Das Geheimnis des Geschmacks

Aspekte der Ess- und Lebenskunst

Das Geheimnis des Geschmacks | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Essays dieses typografisch anspruchsvoll gestalteten Bandes gehen der Bedeutung des Geschmaks vom Mittelalter bis zur Gegenwart nach. In den Texten geht es aber auch um die sinnliche Grundaustattung des Homo sapines, um das Essen als erlaubte Lust, um das Verhältnis von Gesundheit und Genuss, die unterschiedlichen Essgewohnheiten der beiden Geschlechter, um Geschmackserziehung und Geschmackskultur, um guten und schlechten Geschmack in der ästhetischen Praxis.

Das Spektrum der Autorinnen und Autoren reicht vom Äshtetik-Professor über Kulturhistoriker, Volkskundler, Psychologen, Soziologen, Kunstkritiker, Literaturwissenschaftler bis zum kulinarischen Journalisten.

Zusammenfassung und Schluss

Das ist der kleine Durchgang durch das Thema "Geschmack" im Hinblick auf die Leistung, die diese Geschmacksforderung und die Kriterien der Ausbildung des Geschmacks heute zu bieten vermögen. Es geht um eine generelle Umorientierung auf die Kriterien des Unterscheidens. Mehr oder weniger müssen wir uns gegenwärtig auf ganz neue Systeme des Unterscheidens einlassen, die etwa mit neuen Medien entstanden sind. Zum Teil werden wir alte reaktivieren wollen. Wir haben alle die Sehnsucht nach der Verbindlichkeit und Beständigkeit von Kriterien des Bedeutendmachens durch Unterscheiden, wie sie die alten Kulturen oder unsere Vorfahren oder die Theologie oder was auch immer entwickelt haben. Aber wenn wir uns dann zurückbeugen und das dann wieder als sichernd in die Gegenwart überführen wollen, dann gelingt uns das nur in dem Maße, wie wir es mit dem anthropologischen Blick auf Grund der Fremdheitserfahrung für unsere eigene Zukunft mit neuen Augen tun. >>>Wir müssen uns trainieren, das Alte mit neuen Augen zu sehen, also die ganze Tradition wie auch die anderen Kulturen. Es ist notwendig zu lernen, die Fremdheit der anderen Welten als Ressource für unsere Zukunftserfahrungen einzuführen, um durch diese andere Sicht auf die selbstverständlich gewordenen Dinge unsere Lebensweisen problematisieren zu können. Schlussendlich ist alles, was es in der Welt gibt, das Gleiche unter dem großen Gesichtspunkt der Gesetzmäßigkeit, der physikalischen Prozesse, der Biochemien usw. Der Gestaltenwandel ist eben ein ewiger Wandel der Fähigkeit des Lebendigen, nach anderen Kriterien - und seiner Äußerungen in anderen Kriterien - zu unterscheiden und deshalb für bedeutsam zu halten. Die Hierarchie dieser Unterscheidungskriterien, also eine Steigerung der geschmacklichen Leistungsfähigkeit, besteht nicht darin, einen Geschmack der Oberschichten, der Aristokratie, der Pfarrer, irgendwelcher Dynastien oder was auch immer durchzusetzen, sondern darin, mit möglichst vielen Systemen des Unterscheidens im Alltag selbst zu operieren, Wir sollten lernen, jeden Tag theologische Sehnsüchte und Spekulationen am Kopfwaschmittel zu entwickeln, anstatt darauf zu vertrauen, dass der Pfarrer sie uns am Sonntag im Gottesdienst befriedigen wird. Sitzt man dann in der Kirche, so sagt man: "Ich gähne, das ist langweilig, das hat gar keinen Sinn, Heil und Ewigkeit hier durchzuexerzieren." In den Erfahrungen des Alltags Geschmack zu haben, heißt, die Welt reich zu empfinden. Das ist heute viel leichter als je zuvor. Wir haben mehr Museen, die die historischen Bestände der Kulturen und damit ihre Kriterien des Unterscheidens präsent halten, als jemals die Menschheit vor uns. Die Museen halten diese Kriterien des Unterscheidens präsent, selbst wenn die Gesellschaften, die mit ihnen arbeiten, längst ausgeschieden sind. Es ist viel leichter für uns heute als für jede andere Gesellschaft, jeden Quadratzentimeter dieser Welt als bedeutend, sinnhaft, unterscheidbar zu empfinden, für interessant zu halten, weil eben unterschieden. Wir können an jeder Ecke mit unserer natürlichen Mitteln mindestens einige Dutzend Angebote der Gesellschaft auf solche Kriterien des Unterscheidens wahrnehmen. Wir müssen sie nur anwenden, dann ergibt sich der Nutzen einer solchen guten geschmacklichen Orientierung, indem wir uns auf die bedeutende Welt durch die Fähigkeit zu unterscheiden einlassen.

Das könnte eigentlich die frohe Botschaft oder das Evangelium, vielleicht sagen wir besser, das Evangelium dieses Textes sein: Hurra, wir wissen gar nicht, wohin mit den vielen Bedeutungen, so dass wir uns schleunigst mit der Löschung von Bedeutung beschäftigen sollten, weil die Welt schon viel zu bedeutend für uns geworden ist. Dann treten wir der großen Selbstvernichtungsindustrie bei, das gehört nämlich dazu. Neben dieser unglaublichen Fähigkeit zu unterscheiden - im Hinblick auf das eben Geschilderte - gibt es eine Industrie, die sich mit dem Löschen der eingeschliffenen Kriterien des Unterscheidens beschäftigt, die Destruktionsindustrie. Krieg nennt man die. Das ist ein unglaublich wirksamer kultureller Motor, weil er unglaublich rasant Kriterien der Unterscheidung auf der Ebene der Architektur, der Möbel, der Herkunft etc. löscht und uns damit zu neuen Unterscheidungsnotwendigkeiten zwingt. Also gut, Essen und Krieg, - zeitgemäße Formulierungen der Situation.