Der Freitag

Der Freitag | Nr. 49 / 05.12.2013.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 1

Im Zeitgeist-Gottesdienst (gedruckte Kurzfassung)

In Berlin hat die Christoph-Schlingensief-Retrospektive eröffnet. Er hat begriffen, was politische Kunst heute ist: Journalismus mit anderen Mitteln.

Helmut Kohl rief bekanntlich die „geistig-moralische Wende“ aus, und Christoph Schlingensief wurde von dieser unfrommen Lüge, also von der Verkohlung des Publikums durch Kohl, erweckt. Als ehemaliger Messdiener war er höchst moralsensibel. 20 Jahre lang versuchte Schlingensief das Gespenst Kohl zu löschen. „Tötet Helmut Kohl“, forderte er. Oder „Legt ihn wenigstens trocken!“ Und er überbot Loriots Badewannendrama, indem er postulierte, es sollten Tausende gewichtiger Zeitgenossen in den Wolfgangsee springen, um mit der so ausgelösten Riesenwelle die Ödylle am Seeufer wegzuspülen.

Was war das politisch Wirksame an diesem, wie einem Dutzend weiteren grandiosen Konzepten des vor mehr als drei Jahren verstorbenen Künstlers?

Mit seinen Aktionen wurde schlagartig offenbar, dass die Bundesrepublik aus dem Geiste des Politkabaretts geboren und gehütet worden war. Jeder Machtoption wurde eine Doppelgestalt der kabarettistischen Rationalität zur Seite gestellt. Der von Ex-Nazis reklamierte Carl Schmitt wurde von Carlo Schmid überblendet und überformt: Beide übrigens aktive Kunstfreunde, Schmitt war sogar Dada-Propagandist, bevor er dem Führer folgte. Schmid übersetzte aus dem Französischen die Programmatiker des Modernismus und lehrte Politik als literaturwissenschaftliche Disziplin.

Zwei weitere Karyatiden am Bau der BRD waren Ludwig Erhard und Heinz Erhardt. Schon von Gestalt eine nahe liegende Analogie, aber erst der Erhardt’sche Blick auf die Politik Erhards enthüllte das, was die Kabarettisten seither als Realsatire erkennbar werden ließen.

So gut wie allen Historikern der Bundesrepublik ist entgangen, dass die Umbildung des einst braunen Volkes in der BRD (aber ex negativo nicht minder bedeutsam in der DDR) ganz entschieden vom Kabarett als moralischem wie erkenntnisstiftendem Verfahren geleistet wurde. Schlingensief war ihr Prophet wie Märtyrer. Seine Aktionstypik entspricht der karikaturgemäßen Verzerrung, Übertreibung, Zerlegung der Zumutungen der Politik. Man hatte bloß bis dato nicht damit gerechnet, dass die Karikatur auch als theatralische, dadaeske, happineske Real-life-Aktion wirksam werden könnte: Martin Kippenberger als bildender Künstler, Thomas Bernhard als Literat, Joseph Beuys in der Volkspädagogik.

Schlingensief hatte im Mülheimer Atelier von Werner Nekes seit 1984 gut aufgepasst. Über Jahre hörte er dort, was die zahlreichen aktionistischen Gäste zu loben wussten. Aber er wollte die Erzählungen überbieten – was ihm gelang. So bot er in Wien seine Ausländer-raus-Aktion in direktem Bezug zum Heldenplatzdrama von Thomas Bernhard an. „Scheitern als Chance“ replizierte das Diktum von Achternbuschs „Du hast keine Chance, aber nutze sie“. Die Animatorkonstruktion vereinheitlichte den Schwitter’schen Merzbau mit den Tier- und Menschenversuchsanlagen, wie sie Michel Foucault bloß als historische Phänomene untersuchte, obwohl sie in den Kaufhäusern bereits schamlos als selling fields genutzt wurden.

Was ist das Entscheidende für die Würdigung Schlingensiefs? Er akzeptierte die Kennzeichnung des modernen Aktionismus als Journalismus sofort. Kippenberger zum Beispiel spielte den Beleidigten, als man ihm klarzumachen versuchte, dass er im besseren Sinne Bildjournalist sei. Schlingensief verstand, was die Stunde der Kunstevolution anzeigte. Man musste sich entscheiden, ob man sich in Gottesanmaßung zum Werkproduzenten oder in der Nachfolge Christi zum Wirken ohne Werk bekennen wollte. Der Geist der „heiligen deutschen Kunst“ kann durchaus in beiden Feldern wirksam werden.

Werk oder Wirkung?, hieß und heißt die Herausforderung. Journalismus ist die offensichtlichste Form der Wirkung ohne Werk, wie sie Jesus und Rechtsanwälte, Ärzte, Lehrer, Priester, Dramaturgen, Regisseure und Schausteller mit großer Beispielhaftigkeit zur Geltung gebracht haben. Alles, was Schlingensief als Chance wahrnahm, war zeitgeistig und systematisch auf Wirkung angelegt, auf Überzeugung und Einsicht. Nicht auf Provokation, Klamauk und egomanen Aufmerksamkeitsradau.

Ist euch Journalisten nicht aufgefallen, dass ausgerechnet jene Künstler besonders milde, höflich, wohlerzogen aufgetreten sind, die ihr als Radikalisten ausrieft? Schlingensief, Meese, Beuys. Da kann man doch ihre Wirkungsabsicht nicht im Zerschlagen von Konventionen oder ähnlichem Unsinn sehen wollen. Schlingensief war wegen seiner Wirkungsstärke ein höchst zurückhaltender Arbeiter im Tränenfeld der öffentlichen Belange. Wie bei allen Aufklärern reizte das Lachhafte der Politphraseologie seine Lachkraft.

Wer Beuys, Meese, Qualtinger und Polt erlebte und erlebt, rühmt ihre Lachkraft, pferdig wiehernd wie Beuys, scheppernd wie das „Määähhh“ einer Herde eingeschüchterter Sündenböcke à la Meese oder kraftvoll zustimmend wie Polt in der Rolle des Selbstmörders. Der Auftrag zur Vervollkommnung unserer politischen Bildung, meine ich, könne nur darin lauten, sich möglichst oft daran zu erinnern, wie engelhaft verklärt Schlingensief gelacht hat.