. In Kulturen teilen die Menschen religiöse Gewissheiten, ihre Sprachen, Sitten und Gebräuche; in Zivilisationen teilen sie nur das Eingeständnis eigener Beschränktheiten und Ungewissheiten. Wenn der Grund für den Zusammenschluss mit anderen in dem Eingeständnis der prinzipiellen Unlösbarkeit aller Probleme liegt, also in der Einsicht, dass Probleme bestenfalls durch das Schaffen neuer Probleme hantierbarer gemacht werden können, dann verlangt das einen hohen Grad an entfalteter Charakterstärke, die eben nicht jedermann gegeben ist. Es sollte nicht verwundern, dass im Laufe der Moderne immer wieder versucht wurde, den Auswirkungen solchen verständlichen Mangels an humanitärer Größe vorzubeugen, also zu verhindern, dass die weniger entfalteten Individuen das Leben in kulturellen Gewissheiten dem Arbeiten im Felde der blühenden Hypothesen vorziehen. So wurde im 18. Jahrhundert das Angebot gemacht, eben auch für die Zivilisation Rückbindungen auf unhintergehbare Gründe in Gestalt von Zivilreligionen zu stiften. Auch wurde mit beispielloser Innbrunst immer erneut verbreitet, dass selbst ein Einstein am Ende eines langen Lebens in permanenter wissenschaftlicher Verunsicherung doch dem Zentrum kultureller Gewissheit Referenz erwiesen habe, indem er das Wunder der Natur, die Großartigkeit der Offenbarung Gottes und dergleichen gepriesen habe. Aber allen diesen Versuchen war doch ihre pädagogische Bemühtheit anzumerken. Es fehlte die überzeugende Demonstration der unabweislichen und unabdingbaren Unterwerfung unter ein Zivilisationsgebot, das auf die gleiche Weise Verbindlichkeit in Anspruch nehmen konnte, wie die kulturell begründeten. Nun endlich, am Ende des 20. Jahrhunderts scheint sich die Chance zu bieten, innerhalb der wissenschaftlich - anthropologisch, wie künstlerisch individuell begründeten Zivilisation ähnliche Leistungen sicherer Orientierung zu entwickeln wie sie herkömmlich von Kulturen geboten werden. Wenn wir jene kulturellen Gewissheiten verkürzt als Garantien für Dauerhaftigkeit, Unveränderbarkeit und Antizipierbarkeit kennzeichnen, dann dürfte es gelingen, solche Garantien auch innerhalb unserer universalen Zivilisation zu bieten. Dafür steht das Programm „Gott und Müll“ Denn in der von kulturellen Glaubensvorstellungen vollkommen unabhängigen Notwendigkeit, auf 15 000 Jahre die sichere Endlagerung des strahlenden Mülls zu garantieren, dann überstrahlt diese zivilisatorisch gegebene Garantie von Dauer alle bisher kulturell Gebotenen. Denn Kulturen brachten es bestenfalls auf ein Ewigkeitsmaß von 1000 bis 3500 Jahre (den Rekord hält unbestritten die Kultur des Judentums). Aber was sind schon 3500 Jahre demonstrierter Dauer einer kulturellen Gewissheit angesichts von 15000 Jahren Endlagerungsfürsorgepflicht. Es kommt nur darauf an, diese alle kulturellen Gewissheiten weit übertreffenden zivilisatorischen Unabdingbarkeiten in den Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens zu stellen, wo bisher in Gestalt der Synagogen, Kathedralen, Moscheen, Tempel, etc. die Zeugnisse der kulturellen Gewissheitsgarantien vorherrschten. Statt also die Kraft, die für die nächsten 15 000 Jahre Dauerhaftigkeit, Unveränderbarkeit und Antizipierbarkeit garantieren kann, in Wüsten zu verscharren, aus denen einst schon mal die Götter kamen, sollten wir sie auf die Plätze und die Kultzentren unsere Städte zurückholen, also Kathedralen für den strahlenden Müll in jeder Stadt errichten, damit grade in multikulturellen Lebensräumen alle Menschen unabhängig von ihren kulturellen Prägungen zu Gemeinsamkeit der Verehrung des strahlenden Mülls gebracht werden können.

Seit 1985 verfolgen Michael Baumann aus Nürnberg als Skulpteur und Architekt wie ich als Kulturwissenschaftler und Anthropologe den Bau solcher Kathedralen für den strahlenden Müll, also der zeitgemäßen Kultstätten einer zivilen Religion, der Garantie von Ewigkeit. Wir begrüßen es daher, dass Adi Hoesle und seine Freunde mit gutem praktischem Sinn das Rüstzeug für die Endlagerung unserer Ewigkeitsansprüche in Gestalt von Zeitkapseln (wie sie aus Grundsteinlegungen und durch Warhall’scher Archivierungsohnmacht bekannt) entwerfen. Aus dem unabdingbaren Kult der Jahrtausende fordernden Hütung des strahlenden Mülls mit den Wissenschaftlern als Kultpriestern ergeben sich auch alle zukünftigen Aufgaben der Bild – und Sprachwissenschaftler der Kommunikationsstrategen und Archäologen. Zentral bleibt die Frage, ob wir auf die gleiche Weise mit den zukünftigen Menschen in Verbindung treten können wie uns das bisher mit den Toten gelang. Die Antwort heißt eindeutig „Ja“, denn alle Vergangenheit ist ehemalige Zukunft. Und das heißt, dass wir vornehmlich als Archäologen und Historiker gut begründete Annahmen über die Zukunft formulieren können. Werden wir also zu Archäologen und Historikern der Menschheitszukunft.