Skisport in der Bildenden Kunst.

2. FIS Forum

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Denken durch Bewegung

Nietzsche als Trainer und antizipierende Habitualisierung durch Leistungssport

Nietzsches Empfehlung, keinem Gedanken zu trauen, der nicht in der Bewegung entstanden sei, verweist zurück in die Geschichte und voraus in die Zukunft seiner Zeit, die unsere Gegenwart geworden ist. Schon Aristoteles nannte seine modernisierte Version von Platons Akademisten Peripatetiker. Die Schüler wanderten umher von Meister zu Meister und schritten umher auf jedem Schul- und Stadtgelände, während sie Texte memorierten. Ganz offenbar hatte die Erfahrung gezeigt, dass die geistige Wachheit und Aufnahmebereitschaft durch körperliche Aktivität stimuliert werden kann. Das machten sich auch mittelalterliche Mönche zu Nutze, indem sie in den Kreuzgängen der Klosterinnenhöfe einander gegenüber traten, um dann im Wechsel vor- und zurückzuschreiten; die wellenartigen Vor- und Rückbewegungen strukturierten die stimmliche Wiedergabe gemeinsam memorierter Texte.

Nietzsches Diktum erinnert aber an eine weitergehende Verknüpfung von Körperarbeit und Geistesarbeit. Wie etwa Gedanken in körperlicher Aktion auf Welterkenntnis bezogen werden können, zeigt das Beispiel der helinistischen Könige, die verpflichtet waren, den abstrakten Gedanken eines Bildes der von ihnen beherrschten Welt mit Körpertätigkeit zu belegen. Sie mussten in jährlichen Zeremonien den Berg Haimon (heute Syrien) besteigen und dessen Spitze umwandern, um durch diese 360-Grad-Bewegung den Begriff „Supervision“ als Grundlage des Herrschaftswissens zu demonstrieren – sie erarbeiteten sich eine grundlegende Übersicht über ihre Aufgaben.

Auf eine derartige Entsprechung von Bewegungsform und Gedankenform verweist auch die römische Erziehungsmaxime, man habe dafür zu sorgen, dass sich die Funktionsfähigkeit von Körper und Geist parallel entwickeln; das Kriterium für gelungene Erziehung war „mens sana in corpore sano“, wobei Gesundheit als gelungene Entsprechung von körperlichen und seelische Bedürfnissen wie von Wollen und Tun respektive Nichtwollen und Unterlassen verstanden wurde. Auf solche Entsprechung von körperlicher und geistiger Aktivität legte man gerade deswegen so großen Wert, weil immer wieder behauptet wurde, man könne durch Verneinung des Körpers die seelisch-geistigen Kräfte besonders stimulieren oder umgekehrt durch extremes Fördern von Körperausbildung den Verführungen der Sinne als Organen des Geistes entkommen. Beide Extreme haben in unserer Kulturgeschichte eine große Rolle gespielt. Gladiatoren des radikalen Körperkults und Asketen der unmenschlichen Körperverachtung wurden wie alle Abnormitäten bestaunt und vermarktet, aber man fürchtete sich doch eher vor ihnen, denn in den von ihnen verkörperten Extremen wurden gesellschaftliche Bindungsbereitschaft und Kontrolle der Lebensäußerung durch Schmerzempfindung leichtfertig aufgegeben. Auch für die Frommen galt „ora et labora“, also die Einheit von körperlicher Arbeit und geistiger Tätigkeit. Diese von Benedikt von Nursia 520 n. Chr. formulierte Direktive zur Entfaltung von menschlichem Leben in der Welt bei gleichzeitiger geistlicher Orientierung auf die Heilsgeschichte und das Jenseits zur Welt begründete für tausend Jahre die staunenswerte Entwicklungsdynamik Europas.

Mit dem Aufkommen von Maschinenarbeit als neuer Vermittlung von geistiger und körperlicher Tätigkeit gingen die alten Praktiken und Regeln zur maßvollen, gesunden Parallelentwicklung von Psyche und Soma, von Leib und Seele sowie von Körper und Geist verloren. An ihre Stelle traten die Regeln des Sports. Die Entwicklung dieser Regeln verdankt sich zunächst der Absicht (etwa des Turnvaters Jahn), junge Männer körperlich zu ertüchtigen und politisch – kulturell zu bilden für die machtgestützte Durchsetzung des Nationalstaats im Widerstand gegen Napoleons Globalisierungsabsichten.

