Das Geheimnis des Geschmacks

Aspekte der Ess- und Lebenskunst

Das Geheimnis des Geschmacks | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Essays dieses typografisch anspruchsvoll gestalteten Bandes gehen der Bedeutung des Geschmaks vom Mittelalter bis zur Gegenwart nach. In den Texten geht es aber auch um die sinnliche Grundaustattung des Homo sapines, um das Essen als erlaubte Lust, um das Verhältnis von Gesundheit und Genuss, die unterschiedlichen Essgewohnheiten der beiden Geschlechter, um Geschmackserziehung und Geschmackskultur, um guten und schlechten Geschmack in der ästhetischen Praxis.

Das Spektrum der Autorinnen und Autoren reicht vom Äshtetik-Professor über Kulturhistoriker, Volkskundler, Psychologen, Soziologen, Kunstkritiker, Literaturwissenschaftler bis zum kulinarischen Journalisten.

Wie komme ich zur Kenntnis von Unterscheidungskriterien, die gesellschaftlich verbindlich sind?

Chancen und Risiken individualistischer Abweichungen

Die Inhalte wichtiger Kriterienbereiche des Unterscheidens steuern unsere Wahrnehmungen und unser Verhalten. Sie sind kulturspezifisch unterschiedlich. Man lernt sie als Kind und erfährt dabei, dass sie verbindlich sind, denn die Kulturgemeinschaft kann nicht täglich einen Gesellschaftsvertrag darüber abschließen, welche Kriterien weiterhin gelten, welche außer Kraft gesetzt werden sollen. Die Art des Unterscheidens, des kulturellen Entwickelns von Unterscheidungskriterien, ist nicht nur auf die Aufnahme der Welt ins eigene Innere gerichtet. Ich brauche mein schmeckendes Unterscheidenkönnen nicht nur im Hinblick auf z.B. stoffliche Materialien zur Befriedigung von Lebensbedürfnissen, sondern auch dazu, mich auf andere Menschen orientieren zu können. Von ihnen muss ich aus ihrer Sprache, aus Verhalten und Tätigkeiten erfahren, von welchen Unterscheidungskriterien sie sich selbst steuern lassen und wie sie die Kriterien anderer beurteilen. Ganz besonders wichtig für mich ist dabei, das wahrzunehmen, was andere von meinen Kriterien des Bedeutendmachens halten. Ihre Urteile über meine Kriterien muss ich durch ein Echo aus meiner gesellschaftlichen Umgebung wahrnehmen. Ich muss also meine Augen und Ohren aufsperren, um dieses Echo präzise aufzufangen. Alle meine Tätigkeiten, sofern sie von anderen wahrgenommen werden können, dienen mir als Aussendung eines Zeichens, eines Wahrnehmungsappells an die Gesellschaft. Damit verbinde ich die Hoffnung, dass aus ihr ein Echo auf mich zurückkommt. Die Gesellschaft ist sozusagen der Echoraum des Individuums. Die Art und Weise, wie es selbst die Welt bedeutend macht, hat ja möglicherweise für andere gar keine Bedeutung. Ein solcher Mensch läuft Gefahr, sich in der Einsamkeit des Irreseins zu verlieren. Irre ist jemand im Sinne der allgemeinen Definition, wenn er Kriterien des Bedeutendmachens hat, die alle anderen nicht akzeptieren. Er selbst kann, z.B. als Schizophrener, hoch raffiniert, phantastisch, mit unglaublicher Differenziertheit Dinge unterscheiden, sogar besser noch als der Durchschnittsmensch, aber wenn andere diese Kriterien der Unterscheidung nicht benutzen, ist er isoliert und wird dann notwendig zu dem, was man herkömmlich als einen dysfunktionalen und psychiatrisch auffälligen Menschen bezeichnet. Ich wende Kriterien der Unterscheidung an, das heißt, ich erhalte mein eigenes Leben. Durch diese Kriterien weiß ich, was mir zuträglich ist und was nicht. Hätte ich sie nicht, würde ich ja sterben. Das heißt, ich setze alles unter die Vorherrschaft eines Kriteriums "bekömmlich / unbekömmlich", "lebensförderlich / nicht lebensförderlich". Damit bin ich dem höheren Ziel der Erhaltung der eigenen Existenz verpflichtet, und das ist grundlegend für den Menschen. Ohne die Annahme, dass wir auf die Erhaltung unseres Lebens angewiesen sind, würde nichts, nicht einmal der Straßenverkehr, funktionieren. Wenn Sie damit rechnen müssten, dass die anderen Verkehrsteilnehmer in ihren Autos nicht gelenkt würden durch den