Das Geheimnis des Geschmacks

Aspekte der Ess- und Lebenskunst

Das Geheimnis des Geschmacks | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Essays dieses typografisch anspruchsvoll gestalteten Bandes gehen der Bedeutung des Geschmaks vom Mittelalter bis zur Gegenwart nach. In den Texten geht es aber auch um die sinnliche Grundaustattung des Homo sapines, um das Essen als erlaubte Lust, um das Verhältnis von Gesundheit und Genuss, die unterschiedlichen Essgewohnheiten der beiden Geschlechter, um Geschmackserziehung und Geschmackskultur, um guten und schlechten Geschmack in der ästhetischen Praxis.

Das Spektrum der Autorinnen und Autoren reicht vom Äshtetik-Professor über Kulturhistoriker, Volkskundler, Psychologen, Soziologen, Kunstkritiker, Literaturwissenschaftler bis zum kulinarischen Journalisten.

Mögliche Träger ästhetischer Kompetenz

An dieser Stelle komme ich auf einen früheren Gedanken zurück. Wichtig sollte uns sein, dass wir uns im Gestaltungsbereich, im Kunstbereich, im Alltag der Ausrüstung und Gestaltung unserer Häuser etc. nicht mehr nur nach sozialer Klassenunterscheidung richten. Dieses Kriterium mag auch heute in vielen Bereichen immer noch leistungsfähig sein. Aber man muss immer damit rechnen, dass man sich heute wahnsinnig irren kann. Sie riskieren, richtig große Fehler zu machen, wenn Sie heute noch Ihre Geschmackskriterien orientieren nach "hochrangig / niederrangig" im Sinne des gesellschaftlichen Oben und Unten; da kommen Sie als Unternehmer nicht weiter, da kommen Sie auch als Lehrer nicht weit. Man lässt es besser ganz. Also richten Sie sich nicht mehr nach den herkömmlichen Kriterien, wenn Sie herausfinden wollen, wie in der heutigen Situation Fragen der größten Bedeutsamkeit ausgedrückt werden. Welche Produkte haben die Fähigkeit, uns mit einem Appell, mit einem Schlag, etwa an Distinktionskriterien der allergrößten Bedeutung zu erinnern? Das können durchaus Gegenstände selbst aus der untersten Ebene der alltäglichen Lebensabläufe sein, mit denen wir ständig in der Sphäre der Unausgesprochenheit umgehen. Die wenigen konventionellen Dinge, die wir sozusagen mitnehmen, rein verinnerlicht vorführen und an die wir dabei gar nicht mehr bewusst denken. Es gibt z.B. eine Creme aus dem zweitausendjährigen "holy land", also Israel, mit der Aufschrift: "Time Control Creme". Oder ein weiteres Beispiel: Unter dem Begriff "Sea of Life" wird Dreck aus dem Toten Meer verkauft, der alte Name hieß "Totes Meer". Jetzt heißt es "Meer des Lebens". Brauche ich mehr als diese zwei Formulierungen, um sofort auf die gesamte Problematik von Ewigkeit und Auferstehung bezogen zu werden? Für den Naturwissenschaftler ist das Tote Meer ein totes Meer, und zwar deswegen, weil es dort kein Leben gibt. Für den theologisch Geprägten ist es aber das Versprechen auf die paradiesische Ewigkeit, denn der Tod ist ja für uns die Pforte ins ewige Leben. Das heißt, wir werden ja zu "dead material", also wir sterben ab als Bedingung der Verlebendigung in einem höheren Sinne. Und wenn man diese Modder-Creme anwendet, dann hat man diese wunderbare - auch von Protestanten ist das erschlossen - Erfahrung, die Luther "die Erfahrung des Madensacks unseres Körpers" nennt, mit seinen Unterscheidungskriterien von "straff und schlaff", "dick und dünn" usw., "mager" vor allen Dingen. Beschmiert man sich mit diesem Modder, dann sieht man wirklich aus wie der lutherische Madensack. Auf diese Weise wird einem dann eine Verjüngungskur in Form des Übergangs ins ewige Leben ermöglicht. Bei der täglichen Anwendung haben Sie die Erfahrung, dass Sie wirklich jenseits des Todes in der Schönheit der Ewigkeit auferstehen. Wenn einem das der Pfarrer in der Kirche heute sagt, entgegnet man: "0h Gott, diese stinklangweilige Theologie! Die haben auch nichts besseres zu sagen, die leiern ihre Begriffe herunter, das ist ja furchtbar!" Aber wenn man es auf der Ebene der Pfennig-Artikel macht, dann ist jeder sofort interessiert. Die Theologie ist nämlich in das Alltagsleben abgerutscht, ebenso die Kunst. Sie beweist ihre unglaubliche Leistungsfähigkeit des Bedeutendmachens und des Unterscheidens, weil sie auf der banalen Ebene des Alltagslebens angekommen ist und nicht irgendwo akademisch verkapselt auf dem Dachboden für arme Poeten, sondern tatsächlich auf der Ebene des Lebens operiert. So umgibt Sie die ganze europäische Identitätsgeschichte auf der theologischen, wissenschaftlichen Ebene.