Eine weitere große Motivation, Sport als neue Vermittlung geistig – körperlicher sowie sozialer, politischer Entwicklung auszubilden, entstand durch die Standardisierung und das heißt die rigide einseitige Einschränkung von Körpertätigkeiten der FabrikarbeiterInnen. Die sportliche Betätigung sollte ihnen im Arbeitsleben verlorene Vielseitigkeit und Vielfalt tätigen Lebens auszugleichen helfen. Zugleich stiftete die Orientierung auf Sport neue Gemeinschaften, deren Ausprägung als Verein bisher ungemessene Bedeutung für soziale, kulturelle, politische Integration der rasant wachsenden Industriebevölkerungen gewannen. Zwischen Kameradschaftskult und Vereinsmeierei changierten die Stigmatisierungen des Sports – stets begründet in der Wechselbeziehung von Psyche und Soma. Die Stigmata wurden als psychosomatische Störungen, als Krankheiten und Perversionen maskiert. Das war wohl besonders nahe liegend, weil man gleichgut glaubte begründen zu können, dass Sport als Mittel zum Aufbau und zur Regulierung der Körper-Geist Balancen sowohl der Persönlichkeitsbildung von Individuen wie der Entindividualisierung durch Gruppenzwang diente. Eine vermittelnde Position zwischen beiden Auffassungen (Individualisierung und Gruppenzwang durch Sport) gelang erst in der Professionalisierung des Sporttreibens. Die Sportprofis steigerten ihren Marktwert durch Entfaltung ihrer Teamfähigkeit; so gehörte es geradezu zur Definition der Spielerpersönlichkeit dem Fußball, dass sie ihre individuelle Leistungskraft im Einsatz für die Mannschaft bewies.

Und in der Tat lässt sich gut begründen, dass die moderne Herausforderung überragender Einzelleistungen bei gleichzeitiger höchster Abhängigkeit von Kooperation von anderen am besten im Profisport gelungen ist – besser gelungen als in den Künsten und Wissenschaften. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass Künstler und Wissenschaftler weit weniger gezwungen sind, ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten gleichermaßen zu entwickeln, wozu umfassende Kenntnis und Berücksichtigung von Ernährungslehren, Anatomie, Neurophysiologie, Geopsychologie und Klimatologien gehören.

Unter heutigen Gesichtpunkten ist aber das durch Sport vermittelte Verhältnis von Körper und Geist von besonderem Interesse, weil in dieses Verhältnis nicht nur natürlich/genetisch begründete Konditionierungen eingehen; vielmehr lassen sich auf der Basis solcher natürlichen Gegebenheiten Formen der Selbstkonditionierung als Funktionslogiken herausbilden, die von größter Bedeutung sind. So leugnen gegenwärtig einige Neurophysiologen die Willensfreiheit als Vorauslaufen einer geistigen Aktivität vor ihrem körperlichen Ausdruck. Sie messen körperliche Aktivität vor geistiger in definierten Funktionszusammenhängen, wie etwas erst zu wollen und es dann zu tun. Jeder Hochleistungssportler könnte diesen verwirrten Neuronenimpulszählern (früher Erbsenzähler) Bescheid geben, indem er zeigt, wie durch Training immer verkürzte Entsprechungsfolgen von geistigen und körperlichen Aktivitäten sich herausbilden – bis schließlich die körperlichen Reaktionsschemata schneller aktiviert werden können als die auslösenden Willensentscheidungen. Rennfahrer auf den Pisten aus Schnee oder Asphalt können sich den Ungeheuerlichkeiten ihrer Anforderung an Geist und Körper nur aussetzen, wenn sie körperlich schneller agieren als sie diese Aktionen geistig zu planen vermögen. Ihnen ist durch größte Trainingsanstrengung die Planung eines Streckendurchlaufs sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen, so dass sie sich tatsächlich in der realen Aktion auf die habitualisierten, ins autonome Handlungsschemata der Körper eingegangenen Bewegungskonzepte blind, das heißt ohne erneute gedankliche Aktivierung verlassen können. Das meint antizipierende Habitualisierung. Bei den erreichten Geschwindigkeiten der Körperaktionen käme jede einem Konzept entsprechende neuronale Impulskette als nachzuvollziehender Befehl viel zu spät. Das Bild vom geistlosen Automaten respektive von willenlosen Marionetten auf den Pisten ist also auf höchster Stufe rechtfertigbar - das heißt, unter Berücksichtigung der unglaublichen geistigen Leistung, die diesem Körperkönnen zugrunde liegt.

Herausgefordert durch die vermeintliche Paradoxie, dass im Hochleistungssport stets die körperliche Aktivität jeder ihr geistig als ein Wollen entsprechenden Aktivität voraus läuft, hat dazu geführt, dass wir inzwischen annehmen müssen, unser Alltagsleben laufe zu größten Teilen nach dem Hochleistungsmuster jener Habitualisierung ab, in der Körperaktivitäten stets ihren geistigen Entsprechungen als Willenskonzepten vorausgehen – und wir würdigen damit Auffassungen früherer Epochen unserer Evolution (vergleiche etwa das Marionettenkonzept von H. v. Kleist).