absoluten Trieb, ihr Leben zu erhalten, würden Sie sich nicht auf die Straße wagen. Ich bin in der Lage, diese nützlichen Kriterien - für mich allein haben sie sich ja schon als lebenssteigernd erwiesen - an die Gesellschaft weiterzugeben, weiter in den Raum der Gesellschaft zu spiegeln. Dabei ist sehr wichtig für mich, dazu ein Echo zurückzubekommen: Wie beurteilt Ihr meine Art, Dinge zu unterscheiden, findet Ihr das auch absurd, findet Ihr das auch merkwürdig, fremd, "strange" im Sinne von "irre"? "Das ist ja irre", das hört man heute als jeden dritten Ausruf. Damit ist gemeint: Der hat ein individualistisches, nur auf ihn selbst bezogenes System der Unterscheidungen in Gebrauch. Das finden wir vielleicht ungeheuer interessant, weil diese bestimmte Person es benutzt und dann nennen wir den Mann "Künstler" - das ist die Definition für das, was die Kunst im Westen seit 600 Jahren geleistet hat. Oder vielleicht akzeptieren wir es eben gerade deswegen nicht, weil es nur einem Individuum zukommt. Wir sagen, wir akzeptieren nur diejenigen Kriterien der Unterscheidung, hinter denen eine positive gesellschaftliche Anerkennung steht, beispielsweise eine Approbation, Promotion, Delegation, oder eine Wahl, eine Einschaltquote, eine Absatz-Verkaufsquote steckt. Das heißt, dahinter steckt eine Reaktion unserer Gesellschaft: "Ja, ja, ja! Diese Bestätigung geben wir, das System der Unterscheidung, der Bedeutung ist verbindlich." Wenn die Kunst sagt: "Hier steht einer, der wendet ein Kriterium der Unterscheidung an zwischen fünf verschiedenen Weiß, eine weiße Wand in einer Galerie, darauf ein Bild mit einem weißen Passepartout, das eine weiße Fläche, nämlich das Trägermedium Bild, trägt, auf der weiße Farbe aufgebracht ist, gemalt von einem Herrn Robert Ryman. Da drunter steht: ‚Ryman, 47.000 EURO‘. Das ist der Wertmaßstab für das Kriterium der Unterscheidung dieses Künstlers im monochromen, also einfarbigen Bild, Unterscheidungen anzubringen. Die höchste Raffinesse!" Wo wir alle sagen würden: "Das ist ja Blödsinn!" Und das sagen wir zu Recht, wenn wir keine Kriterien der Unterscheidung kennen. Aber der Mann kann fünf verschiedene Weißtöne aufeinander bezogen sinnvoll unterscheiden. Ryman kann also noch das Ununterscheidbarste unterschieden machen, und das hat die Kunst entdeckt. Individuen produzieren "individuelle Mythologien", das ist Harry Szeemanns neueste Formulierung zu den Kunstprozessen von vor 30 Jahren. Das sind auf das Individuum, auf den Künstler bezogene Systeme des Unterscheidens. Die führen die Künstler vor, und haben für die Gesellschaft einen großen, innovativen, kreativen Sinn. Sie erschließen Potentiale, die verloren gehen würden, Potentiale des Unterscheidens, also der Weltbedeutung. Es wird also experimentell eine Unzahl von Möglichkeiten des Unterscheidens, also des Geschmackhabens vorgeführt, die je nach Bedarf dann auch genutzt werden können und aus diesem Bereich der Kunst in die Anwendung überführt werden.
Also wird - wie oben gezeigt - z.B. ein Mondrian bei L' Oreal angewendet auf eine solche banale Produktionslinie des Alltags. Das hat für diejenigen, die die Unterscheidungskriterien nicht kennen, keine Bedeutung. Allen anderen aber werden die drei Kriterien der Modernität von Reinheit, Klarheit, Übersichtlichkeit in Erinnerung gebracht. Die Künstler haben damit aber eben auch die entscheidende Frage gestellt: Wie kommt es zur Anerkennung von Systemen des Unterscheidens, also geschmacklicher Herausbildung von Unterschieden in der Welt? Wann entsteht Anerkennung als normative Geltung, das heißt, als Verbindlichkeit? An Akademien etwa wird nur, sozusagen schulmäßig, bilderbuchartig gelehrt: Wann hat man das gemacht? Wer hat das gemacht? Mit welcher Absicht? Aber es geht um mehr, nämlich um Fragen wie diese: Wie kommt es, dass in der neuesten Epoche der westlichen Welt, der unmittelbaren Moderne im 20. Jahrhundert solche Systeme nicht mehr galten, aber immer wieder in Geltung gebracht werden sollten?