Das Geheimnis des Geschmacks

Aspekte der Ess- und Lebenskunst

Das Geheimnis des Geschmacks | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Essays dieses typografisch anspruchsvoll gestalteten Bandes gehen der Bedeutung des Geschmaks vom Mittelalter bis zur Gegenwart nach. In den Texten geht es aber auch um die sinnliche Grundaustattung des Homo sapines, um das Essen als erlaubte Lust, um das Verhältnis von Gesundheit und Genuss, die unterschiedlichen Essgewohnheiten der beiden Geschlechter, um Geschmackserziehung und Geschmackskultur, um guten und schlechten Geschmack in der ästhetischen Praxis.

Das Spektrum der Autorinnen und Autoren reicht vom Äshtetik-Professor über Kulturhistoriker, Volkskundler, Psychologen, Soziologen, Kunstkritiker, Literaturwissenschaftler bis zum kulinarischen Journalisten.

Hunger: Appetit und Nahrungssuche

Es ist hilfreich, sich für die Überlegungen zu unserem Thema "Geschmack" eine grobe Übersicht über die verschiedenen Steuerungsfunktionen unseres Gehirns zu machen. Das Herausbilden der Lebensfunktionen, Steuerung, Körpertemperatur, Atmung, Zellen, Stoffwechsel usw. geschieht auf der Ebene des Stammhirns. Im Zwischenhirn wird über ein Regulativ - das limbische Zentrum - gesteuert, ob ich lustvoll mit der Zuführung von Stoffen aus der Außenwelt im Sinne der Bekömmlichkeit fortfahre oder aber damit aufhöre, weil mich, z.B. wegen der eben noch lustvoll genossenen Stoffe, jetzt Ekel oder Abneigung überfallen. Signale des Zwischenhirns bewirken, dass nach einer bestimmten Zeit die lustvolle Aneignung in Abneigung umschlägt. In harmlosen Fällen nehme ich ein Sättigungsgefühl wahr, und das veranlasst mich dazu, nicht weiter mit der Zufuhr dieser Stoffe fortzufahren. Im Zwischenhirn wird also der Geschmack kontrolliert im Hinblick auf die Fähigkeit, das, was einem lustvoll und bekömmlich erscheint, tatsächlich auch zu erreichen. Jeder kennt das Appetenzverhalten, womit die Wahrnehmung eines noch nicht sehr klar bestimmbaren Bedürfnisses gemeint ist. Man geht unruhig hin und her, das kennt man im Zusammenhang mit dem berühmten Kühlschrankphänomen. Man weiß noch nicht so richtig, was man will, man sieht sich um, man schnüffelt, man prüft - und dann schließlich der Griff. Das Appetenzverhalten ist dieses zunächst noch unbestimmte Suchverhalten. Beim prüfenden Suchen stößt man auf den optischen Appell eines gestalteten Verpackungsmusters, z.B. von der Firma Ritter Sport. Daraus kann sich das Gefühl ergeben, das, was einem schmeckt, gefunden zu haben. Nachdem ich das Schokolade-Essen ein paar Minuten genossen habe, stellt mich das limbische System vor ein Problem, indem es signalisiert: "Jetzt hast du genug! Es geht jetzt nicht mehr." Vielleicht kann man fünf, sechs, sieben, vielleicht bis zu zehn solcher Täfelchen essen, aber irgendwann, bei der elften oder zwölften, fängt man garantiert an, sich zu übergeben, und lässt es bleiben. Vielleicht wird mein Suchverhalten durch die Erinnerung an dieses Ekelgefühl in der Zukunft mitgesteuert. Dann wird man dieses Erlebnis nur noch selten oder für eine längere Zeit gar nicht mehr haben.