Im 18. Jahrhundert formulierte William Hogarth einen Vermittlungsbegriff für das Verhältnis von Körper und Geist respektive Geist und Seele als Line of Grace and Beauty. Diese Linie der Bewegung begnadeter Körper als Ausdruck ihrer seelischen Harmonie wird von einigen Forschern als anthropologisch, d.h. in der Natur des Menschen immer schon vorgegeben verstanden: das Training müsse sie nur zur Entfaltung bringen. Dann würden wir ihrer in der Kurvartur des Canale Grande wie in den Ausdrucksschwüngen der Steiner’schen Eurythmie, also in Fluss Mäandern wie in Schmuckornamenten, also in der Natur wie in den Kulturen erkennen. Seit den zwanziger Jahren trägt diese Ausprägung der Line of Grace and Beauty den Namen Swing; er bezeichnet die Koordination leiblich-seelischer Aktivitäten als Parallelaktion, deren höchster Ausdruck eben der Paarlauf von Mann und Frau, Leib und Seele, Gedanke und Tat, Wollen und Tun.

Der Begriff des Trainings umfasst und überformt heute die früheren Konzepte der Erziehung und der Ausbildung. Denn er vereint evolutionäre Kräfte als Entfaltung und Entwicklung eines Potentials, wie die psychologische Instrumentierung solcher Entfaltungsmethoden. Dazu gehören Empathie auf der Basis von Mimesis und Anstrengungslust auf der Basis von sozialem Orgasmus.

Seit der Entdeckung von Spiegelneuronen als Basis unserer Fähigkeit, andere nachzuahmen und in solcher Mimesis die den nachgeahmten körperlichen Ausdruckformen entsprechende seelisch-geistige Bewegungen nachzuvollziehen, basiert jedes Training auf der Wiederholung von Beispielen. Aus der zunächst bloß äußerlichen Nachahmung als dem Versuch einem Beispiel zu entsprechen, wird durch dauerhaftes Training eine Einfühlung in den Beispielgeber möglich. Das nennt man Empathie mit einem Gegenüber, indem man parallel zu ihm agiert; bei der Sympathie handelt es sich nur um eine Vorstufe der Herausbildung von Empathie. Training fördert also auf allen Stufen des Körperlichen wie Seelischen, des Sportlichen wie Sozialen, des Kognitiven wie Imaginativen die Identifizierung mit dem anderen. Bis heute ist nicht geklärt, wie das. Verhältnis von Einfühlung in den Täter zur Einfühlung ins Opfer reguliert wird. Am wahrscheinlichsten ist die Regulierung über das limbische Regulativ, das jeder Mensch durch Abwendung von einer Reizquelle durch auftretenden Ekel kennt. Nach einer gewissen Zeit lustvollen Konsums von Schokolade, wandelt sich der Genuss in Ekel und lässt von der Reizquelle Schokolade ab. Jeder weiß auch, dass Hemm- und Ekelschwellen durch Gewöhnung verschoben werden können. Die Lustempfindung ist das Resultat von Hirnchemie.

Sportler und andere kulturelle Leistungsträger haben frühzeitig entdeckt, dass diese Lustchemie nicht nur durch Schokolade, Nikotin, Pornographie und Speiseeis angeregt werden kann. Heute ist erwiesen, dass das Gehirn Lust erzeugende Stoffe wie Opiate selber herstellt, sobald dem Körper weitere große Anstrengungen nur abzuverlangen sind, wenn die dabei entstehenden Schmerzen lustvoll aufgehoben werden. Deshalb können wir schon als mäßige Jogger es bei einiger Herausforderung an unseren Körper zum süchtig machenden Genuss solcher Anstrengungslust bringen und nicht nur die Leistungssportler wissen, dass vielen Zeitgenossen Anstrengungslust mehr bedeutet als die herkömmliche sexuelle. Der Orgasmus als Lustprämie ist durch den Augiasmus übertroffen worden, zumal es höhere Anerkennung für „Lust durch Arbeitsanstrengung“ als durch "sexuelle Anstrengung“ gibt. Gegenwärtig versucht man die alten bürgerlichen Befriedigungsquellen der Lust durch Pflichterfüllung und der Liebe als Arbeitsleistung wieder zu entdecken. Dafür sind Sportler am besten geeignet. Sie lassen sich weniger häufig scheiden, sind zeugungsfähiger und brutpfleglicher, gehen rücksichtsvoller mit ihren Partnern um und engagieren sich in Nachbarschaften wie in republikanischen Belangen. Durch Rückkoppelung solcher Fähigkeiten auf das Selbstbewusstsein erreichen Sportler eine geradezu beispielhafte Selbstwertschätzung, in der durchaus auch christlichen Einsicht, man habe seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Der Kern heutiger Krisen der sozialen Integration besteht doch wohl in fehlenden Möglichkeiten der Selbstwürdigung. Die Erfahrung des sportlich erzeugten Augiasmus könnten diese Wohlstandsverwahrlosten oder Ausgestoßenen zur Wahrnehmung des Selbstwerts befähigen. Insofern sind immer noch die Auffassungen richtig, dass sportliche Anstrengung zur lustvollen Steigerung des Selbstwertgefühls und damit zur Erhöhung der gesundheitlichen und sozialen Fitness führt.