Das Geheimnis des Geschmacks

Aspekte der Ess- und Lebenskunst

Das Geheimnis des Geschmacks | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Essays dieses typografisch anspruchsvoll gestalteten Bandes gehen der Bedeutung des Geschmaks vom Mittelalter bis zur Gegenwart nach. In den Texten geht es aber auch um die sinnliche Grundaustattung des Homo sapines, um das Essen als erlaubte Lust, um das Verhältnis von Gesundheit und Genuss, die unterschiedlichen Essgewohnheiten der beiden Geschlechter, um Geschmackserziehung und Geschmackskultur, um guten und schlechten Geschmack in der ästhetischen Praxis.

Das Spektrum der Autorinnen und Autoren reicht vom Äshtetik-Professor über Kulturhistoriker, Volkskundler, Psychologen, Soziologen, Kunstkritiker, Literaturwissenschaftler bis zum kulinarischen Journalisten.

Mondrian auf der Shampoo-Tube – schlechter Geschmack?

Es gibt eine ganze Reihe kitschiger Objekte, die herkömmlich für schlechten Geschmack gehalten werden. Ich möchte zeigen, dass das alte Kriterium "schlechter Geschmack" gleich sozial niedrige Arten der Bindung an ein einziges singuläres Unterscheidungskriterium, meinetwegen "billig" versus "nicht billig", oder "brauchbar" versus "nicht brauchbar" etc. so nicht haltbar ist. Wir haben es heute auf der Ebene der Anpreisung damit zu tun, dass geheiligte Inkunabeln der Moderne wie Mondrians Operation mit der Flächigkeit, mit der Zweidimensionalität von Bildwertigkeiten, im Sinne eines logos der Modernität angewandt werden - so z.B. bei den Haarpflegemitteln der "Studio Line" von L' Oreal, deren Hülle, geschmückt mit Werbesignalen im Stile Mondrians, eine gewisse Auslöse-Reizqualität hat. Das wurde im Hinblick auf die alte Unterscheidung als kitschig betrachtet, als ein typisches Objekt des Kitsches. Warum? Die alte Definition des Kitsches hieß: Jemand, der eine solche Vorgabe macht, glaubt daran, dass die physikalisch-materielle Substanz dieses Mittels die Wirkung hat, die er ihm zuschreibt. Also, wenn ich das benutze und es in meine Haare reibe, bin ich modern. Nun weiß natürlich heute jedes Kleinkind, dass dieses Mittel mir dieses Modernitätsaussehen nicht vermitteln kann. Das heißt also, diejenigen, die so denken, kennen keinen Mondrian und werden niemals eine solche Tube nur deswegen kaufen, weil sie Mondrian schätzen. Diejenigen aber, die Mondrian kennen, schätzen diese Tube und ihre Bemalung im Hinblick auf die Tatsache, dass zwischen der Oberfläche und der Erscheinung, dem Sprachsystem und dem Chemismus, den materiell-physischen Trägersubstanzen, überhaupt keinerlei Beziehung mehr besteht, außer einer einzigen, die sich in dem Begriff "clean / sauber" darstellt. Und da kommt man dann plötzlich als Kenner von Unterscheidungskriterien zu einem wunderbaren Schluss. Für die Modernität wurde "Gesundheit", die Forderung nach "Hygiene", "Klarheit", "Einfachheit", "Übersichtlichkeit" zum logo. Die Kriterien "Reinheit" und "Übersichtlichkeit" werden von Reduktionismus getragen, Reduktion auf wenige Elemente, schwarze Linien, gelbe und blaue und rote Flächen.
Reduktionismus hat sich zu einem Zeichen der Moderne entwickelt. Und das ist in der Tat, wenn man es täglich zum Shampoonieren anwendet, ein ständiger Appell, den gesetzten, meinetwegen schon wieder normativ gewordenen Ansprüchen der Moderne zu entsprechen. Hygiene, logischer Reduktionismus und madonnenhafte Reinheit, das heißt also: das, was die "Nouvelle cuisine" macht, "Einwertigkeit der Substanzen beim Essen" beispielsweise, zusammenzubringen und sich bei der Nutzung darauf zu kaprizieren. Um das jetzt gleich auf einen Höhepunkt, nämlich auf die Frage nach der Hierarchie der Geschmackskriterien zu bringen: Selbst so ein banales Alltagsprodukt, allerdings von raffinierten Kennern gestaltet, verweist schon auf die Hierarchie, das heißt auf die höhergradige Bedeutung, auf die reflexive Bedeutung von Wissen um Unterscheidungskriterien. Wer das richtig nutzt, muss Mondrian kennen, also muss er schon ein Unterscheidungskriterium der bildenden Kunst der Moderne und auch die Hygiene als Ausdruck der Moderne kennen. Die Hierarchie der Geschmackskriterien entsteht, wenn aus einem Anlass möglichst viele grundlegende, eine Epoche definierende Kriterien der Unterscheidung zur Geltung kommen.