Das Geheimnis des Geschmacks

Aspekte der Ess- und Lebenskunst

Das Geheimnis des Geschmacks | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Essays dieses typografisch anspruchsvoll gestalteten Bandes gehen der Bedeutung des Geschmaks vom Mittelalter bis zur Gegenwart nach. In den Texten geht es aber auch um die sinnliche Grundaustattung des Homo sapines, um das Essen als erlaubte Lust, um das Verhältnis von Gesundheit und Genuss, die unterschiedlichen Essgewohnheiten der beiden Geschlechter, um Geschmackserziehung und Geschmackskultur, um guten und schlechten Geschmack in der ästhetischen Praxis.

Das Spektrum der Autorinnen und Autoren reicht vom Äshtetik-Professor über Kulturhistoriker, Volkskundler, Psychologen, Soziologen, Kunstkritiker, Literaturwissenschaftler bis zum kulinarischen Journalisten.

Das Großhirn generalisiert die Erfahrung einer großen Bereichsvielfalt von Unterscheidungskriterien

Das Großhirn mit seiner Fähigkeit zum Denken sagt: "Aha, das ist etwas Generelles." Es weiß, dass - seit unserer frühesten Orientierung auf der Welt als Säugling - für uns alle die Erfahrung der Einverleibung durch Essen primär ist. Das Kleinkind führt alles über die Hand an den Mund und will es sich im Begreifen aneignen, so dass die Geschmacksfrage unmittelbar an die Fähigkeit gebunden wird, sich überhaupt an die Welt zu binden, mit einem Set von angeborenen Auslöse-Reizen, zu denen u. a. die Milch der Mutter gehört, oder auch das Körperschema der Menschen, die sich über das Kind beugen. Sie kennen das: Das Kind stellt auch umgekehrt für uns selbst einen Auslösereiz-Mechanismus dar. So löst das Kindchenschema - große Augen, großer Schädel usw. - bei Erwachsenen Interesse, den Wunsch zur Pflege, Zuwendung und Freundlichkeit aus. Dieses Unterscheidenlernen entwickelt sich dann weiter bis hin zu dem herausgebildeten reflexiven Bewusstsein: "Jetzt weiß ich, welche Kriterien des Unterscheidens da oder dort gelten. Ich bin also fähig, zwischen den verschiedenen Geschmäckern zu unterscheiden. Ich muss nicht die Kriteriensätze aller Geschmäcker beherrschen. Es genügt zu wissen, dass es sie gibt, während ich selbst vielleicht nur einen davon vorziehe, den ich in besonderem Maße wertschätze."
Darauf, auf dieses Reflexive des "homo sapiens sapiens", verweist nun derjenige, der weiß, nach welchen Kriterien er unterscheidet. Die berühmte kantische Aussage über den Geschmack lautet: "Alles ist Geschmacksache." Das ist völlig richtig, vorausgesetzt, man hat einen. Wenn man aber einen hat, hat man auch gleich alle, denn alle Geschmäcker bestehen ja aus nichts anderem als in der jeweiligen Orientierung auf einen Satz von Kriterien, nach denen man unterscheidet.
Zur Verdeutlichung ein weiteres Beispiel: Nehmen wir an, ich habe gerade auf dem Markt einen Blumenstrauß gekauft. Für jemanden, der gärtnerisch oder mit der Leidenschaft eines Floristen mit diesen Dingen umgeht, ist das natürlich auf eine ganz andere Weise unterscheidbar, was hier unter dem Begriff "Blumen" versammelt wird, als für mich. Wenn ich dann versuche, wie weit mein Unterscheidungsvermögen wirklich reicht, dann finde ich in diesem Strauß vielleicht Iris, Margeriten, Rosen und etwas Asternähnliches. Ich komme damit vielleicht bis zur Zahl zehn. Jetzt erkenne ich eine Nelke, hier noch weißen Flieder, jetzt komme ich bis zur 20. Nun doch noch einige weitere, das Farnkraut, ich erreiche die Zahl 24, das ist schon alles. Ich bin unfähig, darauf geschmacklich zu reagieren, weil ich die Hinwendung auf die Differenz zwischen diesen Gestalten, die alle Blumen sind, nicht ausbilden kann. Ich weiß nicht, worauf es ankommt. Zwar sehe ich die Unterschiede, aber was sie eigentlich bedeuten, ist mir nicht klar, und weil ich die vielen Differenzen, die das Linnésche System im 18. Jahrhundert herausgebildet hat, nicht kenne. Es kommt darauf an: Wie steht das Blatt am Stengel? Hat diese Pflanze eine Kreuzblüte, oder etwas ähnliches? Daran erinnere ich mich noch aus dem Biologieunterricht. Dies alles und vieles mehr ist dem Pflanzenkenner als Unterscheidungswissen bekannt. Aber für meine Profession war das nie wichtig, Folglich gilt: Ich bin also im Hinblick auf Blumen, obwohl ich Blumen liebe, völlig geschmacklos. In anderen Worten: Ich habe, was Blumen angeht, einen schlechten Geschmack. Ich kenne die Kriterien der Abgrenzbarkeit und der Unterscheidung nicht.